# taz.de -- Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt: Eimerweise rosa Briefe
       
       > Vor der Wahl schürt die AfD Zweifel an der Briefwahl und warnt vor
       > möglichem Betrug. In Magdeburg treffen Wahlhelfer auf rechte
       > Wahlbeobachter.
       
 (IMG) Bild: Hunderte Briefwahlumschläge werden am Wahlsonntag in Magdeburg sortiert und geprüft
       
       Ein riesiger Berg rosa Briefwahlumschläge liegt vor den
       Wahlhelfer:innen auf dem Tisch. Es ist kurz nach 15 Uhr am Wahlsonntag
       in Sachsen-Anhalt. Als Erstes sortieren und prüfen die Helfer:innen, ob der
       Wahlkreis auf dem Brief stimmt. Einer hat sich tatsächlich verirrt. Der
       wird später abgeholt und in den Klassenraum mit seinem Wahlkreis gebracht.
       Übrig bleiben 424 Briefe.
       
       Das Interesse an dieser Wahlform nimmt laut Statistischem Landesamt zu:
       Knapp zwei Wochen vor [1][der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt] wurden laut
       dem Landeswahlamt bereits 335.000 Briefwahlunterlagen verschickt – das sind
       20 Prozent der Wahlberechtigten. Bei der letzten Wahl hatte es nur 315.567
       Briefwähler:innen gegeben.
       
       Einer der Wahlhelfer öffnet den ersten rosa Umschlag. Alles korrekt: Der
       unterschriebene Wahlschein und der geschlossene Umschlag mit dem
       Stimmzettel stecken drin. Ab in die versiegelte Wahlurne damit. Seit 18 Uhr
       werden die Stimmen ausgezählt. Bis Redaktionsschluss lag das Ergebnis noch
       nicht vor.
       
       An der Wand steht ein Mann und beobachtet das Geschehen kritisch. Er trägt
       den kompletten AfD-Merch: T-Shirt, Kappe und Schlüsselanhänger. Auf die
       Frage, was er hier mache, sagt er nur: „I am from Canada“. Für eine der
       Wahlhelferinnen ist das störend: „Soll er sich doch als Wahlhelfer melden“,
       sagt sie zu ihrer Kollegin. Dann sehe er doch, dass alles sorgfältig
       durchgeführt wird.
       
       Nur, genau das will die AfD in Zweifel ziehen. Im Vorfeld hatten die Partei
       und ihr Vorfeld schon ordentlich Stimmung gegen die Briefwahl gemacht. Eine
       auch bei US-Präsident Donald Trump oder der FPÖ beliebte Taktik. Sie
       wittern vermeintlichen Wahlbetrug und fordern ihre Anhänger:innen auf,
       im Wahllokal zu wählen. Der Effekt: Ein Großteil der AfD-Wähler:innen
       stimmen im Wahllokal ab. Die daraus resultierenden geringen Zahlen von
       AfD-Briefwähler:innen werden dann von der Partei genutzt, um die eigene
       These des Wahlbetrugs zu untermauern.
       
       ## Ein besonders beliebtes Narrativ rechter Akteure
       
       Passend dazu rief AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund kurz vor der Wahl auf
       X zur koordinierten Wahlbeobachtung auf. Vertrauen sei gut, Kontrolle aber
       besser, schreibt Siegmund und teilt eine digitale Wahlbeobachter-Karte. Die
       stammt von „Ein Prozent“, ein Verein, den der Verfassungsschutz als
       gesichert rechtsextrem eingestuft hat. Siegmund bezeichnet die Gruppe in
       seinem Post als „Bürgernetzwerk“.
       
       Dem Aufruf folgten laut Webseite mehr als 700 Personen. Ein Wahlbeobachter
       in der Magdeburger Innenstadt ist dafür extra aus Thüringen angereist. An
       Wahlbetrug glaube er nicht unbedingt, sagt er der taz. Bei Stimmen von
       Pflegeheimbewohner müsse man aber genau hinschauen.
       
       Ein besonders beliebtes Narrativ rechter Akteure – und mitnichten neu –
       ist, die Briefwahl in Pflegeheimen anzuzweifeln. „Ein Prozent“, warnt schon
       seit zehn Jahren vor einem vermeintlich systematischen Betrug. Auch, wenn
       es dafür keine Beweise gibt.
       
       Hannah Schimmle, Desinformationsanalystin bei der Politikberatung
       Polisphere, hat analysiert, wie die Erzählung des Briefwahlbetruges in
       Pflegeheimen auf X verbreitet. Dabei gehe es der AfD darum, „grundlegende
       Zweifel an demokratischen Institutionen und an Wahlprozessen zu schaffen“,
       sagt Schimmle der taz.
       
       ## Pannen vor der Wahl
       
       Schon einige Wochen vor der Wahl gab es Pannen beim Versand der
       Briefwahlunterlagen, die dem Narrativ vom möglichen Wahlbetrug zusätzliche
       Nahrung lieferten. In Magdeburg wurden [2][440 Wahlbriefe] doppelt
       zugestellt, in Halle waren es [3][sogar 1.184]. Die betroffenen Stimmzettel
       wurden für ungültig erklärt und die Briefe neu verschickt. Die
       Wahlleitungen der beiden Städte versicherten, dass eine doppelte
       Stimmabgabe so ausgeschlossen sei.
       
       Wenige Tage vor der Wahl wird ein vermeintlicher Fall aus einem Pflegeheim
       öffentlich. Die zuständige Staatsanwaltschaft hat mittlerweile allerdings
       die Ermittlung eingestellt. Es konnten [4][„keine Anhaltspunkte für eine
       Manipulation der Briefwahl“] gefunden werden, heißt es in einer Mitteilung.
       
       Für Schimmle sind die Zweifel an der Briefwahl eine Win-win-Strategie für
       die AfD: „Bei einem Sieg können sie sagen, es sei trotz Wahlbetrugs
       gelungen. Und falls die absolute Mehrheit nicht erreicht wird, dann nur
       wegen des vermeintlichen Wahlbetrugs.“
       
       Die Wahlhelfer:innen sind mittlerweile mit der ersten Runde durch. Bei
       elf Umschlägen gibt es Auffälligkeiten. Sie lesen in der Wahlverordnung
       nach. Demokratisch wird entschieden, wie die Fälle einzuordnen sind. Vier
       werden doch noch zugelassen, sieben sind ungültig.
       
       6 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Landtagswahlen-in-Sachsen-Anhalt/!6209066
 (DIR) [2] https://www.presse-service.de/data.aspx/static/1225128.html
 (DIR) [3] https://halle.de/verwaltung-stadtrat/presseportal/nachrichten/nachricht/briefwahlunterlagen-durch-externen-druckdienstleister-doppelt-versendet
 (DIR) [4] https://polizei.sachsen-anhalt.de/das-sind-wir/presse/pi-dessau-rosslau?tx_tsarssinclude_pi1%5Baction%5D=single&tx_tsarssinclude_pi1%5Bcontroller%5D=Base&tx_tsarssinclude_pi1%5Buid%5D=681698&cHash=6e491ab06dd3264c571691f057adae10
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Clara Dünkler
       
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