# taz.de -- Ausstellung über jüdische Kunstsammler: Rekonstruktion eines Mosaiks
> Das Bucerius Kunst Forum Hamburg hat vom NS-Staat geraubte Kunst
> jüdischer Familien rekonstruiert. Es versammelt sie zu einer historisch
> klugen Schau.
(IMG) Bild: Aus der Sammlung Max Emden: Edvard Munch, „Alter Fischer mit Tochter“, 1902
Sie waren so schnell und kalt zerstört – und so mühsam wieder
zusammenzubringen: Mehrere Jahre haben die KuratorInnen des [1][Hamburger
Bucerius Kunst Forums] gebraucht, um Sammlungen jener Familien vor 1945 zu
rekonstruieren, die vom NS-Regime ausgegrenzt, enteignet und beraubt
wurden.
Für die Schau „Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in
Deutschland“ haben Bucerius-Direktorin Katrin Baumstark und der Journalist
Stefan Koldehoff Gemälde, Grafiken und Skulpturen von 15 eher unbekannten
Sammlerfamilien ausfindig gemacht und herangeholt.
Da es hunderte Sammlungen gab, hat man ein neutrales geografisches
Kriterium gewählt und einen biografischen Parcours von Hamburg über Berlin,
Köln, Stuttgart bis ins damals deutsche Breslau erstellt. Nicht alle, aber
viele Mitglieder dieser Bankiers- und Unternehmerfamilien konnten durch den
Verkauf von Bildern ihre Flucht finanzieren und überlebten die Schoah im
Exil.
Allerdings mussten sie unter finanziellem und politischem Druck stark unter
Wert verkaufen. Weitere Werke wurden vom NS-Regime konfisziert, etwa für
die Privatsammlungen von Adolf Hitler und anderen NS-Granden. Das geschah
teils in letzter Minute aus den [2][als Liftvans bezeichneten Seekisten]
heraus, die den Geflüchteten ins Exil nachreisen sollten.
Wer damals verkaufte und kaufte, wusste Bescheid: „[3][Nichtarischer
Besitz]“ musste seit 1934 in den Auktionskatalogen stehen; alle Beteiligten
kannten also die Herkunft der Werke. Die zerstreuten sich weltweit. Als
Überlebende und Nachfahren zurückkehrten oder aus dem Exil anfragten,
fanden sie oft nichts vor oder wurden mit Ausflüchten abgespeist.
Aus dieser Zerstreuung hat das Bucerius Kunst Forum rund 100 Artefakte nach
Hamburg geholt. Aus deutschen Sammlungen, aber auch aus Japan, den USA,
Kanada, Großbritannien, Schweden, der Schweiz sind Werke gekommen, als
spiegelten sie Flucht und temporäre Rückkehr ihrer Eigner.
Da diese Familien in den 1920er Jahren meist progressiv sammelten, ist in
Hamburg eine Schau exquisiter, selten gezeigter Werke entstanden. Sie
reichen von Vincent van Goghs „Mädchen mit zerzaustem Haar“ über sinnlich
blaue Landschaften Ferdinand Hodlers bis zu [4][Paula Modersohn-Beckers
einzigem Selbstbildnis mit Pinsel]. Schmerzhaft nah wirkt Edvard Munchs
„Alter Fischer mit Tochter“; George Braques „Strand von Dieppe“ geht im
Wortsinn der Leinwand auf den Grund.
Jeder Sammlerfamilie ist ein eigener Raum gewidmet, ergänzt um ausführliche
Biografien. Das ist wichtig, denn diese Schau dient auch der
Wiederverbindung der Bilder mit ihren Eigentümern. Sie versucht die
Rekonstruktion eines Mosaiks, das vom NS-Regime zerschlagen worden war.
Denn Kunst sammeln heißt: mit Bildern leben, in ihnen Heimat finden. Sie
zum Teil der eigenen Biografie, zu Gefährten machen, von denen man sich
ungern trennt.
Die Familien seien dankbar gewesen, als man ihr Einverständnis erbat, sagt
Koldehoff. „Sie haben sich gefreut, dass sich jemand ihrer Vorfahren
erinnert.“ In der Tat ist Maeva Emden, Urenkelin des Hamburger
Kaufhausketten-Besitzers, Kunstsammlers und Mäzens Max Emden, sehr gerührt,
die Bilder ihres Urgroßvaters jetzt in dessen Heimatstadt Hamburg vereint
zu sehen.
Max Emden emigrierte 1933 in die Schweiz. In den Folgejahren beschlagnahmte
das NS-Regime Grundstücke und Vermögen, nötigte ihn zu
[5][Zwangsverkäufen]. Unter finanziellem Druck verkaufte Emden daraufhin
einige der ins Exil geretteten Kunstwerke. Nach seinem Tod 1940 wurde
seinem Sohn vom NS-Regime die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Zur
Finanzierung seiner Flucht nach Südamerika war er gezwungen, weitere
Objekte zu veräußern.
Max Emdens in Chile aufgewachsene Urenkelin Maeva Emden kam in den 1990ern
zum Studium nach Deutschland. Sie lebt seit 15 Jahren in Hamburg. Wie
andere Sammlerfamilien kämpfen die Emdens seit Jahrzehnten um Restitution,
mit Teilerfolgen. In Emdens Fall argumentierte man lange, er sei, da zum
Protestantismus konvertiert, kein Jude gewesen.
