# taz.de -- Wirtschaft in Deutschland: Wie schlimm ist es denn nun?
> Was ist dran am Krisengerede der Lobbyverbände? Und bringen
> Sozialreformen wirklich die Volkswirtschaft in Schwung? Wir geben
> Antworten.
(IMG) Bild: Schlimm, schlimm, schlimm gehe es der deutschen Wirtschaft, wird oft geraunt. Dabei gibt es auch Lichtblicke
1 Krise, Krise, Deutschland befinde sich in einer Krise, heißt es immer
wieder. Und die Lobbyisten warnen, dass die Bundesregierung ihre Reformen
durchziehen muss, wenn die Wirtschaft nicht den Anschluss verlieren soll.
Wie schlimm ist es wirklich?
In der Tat ist die deutsche Wirtschaft lange nicht mehr [1][spürbar
gewachsen]. Die Einbrüche während der Coronapandemie und der
Energiepreiskrise konnte sie bisher nicht kompensieren, zeitweilig
schrumpfte sie sogar. Wäre die Wirtschaftsleistung seit 2020 so gewachsen
wie in den zehn Jahren davor, wäre sie jetzt um 11 Prozent höher. Für einen
durchschnittlichen Haushalt in Deutschland bedeutet das einen jährlichen
Einkommensverlust von rund 12.000 Euro, rechnet der Ökonom Tom Krebs in
seinem gerade erschienenen Buch „[2][Kapital und Krise]“ vor. Doch in
letzter Zeit scheint sich die Stimmung unter den
Konjunkturexpert*innen [3][zumindest etwas aufzuhellen].
„Die Situation ist besser, als es die öffentliche Diskussion vermuten
lässt“, sagt etwa der Direktor des Instituts für Makroökonomie und
Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien. Er veröffentlichte vor ein
paar Tagen eine neue Prognose. Darin geht er von einem Wirtschaftswachstum
von 1,3 Prozent in diesem und 1,4 Prozent im kommenden Jahr aus. Zum
Vergleich: Im Juni traute das IMK der deutschen Wirtschaft lediglich ein
Plus von 0,6 beziehungsweise 0,9 Prozent zu. Andere Ökonom*innen haben
in ähnlichem Maße ihre Prognosen angehoben.
2 Mit dem Sondervermögen für Infrastruktur und den Milliarden fürs Militär
lenkt die Bundesregierung riesige Mittel in die Wirtschaft. Ist das nicht
einfach Aufschwung auf Pump?
Natürlich sorgt auch der Staat für Aufschwung, wenn er in Straßen und Co
investiert. Damit erneuert er die Infrastruktur und bringt Geld in den
Wirtschaftskreislauf. Auch die Milliarden fürs Militär fließen weitgehend
in deutsche Konzerne. Allerdings sind laut den Expert*innen nicht die
gestiegenen Staatsausgaben der Grund für die bessere Stimmung. Zunächst
liegt sie an einem schnöden statistischen Effekt: Das Statistische
Bundesamt revidierte seine Daten. So fiel die Rezession 2024 leichter aus
als bisher angenommen. Und auch sonst zeigte sich für die Ökonom*innen
durch die Revision ein positiveres Bild der wirtschaftlichen Entwicklungen.
Vor allem aber [4][überraschte die Exportwirtschaft positiv]. Hiesige
Firmen konnten im ersten Halbjahr 2026 Waren im Wert von 817,8 Milliarden
Euro ins Ausland verkaufen. Das ist ein Plus von 3,9 Prozent. Besonders im
europäischen Ausland war „Made in Germany“ gefragt. Das konnte wettmachen,
dass die Wirtschaft nach wie vor mit US-Zöllen und wachsender Konkurrenz
aus China zu kämpfen hat.
3 Gibt es auch Risiken für den Aufschwung?
Das größte Risiko ist derzeit der [5][Krieg im Nahen Osten]. Denn er treibt
die Energiepreise nach oben. „Wir werden eine höhere Inflation haben als
bisher gedacht“, sagt Dullien. Anfangs waren seine Kolleg*innen und er
noch von einem raschen Ende [6][des Irankriegs] ausgegangen. Doch das tritt
offenbar nicht ein. Die Folge: Die Energiepreise steigen wieder. In den
letzten Tagen stiegen die Preise an den Zapfsäulen wieder auf Rekordwerte.
Dies belastet Unternehmen und Verbraucher*innen nicht nur direkt. Auch
die Europäische Zentralbank (EZB) könnte im Kampf gegen die Inflation die
Zinsen wiederum anheben. Dies machte sie seit dem Beginn des Irankriegs
schon zwei Mal. Zwei bis drei weitere Zinsschritte könnten noch folgen und
so Kredite für Unternehmen, Verbraucher*innen und die öffentliche Hand
verteuern.
