# taz.de -- Urteil nach Messerattacke: Kein Mord, kein Rassismus
       
       > Ein AfD-Anhänger ersticht Ayoub F. auf dem Weg zur Moschee. Das Gericht
       > verurteilt ihn zu zehn Jahren Haft. Ein rassistisches Tatmotiv will es
       > nicht erkennen.
       
 (IMG) Bild: Das Landgericht in Lüneburg
       
       „13 Jahre durfte ich meinen Sohn Ayoub nicht in Deutschland besuchen. 13
       Jahre konnten wir uns nur über Facetime sehen“, sagt Kheir Eddine F. „Erst
       jetzt, nachdem Ayoub ermordet wurde, habe ich ein Visum bekommen. Dabei
       haben wir immer auf ein Wiedersehen gehofft.“ Ruhig und aufmerksam
       verfolgte der Rentner aus einer algerischen Kleinstadt die
       Urteilsverkündung [1][zum gewaltsamen Tod seines ältesten Sohns am
       Landgericht Lüneburg].
       
       Die 1. Große Strafkammer des Gerichts verurteilte den 26-jährigen Daniel F.
       wegen Totschlags an Ayoub F. zu einer Haftstrafe von zehn Jahren. Mit dem
       Strafmaß folgte das Gericht der Staatsanwaltschaft. Diese hatte am
       vorletzten Prozesstag auf Totschlag plädiert und zum Motiv explizit
       festgestellt: „Ohne eine fremdenfeindliche Einstellung des Angeklagten wäre
       es nicht zu der Tat gekommen.“
       
       Die Strafkammer sieht Ayoub F. dagegen als Zufallsopfer eines Mannes, der
       zwar ein möglicherweise rassistisches Weltbild habe, aber vor allem nach
       selbstprovozierten Auseinandersetzungen „einmal als Sieger“ dastehen
       wollte. Der Kieler Rechtsanwalt und Nebenklagevertreter Björn Elberling
       hatte auf Mord und [2][Rassismus] als Tatmotiv für die tödlichen
       Messerstiche auf Ayoub F. plädiert.
       
       Er warf dem Gericht vor, die gezielte Opferauswahl und den tödlichen
       Angriff eines „Rassisten und AfD-Anhängers“ auf eine trotzige
       Selbstbehauptungsreaktion zu reduzieren. „Der Angeklagte hat Ayoub F.
       angegriffen und getötet, weil er ihn stellvertretend für eine ganze
       abgewertete Gruppe als Ausländer und als Muslim wahrgenommen hat.“
       
       Ein Zufallsopfer? 
       
       Der 30-jährige Ayoub F. war am 11. Januar 2026 auf dem Weg zum
       Sonntagsgebet in der Moschee in der Uelzener Innenstadt, als ihm Daniel F.
       mit einer Schneeschaufel entgegenkam und einen Streit provozierte. Dann zog
       der Angeklagte, ein arbeitsloser Metallbauer und bekennender AfD-Anhänger,
       sein mitgebrachtes Küchenmesser und stach dem 30-Jährigen von hinten in den
       Rücken. Die 12 Zentimeter lange Klinge traf Lunge und Hauptschlagader.
       Ayoub F. starb wenige Stunden später im Krankenhaus an inneren Blutungen.
       
       Zeug:innen berichteten vor Gericht, wie der Angeklagte nach den tödlichen
       Messerstichen in ein nahe gelegenes Restaurant stürmte und laut fragte, ob
       jemand die Auseinandersetzung beobachtet habe. Dabei rief er unter anderem:
       „Es war Notwehr“ und „Das gibt bestimmt wieder Ärger mit Multikulti.“
       
       Auch bei der Festnahme habe der Angeklagte auf eine vermeintliche
       Notwehrsituation hingewiesen, sagte eine Polizeibeamtin. „Als wir da
       ankamen, hat der Angeklagte gleich gesagt, ich bin das Opfer.“ Diese
       Behauptung wiederholte Daniel F., dem ein Gutachter volle Schuldfähigkeit
       bescheinigte, auch vor Gericht in einer Erklärung, die seine Verteidiger
       verlasen.
       
       Zu den von Ermittlern rekonstruierten Suchverläufen äußerte sich die
       Verteidigung nicht. Am Tag vor der Tat hatte Daniel F. nach „erlaubter
       bewaffneter Notwehr“ gegoogelt. Zuvor suchte er im Internet mehrfach nach
       Informationen, ob das N-Wort in Deutschland straffrei sei und ob alle
       [3][Schwarzen Menschen] abgeschoben werden könnten.
       
       Monatelange Eskalation 
       
       Die Aussagen eines Dutzends Zeugen zeigten, dass dem Tod von Ayoub F. eine
       monatelange Eskalation vorausging. Die Opfer: Menschen, die aufgrund
       äußerer Merkmale im Weltbild der extremen Rechten als politische
       Gegner:innen gelten.
       
       Im Herbst 2025 beschädigte er im Vorgarten eines Nachbarehepaars und eines
       grünen Kommunalpolitikers mehrfach ein antifaschistisches „Kreuz ohne
       Haken“. Als die Nachbarn ihn zur Rede stellten, drohte er: „Die AfD wird
       bald die stärkste Kraft im Land, und dann werdet ihr schon sehen.“ Eine
       Gruppe minderjähriger migrantisierter Jugendlicher bedrohte der Angeklagte
       mit Waffen. [4][Vor Gericht schilderten die Schüler:innen, wie ihnen der
       Angeklagte im September 2025 plötzlich mit einer stichsicheren Schutzweste
       und Axt und Beil bewaffnet] auf der Straße entgegenkam und gedroht habe:
       „Ihr seid nicht die ersten Ausländer, die ich kaputt schlage.“
       
       In Uelzen soll am Samstag beim „Festival gegen Rassismus“ Ayoub F. als
       Opfer rassistischer Hassgewalt gedacht werden.
       
       24 Aug 2026
       
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