# taz.de -- Wahlverhalten in Sachsen-Anhalt: Es sind Faschisten – und nicht bloß unglückliche Dödel
       
       > Niemand, der die AfD wählt, soll sich auf Frustration und Zukunftsängste
       > berufen. Wer Faschisten wählt, nimmt freudig die Jagd auf Andersdenkende
       > auf.
       
 (IMG) Bild: Mit Vollgas Richtung Faschismus
       
       Die Wahllokale in Sachsen-Anhalt waren gerade erst eröffnet, da setzten
       schon die verharmlosenden Sprachspiele ein, die stets wie eine tibetanische
       Gebetsmühle in Schwung gebracht werden: Sind ja nicht alles Nazis, die
       meisten AfD-Wähler seien einfach frustriert. Doch nach diesem Wahlkampf
       kannte wohl jeder die radikalen Figuren hinter dem [1][dauergrinsenden Uli]
       mit dem Hamsterblick. Jede Wählerin konnte wissen, welch eine radikale
       Partei die AfD in Sachsen-Anhalt ist. Niemand hat sich hier aus Frust
       verwählt.
       
       Wer im vollen Bewusstsein eine faschistische Partei wählt, ist ein
       Faschist, und nicht bloß ein unglücklicher Dödel, der nicht weiß, was er
       tut. Gewiss wäre die Sache weniger katastrophal ausgegangen, wenn es nicht
       ein gut begründetes Gefühl der Verunsicherung, Zukunftsangst und auch
       Kränkungen gäbe, die viele Menschen empfinden; vermutlich wäre es auch
       glimpflicher gekommen, würde in Berlin nicht [2][eine weitgehend
       dysfunktionale Koalition] regieren, mit Friedrich Merz an der Spitze, der
       personifizierten Unfähigkeit.
       
       Aber nichts davon schafft die Verantwortung der Wählerinnen und Wähler aus
       der Welt, die bereit waren, bei Hasspredigern ihr Kreuz zu machen – und die
       das sogar noch in weiten Teilen mit Begeisterung taten. [3][43,8 Prozent in
       Sachsen-Anhalt], das ist wie ein Beweis aus dem Labor, wie die Verwandlung
       von Menschen geschieht, wie man sie durch Agitation und Propaganda dazu
       bringt, die Häme, die Bösartigkeit zu bejubeln und die Freude daran, Rache
       an den scheinbaren Feinden zu nehmen.
       
       Seien das Künstler, innere Feinde, die „Betrüger“ aus den „Altparteien“,
       die Ausländer, wer auch immer. Die Agitation und Propaganda, mit der die
       Faschisten und ihre Helfershelfer in Boulevard und Pseudomedien die
       Menschen Tag für Tag beschießen, versetzt diese in einen Zustand
       permanenter Erregung und Empörung und in eine paranoide Pseudorealität,
       indem ihnen in den Kopf gehämmert wird, dass die Welt ein düsterer Ort ist,
       in dem sie täglich unter die Räder kommen; ein Gewaltpfuhl und
       Kriminalitätsloch.
       
       ## Sadismus ersetzt Empathie
       
       Im zweiten Schritt wird ihnen erklärt, dass das nicht einfach ein
       beklagenswerter Prozess ist, sondern hinterhältig von sinistren Kräften und
       betrügerischen Feinden des Volkes so eingefädelt wird. Dann aber, drittens,
       wird ihnen zugerufen: Die Rettung naht, in Gestalt des Anführers oder der
       Gruppe an Heilsbringern, die nicht nur die Erlösung bringen, sondern mit
       den Kräften des Bösen abrechnen werden. Was diesen angetan werden wird, das
       ist sogleich Gegenstand lustvoller Ausmalung, von Grausamkeitsrausch und
       Härteekstase.
       
