# taz.de -- Ausstellung, Buch und Queeres Leben: Sich von Arschlöchern nicht kleinkriegen lassen
> Tony Rizzi tanzte für William Forsythes Frankfurt Ballet, jetzt sind
> seine Fotos im Fotografie Forum zu sehen. Robert Schittko veröffentlicht
> ein Buch über queeres Leben in Istanbul.
(IMG) Bild: Tony Rizzi, Tim and Dana, 2000
Es ist eine gute Idee, wenn Ausstellungshäuser beziehungsweise deren
kuratorische Teams den Blick auch einmal auf ihr nächstes Umfeld richten
und sich trauen, lokale Themen und eben auch lokale Protagonisten in den
Fokus zu rücken. Sonst wäre dieses beachtlich umfangreiche fotografische
Werk von Tony Rizzi wohl bis auf Weiteres in den Kisten des Frankfurter
Tänzers vergessen worden.
Als Fotograf hat er zwar immer wieder ausgestellt, aber seltener
institutionell, doch oft in seiner eigenen Wohnung. Dort bewunderte auch
Celina Lunsford, Direktorin des Fotografie Forum Frankfurt, regelmäßig die
mit Polaroid zugepflasterten Wände. Schon lange verabredeten beide, eine
Ausstellung zu realisieren. Kurz nach Rizzis 60. Geburtstag hat es nun
geklappt.
„Work Hard, Don’t Lie and Try Not to Hurt Anybody“ ist die Soloschau im
Fotografie Forum überschrieben, nach einer Notiz, die sich der damals
20-jährige Amerikaner zum Umzug in die Stadt am Main ins Tagebuch schrieb.
Hier [1][tanzte er für William Forsythes] Frankfurt Ballett, heute
produziert Rizzi eigene Stücke.
Bei Tony Rizzi ist nicht alles Tanz, Drag oder Ballett. Aber vieles sieht
der Tänzer mit dem Blick eines Menschen, der immer in Bewegung ist. Und so
werden aus vielen einzelnen Polaroids schließlich große Bildcollagen. Oder
aus einer kurzen Digitalvideoaufnahme tanzende Bäume.
## Tänzer und Fotograf
Die Fotografie erfülle, was Tanzen allein nicht konnte, sagt Rizzi. Manche
Arbeit, die er schon als Preteenager anfertigte, sind nicht jugendfrei. Das
eigene Begehren spielt eine Schlüsselrolle in seiner Schau. Aber es richtet
sich, so Rizzi, nicht nur an andere Männer, auch an Frauen, Freundinnen und
Freunde, Familie in den USA, Orte oder Dinge.
Toll verbindet die Ausstellung Stadt- und persönlichste Biografie. Einer
legendären Frankfurterin widmet der Fotograf eine größere Arbeit: Hannelore
Kraus, die mit ihrem vehementen Widerstand gegen das Campanile-Hochhaus
bekannt geworden ist. Sie war Rizzis Vermieterin.
Viele Millionen schlug sie aus, Bedrohungen ignorierte sie. Man dürfe sich
von Arschlöchern nicht kleinkriegen lassen, gab sie Tony Rizzi mit auf den
Weg. Rizzi porträtiert Kraus vor ihrem Haus, der Frankfurter Trutzburg,
mitsamt der Umgebung, die sie zu schützen antrat.
## Robert Schittko und „The Stories of Marmara“
Von Frankfurt nach Istanbul ging Robert Schittko im letzten Jahr, und seine
Arbeit erfährt dieser Tage eine politische Aktualisierung. Mit einem
Stipendium war der Fotograf und Künstler an den Bosporus gereist, wo er
sich dem queeren Leben in der Stadt widmen wollte. Daraus wurde erst
nichts. Und dann auf ungeplante Weise mehr, als er sich vorgenommen hatte.
„Alles fast normal, aber überall sehe ich Gitter und Polizei“, beginnt
Schittko seine Aufzeichnungen. Da ist gerade TransPride in der Stadt; eine
mühsam errungene, fragile Sichtbarkeit. Neben Keramika, Zeichnungen und
Fotografien hat der Frankfurter solche Texte aus Istanbul mitgebracht, die
jetzt in Buchform erschienen sind.
## Alle stehen unter Druck
„The Stories of Marmara“ funktioniert als beiläufige, persönliche
Annäherung an die Stadt, in der „alle unter demselben Druck stehen“, wie
Schittko beobachtet hat. Ökonomisch und gesellschaftlich dem Rhythmus einer
Riesenmetropole unterworfen.
Und doch [2][stehen ihre queeren Bewohner*innen unter einem ganz
eigenen Geheimhaltungszwang], dem Abwägen zwischen Verstecken oder
Offenbaren. Einige von ihnen hat Schittko mit dem Blick eines Freundes
porträtiert. Ihre Fotografien befinden sich zwischen den Beobachtungen,
ihrerseits den Verhältnissen trotzend. Bloß, weil sie da sind.
29 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katharina J. Cichosch
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