# taz.de -- taz-Forum in Rostock: „Wenn wir abhauen, ist es noch döfer“
       
       > Beim taz-Forum in Rostock geben sich zivilgesellschaftlich Engagierte
       > kämpferisch vor der Wahl – und rot-rot-grüne Vertreter sagen
       > Unterstützung zu.
       
 (IMG) Bild: Für die Zivilgesellschaft beim taz-Forum in Rostock: Aman Anosh, Leila Proft, Michael Steiger und Christian Krüger (v. l. n. r.)
       
       Jetzt am Montag könnte [1][Michael Steiger] seit Jahren erstmals wieder als
       Demo-Anmelder in Greifswald auf der Straße stehen. Wenn die AfD bei der
       Wahl in Sachsen-Anhalt tatsächlich durchmarschiert, will der 60-Jährige
       spontan auf die Straße gehen. Protest an sich ist für Steiger nichts
       Besonderes – seit Jahren ist er da in Mecklenburg-Vorpommern mittendrin.
       
       Es gibt auch allen Grund in Mecklenburg-Vorpommern, gerade für die
       Demokratie auf die Straße zu gehen. Viele Blicke richten sich derzeit nach
       Sachsen-Anhalt, aber auch in dem Küstenland wird in zwei Wochen gewählt,
       ist die Lage brenzlig. Die extrem rechte AfD liegt in Umfragen vorn, räumte
       zuletzt bei Wahlen im Land ab. Steiger reist deshalb derzeit landauf,
       landab zum Klönschnack durch die Dörfer und wirbt in Gesprächen mit
       Bürger*innen für die Demokratie. Und er ist damit nicht allein, tut dies
       zusammen mit Mitstreiter*innen des [2][Ende 2025 eigens gegründeten
       Bündnisses „Zusammen bewegen“].
       
       Am Freitagabend sitzt Steiger nun auf der Bühne im Peter-Weiss-Haus in
       Rostock. Die taz hat dort zum Forum geladen vor der Landtagswahl, rund 100
       Zuhörende sind gekommen, der Saal ist voll. Und die Bühne bekommen zunächst
       Engagierte aus der Zivilgesellschaft. Michael Steiger berichtet, wie
       [3][sein Bündnis] auf ihrer Tour durchs Land lauter Engagierte treffen, die
       oft schon seit Jahren aktiv seien, ohne dass man voneinander wusste. Nun
       werde sich miteinander vernetzt – allein das sei schon ein Gewinn.
       
       Im Bündnis „Zusammen bewegen“ engagieren sich über 1.000 Initiativen,
       Vereine, Gruppen und Einzelpersonen. Stadt und Land, Jung und Alt, aus
       unterschiedlichen demokratischen Ecken. „Es war klar, dass ein ‚Weiter so‘
       nicht mehr funktioniert, weil sich auch die Umstände drastisch geändert
       haben“, berichtete Netzwerk-Koordinatorin Leila Proft auf dem Podium über
       den Gründungsimpuls.
       
       ## Eine Alternative zum Schützenverein
       
       Die Rostockerin ist derzeit nonstop mit „Zusammen bewegen“ unterwegs. Dabei
       gehe es gar nicht primär um die großen Aktionen, die sich auf Social Media
       millionenfach klicken. Sondern darum, „mit Menschen ins Gespräch zu kommen.
       Auch Treffpunkte zu ermöglichen. Denn für viele ländliche Regionen gelte,
       so Proft: „Wenn man sich nicht für Fußball oder den Schützenverein
       interessiert, ist da nicht mehr viel.“
       
       Kurz vor der Wahl seien auch viele ausgelaugt, räumt Proft ein. Dennoch
       gebe es zu dem Engagement keine Alternative. „Es ist klar, wie sich die
       Stimmung verändert hat, auch ohne AfD.“ Und die Partei mache kein Geheimnis
       daraus, welche Ziele sie verfolge, man müsse nur zuhören. Die Betroffene,
       die die Rechtsextremen ins Visier nehmen, dürfe man nicht allein lassen.
       