       Mit der Botschaft der Angst und dem Schüren der Lust an der Grausamkeit
       werden die Menschen allmählich in andere verwandelt. Empathie wird
       ausgeschaltet, Sadismus gesteigert, und bei allen anderen wird ein Prozess
       der Gewöhnung verstärkt. Der [4][Prozess der Faschisierung] ist ohne diese
       Massenpsychologie nicht zu verstehen, zumal die Anhängerschaft nicht
       einfach „verführt“ ist, sondern mit ihrem hoch affektiven Mittun sich
       wechselseitig auch noch radikalisiert.
       
       Anhänger werden in Wütende verwandelt, in Raserei versetzt, das
       Ressentiment wird ihnen zur zweiten Natur, die Verbitterungsstörung zu
       einem zentralen Charakterzug. Zugleich kann das auch, wie wir sehen, mit
       Euphorie einhergehen. Studien haben gezeigt, dass Menschen, kommen sie in
       die Fänge dieser Agitation, zunächst deutlich unglücklicher werden – bis
       sich die (Un-)Glücklichkeitskurve wieder leicht nach oben bewegt.
       
       Der Zornesmensch, dessen Negativismus radikalisiert wird, empfindet ein
       Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe der anderen Rasenden, was seine Stimmung
       wieder hebt. Dieses Gemeinschaftsgefühl hat man in diesem Wahlkampf gut
       erkennen können, nicht zu Unrecht haben Beobachter beschrieben, dass die
       AfD-Kampagne Züge einer euphorischen „Bewegung“ angenommen hatte.
       
       ## Nur keine abfälligen Kommentare
       
       Da man dies alles ohne das Vokabular der Massenpsychologie gar nicht
       akkurat beschreiben kann, wird man die Verwandlung der Anhänger in Rasende
       und Verbitterte nicht verstehen können ohne die Begrifflichkeiten der
       Psychologie. Ironischerweise bekommt man gelegentlich zu hören, man solle
       doch Menschen mit anderen als den eigenen Ansichten nicht pathologisieren.
       Was natürlich theoretisch richtig wäre, wenn es sich bloß um Ansichten
       handeln würde und nicht mit hohem affektivem Furor vorgetragene
       Besessenheiten.
       
       Aber gerade diese sind es ja, die die Anhänger der faschistischen
       Bewegungen zu erbitterten Gefolgsleuten machen. Die Agitation zielt direkt
       auf deren psychischen Apparat. Und im Übrigen wissen wir natürlich auch aus
       anderen, persönlicheren Krisen, was Instabilität, Reizbarkeit, Verdunklung
       des Seins, chronische Belastungen und anders mit uns machen können, nämlich
       eine schleichende Verwandlung unseres Wesens. Genauso ist es da, wo sich
       das Soziale und das Individuum kreuzen.
       
       Somit ist die politische Krise, in der eine Gesellschaft steckt, in der
       abermals Rechtsradikale einen solchen Zuspruch erfahren, eine, die in einem
       eminenten Sinne „Heilung“ verlangt als bloß im metaphorischen. Man kann
       beinahe sagen, dass es eine Maxime aus dem Themenkreis des „Woken“ geworden
       ist, nur ja nichts Abwertendes über den psychischen Zustand von Menschen zu
       sagen, während die Rechtsradikalen sich verständlicherweise dagegen wehren,
       irgendwie als durchgeknallt dargestellt zu werden.
       
       Lustigerweise ist das wahrscheinlich die einzige Thematik, bei der es eine
       Woke-Faschisten-Allianz gibt. Theodor W. Adorno hat in einer Ära ohne
       solche Empfindsamkeiten, Jahrzehnte nach den „Studien über den autoritären
       Charakter“ in der 60er-Jahre-Bundesrepublik davon gesprochen, dass das
       Individuum, das den Autoritären nachläuft, „ähnlich wie in einer bestimmten
       Form der Geisteskrankheit, nämlich in der Paranoia“ gefangen ist und in
       einen Zustand gerät, in dem die „Aggression kein Ende“ nähme.
       
       Der Rechtsradikalismus verspricht seinen Anhängern sadistischen Lustgewinn.
       Brandmauern gegen Parteien reichen nicht. Die halten nicht ohne Dämme gegen
       die Gefühlsrohheit.
       
       9 Sep 2026
       
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