# taz.de -- Ein Gespräch über soziale Ungleichheit: „Eigentlich wollte ich nie Beamtin werden“
> Beamte sollen Nachzahlungen erhalten, auch die Bremerin Elisabeth van der
> Wal profitiert davon. Doch die ehemalige Regierungsdirektorin will das
> Geld spenden.
(IMG) Bild: Bekommt demnächst Geld, das sie gar nicht will: Elisabeth van der Wal
taz: Frau van der Wal, ich wohne ja direkt über Ihnen. Wenn wir
zusammensitzen, fällt mir immer auf, wie viel Platz Sie haben – in Bremen
ein echter Luxus. Haben Sie mal über einen Umzug nachgedacht?
Elisabeth van der Wal: In der Wohnung haben wir ursprünglich als Familie
gelebt. Ja, sie ist jetzt eigentlich für mich alleine zu groß. Aber ein
Umzug ist in meinem Alter, das muss ich zugeben, auch eine Herausforderung.
taz: Wie können Sie sich im Ruhestand die Wohnung noch leisten?
van der Wal: Als Umwelt- und Baujuristin in einer senatorischen Behörde
habe ich gut verdient und bekomme eine auskömmliche Pension. Eigentlich
wollte ich nie Beamtin werden. Damals, aktiv in der Studentenbewegung, war
für uns das Beamtentum, auch wegen der Privilegien gegenüber Angestellten,
verpönt. Aber es gab dann Gründe, weshalb ich dann doch Beamtin geworden
bin.
taz: Welche?
van der Wal: Nach längerer Teilzeittätigkeit, auch später als
Alleinerziehende, hätte ich sonst mit einer deutlich geringeren Rente
rechnen müssen. Die Verbeamtung ermöglicht mir heute eine bessere
Altersversorgung und damit eine finanzielle Unabhängigkeit. Mit diesen
Argumenten hat mich seinerzeit ein Kollege aus dem Personalrat überredet,
Beamtin zu werden.
taz: Von welcher Summe reden wir?
van der Wal: Ich bekomme eine kleine Rente für die Jahre als Angestellte,
die ich noch versteuern muss, und eine Pension, sodass ich insgesamt bei
circa 4.000 Euro liege. Damit komme ich gut aus, auch mit den monatlichen
Kosten für eine hohe Miete und dem Beitrag für die private
Krankenversicherung.
taz: Und jetzt kommt dazu im November noch eine Nachzahlung – finden Sie
das gerecht?
van der Wal: Überhaupt nicht. Rund 120 Millionen Euro an Nachzahlungen
zahlt Bremen an aktive und pensionierte Beamte und reagiert damit auf
[1][Urteile des Bundesverfassungsgerichts], das entschieden hat, dass die
unteren und mittleren Beamten zu wenig verdient haben. Wegen der
Abstandswahrung bekommen die Beamten der höheren Gehaltsgruppen, so wie
ich, auch eine Nachzahlung. Und zwar 2,5 Prozent rückwirkend ab dem 1.
Januar 2024. Da wären bei mir überschlägig 3.000 Euro. Bei noch höheren
Gehaltsgruppen können die Nachzahlungen bis zu 8.500 Euro betragen.
taz: Fühlt sich dieses Geld falsch an?
van der Wal: Es erscheint mir einfach ungerecht, wenn höhere Beamte mit
gutem Einkommen hohe Nachzahlungen bekommen, während Bremen kein Geld für
Kinder- und Jugendprojekte hat.
taz: Sie rufen dazu auf, zu spenden.
van der Wal: Ich habe Gewerkschaften und den Beamtenbund angeschrieben und
dazu aufgerufen, dass die höheren Beamten ihre Nachzahlungen an bedürftige
Kinder- und Jugendprojekte spenden. Aus dem Armutsbericht des
[2][Paritätischen Wohlfahrtsverbandes] geht hervor, dass in Bremen fast
200.000 Menschen als arm gelten. Deshalb bin ich mit dem Beirat des wohl
ärmsten Stadtteils Gröpelingen in Kontakt und bekomme noch im September
Vorschläge, welche Projektträger sich an einem Spendenaufruf beteiligen
wollen.
taz: Wie kommen Sie auf die Kinder- und Jugendhilfe?
van der Wal: Weil die Kinder- und Jugendhilfe wichtige Unterstützung bei
familiären Problemen vor allem im Erziehungs- und Schutzbereich anbietet.
Wenn wir zulassen, dass zum Beispiel immer mehr Jugendzentren geschlossen
werden, werden gerade Kinder und Jugendliche aus prekären Verhältnissen
sich selbst überlassen. Denn in der offenen Jugendarbeit finden sie
Unterstützung, die ihre Eltern ihnen nicht geben können, weil sie zum
Beispiel in schwierigen Verhältnissen leben und überfordert sind.
