# taz.de -- Gilbert & George: Kunst für alle! (Jetzt aber wirklich)
> Im Museumsshop des Gilbert & George Centers in London finden sich
> blasphemische Anstecker und Poster. Unter der Woche kommen Schulklassen
> in das Museum.
(IMG) Bild: Die Künstler Gilbert & George in ihrer Ausstellung „Our George Crompton, Worlds and Windows“ im Gilbert & George Centre in London
Vor einigen Jahren um diese Jahreszeit: ein grauer Abend in London und ein
Abendessen im Graam Bangla in der Brick Lane, das fantastische bengalische
Küche bereitet und aus der royalen Loyalität seiner Besitzer kein Geheimnis
macht.
Zwischen gemalten Landkarten und Bildern von Prince, nun [1][King Charles]
wie auch der früheren Queen gibt es hervorragende Gerichte wie Rohu Fish
Fry oder Shorisha Elish. Um die Ecke wohnen Gilbert Prousch und George
Passmore, die seit Beginn ihrer Karriere als Duo Gilbert & George
auftreten. Von ihrem Haus aus liefen sie Jahrzehnte lang allabendlich zu
ihrem Stammlokal und aßen an ihrem Stammtisch die immer gleichen Gerichte.
Die Covid-Pandemie hatte diese Tradition kurzzeitig unterbrochen, doch auf
diese Kontinuität legt das Duo danach weiterhin Wert. Auch den Wandel ihres
Stadtteils kommentieren sie in Werk und Interviews regelmäßig, was ihnen
auch schon Vorwürfe einbrachte. Doch egal was man von ihnen halten mag, in
Sachen Religionsverachtung agiert das Duo konsequent paritätisch. Mit
[2][der anglikanischen Kirche] hatten Gilbert Prousch und George Passmore
nie viel am Hut, organisierten Glauben bedenken sie allenfalls mit derben
Vulgarismen und in großen Formaten.
Wechselnde großformatige Collagen des Duos gibt es etwa in 5a Heneage
Street zu sehen. Wenige Straßen vom Künstlerhaus entfernt befindet sich The
Gilbert & George Centre, das an Herbstabenden aktuell magisch beleuchtet
und von altem Baumbestand umgeben nicht wie eine der üblichen
Neueröffnungen für zeitgenössische Kunst erscheint. Das Center befindet
sich in einem von SIRS Architects umgebauten Brauereigebäude, hinein geht
es durch ein schmiedeeisernes Tor.
## Rechtskonservativ oder Künstlerwitz?
Zeit ihres Schaffens wurde Gilbert & George vorgehalten, entweder ein
reiner Künstlerwitz zu sein (so die formal künstlerische Kritik) oder
Ausgeburt eines Rechtskonservativismus (so die politische). Mit seinem
eigenen Zentrum, das ihr Werk bewahrt und öffentlich zugänglich hält, hat
das Duo sich dagegen maximale künstlerische Autonomie bewahrt, um seine
Präsentationen weder an den kuratorischen Zeitgeist noch an institutionelle
Verpflichtungen anpassen zu müssen. Und um im selben Augenblick die
Deutungshoheit über das Werk an die Welt abzugeben.
Im Sinne einer Kunst für alle, der sich beide verpflichtet fühlen. Der
Eintritt ist kostenfrei. Unter der Woche kommen Schulklassen. Und man wäre
gerne einmal dabei, wenn pädagogisches Fachpersonal über Dickpicks und
Fäkalhumor referiert.
Gegenwärtig hatte das Künstlerduo bei meinem Besuch Bilder aus der
„Leaves“-Reihe gezeigt, die ebenso melancholisch wie angemessen bescheuert
die eigenen Konterfeie mit verwelkendem Laub und Natur verbinden. Ein
schonungsloser Vorgriff auf die eigene Vergänglichkeit, die auch Anlass für
die Gründung der Stiftung gab. Der Betrieb des Zentrums soll jedenfalls auf
Jahrzehnte gesichert sein.
Von Kontinuität zeugt schließlich auch die unerschütterliche Treue des Duos
nach dem Wechsel an der royalen Spitze. Im Museumsshop finden sich neben
diversen blasphemischen Ansteckern, Postkarten und Postern die Ink Washes,
thematische Edition aus vielen Unikaten. In Hunderten Variationen verkünden
die Tintenletter das Immergleiche: „God Save the King“.
1 Nov 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katharina J. Cichosch
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