Dabei war bekannt, dass ihn das NS-Regime als Juden gegängelt hatte. Weiter
hieß es, die Bilder seien aus der „sicheren Schweiz“ heraus verkauft
worden. „Wir müssen also nachweisen, dass es eine durch das NS-Regime
verursachte Notlage war“, sagt Maeva Emden. „Außerdem ist mein Großvater in
der [6][Schweiz von der Gestapo] bedroht worden – so sicher war sie also
nicht.“ Dabei ist ihr stets bewusst, „dass es ein Privileg war, so die
Flucht finanzieren und überleben zu können. Sechs Millionen andere
Schoah-Opfer hatten diese Chance nicht.“
Für die Emdens brachte dann der Film „Leben ist auch eine Kunst“ über Max
Emdens Leben 2018 Bewegung in die Forderung nach Restitution zweier Gemälde
des Venezianers Bernardo Bellotto, bekannter als Canaletto. „15 Jahre haben
wir darum gekämpft, aber die Bundesregierung weigerte sich, der zuständigen
Beratenden Kommission beizutreten“, sagt Maeva Emden. Erst 2019 wurden die
Bilder restituiert.
Die Sammlung des Schweizer Rüstungsfabrikanten und NS-Profiteurs [7][Emil
Georg Bührle] dagegen, seit 2021 im öffentlich finanzierten Kunsthaus
Zürich ansässig, weigert sich, Claude Monets „Mohnfeld bei Vétheuil“
zurückzugeben. Man sei damals kein NS-Staat gewesen und nicht zuständig, so
das Argument.
Dabei hat auch die Schweiz 1998 die „[8][Washingtoner Erklärung]“
unterschrieben und sich verpflichtet, „NS-verfolgungsbedingt entzogene
Kunstwerke zu identifizieren und gerechte und faire Lösungen mit den
Eigentümer:innen oder ihren Erbinnen und Erben zu finden“. Ähnlich
zögerlich geht Hamburgs Senat mit dem geraubten Immobilienvermögen der
Emdens um.
Der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) begründete die Weigerung,
über eine Rückgabe der Grundstücke auch nur zu verhandeln, mit Verweis auf
ein Wiedergutmachungsverfahren der 1950er Jahre. Das sei schließlich
abgeschlossen. „Wir als Familie haben das Verfahren nie eingestellt“, sagt
Maeva Emden.
Wie ihr erging es vielen Familien, hängen im Essener Museum Folkwang doch
bis heute ungeklärte Werke der Sammlung Hirschland; erst jüngst hat hier
die Provenienzforschung begonnen. Frankfurts Städelsches Kunstinstitut
wiederum deklarierte sechs geliehene Bilder der Sammlung Nathan den Erben
gegenüber zunächst als „Schenkung“. Inzwischen gab es einen Vergleich.
Weiterhin anhängig ist die Restitutionsforderung der Sammlerfamilie Lessing
nach [9][Lovis Corinths Stillleben „Bunte Wicken und Rosen“]. Das Sprengel
Museum Hannover bezweifelt trotz eidesstattlicher Erklärung der Nachfahren
die Besitzverhältnisse. Dennoch hat man das Bild für die Hamburger Schau
ausgeliehen.
## Nicht alle wollten leihen
Übrigens konnten nicht alle SammlerInnen wohlhabend im Exil weiterleben.
[10][Rosa Schapire], die 1904 als eine der ersten Frauen in Kunstgeschichte
promovierte, förderte als Rezensentin maßgeblich die „Brücke“ und
insbesondere Karl Schmidt-Rottluff.
Mittellos floh sie 1939 nach London, nahm – keiner weiß, wie – etliche
Werke mit. Gestorben ist sie 1954 in London, in der ersten, von ihr
organisierten Schmidt-Rottluff-Ausstellung Großbritanniens. Deren zentrales
Porträt ist derzeit anderweitig verliehen, soll aber ab November die
Hamburger Schau bereichern.
Wobei nicht alle Museen und Sammler bereit waren, Bilder für eine
Ausstellung zu diesem Thema zu geben. „Einige sagten, sie wollten keine
schlafenden Hunde wecken“, sagt Kuratorin Baumstark. Man fürchtete wohl
Rückgabeforderungen.
Dabei ist dies gar keine Ausstellung über Restitution. Sie klagt nicht an,
sondern zeigt, ohne die Tragik zu leugnen, die Kulturleistung dieser
Sammler und die Lücke, die sie hinterließen. Und in einer Ausstellung den
Blick auf diese Werke und ihre einstigen Besitzer zu wenden – das ist
erstmalig und neu. Es berührt einen, inmitten all dieser Bilder und
Biografien stehend, ganz unmittelbar.
21 Sep 2026
## LINKS
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(DIR) [7] /NS-Raubkunst/!6020461
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(DIR) [9] /Umgang-mit-NS-Raubkunst/!6064243
(DIR) [10] /Ausstellung/!5154414
## AUTOREN
(DIR) Petra Schellen
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