# taz.de -- Machtkampf bei Volkswagen: Arbeiteraufstand gegen den Vorstandschef
> In dieser Woche finden bei VW Betriebsversammlungen zu den Kürzungsplänen
> des Vorstands statt. Es geht um 50.000 Jobs und Werksschließungen.
(IMG) Bild: Könnte von Schließung betroffen sein: das VW-Werk in Zwickau. Hier wird das E-Auto-Modell ID.3 produziert
Der [1][Autobauer Volkswagen] steht vor einer entscheidenden Woche: Ab
Dienstag wird das Management der Belegschaft in Betriebsversammlungen an
neun Standorten Rede und Antwort zur Zukunft des Unternehmens stehen
müssen.
Bei VW stehen die Zeichen auf Sturm: Im Frühjahr hatte der
VW-Vorstandsvorsitzende Oliver Blume dem Aufsichtsrat ein Kürzungspaket
vorgelegt, dessen Umsetzung den Konzern drastisch verkleinern würde. Der
Vorstand will unter anderem die Werke Emden, Zwickau, Hannover und
Neckarsulm schließen und weltweit weitere 50.000 Arbeitsplätze abbauen.
Diese Jobs sollen zusätzlich zu den bereits 2024 beschlossenen 50.000
abzubauenden Stellen im Inland wegfallen. Ebenfalls bereits 2024
beschlossen wurde die Schließung des Werks in Osnabrück.
[2][Blume will bis 2030 die Rendite des Unternehmens verdreifachen.] Der
vorgesehene Konzernumbau würde auch zu einer Entmachtung des Betriebsrats
führen. Aufgrund der Unternehmensgeschichte ist die Macht der
Arbeitnehmerverteter:innen bei VW groß. Ohne sie können zum
Beispiel keine Werke geschlossen werden. VW war von den Nazis mit dem Geld
der enteigneten Gewerkschaften gegründet worden.
Vorstandschef Blume begründet das Programm mit nötigen Kostensenkungen, die
erforderlich seien, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dem Konzern machen
Überkapazitäten auf den globalen Märkten zu schaffen. Vor allem laufen die
Geschäfte für VW in China schlecht. Ein Grund dafür ist der verspätete
Einstieg des Konzerns in die E-Mobilität. VW macht zwar nach wie vor
Gewinne in Milliardenhöhe, allerdings weniger als in der Vergangenheit.
Noch in diesem Jahr hat das Unternehmen 2,6 Milliarden Euro an die
Aktionär:innen ausgeschüttet. Der Dieselskandal um Abgasmanipulationen
hatte VW einen mittleren Milliardenbetrag gekostet.
## VW-Chef Blume bringt Beschäftigte gegen sich auf
Weil Blume bislang keine näheren Angaben zu den geplanten Kürzungen macht,
hat der Betriebsrat in den Werken Versammlungen für die letzte Augustwoche
einberufen. Den Anfang machen am Dienstag die Standorte Wolfsburg und
Braunschweig, dann folgen die übrigen. In Wolfsburg, Emden und Zwickau
spricht Blume persönlich, an den weiteren Standorten andere
Vorstandsmitglieder.
Im Vorfeld der Betriebsversammlungen hat Blume die Beschäftigten gegen sich
aufgebracht. Am späten Freitagnachmittag hat er sich in einem Interview,
das seine Pressestelle mit ihm geführt hat, im Intranet des Konzerns an die
Mitarbeiter:innen gewandt. Zeitgleich wurde das Interview an
verschiedene Medien gestreut. Darin erklärt Blume, der Abbau von weltweit
50.000 Stellen bis 2030 sei „keine fixe Zielgröße“. Die Zahl ergebe sich
„aus unserem Kostenziel im Vergleich zum Wettbewerb und gibt eine
Orientierung, wie groß unser Handlungsbedarf ist“.
Das Interview enthalte „keine substantiellen Informationen, dafür umso mehr
nichtssagende Allgemeinplätze“, sagte ein Sprecher des Konzernbetriebsrats.