Jugendhilfezentren sind daher ein wichtiger Bestandteil unserer
Gesellschaft.
taz: Sie könnten das Geld auch einfach behalten.
van der Wal: Also ich brauche das Geld nicht zwingend. Und ich habe auch
ein schlechtes Gewissen, wenn ich so eine Nachzahlung kriege und weiß, dass
ein Jugendzentrum geschlossen werden muss. Die Spenden werden das Problem
der sozialen Ungerechtigkeit nicht grundsätzlich lösen, aber ich möchte mit
der Aktion darauf aufmerksam machen.
taz: Sind Sie ein politischer Mensch?
van der Wal: Ich war lange politisch aktiv, früher in der
Studentenbewegung, später in der Anti-AKW-Bewegung und bei Bündnis90/Die
Grünen. Ich habe mich immer für Soziales und Umweltschutz eingesetzt. Und
ich bin aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit der Meinung, dass die sehr
reichen Menschen stärker besteuert werden müssten.
taz: Da wären Sie dann ja auch von betroffen.
van der Wal: Nein, ich bin gut situiert, aber nicht reich. Es geht um
Menschen, die Millionen oder gar Milliarden an Vermögen haben. Wenn diese
Reichen stärker besteuert würden, könnte mehr Geld für Bildung, Kinder- und
Jugendprojekte und Klimaschutz zur Verfügung gestellt werden. Auch die
Lebensbedingungen, vor allem für Alleinerziehende – was ja immer noch
überwiegend Frauen sind –, müssen verbessert werden. Das heißt bessere
Verdienstmöglichkeiten, mehr Entlastung bei der Care-Arbeit und bezahlbare
Wohnungen. Damit könnte das Problem gelöst werden, dass viele Frauen kleine
Renten erhalten, die nicht oder kaum zum Leben reichen.
taz: Sie waren selbst eine alleinerziehende Mutter und haben in dieser Zeit
noch Jura studiert. Wie war das?
van der Wal: Das war eine Herausforderung. Jura ist ja ein
arbeitsintensives Studium. Für unseren Lebensunterhalt habe ich im
Jugendzentrum gearbeitet und nachts Examensarbeiten getippt. Irgendwie
musste ich ja für meinen Sohn und mich sorgen.
taz: Wieso haben Sie ausgerechnet Jura studiert?
van der Wal: Das war immer mein Wunsch. Gerade Alleinerziehende waren auch
früher gesellschaftlich nicht besonders anerkannt. Ich brauchte daher in
vielen Alltagssituationen ein besonderes Durchsetzungsvermögen. Dabei haben
mir gute juristische Kenntnisse sehr geholfen. Auch im politischen Rahmen
hat es mir sehr geholfen, die Sprache der „Herrschenden“ zu verstehen.
taz: Sie wollten auch unabhängig sein.
van der Wal: Ja, vor allem auch aufgrund meiner Familiengeschichte. Mein
Vater ist früh gestorben und für meine Familie wurde es finanziell sehr
eng. Ich war die Älteste von sieben Kindern, und ich trug schon viel
Verantwortung. Das war für mich nicht einfach. Seitdem wollte ich nie
wieder finanziell abhängig sein – weder vom Staat noch von einem Mann. Es
war für mich keine Option, darauf zu bauen, dass ich schon einen gut
verdienenden Lebenspartner finden würde. Eine Haltung, die bei Frauen in
meiner Generation damals nicht unüblich war.
taz: Wie viel haben Sie denn in Ihrer Zeit als Regierungsdirektorin
verdient?
van der Wal: Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich hatte ein gutes Gehalt.
Heute verdient man in der entsprechenden Besoldungsgruppe A15 bis zu etwa
7.500 Euro.
taz: Damit lässt es sich gut leben, oder?
van der Wal: Ja. Und ich konnte das Studium meines Sohnes finanzieren.
Allerdings waren meine Aufgaben auch anspruchsvoll und ich hatte oft lange
Arbeitstage.
taz: Würden Sie heute jemandem empfehlen, sich verbeamten zu lassen wie Sie
damals?
van der Wal: Damals habe ich mich aus Angst vor Altersarmut für die
Verbeamtung entschieden. Ich stehe dem [3][Beamtentum immer noch kritisch
gegenüber] und finde, dass in vielen Berufen der Beamtenstatus abgeschafft
werden müsste. Zudem müsste Gerechtigkeit auch dadurch hergestellt werden,
dass die dann verbliebenen Beamten in die Rentenversicherung einzahlen.
26 Sep 2026
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