# taz.de -- AfD-Sommerinterviews: Die Nöte der Landwirte kommen in der AfD-Spitze nicht an
> Hitze, Dürre, Missernten? AfD-Chef Tino Chrupalla hat dieses Jahr einen
> ganz normalen Sommer erlebt. Fakten zu einer Wahrnehmungsstörung.
(IMG) Bild: Ganz normaler Sommer: Ein Landwirt bearbeitet mit seinem Traktor ein abgeerntetes Getreidefeld in Mittelfranken
Egal, ob sie biologisch wirtschaften oder konventionell, ob groß oder klein
– „die Liquidität der Agrarbetriebe in Sachsen-Anhalt ist äußerst
angespannt“, sagt Erik Hecht, Pressereferent des Landesbauernverbandes. Die
kürzlich vorgestellte Erntebilanz nannte die Situation beim Winterraps
„katastrophal“, an Winterweizen ernteten die Landwirte rund zehn Dezitonnen
weniger als im jährlichen Durchschnitt. Grund für das Ernteergebnis sei
„maßgeblich die Hitze in Kombination mit den viel zu geringen
Niederschlagsmengen zur Wachstumszeit“, so der Landesbauernverband.
Diese Nöte der Betriebe kennt die Führungsetage der AfD augenscheinlich
nicht. Als die ARD im Sommerinterview mit Partei-Chef Tino Chrupalla einen
Videoschnipsel des sachsen-anhaltischen Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund
einspielte, in dem dieser jubelte „Endlich ist der Sommer zurück, endlich
ist er da, der Klimawandel“, schmunzelte der Interviewte und sah keinen
Widerspruch zu „seinen Aussagen“ zum Klimawandel. Er sehe für diesen Sommer
keinen exorbitanten Unterschied im Vergleich zu anderen Jahren, so
Chrupalla.
„Mit 34 Zentimetern war das Wasser der Elbe am Pegelstand Strombrücke in
Magdeburg in diesem Sommer so niedrig wie noch nie seit Messbeginn“, sagt
Karsten Rinke, der das Department Seenforschung am Helmholtz-Institut für
Umweltforschung (UFZ) leitet. Gemessen wird dort seit 1727. Der
Niedrigwasser-Rekord davor lag bei 45 Zentimetern Pegelstand – das war in
den Dürrejahren 2018 bis 2022.
„Die Elbe ist ein ausgesprochen sommertrockener Fluss, aber diese
Größenordnung haben wir in der Vergangenheit nie erreicht“, sagt Rinke.
Schon immer sei die Elbe in zwei bis vier Wochen in den Sommermonaten nicht
schiffbar gewesen. „2025 war sie es ein halbes Jahr lang nicht“, so Rinke,
„in Magdeburg habe ich schon lange kein Schiff mehr gesehen.“
## Das gesamte Einzugsgebiet der Elbe trocknet aus
Der Fluss und die Fische darin könnten mit dem Niedrigwasser
vergleichsweise gut umgehen. „Wer leidet, ist die Landschaft um den Fluss,
die Auen, aber auch die Wälder und Äcker“. Das gesamte Einzugsgebiet der
Elbe trockne aus, „die Bäume im Auenwald, aber auch in den Forsten der
Mittelgebirge sterben ab“. Zugleich sei zu beobachten, dass wärmeliebende
Pflanzen, Fische und Insekten einzögen, kälteliebende abwanderten. „Der
Wels kommt, die Quappe geht“, so Rinke.
Geht sie, weil halt gerade mal die Sonne heißer scheint? Der Klimawandel,
sagten sowohl Chrupalla als auch seine Co-Chefin Alice Weidel in ihren
Sommerinterviews, sei überwiegend nicht menschengemacht. Die
diskussionsfreudigen Wissenschaftler des Weltklimarats (IPCC) hingegen
haben sich schon in einer Metastudie von 2023 auf den Anteil festgelegt,
den der Mensch an der Erderwärmung hat. Im Zeitraum 2010 bis 2019 ist die
globale Oberflächentemperatur im Vergleich zu 1850 bis 1990 um etwa 1,1
Grad Celsius gestiegen. [1][Im Detail ist es kompliziert, aber geschätzte
1,07 Grad werden menschlichen Einflüssen, etwa durch die Verbrennung
fossiler Brennstoffe oder der Trockenlegung von Mooren, zugeschrieben.]
Natürliche Antriebe und interne Klimaschwankungen hatten dagegen im
betrachteten Zeitraum nur einen vergleichsweise kleinen Einfluss. Die
menschliche Einflussnahme auf Atmosphäre, Ozean und Land sei „eindeutig“,
so der Weltklimarat damals.
[2][Was der Mensch zerstört, kann er auch heilen: Um mehr Wasser zu halten,
sei zum einen eine großflächige Entsiegelung nötig,] fordert Seenforscher
Rinke. Regenwasser dürfe nicht schnellstmöglich abgeleitet werden und damit
ins Meer abfließen, sondern müsse im Boden versickern. Zudem müssten
Drainagen auf Äckern und Wiesen beseitigt werden, um auch dort das Wasser
zu halten. Sachsen-Anhalt habe sich dazu schon auf den Weg gemacht und sein
Wassergesetz novelliert. „Das Problem ist erkannt, die Theorie klar – doch
die Praxis sei teuer und langwierig, so Rinke.
## Energie aus Braunkohle ist volkswirtschaftlich sinnlos
In der Theorie klar, in der Praxis unbrauchbar – das gilt für die
energiepolitischen Vorstellungen Chrupallas und Hans-Thomas Tillschneiders,
dem Vize-Parteichef in Sachsen-Anhalt. Dieser teilt im Interview per Video
mit, Deutschland müsse auf Strom aus Kohle und Atomkraft setzen, um
ausreichend Energie für Klimaanlagen zur Verfügung zu stellen. Chrupalla
kritisiert die CO2-Abgabe, die Energie unnötig teuer mache.
„Der ökonomische Kern der Idee der AfD ist, dass man das Land dauerhaft mit
preisgünstigem Strom aus heimischer Braunkohle versorgen kann“, sagt Norman
Gerhardt, Abteilungsleiter Energiewirtschaft und Systemanalyse beim
Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik in
Kassel. Das Argument: Gäbe es keinen CO2-Preis, wäre die Braunkohle aus
volkswirtschaftlicher Sicht unschlagbar.
„Allein mit den bestehenden erneuerbaren Anlagen haben wir heute häufig zu
viel Strom“, sagt Gerhardt, „vor allem im Frühling und im Sommer wissen wir
im Strommarkt kaum, wohin damit, und gerade in Ostdeutschland schränken
Netzengpässe den Betrieb von Kohlekraftwerken ein.“ Es macht
volkswirtschaftlich keinen Sinn, bestehende Solar- und Windkraftanlagen bei
einem Überangebot herunterzufahren, denn sie sind im Betrieb viel günstiger
als Kohlekraftwerke.
Zudem verursache längst nicht mehr der Ausbau der erneuerbaren Energien
hohe Kosten, sondern der Ausbau des Stromnetzes. „Hier sollten wir auf die
Digitalisierung der Netze setzen, wir müssen Flexibilitäten erschließen und
kleinteilig die Verteilnetze in jeder Region effizient ausbauen und
betreiben. Ein Beispiel wäre Wind- und Solaranlagen gemeinsam mit
Batteriespeichern mit einer reduzierten Leistung an das Netz anzuschließen,
nicht separat. „Da kommen viele Sachen zusammen“, sagt Gerhardt.
24 Aug 2026
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