# taz.de -- Modefotografie aus der DDR: Wenn Bilder laut sprechen
       
       > In der kommunalen Berliner Galerie Pankow werden Ute Mahlers
       > Modefotografien ausgestellt. Sie rückt dabei die Modelle in den
       > Vordergrund, nicht die Kleidung.
       
 (IMG) Bild: Marisa, Berlin Marzahn, 1983
       
       Modefotografie hat gewöhnlich eine klare Aufgabe: Sie soll die Kleidung in
       den Vordergrund stellen und die Betrachtenden am besten dazu anregen, sie
       zu kaufen. Die Fotografin Ute Mahler ging das anders an. Nicht die Kleidung
       rückt sie in den Fokus, sondern die Models, die sie tragen. Für die
       DDR-Modezeitschrift Sibylle fotografierte sie seit 1975 unzählige Frauen
       und ihre Kleidung, nach der Wiedervereinigung arbeitete sie auch für den
       Stern. In der Galerie Pankow werden ihre Bilder noch bis November unter dem
       Titel „Derselbe Himmel – Modefotografie“ ausgestellt.
       
       Mahler [1][fotografiert keine perfekten Oberflächen.] Ihre Bilder
       vermitteln die Stimmung der fotografierten Frauen. Eindrücklich schauen sie
       an der Kamera vorbei, manchmal scheinbar direkt in die Augen Mahlers. Dabei
       sehen sie verkniffen, genervt, melancholisch, gelangweilt, kokett oder
       herausfordernd aus, ihre Persönlichkeiten nehmen den größten Raum ein.
       
       Mahler kontrastiert so nicht nur die Erwartung an Modefotografie, sondern
       auch an das Bild einer DDR-Frau. Ihre Arbeiten zeigen die Modelle als
       eindeutige Individuen, sie entsprechen nicht dem sozialistischen
       Frauenbild, das auch die Modezeitschrift Sibylle mit herausgab. Somit
       schaffte Mahler mit ihren Arbeiten innerhalb der Sibylle eine Blase des
       Widerstandes.
       
       „Es gibt keine Distanz zur Kamera“, sagte Mahler in einem
       [2][taz-Interview]. Mahler legt bei ihrer Arbeit besonders großen Wert auf
       die Beziehung zwischen ihr als Fotografin und ihren Models. Die Frauen
       scheinen sich mit Mahler wohlzufühlen, ihre Fotos strahlen auch eine
       Vertrautheit aus. Nicht zuletzt spielt die Betitelung der Fotografien eine
       Rolle, fast jede von ihnen steht nur mit dem Vornamen in der
       Bildunterschrift, ergänzt durch Ort und Jahreszahl. „Die Frauen lassen zu,
       dass die Fotografin eine persönliche, private Seite von ihnen sieht“, sagte
       Mahler.
       
       ## Ostdeutsche Hintergründe
       
       Auch der Hintergrund spielt bei Mahler eine wichtige Rolle. Kaum ein
       Studiofoto hängt in der Galerie, ihre Models fotografiert Mahler am
       liebsten draußen. Fotografien aus Ost-Berlin sind besonders eindrücklich;
       das Bild „Julia, Berlin Bebelplatz, 1981“ zeigt das schwangere Model Julia
       in Schwarz-Weiß wie so viele von Mahlers Fotografien. Julia trägt helle,
       fließende Kleidung, ihre Haare sind offen und umrahmen ihr Gesicht. Ihr
       Blick wendet sich zur Seite, sie wirkt erschöpft und hat die Arme auf ihrem
       Schoß abgelegt.
       
       Das Foto hat Mahler 1981 auf dem Bebelplatz aufgenommen. Im Hintergrund
       sind Aufsteller zu sehen, die Mitglieder des Politbüros der DDR zeigen. Bei
       der Veröffentlichung in der Modezeitschrift Sibylle wurden die Köpfe der
       Mitglieder abgeschnitten, in der Galerie Pankow ist die Fotografie in Gänze
       zu sehen.
       
       Auch außerhalb von Berlin sind Fotografien entstanden. Viele fertigte
       Mahler in Brandenburg und Umgebung an, Lehnitz und Bad Freienwalde etwa
       werden zum Schauplatz, Seen, Plattenbauten und Felder bestimmen den
       Hintergrund. Eine Fotografie von 1983 zeigt das Model Martina in Velten.
       Lässig lehnt sie sich auf einer Brücke an, schaut durch ihre schwarze,
       breite Sonnenbrille in die Ferne. Das Bild ist in Farbe; die rote Hose des
       Models knallt im unteren Teil des Bildes und wird durch das lange schwarze
       Oberteil ergänzt, das helle Blau des Himmels vervollständigt die
       Fotografie. Im Hintergrund, direkt neben dem Kopf des Models, fliegen drei
       Hubschrauber. Die Fotografie wirkt sehr eindrücklich, Martina scheint
       unbeeindruckt und zugleich machtvoll zu sein.
       
       ## Alltägliches kollidiert mit den Models
       
       [3][Nicht selten arbeitet Mahler mit Alltagssituationen]. Es laufen
       Menschen vorbei oder es fahren Autos oder Fahrräder. Im Vordergrund steht,
       läuft, sitzt oder liegt das Model wie ein Einschnitt in der alltäglichen
       Routine, die sich im Hintergrund abspielt. Alltag und Model finden
       zeitgleich statt, scheinen sich aber nicht gegenseitig wahrzunehmen. Die
       Fotografie „Edda, Berlin Prenzlauer Berg, 1979“ zeigt das Model Edda, wie
       sie eine Straße überquert.
       
       Sie schiebt einen Kinderwagen vor sich her, das Kind, pausbäckig und warm
       eingekleidet, schaut nach hinten. Beinahe scheint Edda mit drei spielenden
       Kindern zu kollidieren, die das Model keines Blickes würdigen und in ihrer
       kindlichen Verspieltheit zwei Bällen hinterherlaufen. Auch Edda
       interessiert sich nicht für die Kinder; ihr Blick geht direkt zur Kamera.
       Sie schaut interessiert, es wirkt, als hätte Mahler eine Sekunde vor einem
       wissenden Lächeln des Models abgedrückt. Ein langes Kleid umspielt die
       hochgewachsene, schlanke Figur des Models.
       
       Mahler reiste für ihre Fotografien auch in andere Länder. Aufnahmen aus
       Minsk und Havanna hängen in der Galerie, aus späteren Jahren sind auch
       Fotografien auf Lanzarote und in den USA entstanden. Dabei bleibt Mahlers
       Arbeit immer gleich: Ihre Models stehen im Vordergrund, sind
       selbstbewusste, eigenwillige Individuen, die über die Kamera mit Mahler zu
       kommunizieren scheinen.
       
       Dazu passt der Titel der Ausstellung sowie des Buches, das mit der
       Ausstellung bei Hartmann Books herausgegeben wird, gut: Sie alle teilen
       denselben Himmel, egal wo und wann Mahler sie fotografiert.
       
       1 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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