# taz.de -- Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Was passiert mit meiner Stimme?
       
       > Während in Sachsen-Anhalt gewählt wurde, machten die Künstlerinnen Jule
       > Flierl und Anna Zett mit Studierenden das Prinzip Mitbestimmung
       > erfahrbar.
       
 (IMG) Bild: Die Stimme erheben und abgeben. Aus der performativem Parcours „Lauschzustand. Manifestationen und Beziehungsräume“
       
       Was bedeutet es, seine Stimme abzugeben? Das macht man doch bei Wahlen. Ist
       also die Stimme die Trägerin der Demokratie? Und wenn man seine Stimme
       abgegeben hat, ist sie dann weg? [1][Während gestern in Sachsen-Anhalt
       gewählt wurde] und über 40 Prozent für eine demokratiefeindliche AfD
       stimmten, wurde sich im Nachbarbundesland Sachsen mit den abstrakten Fragen
       von politischer Mitbestimmung beschäftigt.
       
       Im Gewandhaus in Leipzig fand die Abschlussveranstaltung des fünften
       Demokratie-Wochenendes statt, das stand unter dem Motto „Vorzeichen lesen“.
       Studierende der Klasse für performative Künste der Hochschule für Grafik
       und Buchkunst inszenierten dafür einen Parcours. Die Zuschauer:innen
       wurden in zwei Gruppen geteilt und durchliefen drei Stationen mit
       Performances.
       
       Unter dem Titel „Lauschzustand. Manifestationen und Beziehungsräume“
       näherten sich die Studierenden der Praxis der Demokratie als einem offenen
       Gruppenprozess. Dafür arbeiteten sie mit dem Gewandhaus-Chor zusammen, der
       als vielstimmiges Gefüge in die Performances verwoben war. In einem Chor
       wird immerhin die Stimme geteilt und nicht abgegeben. Aber was bedeutet
       das?
       
       Ganz klar wurde das nicht. Bei einer Station draußen vor dem Gewandhaus,
       auf einem Platz mitten in der Leipziger Innenstadt, machten viele
       Zuschauer:innen zwischen lautem Geschrei und stummen, eingefrorenen
       Posen der Künstler:innen eher ratlose Gesichter. Dafür zogen die
       Performances die Aufmerksamkeit der zufällig auf dem Platz Vorübergehenden
       auf sich, das Publikum wurde immer größer – auch ein Gruppenprozess.
       
       ## Was mit der Stimme geschieht
       
       Zurück zur Stimme: Was geschieht mit ihr, wenn sie bei Wahlen symbolisch
       abgegeben wird? Sie wird Vertreter:innen übertragen, die wiederum ihre
       Stimme erheben. In Parlamenten zum Beispiel. So läuft es idealerweise in
       einer Demokratie. Oft genug ist aber das, wofür Politiker:innen nach
       der Wahl plädieren, nicht mehr das, wofür Menschen gestimmt haben. Die
       Stimme kann auch leere Phrasen hervorbringen. Über Minuten wiederholten die
       Künstler:innen etwa die Worte „es kippt“. Kippt es – Kipptes – Skippt –
       irgendwann schien sich der Sinn aufzulösen, und es waren nur Laute zu
       hören.
       
       So einfach ist es also nicht mit der Demokratie. Auch nicht, dass das
       Demokratie-Wochenende des Gewandhauses unter anderem von der Krupp-Stiftung
       gefördert wurde. Die speist sich ja aus einem Vermögen, das in der
       nationalsozialistischen Rüstungsindustrie erwirtschaftet wurde.
       
       Als Veranstaltung zum Thema politische Mitbestimmung würde man in der Regel
       eher eine Podiumsdiskussion erwarten. Eine Annäherung an [2][Fragen der
       Demokratie] in einem Format, das größtenteils ohne zusammenhängende Rede
       auskommt, gibt vielleicht weniger klare Antworten. Dafür mag beim Publikum
       ein Gefühl entstehen. Das Gefühl, sich mit Fremden denselben Raum zu
       teilen. Teil derselben Konstellationen zu sein.
       
       Am Ende des Parcours wurden die zwei Publikums-Gruppen in einem großen Saal
       zusammengeführt. Beleuchtung und die Laute des Chors erzeugten eine
       Stimmung wie in einem Wald bei Anbruch der Nacht. In der Dämmerung
       verwischen Grenzen, die Sicht schwindet und das Hören übernimmt – ein
       Lauschzustand.
       
       Nach einem angeleiteten Austausch der Zuschauer:innen untereinander über
       Fragen von persönlichen Werten und Ängsten, wird das Publikum aufgefordert,
       sich den Geräuschen der Dämmerung anzuschließen. Summen, Zirpen, Schreien,
       Rufen, Knacken, jede Person klingt anders. Immer lauter tönt es im Raum wie
       ein Dschungel in der Dämmerung – nicht unisono, aber zusammen.
       
       7 Sep 2026
       
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