4 [7][Volkswagen will Stellen abbauen], auch die anderen deutschen
Autobauer wollen sparen. Steckt die deutsche Industrie nicht doch in einer
schweren Krise?
Die Krise der deutschen Wirtschaft ist in erster Linie eine Krise der
Industrie. Und [8][die Autobranche ist deren wichtigste Branche]. Insofern
ist es auch ein Problem für die gesamte Konjunktur, wenn ein Unternehmen
wie VW kriselt und allein im ersten Halbjahr rund 280.000 Autos weniger
absetzen konnte als ein Jahr zuvor. Denn die Krise der Autobauer wirkt sich
auf den Arbeitsmarkt aus. Im ersten Halbjahr ging die Zahl der
Beschäftigten in der Branche um 5,8 Prozent auf 691.500 Personen zurück.
Das ist der tiefste Stand seit 2005. Insgesamt gingen in der ersten
Jahreshälfte 2026 im verarbeitenden Gewerbe 144.100 Jobs verloren.
Es gibt aber auch Lichtblicke: Zum einen läuft bei den deutschen Autobauern
das Geschäft mit Elektrofahrzeugen endlich an. Zum anderen gibt es auch
Zweige, in denen die Stimmung recht gut ist. Und das nicht nur in der
Rüstungsindustrie, die derzeit von staatlichen Aufträgen profitiert.
Anlässlich der bevorstehenden Tarifrunde in der Metall- und
Elektroindustrie hat die IG Metall eine Befragung durchgeführt. Sie ergab
ein durchaus differenziertes Bild der Lage in der mit rund 3,7 Millionen
Beschäftigten wichtigsten Industriebranche Deutschlands. Demnach gab zwar
jede*r fünfte Befragte an, dass die wirtschaftliche Lage des eigenen
Arbeitgebers schlecht oder sehr schlecht sei. Die Hälfte bezeichnet die
Situation im Betrieb aber als gut oder sehr gut.
5 In welchen deutschen Industriebereichen läuft es denn besser?
Besonders positiv bewerteten die Beschäftigten die Lage in Betrieben der
Luft- und Raumfahrt, der Rüstung, des Schiffsbaus, der Medizintechnik oder
der Energieerzeugung. Zudem konnten hiesige Firmen offenbar vom
[9][KI-Boom] in den USA profitieren. So mauserte sich etwa der
Laserspezialist Trumpf zum wichtigen Zulieferer der Chipindustrie. Auch der
DAX-Konzern Siemens Energy profitiert vom Bau neuer Rechenzentren. Weil
diese in den USA den Strombedarf in die Höhe treiben, boomt derzeit sein
Geschäft mit Gasturbinen.
6 Sollte die Bundesregierung die angekündigten Sozialreformen überhaupt
durchziehen, wenn es doch gar nicht so schlecht läuft in der Wirtschaft?
Vor der Sommerpause kündigte die Bundesregierung umfangreiche Reformen des
Sozialstaats an wie die Abschaffung der [10][sogenannten Rente mit 63]
sowie Einschnitte bei der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung. Die
Wirtschaftsverbände fordern, dass diese Reformen nun umgesetzt werden. Doch
Ökonom Dullien warnt: „Die Sozialstaatsdebatte ist nicht förderlich für die
konjunkturelle Erholung.“ Er verweist auf eine Umfrage, die sein Institut
durchführen ließ. Demnach schränken 42 Prozent der Befragten bereits ihren
Konsum ein, weil sie sich wegen der Sozialstaatsdebatte Sorgen um ihre
finanzielle Absicherung machen. Und diese Konsumzurückhaltung drückt
wiederum auf die Konjunktur.
7 Was wäre denn die Alternative zu den Sozialreformen?
Sebastian Dullien sagt: „Deutschland hat keine klassischen Probleme bei
preislicher Wettbewerbsfähigkeit.“ Deswegen bringe es nichts, wenn die
Beschäftigten für dasselbe Gehalt länger arbeiteten, wie es manche
Arbeitgeber derzeit fordern. Stattdessen seien die aktuellen Probleme
Folgen externer Schocks – bei den Energiepreisen und durch den
Protektionismus in China und den USA. „Deswegen braucht es statt
Lohnkostensenkungen eine entschiedenere Industriepolitik“, sagt Dullien. In
diesem Rahmen müssten die europäischen Märkte stärker vor unfairer
Konkurrenz geschützt werden. Etwa durch Schutzzölle oder durch gezielte
Förderungen bestimmter Industrien.
19 Sep 2026
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