In einem weiteren Interview mit der Bild am Sonntag an diesem Wochenende
hat Blume erklärt, VW habe den größten Transformationsplan in der
Unternehmensgeschichte aufgesetzt. „Auf die nächsten Wochen kommt es an:
Alle müssen mitziehen“, forderte Blume in dem Boulevardblatt. Immer wieder
kritisieren Gewerkschaft und Betriebsrat, dass Blume zuerst mit der Presse
und erst dann mit der Belegschaft über seine Pläne spricht.
Dem Betriebsrat zufolge sind die Beschäftigten und ihre Familien wegen der
„desaströsen Kommunikation“ durch den Vorstand „verunsichert und
verängstigt“. Das geht aus einem im VW-Intranet am Montagmorgen
veröffentlichten Beitrag des Betriebsrats hervor, der der taz vorliegt. In
der vergangenen Woche hatte der Betriebsrat in einer Onlineerhebung den
Beschäftigten mehr als 100 Punkte zur Abstimmung vorgelegt, die bei den
Betriebsversammlungen zur Sprache kommen sollen. Der Punkt „Kommunikation
des Vorstands“ erhielt die meisten Klicks, gefolgt von den Themen Angst um
den Arbeitsplatz, Altersteilzeit und Aufhebungsverträge sowie die Zukunft
der von Schließung bedrohten Werke.
Am 4. September findet die nächste Aufsichtsratssitzung statt. Ob es bis
dahin eine Lösung gibt, ist ungewiss. An den Verhandlungen darüber ist auch
das Land Niedersachsen beteiligt, das mit einem Stimmrechtsanteil von 20
Prozent eine Sperrminorität besitzt. „Volkswagen wird diese Krise
bewältigen – aber nicht durch Kahlschlag und nicht dadurch, dass einzelne
Regionen und Standorte die Zeche tragen“, sagt der niedersächsische
Ministerpräsident Olaf Lies (SPD). Am Montagnachmittag haben sich Lies und
[3][VW-Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo] im VW-Werk Hannover
getroffen. Statements der beiden waren für den frühen Abend nach
Redaktionsschluss der taz angekündigt.
## Rüstungsproduktion als Alternative
Eine mögliche Perspektive sehen die VW-Oberen in einem stärkeren Einstieg
in die Rüstungsproduktion. Auch aufgrund der dunklen Vergangenheit als
Wehrmachtzulieferer beschränkten sich solche Aktivitäten bislang auf die
seit 2010 bestehende Kooperation zwischen der VW-Nutzfahrzeugsparte MAN und
Rheinmetall bei Militärfahrzeugen. Angesichts der vielen Milliarden, die
die Bundesregierung und andere EU-Staaten für Rüstungsprojekte
bereitstellen, wachsen nun auch in Wolfsburg die Begehrlichkeiten. So
richtete der Konzern im Sommer 2025 mit dem „Group Defense Office“ eine
Stabsstelle für potenzielle künftige Rüstungsaktivitäten ein.
Konkret in der Diskussion ist eine Transformation des VW-Werkes in
Osnabrück. So bestätigte Konzernchef Blume unlängst, dass „wir gerade in
Osnabrück mit Unternehmen aus der Verteidigungsindustrie in
fortgeschrittenen Gesprächen sind“. Details nannte er nicht. Bekannt ist,
dass es Verhandlungen mit dem israelischen Rüstungsbauer Rafael Advanced
Defense Systems gibt, der dort Komponenten des Raketenabwehrsystems Iron
Dome für europäische Abnehmer bauen könnte. Eine Absichtserklärung wurde
bereits im April unterzeichnet.
In dem Osnabrücker Werk mit seinen rund 2.000 Beschäftigten läuft im Sommer
2027 die Pkw-Fertigung aus. Da der Standort auf kleinere Serien und
Sondermodelle ausgelegt ist, wäre die Umstellung nicht so groß wie in den
anderen Fabriken. Sowohl die Werksleitung als auch der Betriebsrat wären
dazu bereit, sich für eine Zukunft in der Rüstungsproduktion zu öffnen.
24 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Anja Krüger
(DIR) Pascal Beucker
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