# taz.de -- Punksänger Monchi im Gespräch: „Gehen? Digga, ist das euer Ernst?“
> Jan Gorkow, besser bekannt als Monchi, Sänger der Band Feine Sahne
> Fischfilet, erzählt von der Kraft des Machens und warum er nicht mehr
> alle „Cops“ für „Bastards“ hält.
(IMG) Bild: „Denen ist scheißegal, ob die da punktuell selber gefickt werden. Die Leute wählen nicht nach Argumenten, sondern nach Emotionen“
taz: Herr Gorkow, bei der Bundestagswahl 2025 gingen 54 Prozent der Stimmen
in Ihrem Wohnort Jarmen in Meck-Pomm an die AfD. Warum?
Jan Gorkow: Boah, da gibt es tausend Antworten! Für die einen ist es die
Rente, für andere der Kontostand, wieder andere haben Angst vor Krieg oder
vor Immigration. Ein roter Faden ist die Abgegessenheit von der Berliner
Politik. Und das nicht nur bei den AfD-Wählern. Bei denen kommt noch Lust
am Umsturz dazu. Denen ist scheißegal, ob die da punktuell selber gefickt
werden. Die Leute wählen nicht nach Argumenten, sondern nach Emotionen.
taz: Der Buchtitel „Jenseits der Brandmauer“ habe Ihren Verlag nervös
gemacht, heißt es. Ist das so?
Gorkow: Mein Lektor hatte Angst, dass es so aussehen könne, als wenn mir
die Brandmauer egal sei. Aber darum geht es mir nicht. Es ist völlig
irrelevant, wie ich die Brandmauer finde. In so vielen Diskussionen wird
darüber gequatscht, was auf gar keinen Fall passieren darf. In 719 von 724
Gemeinden ist bei der Bundestagswahl die AfD die stärkste Partei geworden.
Wenn es hier eine Brandmauer gibt, dann gegenüber den Grünen.
taz: Bei der Brandmauer geht es aber konkret darum, ob andere Parteien mit
der AfD zusammenarbeiten oder mit ihr koalieren.
Gorkow: Noch mal, ich würde das total super finden, wenn die AfD von der
Macht ferngehalten wird. Ich glaub nur nicht dran. Also muss ich mich damit
auseinandersetzen. Bei den letzten Wahlen wurde mir immer wieder erzählt,
das Wählerpotenzial sei jetzt erschöpft. Ich glaube an diese Scheiße nicht
mehr. Mich hat die Realität eingeholt. Ich lebe da, wo die Grünen 2 Prozent
gekriegt haben.
taz: Sie richten in Ihrem Buch einen Appell an diejenigen, die aus
Ostdeutschland weggegangen sind: Sie sollen, nach Möglichkeit,
zurückkommen. Würde es dann besser aussehen?
Gorkow: Ich bin Lokalpatriot, ich liebe Mecklenburg-Vorpommern. Was mich
ankotzt, ist, wenn so ein Rainer Haseloff von der CDU oder ein Jan
Böhmermann sagen, dass sie gehen, wenn die AfD übernimmt. Digga, ist das
euer Ernst? Auf unserem Festival „Wasted in Jarmen“ sind alle willkommen,
auch AfDler. Aber dann machen wir da zum Beispiel einen Vortrag über
Seenotrettung.
Und wenn dann ein Islamisten-Wichser beim CSD reinballert, werde ich an der
Tanke angesprochen: „Monchi, du hast Blut an den Händen.“ Ich zahle dafür
einen Preis. Trotzdem will ich nicht nach Berlin. Da fühle ich mich
konservativ. Wenn ich dann wieder aufs Dorf fahre, fühle ich mich links.
Das ist das Spannungsfeld, in dem ich mich bewege. Aber für mich gab es
früher auch keine schönere Straße als die raus aus Jarmen. Ich will die
Leute nicht verurteilen und sehe ja auch die Gründe.
taz: Fehlende Arbeitsplätze.
Gorkow: Ja, na klar! In der Schule haben wir uns gefragt: Wo gehst du hin?
Nicht: Wer bleibt? Da ging es um Perspektiven, besser bezahlte
Arbeitsplätze, überhaupt Arbeit. Es müssen nicht alle auf dem Dorf bleiben,
ich bin ja nicht total hängengeblieben. Nur: Bei der NPD hieß es früher
„Wir erobern die Städte vom Land aus.“ Und das haben die jetzt gemacht.
Dass sich viele Leute verdrückt haben und nicht mehr vor Ort gewirkt haben,
hat es denen einfach gemacht.
taz: In Ihrem Buch erstellen Sie eine Typologie der verschiedenen
AfD-Wähler*innen. Es gibt „die Überzeugten“, aber auch „die Sympathischen“.
Über Letztere heißt es: „Am liebsten würde ich Sie kurz liebevoll schütteln
und mit Ihnen ein Gespräch führen.“ Hat es so ein Gespräch schon gegeben?
Gorkow: Ich sag’s mal so: Als ich im Rostocker Studentenviertel verkehrt
habe, waren AfDler viel einfacher zu hassen. Je näher ich den Menschen bin,
desto weniger kann ich das. Dieses „du musst immer dagegenhalten“ sagen nur
Leute, die nicht in solchen Orten wohnen. Da hast du gar keine Kraft für.
Manchmal sage ich „Quatsch mich nicht voll“ oder „Halt’s Maul“. Aber es
gibt auch Gespräche, wo ich sage: „Ja, aber das ist doch für dich total
schlecht, hast du mal das Parteiprogramm gelesen?“ Ist denen scheißegal.
taz: Was würden Sie daraus politisch ableiten?
