# taz.de -- Verteidigung des Blaus: Farbe bekennen
       
       > Die AfD wirbt bekanntlich in hellem Blau. Der lasche Farbton ist mit Weiß
       > abgemischt. Dem tiefen, rasenden Pigment sind so die Zähne gezogen.
       
 (IMG) Bild: Erst im 18. Jahrhundert entdeckte man durch einen Zufall einen weiteren synthetischen Farbstoff: Preußisch oder auch Berliner Blau
       
       Man dürfe sich niemals Farben wegnehmen lassen, sagte mein Grafik-Professor
       Fons Hickmann stets. Damals, Ende der 2010er Jahre, ging es meist noch um
       Schwarz-Weiß-Rot in Kombination, doch heute, spätestens seit einer Woche,
       geht es wohl ums Blau. Eine ganze Emoji-Welt soll die AfD sich aufgebaut
       haben, mit der Sympathien und Zugehörigkeiten bekundet würden, darunter
       auch das blaue Herz.
       
       Während das Cadenabbia-Türkis der CDU, das CSU-Blau oder auch das
       sogenannte Sebastian-Kurz-Türkis der ÖVP mit Farbcodes im Internet bekannt
       sind, scheint sich die AfD nicht festlegen zu können. Kein HEX-Code und
       keine Pantone-Nummer sind zu finden für das, was sich AfD-Hellblau nennt.
       Es verwundert also wenig, wie stark die Farbe im Parteimarketing variiert,
       schaut man sich Drucksachen, Digitales oder [1][Ulrich Siegmunds lackierte
       Schwalbe] an. Allein die Ignoranz gegenüber den Feinheiten der Gestaltung
       könnte hier als Beweis für die Kulturvergessenheit der Partei gedeutet
       werden.
       
       Nur wenige Pigmente ergaben in vordigitaler Zeit ein reines Blau. Es
       entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die meisten von ihnen von weit
       herkamen, wie das erste synthetische Pigment überhaupt, das schon seit
       3.000 vor Christus hergestellte Ägyptisch Blau. Es wurde aus Sand, Kalk,
       Kupfermineral und Natron hergestellt, sein Rezept galt über mehr als
       tausend Jahre lang als verschollen. Der aus der Indigopflanze gewonnene
       Indigo stammt aus Indien, das Ultramarin des Lapislazuli aus Afghanistan.
       
       Zwar ermöglichte es auch der europäische [2][Färberwaid], eine Pflanze, die
       ausgerechnet um Thüringen herum angebaut wurde, einen Indigo-Farbton zu
       erzeugen. Doch ist die Konzentration des Farbstoffes Indigotin im Waid bis
       zu zwanzigmal geringer als im ostasiatischen Hülsenfrüchtler Indigofera
       tinctoria. Um den Farbton zu erlangen, braucht man übrigens lange,
       stinkende Fermentationsprozesse und jede Menge Urin. Erst im 18.
       Jahrhundert entdeckte man durch einen Zufall einen weiteren synthetischen
       Farbstoff: Preußisch oder auch Berliner Blau.
       
       ## Eine ganze Nachkriegskunstgeschichte
       
       Viele schon sind dem Blau verfallen, und die wenigsten von ihnen würden
       sich bequem vom engen Kulturbegriff der AfD einfangen lassen. So widmete
       die amerikanische Autorin und Heldin des autotheoretischen Queerfeminimus
       [3][Maggie Nelson] mit ihren „Bluets“ der Farbe 2009 ein ganzes Büchlein,
       darin reflektiert sie Liebe und Schmerz und (Über)leben. Der französische
       Maler und [4][Performancekünstler Yves Klein] muss vom widersprüchlich
       erotischen Potenzial im Farbton besessen gewesen sein. Für seine
       Anthropometrien ließ er in den 1960ern nackte Frauen mit in Blau getränkten
       Körpern die Leinwand bemalen.
       
       Eine ganze Nachkriegskunstgeschichte könnte man ums Blau entspinnen. So
       sprach der Künstler und Regisseur [5][Derek Jarman], an den Folgen seiner
       Aids-Erkrankung fast erblindet, 1993 in [6][„Blue“] über eine Stunde einen
       dichten, poetischen Text über ein blaues Standbild. „Blue“ ist mehr
       Hörstück als Film, Jarman überdenkt darin sein Leben, Lieben und Sterben.
       „Blue of my heart / Blue of my dreams / slow blue love / of delphinium
       days“, klingt seine Stimme aus dem Off.
       
       Rittersporn-Tage muss Jarman, dessen eindrucksvoller, exzentrischer Garten
       in Südengland bis heute erhalten blieb, geliebt haben, dieses
       Hahnenfußgewächs, dessen alldurchdringendes Blau im Spätsommer die Augen
       kühlt. Auch der Potsdamer Gärtner Karl Förster konnte nicht vom Rittersporn
       lassen: Er betrieb eine der wenigen Staudengärtnereien der DDR, erst nach
       seinem Tod 1970 wurde sie in Volkseigentum überführt. Bis dahin hatte er
       über 72 Sorten Delphinium gezüchtet oder ausgelesen.
       
       Wenigstens gegen Karl Förster wird die AfD vermutlich nichts haben: Seine
       Rolle im Nationalsozialismus ist bis heute umstritten. Und doch ist keine
       seiner Blütenfarben so flach wie die laschblaue Farbe der AfD. Welcher Ton
       auch immer es sein soll, der dort zugrunde liegt, sicher ist, er ist mit
       Weiß abgemischt. Dem tiefen, rasenden Pigment sind so die Zähne gezogen.
       Wahrscheinlich beschreibt die Partei selbst die Farbe als Himmelblau.
       
       Zum Himmel schreibt [7][Maggie Nelson] in „Bluets“: „Was mir jedoch in
       Erinnerung geblieben ist: dass das Blau des Himmels von der Dunkelheit des
       leeren Raums dahinter abhängt.“ Das stimmt zwar physikalisch nicht ganz, im
       Zusammenhang eines imaginierten AfD-Himmels klingt es aber eigentlich ganz
       logisch. Es muss ein sehr dunkler Raum sein.
       
       16 Sep 2026
       
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