# taz.de -- Sommerinterviews mit der AfD: Shit-Show ohne Realitätsabgleich
> Klimakrise, Migration, angeblicher Wahlbetrug: Chrupalla und Weidel
> punkten mit Desinformation. Zurückgelehnte Live-Interviews funktionieren
> so nicht.
(IMG) Bild: Alice Weidel beim Sommerinterview 2026 des ZDF: Wo ist das Zentrum für politische Schönheit, wenn man es mal braucht?
Der Faktencheck, den das ZDF-„Sommerinterview“ mit AfD-Chefin Alice Weidel
verdient hätte, wäre eigentlich der Adenauer-Bus des Zentrums für
politische Schönheit gewesen, der im letzten Jahr ausdauernd das Gespräch
mit [1][„Scheiß-AfD“-Chorälen beschallt hatte]. Das hätte den abermals zum
Scheitern verurteilten Versuch, die rhetorische Dampfwalze Alice Weidel im
Live-Interview mit Fakten, Argumenten und Fangfragen einzuholen, derart ins
Surreale überführt, das zumindest ein bisschen Unterhaltung dabei
herumgekommen wäre.
Aber so waren auch die diesjährigen AfD-Sommerinterviews eigentlich wie
immer: Erst „Flood the zone with shit“ („Flutet die Zone mit Scheiße“) frei
nach dem rechtsextremen Strategen Steve Bannon und anschließend der gewohnt
hilflose Versuch, die rausgehauenen Verdrehungen, Falschangaben und offenen
Lügen einzuordnen. Ist ein Fakt eingeordnet, hat Weidel in zwei Nebensätzen
schon wieder drei neue abenteuerliche bis rassistische Behauptungen
aufgestellt. Irgendwas bleibt immer hängen.
Am Sonntag scheiterten gleich zwei Top-Journalist*innen der größten
[2][öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen] „Tagesschau“ und „ZDF
heute“ nacheinander, die AfD-Bundesvorsitzenden argumentativ zu stellen und
einzufangen. Der Mehr- und Erkenntniswert hielt sich wie gewohnt in
Grenzen.
Immerhin ließen sich in den Gesprächen einmal mehr die unterschiedlichen
Ebenen beobachten, auf denen die AfD kommuniziert. Da ist zum einen Tino
Chrupalla, der stets darauf bedacht ist, harmlos, nahbar und anschlussfähig
zu wirken – der Malermeister aus dem Volke.
## Good cop, bad cop
Zwar fordert auch Chrupalla auf AfD-Kundgebungen schon mal das Schafott für
die SPD, hat sich wie auch Weidel selbst das Gehalt auf 24.000 Euro
monatlich verdoppelt und den Lackiereranzug schon lange mit
Bundestagslimousine und Maßanzug getauscht. Aber für einen Teil der
Wählerschaft, die in der extrem rechten Partei gerade mal eine etwas
schärfere CDU erkennen wollen, zieht das trotzdem. Zumal sich Chrupalla
dank Medientraining kaum noch verhaspelt und mittlerweile in der Lage ist,
sich aus den haarsträubendsten Widersprüchen herauszuaalen und dabei auch
noch freundlich dreinzublicken.
Und für die niederen Gefühle und Emotionen der Kernklientel bulldozert
Weidel dann über die Einordnungsversuche und das hilflose Nachhaken des
Moderatoren hinweg, um auf ihr Lieblingsthema zu kommen: die „Flachzangen“
der CDU und der SPD. Es ist ein bisschen guter Cop und böser Cop, was
Weidel und Chrupalla am Sonntagabend zur besten Sendezeit im sanften
Sommerinterviewsetting zwei Wochen vor einer der einschneidensten
Landtagswahlen der Nachkriegsgeschichte spielen.
## Nicht anwesend: die Realität
Hitzeschutz wird bei Weidel in diesem Sommer zum Backofen gewordenen
Innenstädten mal eben zum ganzen Zeugs, das abgeschafft gehört. Auch bei
Chrupalla existiert die menschengemachte Klimakrise nicht, wenn er
Hitzetoten, Niedrigwasser und schmelzenden Autobahnen ignoriert und von
einem „ganz normalen Sommer“ fabuliert. Die Realität spielte auch jenseits
der Klimakrise in beiden TV-Studios eine untergeordnete Rolle.