Gorkow: Ich hab das Gefühl, die anderen Parteien kriegen das nicht mehr
umgerissen. Ich meine: Ich spiele in ’ner Punkband. Und nach den letzten
Bundestagswahlen, als Merz und Klingbeil das Ding übernommen haben, hab ich
gedacht: Hoffentlich machen die das gut. Und dann ficken die sich wieder
alle gegenseitig.
taz: Gehen Sie wählen?
Gorkow: Natürlich werde ich wählen gehen, damit ich in zehn Jahren noch
sagen kann, dass ich in einer halbwegs stabilen Demokratie lebe. Dafür
lohnt es sich meines Erachtens zu kämpfen. Deswegen versuche ich, im Buch
auch die positiven Momente zu zeigen. Wir haben in Jarmen einen Skatepark
aufgebaut, wir machen Feste zusammen, zwei Kids sind bei uns Landesmeister
in BMX geworden. Die beschissenen Tage kommen von selbst. Die guten musst
du dir erkämpfen.
taz: Im Buch kritisieren Sie linke Großstadtdebatten und Demo-Aufrufe, die
unter „Aufstand der Anständigen“ laufen und dadurch keine jungen Leute
ansprechen – aber kaum die AfD selbst.
Gorkow: Weil ich glaube, dass das alles erzählt ist. Soll ich jetzt das
200. Buch über die AfD geschrieben haben? Es ist doch vollkommen klar, was
das für Leute sind.
taz: Und die Wähler*innen?
Gorkow: Die kritisiere ich total! Wann haben Sie das letzte Mal mit einer
AfD-WählerIn im Alltag gestritten?
taz: Können wir grad nicht sagen.
Gorkow: Ich kann es Ihnen die ganze Zeit sagen. Wissen Sie, was ich morgen
mache? Ich lese dieses Buch beim Skatepark in Jarmen vor. Kostenlos, für
alle. Und wissen Sie was? Ich lese da vor den „Überzeugungsleuten“ und rede
von den „Putin-Fans“, den „Mitläufern“, den „Erfolgsfans“. Ich bin aber
nicht irgendein Schreiber, der dann wieder wegfährt. Ich wohne zwei Minuten
davon entfernt. Ich glaube, es gibt viele coole linke antifaschistische
Initiativen und Sachen, die man supporten muss. Ich denke nur, wenn man
denen, die viel machen, sagt, du machst noch zu wenig – da kriegt man das
Kotzen.
taz: Sie schreiben, dass Sie die Zeile „Niemand muss Bulle sein“ nicht mehr
singen und den Podcast von Paul Ronzheimer hören. Sind Sie noch
linksradikal?
Gorkow: Ich würde mich einfach nicht mehr in Schubladen einordnen. Ich habe
meine humanistischen Grundwerte. Und mich hat punktuell einfach die
Realität eingeholt. Klar weiß ich noch, wie ich [1][dank einer
Falschaussage eines Polizisten einmal knapp vor dem Knast stand.] Das werde
ich nie vergessen. Aber wenn ich an Gruppen [2][wie Nordkreuz denke, die
50.000 Schuss Munition entführt hatten], dann hoffe ich, dass die
staatlichen Strukturen am Tag X noch funktionieren.
Ich freue mich über jeden halbwegs coolen Polizisten oder Typen in der
Bundeswehr. Jetzt werden Leute sagen: Im Kampf gegen die Nazis darfst du
dich nicht auf den Staat verlassen. Ja, Digga, okay, der Ball ist rund.
Danke für die Info. Auf die linke Szene oder Antifa werde ich mich aber
auch nicht verlassen können. Die gibt es bei uns gar nicht.
taz: 2022 wurden Vorwürfe der sexualisierten Gewalt gegen Sie erhoben, die
sich öffentlich nie konkretisierten. Was Sie einräumten: sich sexistisch
verhalten zu haben. Sie und die Band wollten sich damit auseinandersetzen.
Was hat die Auseinandersetzung ergeben?
Gorkow: Zunächst einmal: Solche Vorwürfe sind in den ganzen Jahren weder
öffentlich noch nichtöffentlich mir oder der Band gegenüber je
konkretisiert worden. Ich kann deshalb nicht bestätigen, dass es solche
Vorwürfe gibt. Dass ich generell mein Verhalten immer wieder reflektiere
und in vielen Punkten verändert habe, hört man schon an unseren Texten und
liest man in meinen Büchern. Das muss ich niemandem beweisen. Wie Prozesse
innerhalb der Band dazu konkret aussehen, tragen wir nicht in die
Öffentlichkeit.
taz: Beim Nachdenken über die Sozialisation von jungen Männern, was sich
für diese stark und cool anfühlt, spielt doch Sexismus eine Rolle.
Gorkow: Natürlich. Ich sitze ja nicht hier und sage, das bewegt mich alles
nicht oder ich denke nicht darüber nach. Ich denke einfach, dass es Themen
gibt, die nicht in einer 5-Minuten-Interview-Antwort behandelt werden
können.
taz: Sie schreiben: Am 20. September wollen Sie wählen gehen und dann
„irgendwas richtig Geiles machen“. Was können wir uns darunter vorstellen?
Gorkow: Meine Angst ist es, in diese Depressionen zu verfallen und zu
sagen: Okay, alles zu spät. Deshalb werde ich etwas Tolles machen. Das hat
was mit Ostsee, Familie oder Hansa Rostock zu tun.
5 Sep 2026
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## AUTOREN
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