# taz.de -- Aussteiger aus rechtsextremer Szene: „Damals habe ich gedacht, wir müssen zusammenhalten“
> Erst gemeinsam Abhängen, dann Hitlergrüße: Timo Groenke fand in der
> rechtsextremen Jugendszene eine Gemeinschaft. Heute findet er sie
> furchtbar.
(IMG) Bild: Timo Groenke, Aussteiger aus der rechtsextremen Szene
taz: Herr Groenke, Sie sind im Sommer 2024 als damals 17-Jähriger in die
[1][rechtsextreme Szene mit ihren neu gegründeten Jugendgruppen] gerutscht.
Wie kam es dazu?
Timo Groenke: Ich muss ein bisschen vorher anfangen: In der Oberschule bin
ich von Schülern mit Migrationshintergrund gemobbt worden. Und weil die AfD
genau solche Probleme angesprochen hat, von den „bösen Ausländern“, die
alle abgeschoben werden sollen, habe ich eine rechte Meinung entwickelt.
taz: Ein Neonazi ist man dann aber noch nicht gleich.
Groenke: Nein, das kam über einen Freund, den ich vom gemeinsamen
Fußballschauen kenne. Eines Tages war ich mit ihm unterwegs und dann hat er
gesagt: „Komm, wir treffen noch ein paar Freunde“. Und dann standen auf
einmal mehrere Typen vor uns und einer von ihnen war Julian Milz …
taz: … der damalige Anführer der kurz zuvor gegründeten rechtsextremen
Jugendgruppe [2][Deutsche Jugend Voran (DJV)]. Und den kannten Sie?
Groenke: Ja. Ich kannte die Videos von der [3][Gegendemo gegen den
CSD-Bautzen] ein paar Wochen zuvor und war daher auch schon auf dem
Instagram-Kanal der Deutschen Jugend Voran, wo sich Milz als Anführer
präsentiert hat.
taz: Was passierte dann?
Groenke: Milz war in Begleitung von Mitgliedern einer weiteren mit der DJV
verbundenen Gruppe – Jung & Stark. Zusammen wollten sie wenige Tage später
nach Leipzig zu einer Demo fahren und haben mich dazu eingeladen. Ich
wusste zunächst noch nicht einmal, worum es geht.
taz: Auch das war eine [4][rechte Gegendemo gegen den CSD], die dann aber
von der Polizei noch im Leipziger Bahnhof eingekesselt wurde und nicht
laufen durfte.
Groenke: Ja, da war eine Menge Trubel, wir haben einen Platzverweis für die
ganze Stadt bekommen. Das war zwar zunächst erst mal ein Scheißgefühl, aber
gleichzeitig wurde ich von den Leuten super aufgenommen. Ich konnte mit
denen gut quatschen, und es haben sich fast schon so etwas wie
Freundschaften gebildet. Schon auf dem Rückweg in der Bahn wurde ich dann
in die interne Whatsapp-Gruppe von Jung & Stark aufgenommen.
taz: Sie hatten keine Hemmung, in eine rechtsextreme Gruppe einzutreten?
Groenke: Damals dachte ich nicht wirklich, dass das Rechtsextremisten sind,
sondern dass sie stolz, patriotisch, konservativ sind – so wie ich. Und da
dachte ich, ja, man kann sich ja treffen, vernetzen.
taz: Und das haben Sie dann getan?
Groenke: In den nächsten zwei Wochen habe ich die anderen von Jung & Stark
fast jeden Tag gesehen, meist draußen, immer so mit sechs, sieben Leuten.
Dabei ist schon über Politik geredet worden, und es ging auch darum,
öffentlich zu zeigen, wie man denkt, aber vor allem waren es
freundschaftliche Treffen: zusammen abhängen, mal ein Bier trinken. Nur
einmal, als zwei von denen in der Öffentlichkeit einen Hitlergruß zeigten,
hätte es eigentlich schon Klick bei mir machen müssen. Hat es aber nicht.
taz: Wie ging es nach den zwei Wochen weiter?
Groenke: Da kam es zum Konflikt zwischen Julian Milz von der DJV und einem
Verantwortlichen von Jung & Stark, der dazu führte, dass sich beide Gruppen
getrennt haben. Ich habe mich damals dazu entscheiden, zur DJV zu gehen.