Der parallel angebotene Faktencheck [3][rückte zwar einige Dinge gerade],
aber der wird den TV-Zuschauern ja gerade nicht mitgeliefert, [4][sondern
muss extra aufgerufen werden]. Das bleibt ein Problem besonders bei
Politiker*innen, deren gezielte Strategie Desinformation und Lügen sind.
Und davon gab es jede Menge: Da sind etwa viele standardmäßig aus dem
Zusammenhang gerissene Zahlen zu abgelehnten Asylbewerbern und zu möglichen
Abschiebungen. Der „kulturfremde“ Facharzt aus Syrien müsse sich natürlich
keine Sorgen machen, abgeschoben zu werden, versprach Chrupalla – dabei
klingt das Wahlprogramm in Sachsen-Anhalt deutlich anders.
Bei Weidel klang es zeitweise sogar so, als wenn sie Einbürgerungen am
liebsten rückabwickeln würde: „Wir müssen aufhören, diese Menschen
einzubürgern, die eigentlich unser Land verlassen müssen“, sagte sie mit
Blick auf Syrer – während sich die [5][Beschäftigungsquote von
Syrer*innen in Deutschland immer weiter der deutschen Bevölkerung
annähert]. Und eingebürgert wird in der Regel nur, wer seinen eigenen
Lebensunterhalt verdient und mithin in die Sozialsysteme einzahlt. Weidel
log stattdessen dreist, dass 306.000 Arbeitslose eingebürgert worden seien.
Eine Meldung aus dem Reich der Fantasie, [6][beziehungsweise vom
rechtsradikalen Krawallportal Nius].
## Genial: die unwiderlegbare unbelegte Behauptung
Noch dreister wurde es beim Thema Briefwahl: Hier insinuierte der
AfD-Parteichef strukturellen Betrug in Pflegeheimen, wie es zuletzt auch
der Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt tat. Beide taten dies
ausdrücklich ohne Belege, was sich schon deswegen nicht widerlegen lässt.
Chrupalla sagte, er könne die Fälle nicht überprüfen, für ihn sei es aber
unstrittig, dass es diese Fälle gebe. Warum nicht einfach mal eine
unbelegte Behauptung trotzdem so behaupten? Da hilft auch kein Faktencheck.
Im Bereich der Fantasie liegt auch, dass sich ehemalige Kader der
neonazistischen Heimattreuen Deutschen Jugend – wichtige Strippenzieher von
Siegmund – sich von ihrer neonazistischen Organisation distanziert hätten.
Das Gegenteil ist richtig: [7][Die taz recherchierte], dass Kinder eines
AfD-Justiziars und -Ortsbürgermeisters wiederum an ähnlichen völkischen
Gruppen wie „Jungadler“ teilnahmen.
Apropos rassistische Ideologie: Wegen der Vorfälle in Ceuta fordert Weidel
neben den üblichen Schauermärchen vom kriminellen Ausländer den Ausstieg
aus dem Schengenraum. Dabei verschweigt sie dreist, dass kaum ein
Flüchtling von dort das europäische Festland erreicht haben dürfte – und
Ceuta gar nicht zum Schengenraum gehört.
Ebenso behauptete sie pauschal, dass Deutschlands Grenzen offen seien –
wobei SPD und CDU sie seit 2024 kontrollieren lassen und
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sogar mutmaßlich rechtswidrig
Asylbewerber zurückweist. Der wiederum könnte langsam mal bemerken, dass
sich die AfD so jedenfalls nicht wegregieren lässt. Dann hätte wenigstens
einer was gelernt aus diesem Sommerinterview.
24 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Protest-gegen-Alice-Weidel/!6098806
(DIR) [2] /Sommerinterview-mit-Chrupalla-und-Weidel/!6206742
(DIR) [3] https://www.tagesschau.de/faktenfinder/sommerinterview-faktencheck-chrupalla-100.html
(DIR) [4] https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/sommerinterview-weidel-faktencheck-100.html
(DIR) [5] https://de.statista.com/infografik/35431/anteil-der-erwerbstaetigen-gefluechteten-aus-syrien-nach-aufenthaltsdauer-in-deutschland/
(DIR) [6] https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/sommerinterview-weidel-faktencheck-100.html
(DIR) [7] /Voelkische-Gruppe-indoktriniert-Kinder/!6186647
## AUTOREN
(DIR) Gareth Joswig
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