# taz.de -- Malerei von Chunqing Huang in Bonn: Wie der Nachhall auf einen Künstlerkollegen
> Das Bonner August-Macke-Haus stellt Chunqing Huang aus. Mit ihrer Malerei
> und Fotografie spielt sie nicht nur den Expressionismus Mackes über
> Bande.
(IMG) Bild: Chunqing Huang in ihrem zweiten Frankfurter Atelier
Bei Max Ernst formieren sich Lianen aus Gelb, Grün und Braun zum Dickicht.
Bei Henri Matisse erinnert das pastose Orange an die Fleischigkeit seiner
Figuren, zwischen den Farbfeldern von Hellblau, Dunkelblau und Schwarz. Bei
Marianne von Werefkin umrahmen einige dominante, schwarze Striche die
Farbfelder wie amorphe Figuren.
Die Abmessungen sind stets die gleichen: 30 mal 40 Zentimeter misst jedes
Bild, ein konzentriertes Format. Und immer streng abstrakt. Jedes trägt den
Namen einer Malerin oder eines Malers. Es sind größtenteils Künstler der
europäischen Moderne, die Chunqing Huang in ihrer Serie „Painter’s
Portrait“ aufgegriffen hat. Dazu einige Amerikaner*innen sowie ältere
zeitgenössische Kolleg*innen. Auch [1][Leiko Ikemura] taucht auf, das nach
ihr benannte Malerinnenporträt sticht mit zarten, verwaschenen Farben und
Formen deutlich unter den übrigen Arbeiten hervor.
Das Museum August Macke Haus in Bonn zeigt „Reflections“, eine große
Einzelausstellung der Frankfurter Malerin Chunqing Huang. Man versteht
sofort, warum Friederike Voßkamp, Direktorin des Museums und Kuratorin
dieser Ausstellung, Huang an diesen Ort eingeladen hat. Schlägt sie doch
eine zeitgenössische Brücke auch zum Werk des expressionistischen Malers
[2][August Macke], dessen sichtbare Manifestationen die Künstlerin über
Bande spielt.
Der europäischen Malerei einer klassischen Moderne begegnete Chunqing Huang
ironischerweise erstmals auf dem Weg zur Pekinger Kunstakademie – sie war
gerade dabei, ihre Mappe an der CAFA abzugeben, der Central Academy of Fine
Arts; eine der renommiertesten Ausbildungsstätten des Landes und die
einzige unter Autorität des chinesischen Staates. Die Wartezeit in der
chinesischen Hauptstadt vertrieb sie sich im Museum, das im Jahr 1994
gerade Picasso zeigte. Eine bis dato ungesehene Malerei als Initialzündung;
sie löste wohl auch bei ihr den Wunsch aus, irgendwann nach Europa zu
gehen.
## Aus der Zeit vor dem Cool
Die 1974 im chinesischen Heze geborene Huang gehört noch zu einer
Künstlerinnengeneration, für die der Gang aus dem Osten in den
geografischen Westen (oder vice versa) keine Selbstverständlichkeit war.
China hatte sich zu diesem Zeitpunkt langsam geöffnet, an den neuen, auch
künstlerischen Cool heutiger Jahre war aber noch nicht zu denken. 2000
bewirbt sie sich für ein Studium an der Städelschule und wird angenommen.
In Frankfurt studierte sie in der Klasse von Hermann Nitsch, später auch
bei Peter Angermann und Wolfgang Tillmans. Die maximale Freiheit erinnert
sie als überwältigend und überfordernd, aber großartig.
Heute arbeitet die Künstlerin auf eine Weise, die man
konzeptionell-intuitiv nennen könnte. So begann 2016 „Painter’s Portrait“
mit ursprünglich einem einzigen Bild, als Reaktion auf all die bekannten
und weniger bekannten Vertreter*innen der klassischen Moderne. Malen
konnte Huang nur, wer quasi im Atelier vorbeischaute – nicht vorhersehbar.
In Frankfurt waren es zunächst vor allem die Malerinnen und Maler aus der
Sammlung des Städel Museum, das sich eine Grundstückslinie mit der
gleichnamigen Kunstakademie teilt. Doch der Picasso geisterte weiter durch
Huangs Vorstellung, er ließ sich Zeit. Franz Marc war der erste, [3][Joan
Mitchell] die vorletzte, die mit einem Porträt bedacht wurden. Picasso kam
erst ganz zum Schluss. Mit ihm war die Serie 2023 abgeschlossen.
Den Porträts liegt in der Ausstellung die Serie „En Vogue“ direkt
gegenüber: Was dort die Höhe einer „Painter’s Portrait“- Leinwand ist,
entspricht hier der Breite eines einzelnen Pinselstrichs. Zwei, drei Mal
führt Huang die verdünnte Ölfarbe in einer halben Ellipse über die
Bildfläche. Das Resultat sind Gemälde, die Drucken ähneln, wie eine
Frottage von farbgetränktem Krepppapier vielleicht oder eine Lithografie.
