# taz.de -- Sehnsuchtsort Gelsenkirchen: Ins Blau eingehen
       
       > Das Musiktheater im Revier feiert mit einer Performance die Utopien
       > seines Baus. Nebenbei rettet's so die politische Ehre der Lieblingsfarbe
       > der Romantik.
       
 (IMG) Bild: Miniaturen hat Yves Klein seine Friese im Gelsenkirchener Opernhauses genannt: Sie vermitteln eine Ahnung von einer Welt aus Blau
       
       Heejin Kims gesungenen Anweisungen zu folgen, ist ein Vergnügen: Erst
       zögerlich, aber dann mit wachsendem Enthusiasmus entledigen sich die
       Opernbesucher*innen ihres Schuhwerks und stapfen auf die blau bespannte
       Gigamatratze im Foyer des Musiktheaters im Revier, kurz MiR.
       
       Sie fläzen sich hin und schieben, ganz wie die Sopranistin fordert, ein im
       gleichen Farbton bezogenes Kissen untern Kopf. „Wir schauen nach oben“,
       psalmodiert Kim, ein seitlich postiertes Ensemble webt eine Klanglandschaft
       dazu, „wir lassen ganz los!“
       
       [1][Die Performance „Blau“] eröffnet die Opernsaison in Gelsenkirchen. Und
       während das Publikums merkt, dass es in sie kaum weniger eingesponnen ist
       als die Musiker*innen, beglänzt über seinen Köpfen eine kitschige
       Abendsonne die berühmten Ultramarinfriese [2][des Künstlers Yves Klein].
       
       Deren 140 Quadratmetern purster Farbigkeit entlockt sie weißliche
       Schattierungen und rötliche Glut, obwohl sie die nicht haben. Denn alles an
       ihnen ist ja blau, völlig blau, unendlich blau: Wird es jemals wieder etwas
       anderes geben? Sollte es denn? Wozu?
       
       Schon draußen war es losgegangen mit dem Blau, es gab ein
       Outdoorstehrümchen auf einem königsblauen Filzteppich, dahinter sind vier
       knapp fünf Meter hohe, azurfarbene Buchstaben aufgebaut: B, L, A und U. Es
       gibt blaue Zuckerwatte und von einem Profi geschminkte Gesichter in
       Schattierungen von Jeans über Lagune bis Enzian.
       
       „Nein“, sagt der neue [3][Intendant Frank Hilbrich], als die taz ihn auf
       dem Vorhof anquatscht, „wir machen hier sicher keine Parteipolitik.“ Wobei
       er es nicht falsch findet, die Performance als Aktion gegen die
       rechtsextreme Vereinnahmung der romantischen Farbe par excellence zu lesen:
       „Es ist eine Rückaneignung“, sagt er, „das ganz sicher.“
       
       Für die Rettung des Blau aber gibt es in Deutschland eben keinen besseren
       Ort als das 1959 eröffnete MiR. Dort nämlich ist sein utopischer Gehalt als
       Farbe der Möglichkeit, der Tiefe und des Traums vom Menschen am
       entschiedensten in die Realität getreten. Um, wie jede gute Utopie, an ihr
       zu scheitern.
       
       Die Ehrenrettung des Blau hat [4][das „Kommando Himmelfahrt“] unternommen,
       der Komponist Jan Dvořák und der Regisseur Thomas Fiedler. Es bedient sich
       dafür szenisch-musikalischer Ideen, mit denen der visionäre Architekt
       Werner Ruhnau und vor allem der französische Künstler Yves Klein ihren Bau
       zu einer „Schule der Sensibilität“ hätten machen wollen – im Zeichen des
       totalen Blau.
       
       ## Der Messias der Monochromie
       
       Klein (französisch nasal gesprochen) nämlich, 1962 im Alter von gerade mal
       35 Jahren gestorben, war der Messias der Monochromie. Der Menschheit hat er
       das International Klein Blue geschenkt, ein einzigartiges Ultramarin:
       Dieses reine, mit fast unsichtbarem Harz gebundene pure
       Natriumaluminosilicat-Thiosulfat-Pulver ist die einzige Substanz, deren
       Anblick allein süchtig macht.
       
       Sie eröffnet dem Auge Tiefen, wo keine sind. Sie verschlingt die
       Betrachter*innen. Mit ihr hat er auch besagte Kolossalreliefs geschaffen,
       die eine Ahnung vermitteln von jener unmöglichen, alle Linien in Blau
       auflösenden, körperlosen Welt, die Klein vorschwebte. Mit Eingaben an
       sowjetische und amerikanische Akademien, an UN-Institutionen und in Briefen
       an Nobelpreisträger hat er ihre Herstellung mit Nachdruck eingefordert.
       
       Am Ende trifft das Publikum wieder zusammen, im großen Theatersaal. Zuvor
       hatte es, in die vier Gruppen L, A, U und B aufgeteilt, von Sänger*innen
       geführt, das Gebäude erkundet. Es hatte singen gelernt.
       
       ## Fesselndes Theater
       
       Es war zu den Klängen eines Tenorsaxofonsolos Judokas begegnet, es hatte
       mit einem gigantischen goldenen Schwungtuch die Immaterialität in die
       Wahrnehmung gehoben und zuvor auf der Studiobühne das „Theater der Leere“
       erlebt.
       
       Das ist ein von Klein auch für Gelsenkirchen verfasstes Antistück: Ohne
       Handlung, Requisiten oder Akteur*innen beginnt es mit der per
       Übertitelanlage in den Saal gegebenen Bitte um Verständnis dafür, dass man
       die Zuschauer*innen nun an ihre Sitze fesseln müsse, „zu Ihrer eigenen
       Sicherheit“.
       
       Das ist nur logisch. Denn wo Leere sich auftut, die in diesem Denken nur
       ein anderes Wort ist für die magische Räumlichkeit der Farbe, entsteht
       Unterdruck. Der ist hier so gewaltig, dass sich ihm niemand widersetzen
       könnte. Er müsste alle, die da wandeln, hineinreißen ins beglückende Blau.
       Und das will man nicht. Auch wenn es doch so schön wäre.
       
       11 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [2] /Verteidigung-des-Blaus/!6208035
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       ## AUTOREN
       
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