Die sind professioneller gewesen: Da gab es keinen Whatsapp-Kanal mehr,
sondern eine Signal-Gruppe, und die Struktur war gefestigter, mit
Verantwortlichen, die wussten, was sie machen. Also eigentlich gab es vor
allem Julian Milz: Der hat was gesagt und die anderen sind gesprungen.
taz: Wie sehr hat die Gruppe Ihr Leben geprägt?
Groenke: Vier, fünf Tage die Woche habe ich mit der Gruppe verbracht.
Anfangs waren es nur diese typischen Treffen, gemeinsam abhängen, was
unternehmen. Mit der Zeit wurde es dann mehr: Da sind wir dann gemeinsam
Stickern gegangen, haben Flagge gezeigt auf der Straße, sind immer öfter zu
Demos gefahren, nach Leipzig, Magdeburg oder zum neonazistischen
Gedenkmarsch nach Dresden und haben auch selbst Demonstrationen geplant.
taz: Wie sehr wurden Sie in der Zeit radikalisiert?
Groenke: Ich habe immer mehr diese rechtsextreme Meinung übernommen,
zunächst, um dazuzugehören. Als einmal ein ehemaliges Mitglied gesagt
hatte, es sei nicht gut, zu Hitler zu stehen, wurde er hochkant
rausgeschmissen. Ich habe dann auch angefangen Hitlergrüße zu zeigen und
mir ein „reines“ Deutschland gewünscht. Und während ich anfangs noch wegen
der Aufmerksamkeit zu den Anti-CSD-Demos gegangen bin, habe ich später
queeren Leuten das Menschsein abgesprochen.
taz: Hatte Social Media einen Anteil an der Radikalisierung?
Groenke: Ja, das war entscheidend. AfD-rechts wurde ich über Instagram und
Tiktok, über die Videos von Maximilian Krah, Björn Höcke und Alice Weidel.
Dort habe ich auch von der Demo in Bautzen mitbekommen. Und während meiner
Zeit bei der Gruppe habe ich Social Media aktiv genutzt, also Insta-Storys
hochgeladen. Eigentlich kann man sagen: Ohne Social Media wäre ich
höchstwahrscheinlich niemals da gelandet.
taz: Im Oktober 2024 gab es eine [5][große Razzia in Berlin und Brandenburg
gegen Mitglieder der rechtsextremen Jugendgruppen]. Im Fokus standen Julian
Milz und weitere Mitglieder der DJV, denen zwei gewaltsame Überfälle auf
Personen mit Antifa-Utensilien vorgeworfen wurde. Wie sehr wurden Sie davon
überrascht?
Groenke: Ich habe an einem Vormittag während meines Freiwilligen Sozialen
Jahres davon erfahren, weil mich die Freundin von einem anderen Betroffenen
gefragt hatte, ob ich ihn erreichen kann – konnte ich nicht. Dann habe ich
von der Razzia gelesen und habe als Erstes meine Mutter angerufen, um zu
fragen, ob alles gut ist. Ich wusste ja nicht, worum es geht, ob die
vielleicht schon wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung ermitteln. Von
den Überfällen in der S-Bahn und vor der Kneipe hatte ich nichts
mitbekommen. Erst am Abend hab ich dann bei einem Treffen davon erfahren.
Die waren ganz stolz auf ihre Taten.
taz: Was hat das mit Ihnen und der Gruppe gemacht?
Groenke: Damals habe ich gedacht, wir müssen zusammenhalten. Nachdem ich in
meiner Kindheit nicht wirklich viele Freunde hatte, stand die Freundschaft
in der Situation im Vordergrund. Andere haben aber schon Angst bekommen.
Nach der Razzia hatte sich die Gruppe schnell auf etwa 25 Mitglieder
halbiert. [6][Milz war in U-Haft] und es hat anderthalb Monate gebraucht,
bis wir uns wieder getroffen haben, auch weil die Polizei ja Zugriff auf
unseren Chat hatte.
taz: Gab es für Sie Konsequenzen?