Es sind Überlegungen zu Mode, die sich hier malerisch Bahn brechen. „Ich
habe mich gefragt, was en vogue wird und warum, welche
Kommunikationsprozesse dabei eine Rolle spielen“, erklärt Huang. In ihrem
inzwischen zweiten, geräumigeren Atelier entstehen diese Bilder von
magischer Einfachheit, die ihre Geheimnisse, obwohl so offenliegend, nicht
preisgeben. Der Bezug zur Anziehungskraft von Modetrends liegt plötzlich
nah.
## Wie kann man die Leinwände noch weiter reduzieren?
Und ganz ungeplant, weil weit vor der Ausstellung begonnen, erscheinen auch
diese Leinwände in leuchtendem Gelb oder Orange und sattem Blau wie der
Nachhall auf einen Künstlerkollegen – auf die betont heiteren Farbtöne, für
die Museumstitelgeber August Macke bekannt wurde. Chunqing Huang drängt es
derweil hin zu weiterer Simplifizierung: die Frage, wie weit sie ihre
Leinwände noch reduzieren kann, um Malerei zu schaffen.
Auch beim Blick durch die Kamera erkennt man den der Malerin. Zwei
Fotoreihen ergänzen die Schau. Geheimnisvoll anmutende Fotografien, wie von
einer Spionagekamera aufgenommen, stellen sich als Ansichten der Kunstmesse
Art Basel heraus – ein zufälliger Blick durch ein Netz auf die Menschen
weiter unten, aufgenommen an einem einzigen Tag. Vielleicht liegt das
verbindende Moment in der Übung, die Huang aus Peking mit nach Frankfurt
brachte: Die künstlerische Freiheit ergibt sich aus der Variation.
Innerhalb der Beschränkungen einer einzelnen Serie ergeben sich potenziell
alle Möglichkeiten.
In der westlichen Moderne funktionierte der Austausch respektive die
Spiegelung, wie sie im Ausstellungstitel anklingt, freilich in umgekehrter
Richtung. Oder in beide: Im ehemaligen Wohnhaus des Malers nebenan kann man
einen kleinen Buddha entdecken – wie Kunst und Kunsthandwerk aus Afrika,
insbesondere auch aus Asien Impulsgeber der europäischen Moderne waren.
Nicht unbedingt in tiefer Durchdringung, sondern oft zunächst in einer
Begeisterung für deren Erscheinungsformen und Oberflächen. Ein gewisser
Exotismus konnte dazu gehören, eine Naivität, eine sicher oftmals auch
falsche Interpretation des Entstehungskontextes, all das.
Diese sichtbaren Manifestationen nimmt nun knapp 100 Jahre später Chunqing
Huang auf, um sie wiederum zu spiegeln. Der Künstlerin geht es um eine ganz
subjektive Zeichnung ihrer Eindrücke: Weder gibt sie vor, einen umfassenden
noch einen allgemeingültigen Blick ihrer Sujets zu vermitteln. Es ist weder
Pastiche noch wirklich eine Hommage, die sie hier malt. Aber doch eine
seltsame Essenz der sichtbaren Aspekte jener Malerei.
## Vielleicht so etwas wie malerische Intelligenz
Auch August Macke erhielt ein „Painter’s Portrait“, die gleichnamige Arbeit
wurde im ehemaligen Atelier des Malers nebenan gehängt. Und plötzlich wird
man zurückgeworfen auf die scheinbar ganz banale Frage, was überhaupt ein
Porträt auszeichnet. Es soll die, den Porträtierten einfangen, klar. Aber
es gibt mindestens ebenso Auskunft über den Porträtierenden: seine/ihre
Vorlieben und Ausdrucksmöglichkeiten, Ordnungskategorien, vielleicht so
etwas wie die malerische Intelligenz. Ein Vorrang des Subjekts vor dem
Objekt allemal. Als Publikum kann man den Künstlerinnenblick teilen, ohne
ihn jemals völlig zu durchdringen.
18 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Die-Kuenstlerin-Leiko-Ikemura-in-Berlin/!5907419
(DIR) [2] /Kunst-und-Landschaft/!5721935
(DIR) [3] /Kunstausstellung-Monet--Mitchell/!5909647
## AUTOREN
(DIR) Katharina J. Cichosch
## TAGS
(DIR) Zeitgenössische Malerei
(DIR) Moderne Kunst
(DIR) Ausstellung
(DIR) China
(DIR) Bonn
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kunst aus China in Kasseler Ausstellung: Fündig werden sie in der Wirklichkeit
Was wissen wir über chinesische Kunst? Die Schau „The China Moment“ im
Kasseler Kunstverein spiegelt Chinas spannungsreichen Weg in die Gegenwart.
(DIR) Die Malerei der New Yorkerin Amy Sillman: Die Amateurfunkerin
US-Künstlerin Amy Sillman holt mit ihren ungebändigten Formen und Farben
Gegenwart ins Ludwig Forum Aachen und sprengt die Sammlung des Hauses.
(DIR) Philip Guston in London: Wie viel Eigenes im Anderen steckt
Die Tate Modern zeigt den satirischen Maler Philip Guston. Der Künstler
fragte das gesellschaftliche Gewissen ab und polarisiert damit bis heute.