# taz.de -- Hitze in Nordafrika: Ausschreitungen und Massenproteste
> Bei bis zu 50 Grad fallen in Nordafrika immer wieder Strom und Wasser
> aus. In Libyen und Tunesien fordern Menschen den Rücktritt der tatenlosen
> Regierungen.
(IMG) Bild: Protest gegen die Regierung und Präsident Saied in Tunis am 25. Juli
Zu Tausenden gingen die Bürger in den vergangenen Tagen in Tunesien und
Libyen auf die Straße und forderten den Rücktritt ihrer Regierungen und
ihrer Präsidenten. In Tunis verliefen mehrere Demonstrationen gegen die
Tatenlosigkeit der Behörden während der seit Wochen andauernden Hitzewelle
trotz massiver Polizeipräsenz friedlich.
In Tripolis hingegen stürmten die Demonstranten das Gebäude des
Außenministeriums und den Amtssitz von Premierminister Abdulhamid Dbaiba.
Der wütende Mob wurde zwar von regierungstreuen Milizen wieder vertrieben.
Doch auch aus vielen anderen libyschen Städten werden brennende
Straßensperren aus Autoreifen und Müll gemeldet.
Eine Protestbewegung aus Bürgern aller Gesellschaftsschichten hat sich auf
ihre Fahne geschrieben, die politisch Verantwortlichen auf beiden Seiten
der ehemaligen Frontlinie nun endlich davonzujagen.
## Hitzewelle mit fast 50 Grad in Libyen
Auslöser der seit langer Zeit größten Proteste in Libyen sind [1][stunden-
und manchmal tagelange Ausfälle der Strom- und Wasserversorgung]. Durch den
massenhaften Gebrauch von Klimaanlagen bei Außentemperaturen von fast 50
Grad verlor der staatliche Energiekonzern GECOL immer wieder die Kontrolle
über sein Stromnetz.
Experten warnen nun sogar wegen der in den nächsten Tagen erwarteten
erneuten Hitzewelle vor einem tagelangen Blackout.
Entlang der Küstenmagistrale, auf der seit Mittwoch Straßensperren den
Überlandverkehr zeitweise völlig zum Erliegen brachten, haben zahlreiche
Cafés und Restaurants, Kioske, Hotels und Industriebetriebe bereits
schließen müssen.
## Stromausfälle führen zu Insolvenzen
„Wir haben unsere durch die Hitze verdorbene Ware mit dem restlichen Müll
auf die Straße gekippt und angezündet“, sagt Mohamed Alrubi, der Besitzer
eines Fischrestaurants in Tagiura, einem Vorort von Tripolis. „Stundenlange
Stromausfälle – das klingt wie eine Lappalie. Aber zahlreiche Betriebe und
Selbstständige sind inmitten der Sommersaison plötzlich insolvent. [2][Aus
ähnlichen Gründen hat ja 2010 der Arabische Frühling begonnen].“
Premier Dbaiba trat am Mittwochabend vor die Kameras und versuchte, die
Lage zu beruhigen. Der ehemalige Geschäftsmann verkündete die baldige
Fertigstellung eines Gaskraftwerks, das mithilfe von Siemens-Technik bald
die Stromversorgung Westlibyens stabilisieren solle.
## Libyer fordern Absetzung des Premiers
Doch schon vor dem Ausfall der Stromversorgung forderte die verbliebene
Zivilgesellschaft vehement die Absetzung Dbaibas. [3][Dessen Mandat war
2022 von den Vereinten Nationen eigentlich nur auf 12 Monate festgelegt
worden], zur Vorbereitung von landesweiten Parlamentswahlen. Doch diese
verhinderte in letzter Minute das Milizenkartell in Tripolis.
Das seit 13 Jahren erstmals für das gesamte Land geltende Staatsbudget in
Höhe von fast 30 Milliarden US-Dollar fließt zum großen Teil an genau diese
Gruppen. Aber auch an die Arabisch-libysche Nationalarmee von Feldmarschall
Chalifa Haftar und den aufgeblasenen Beamtenapparat der beiden
konkurrierenden Regierungen. Die durch die extremen Wetterereignisse der
vergangenen Jahre an ihre Kapazitätsgrenze gelangte Infrastruktur Libyens
gilt als notorisch unterfinanziert.
## Zivilgesellschaft organisiert den Protest
„Durch den Ausfall elektrischer Wasserpumpen haben viele Haushalte kein
fließendes Wasser“, sagt Mohamed Tumi, ein Ingenieur, der sich bei der
Bewegung „Jugend Tagiuras“ engagiert.
Weil viele Menschenrechtsaktivisten wegen kritischer Kommentare auf
sozialen Medien in Milizengefängnissen sitzen, sind es nun
Stadteilbewegungen, die den Protest organisieren.
Der 25-jährige Tumi zeigt sich wie viele kompromisslos. „Für meine
Generation wird [4][der Klimawandel in Nordafrika] eine der größten
Herausforderungen sein. Das Geld für Bewaldung, Solarenergie und andere
technische Antworten verschwindet derzeit in den Taschen korrupter
Politiker.“
## Regierungskrise auch in Tunesien
Auch im benachbarten Tunesien hat die Hitzewelle zu einer ernsthaften
Regierungskrise geführt. Obwohl auf Djerba oder in dem Touristenort
Hammamet Touristen im Dunkeln saßen und Waldbrände so große Flächen wie
noch nie verwüsteten, wirkte der Staatsapparat wie gelähmt. Der Verband der
Hoteliers und Restaurantbesitzer spricht von massiven Einbußen bei 70
Prozent der registrierten Gastronomiebetriebe durch die reihenweise
Abschaltung des überlasteten Stromnetzes.
Weil Präsident Kais Saied mehrere Tage nicht in der Öffentlichkeit gesehen
wurde, wurde bereits über seinen Sturz spekuliert. Saieds daraufhin
öffentlich gemachten Telefonate mit Ägyptens Staatschef al Sisi und
[5][Algeriens Präsidenten Abdelmajid Tebboune] zeigten, wie ernst die Lage
scheinbar ist.
Beide versprachen, jeden Versuch der Schwächung Tunesiens zu unterbinden.
Saied sieht in der Krise eine zionistische Verschwörung. Tebboune griff
ähnlich tief in die Mottenkiste. Statt die dringend nötigen Investitionen
in die Modernisierung der Stromnetze Algeriens, Libyens und Tunesiens zu
erwähnen, will er die Nachbarländer vor der „Terrorgefahr“ schützen. Und
meinte wohl damit die Bürger auf der Straße.
31 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Mirco Keilberth
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