Groenke: Ja, aber erst einige Zeit nach der Razzia. Ich hatte damals mit
einem eigenen Medienportal angefangen, um unsere Inhalte zu verbreiten und
wurde dann geoutet. Es gab auf einer linken Internetseite einen Text, in
dem meine Adresse genannt wurde, und ein paar Tage später hat mich meine
Mutter geweckt und mir gesagt, dass vor unserer Tür Plakate mit meinem Bild
mit allen möglichen Infos über mich hängen. Und dann habe ich alles
verloren: Ich bin bei meiner FSJ-Stelle rausgeflogen, musste meine
Tätigkeit als Fußballschiedsrichter aufgeben und bin dann auch noch von
meiner Mutter rausgeschmissen worden.
taz: Ihre Mutter wusste aber schon vorher, dass Sie in der Szene sind?
Groenke: Ja, und sie fand das nicht toll. Anfangs gab es noch viele
Diskussionen, aber dann hat sie aufgegeben und ist dem Thema so gut es ging
aus dem Weg gegangen.
taz: Was hat das alles mit Ihnen gemacht?
Groenke: Zuerst war das ein großer Schock für mich. Aber ich habe mich in
der Opferrolle gesehen, ohne eigene Fehler einzugestehen. Mein Gefühl war,
ich werde für das bestraft, wofür ich stehe. Schuld waren die anderen. Und
die DJV war das Auffangbecken für mich.
taz: Was haben Sie gemacht, ohne Wohnung, ohne Arbeit?
Groenke: Ich war erst mal arbeitslos und habe bei einem Freund, später bei
meiner Freundin gewohnt. Nach zwei Monaten habe ich einen Job bei
McDonald’s bekommen. Und das war auch der Anfang vom Ausstieg aus der
Ideologie.
taz: Wieso das?
Groenke: Dort hat auch eine trans Person gearbeitet. Ich habe erst mal
Abstand gehalten, aber er hat das Gespräch mit mir gesucht, wusste auch
durch das Outing, wer ich bin. Erst dachte ich noch, ja, laber mal, aber
dann habe ich gecheckt: Wow, der will mich ja gar nicht mit seinem
Queersein bedrängen. Ich hab von ihm gelernt, dass die CSDs nicht dazu
dienen, Teenies aufzuquatschen, homosexuell zu werden, sondern dafür da
sind, dass diese Menschen ihre Rechte kriegen.
taz: Zum Ausstieg aus der Szene hat das aber nicht geführt?
Groenke: Nein, das passierte schon einige Zeit vorher. Vor einer Demo in
Marzahn hat Milz, der wieder auf freiem Fuß war, angerufen und gesagt, ich
solle Bengalos mitnehmen. Ich wollte das nicht machen, aber da hat er mir
gedroht, andernfalls mit zwei, drei Leuten vor meiner Tür zu stehen, mich
zusammenzuschlagen und aus der Gruppe zu schmeißen. Auf dem Weg zur
Demonstration gab es dann eine verbale Auseinandersetzung mit Leuten, die
uns den Mittelfinger gezeigt haben. Als mich daraufhin Polizisten
durchsuchten, fanden sie die Pyrotechnik und nahmen mich fest. Und als ich
nach mehreren Stunden auf der Gefangenensammelstelle wieder rauskam, war da
niemand der DJV, der auf mich gewartet hätte. Nur zwei, drei von der Demo,
nicht DJV, die sagten: Pumba – das war damals mein Spitzname – ist wieder
draußen. Ich hab nur geantwortet: Pumba gibt es nicht mehr.
taz: Und dann sind Sie ausgetreten?
Groenke: Genau. Ich habe in die interne Chatgruppe geschrieben, dass ich
nicht mehr dabei sein will, auch weil mich niemand von der
Gefangenensammelstelle abgeholt hat. Dann bin ich einfach aus der Gruppe
rausgegangen.
taz: Wie waren die Reaktionen?
Groenke: Aus der Gruppe gab es keine Reaktion, nur mit den zwei Leuten, mit
denen ich eng war, lief der Kontakt noch weiter. Aber die waren auch schon
nicht mehr wirklich aktiv oder gerade dabei auszusteigen. Ich habe dann
aber relativ bald alle Kontakte eingestellt.
taz: Sind Sie wegen des Ausstiegs bedroht worden?
Groenke: Einmal schrieb mir jemand an meine Adresse mit der Ankündigung,
mal zu gucken, ob ich da noch wohne. Aber zum Glück war das die alte
Adresse von meiner Mutter. Und ich hoffe nicht, dass da was passiert.
