# taz.de -- Sondierungsergebnis in Berlin: Ist die Vergesellschaftung von Wohnungen eine gute Idee?
> Linke, Grüne und SPD wollen 160.000 Wohnungen sozialisieren. Das ist
> umstritten: politisch, juristisch, finanziell. Ein Pro und Contra.
(IMG) Bild: Wenn das so weitergeht, wem gehört die Stadt dann bald? Und wer bekommt die Miete für den Laden?
Die Idee der Linkspartei, in Berlin Wohnungen zu vergesellschaften, wird
viel Geld kosten. Ist das zu schaffen?
Nein.
Um es mit der Band Tocotronic zu sagen: [1][Die Idee ist gut, doch die Welt
noch nicht bereit]. Wir leben im Kapitalismus, und es ist eine ziemlich
irrwitzige Idee, die Regeln des Kapitalismus in Berlin einfach mal so außer
Kraft zu setzen. Auch wenn es dabei ums Wohnen geht, was ein Menschenrecht
und keine Ware ist.
Ja, Linke verdrehen die Augen bei diesem Argument, aber es ist nun mal
wahr: Welches Wohnungsbauunternehmen – unter Linken verlässlich „Konzern“
genannt, damit es schön böse klingt – wird noch in Berlin investieren, wenn
ein Gesetz die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände verlangt? Das
Problem: [2][Im Sondierungspapier von Linkspartei, Grünen und SPD] sind
100.000 neue Baugenehmigungen für Wohnungen versprochen – was nur zusammen
mit privaten Investoren geht, wie selbst die Sondierer in ihrem Papier
einräumen.
Vonovia und Co werden alles juristisch Mögliche in Gang setzen, um den –
unrealistisch niedrigen – Preis von 100.000 Euro pro Wohnung hochzutreiben.
Es ist wahrscheinlich, dass sie gewinnen werden. Das hoch verschuldete
Berlin wird somit viel mehr als die genannten 16 Milliarden Euro in die
Hand nehmen müssen – Geld, das für den Neubau von dringend benötigten
Wohnungen fehlen wird.
Ein zentrales Argument für die Vergesellschaftung ist: Durch das
Herausnehmen großer Wohnungsbestände aus dem profitorientierten Markt werde
der Wohnungsmarkt insgesamt stabilisiert, weil es den Anstieg des
Mietspiegels dämpft, der wiederum Maßstab für Neuvermietungen ist. Nur ist
fraglich, ob dies bei einer viel kleineren Zahl an Wohnungen als
ursprünglich gedacht – 160.000 Wohnungen sollen sozialisiert werden bei
insgesamt 1,7 Millionen Mietwohnungen in Berlin – noch funktioniert. Auch
das wird vor Gericht entscheidend sein: Denn mit dem
Stabilisierungsargument soll die Vergesellschaftung rechtlich legitimiert
werden.
Die Vergesellschaftungsbefürworter leiden unter einem Tunnelblick.
Gegenargumente werden ignoriert oder als Angstmacherei der
„Immobilienlobby“ denunziert. Es ist diese
Mit-dem-Kopf-gegen-die-Wand-Politik, die im Desaster enden wird.
Gunnar Hinck
Ja.
Das so historische wie notwendige Vorhaben ist bei kluger Ausgestaltung
ohne Belastungen des Haushalts finanzierbar. Denn im Gegensatz zu den
Milliarden für die Rüstung wird das Geld nicht einfach nur ausgegeben und
fließt in die Taschen von Großunternehmen. Das Land erhält etwas dafür:
Vermögen in Form des Sachwerts der Wohnungen und eine ständige
Einnahmequelle durch die Mieten, mit denen die Zinsen getilgt werden
können.
Über die genaue Höhe der Entschädigung und damit auch der künftigen Mieten
werden am Ende Gerichte entscheiden. Das gilt es abzuwarten, bevor man das
Projekt für gescheitert erklärt. Langfristig stehen Mieter:innen besser
da, wenn die Wohnungen der Marktlogik entzogen werden – selbst wenn die
Mieten nicht sinken oder gar moderat steigen sollten.
Neue Wohnungen sind dadurch nicht entstanden, das stimmt. Neubau und
Bestand gegeneinander auszuspielen, ist jedoch Whataboutism, ein
rhetorischer Kniff, um vom Problem der hohen Mieten abzulenken. Hier
braucht es Investitionen in den Bestand.
Immerhin [3][leben 84 Prozent der Berliner:innen zur Miete], und 60
Prozent haben Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein – der ihnen nichts
bringt, weil die mietpreisgebundenen Wohnungen fehlen. Zu sagen, dass deren
Belange nicht zählen und bezahlbarer Wohnraum nicht so wichtig ist wie
Neubauwohnungen, ist ein Schlag ins Gesicht der Mehrheit der Bevölkerung.
Dass Vergesellschaftung manche Investoren abschrecken könnte, ist daher
kein Nachteil: Wer nur hochpreisige Wohnungen baut, mit denen sich sehr
hohe Renditen realisieren lassen, hat in Berlin nichts verloren. Hier
braucht es keinen Wohnraum um jeden Preis, er muss auch bezahlbar sein.
Die Berliner:innen haben das deutlich gemacht, und nun geht es darum,
den Wähler:innenwillen umzusetzen. Und angesichts der derzeitigen
heftigen Proteste gegen hohe Mieten und Lebenskosten in ganz Europa könnte
das Schule machen. Genau davor hat die Immobilienlobby Angst – zu Recht.
Marie Frank
20 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=SW8a7svcQGY
(DIR) [2] https://gruene.berlin/fileadmin/user_upload/Sondierungspapier_Gruene_Linke_SPD_2026.pdf
(DIR) [3] https://www.berlin.de/zuhause/
## AUTOREN
(DIR) Gunnar Hinck
(DIR) Marie Frank
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Rot-Grün-Rot in Berlin
(DIR) Mietenprotest
(DIR) Vonovia
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) GNS
(DIR) Wohnraummangel
(DIR) Wohnraum
(DIR) Wohnen
(DIR) Mieten
(DIR) Kolumne übrigens
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Berlins SPD-Chef Steffen Krach: Der Wahlversprechenbrecher
Keine Enteignungen, hatte Steffen Krach als SPD-Spitzenkandidat
versprochen. Nun rühmt er sich für Verhandlungserfolge gegenüber der
Linkspartei.
(DIR) Offener Brief für Vergesellschaftung: „Ein Sperrgesetz ist verfassungswidrig“
Über 200 Personen aus Gewerkschaften und Wissenschaft sprechen sich für das
Recht auf Vergesellschaftung aus. Das Grundgesetz müsse geachtet werden.
(DIR) Regierungsbildung: SPD-Landesvorstand stimmt für Koalitionsverhandlungen
Die Berliner Sozialdemokraten geben als erste der drei Parteien grünes
Licht für Koalitionsgespräche. Auch die Grünen wollen noch am Montagabend
eine Entscheidung treffen.
(DIR) Einigung auf Vergesellschaftung: Drei Sieger für Berlin
Was Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt vorhaben, macht Hoffnung: auf
eine sozialere Stadt und einen Politikwechsel, der über Berlin
hinausstrahlt.
(DIR) Linkspartei Berlin-Neukölln: Nele möchte eine Jahia-Sinwar-Straße
Es wird ernst in Berlin: Besuch in einer Basisgruppe der Neuköllner
Linkspartei. Eine Glosse.