Zuletzt bin ich auch in meinem Bus in Marzahn bedroht worden. Da meinte
einer zu mir: Wir werden dich jagen.
taz: Wie ist der Ausstieg aus der Ideologie gelungen?
Groenke: Ich habe mich hinterfragt, meine gesamte Ideologie einmal
aufgearbeitet. Ich habe geguckt, was ich früher gemacht und vertreten habe.
Und ich kann zu 100 Prozent sagen: So bin ich heute nicht mehr, heute
verabscheue ich, was ich früher gedacht habe. Damals hatte ich behauptet,
dass keine 6 Millionen Juden im Holocaust ermordet wurden. Wenn man dann
aber mal dazu liest, wird einem klar, was das für ein Quatsch war.
taz: Das lernt man doch in der Schule?
Groenke: Im Schulunterricht ist mir das nicht vermittelt worden. Wir haben
die NS-Geschichte in einem Block abgehandelt – 90 Minuten.
taz: Haben Sie nach dem Ausstieg überlegt, das bisherige Umfeld ganz zu
verlassen und aus Marzahn wegzuziehen?
Groenke: Die Überlegung war da. Aber ich will mein Marzahn nicht
irgendwelchen Nazis überlassen. Und so unangenehm, wie es vielleicht für
mich werden kann, ist es einfach mein Ort. Ich bin da aufgewachsen und ich
will da auch weiterleben.
taz: In „ihrem“ [7][Marzahn hat die AfD bei der Berlin-Wahl am 20.
September zum Abgeordnetenhaus und zur Bezirksverordnetenversammlung (BVV)
mit Abstand die meisten Stimmen geholt]. Was hat das mit Ihnen gemacht?
Groenke: Es ist ein kack Wahlergebnis. Und jetzt hat auch noch die [8][CDU
gesagt, dass sie mit der AfD zusammenarbeiten will]. Ich habe schon
gedacht: Wenn das passiert, gehe ich zur ersten Sitzung der BVV und brülle
den ganzen Saal zusammen. Man muss leider sagen: Die Brandmauer existiert
nicht mehr.
taz: Inzwischen posten Sie politische Videos auf Instagram, auch mit Ihrer
persönlichen Geschichte. Wieso?
Groenke: Das war so ein spontanes Ding, ich wollte ein bisschen auf linken
Influencer machen. Aber ich bin auch kein [9][Marcant] (linker Youtuber, d.
Red.). Und dann hatte ich die Idee, über meine Vergangenheit zu reden. Und
schon das erste Video, in dem ich sage „Mein Name ist Timo Groenke, ich bin
Aussteiger aus der rechtsextremen Szene“ ist viral gegangen. Das war Mitte
September. Seitdem habe ich Hunderte Nachrichten und Anfragen bekommen.
taz: Was ist Ihre Motivation, öffentlich über Ihre Neonazizeit zu sprechen?
Groenke: Mir geht es darum, dass junge Leute gar nicht erst in diese Kreise
rutschen. Wenn ich nur eine Person davon bewahre, nehme ich auch tausend
Kommentare in Kauf, die mich auf den Tod beleidigen.
taz: Was sagen Sie jungen Menschen, damit sie nicht in rechtsextreme
Gruppen gehen?
Groenke: Man verbaut sich damit sein ganzes Leben. Ich werde meine
Vergangenheit nicht los, wer meinen Namen googelt, weiß, was ich gemacht
habe. Außerdem ist die Ideologie falsch. Diese Gruppen versuchen, Hass zu
verbreiten. Aber es ist falsch, zu hassen, weil Menschen jemand anderes
lieben, aus einem anderen Land kommen oder anders aussehen. Wir können alle
friedlich miteinander leben.
taz: Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Groenke: Ich habe jetzt eine Ausbildung, die will ich zu Ende machen. Was
politisch noch passiert, kann ich nicht sagen. Ich würde gern zu Demos
gehen, aber ich kann keinem verübeln, der Angst vor mir hat oder mich der
Demo verweist. Am Ende bin ich nicht derjenige, der mir vergeben muss,
sondern die Menschen. Ich würde gern nächstes Jahr zur [10][Marzahn Pride],
wenn das für die Organisatoren in Ordnung ist.
3 Nov 2026
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