       Aman Anosh, auch aus Rostock, vor elf Jahren aus Afghanistan nach
       Deutschland geflohen, ist einer dieser Betroffenen. Er kritisiert, dass die
       Politik Migrant*innen im Wahlkampf als Wähler*innen ignoriere – dabei
       hätten gerade unter den jungen Menschen in Mecklenburg-Vorpommern viele
       eine Migrationsbiografie. Auch diese Ignoranz mache es schwer für die
       Neubürger*innen, hier anzukommen. Zehn Jahre dauere das im Schnitt, bis
       sich für Zugezogene dieses Gefühl einstelle, zitiert Anosh Studien.
       
       Er ist Koordinator des Eine-Welt-Promotor:innen-Programms und Mitgründer
       von „Jugend spricht“, dem ersten migrantischen Jugendverband in dem
       Bundesland. Immer wieder erlebe er, wie Rechtsextreme versuchen, ihm und
       seinen Mitstreiter:innen Angst zu machen, sie einzuschüchtern.
       „Manchmal fühlen wir uns auch allein.“ Und trotzdem: „Wenn ich anfange
       rumzumeckern, merke ich, dass ich gut angekommen bin.“
       
       ## Den Wert der Freiheit zurückerobern
       
       Er setzt sich mit seiner Arbeit dafür ein, dass es auch andere tun. Und
       dass der Wert der Demokratie wieder erkannt werde. In anderen Ländern werde
       für die Demokratie gekämpft, sagt Anosh, hier sähe viele nicht, wie „schön“
       diese sei. Man dürfe sich deshalb nicht nur an den Rechtsextremen
       abarbeiten, sondern müsse offensiv Begriffe und Werte wie Freiheit wieder
       zurückerobern und dafür eintreten.
       
       Christian Arnold Krüger, Gründer des Vereins Queer-Strelitz und Anmelder
       des CSDs in Neustrelitz, berichtet, dass dies im Falle der jährlichen
       Queer-Parade durchaus funktioniere. Die Unterstützung der Stadtgesellschaft
       für seinen CSD sei groß, die Parade sei [4][jedes Mal „beseelend“]. Und
       dort zeige sich, dass sich die rechtsextreme Szene manchmal größer mache,
       als sie tatsächlich sei. Der breit angekündigte rechtsextreme Gegenprotest
       zum CSD in Neustrelitz bestand in diesem Jahr am Ende aus 12 Neonazis.
       
       Dass es auch anders geht und nicht „alles heititei“ sei, zeige aber, so
       Krüger weiter, der Blick auf vergangene CSDs in Neubrandenburg, wo 2024 die
       Regenbogenflagge am Bahnhof gestohlen und [5][durch eine Hakenkreuzfahne
       ersetzt] worden war. Leila Proft stellte mit Blick auf die Verhaftungen von
       Mitgliedern von Gruppen wie der „[6][Letzten Verteidigungswelle]“ fest:
       „Die Jungfaschogruppen haben jetzt ein paar gezielte Repressionen
       erfahren.“ Deshalb würden sie weniger mobilisieren. Aber: „Es nimmt
       überhaupt nichts ab.“
       
       Und die Politik? Eigentlich sollte man glauben, die demokratischen Parteien
       stünden Schlange, um „Zusammen bewegen“ zu unterstützen. Folgt man Proft,
       dann hält sich das in Grenzen. Sie erklärte: „Ich dachte, dass Interesse
       wäre größer“, sagte Leila Proft.
       
       ## Vernetzung mit der Politik
       
       Aber Hoffen kann man ja. Und so erklärte Christian Arnold Krüger: „Ich
       hoffe, dass Politikerinnen und Politiker sich motiviert fühlen, wieder
       stärker auf die Zivilgesellschaft zuzugehen.“ Ähnlich Michael Steiger, der
       sich wünschte, „dass ein Output dieses Tages ist, dass Zivilgesellschaft
       und Politik zusammenfinden“. Auch über den Wahltag hinaus. Und, ja: „Da
       müssen wir auch mal über unseren Schatten springen.“
       
       Währenddessen schenkt die taz im Saal Hochprozentiges aus, den „Zora
       Sauren“, Hausschnaps des [7][soziokulturellen Zentrum Zora] in Halberstadt
       in Sachsen-Anhalt. Deren Leiter hatte mehrere Flaschen zum vorherigen
       [8][taz-Forum in Magdeburg] mitgebracht – zwei Flaschen gingen als Gruß
       auch mit nach Rostock. Und die sind ratzfatz leer.
       
       Es sind Landesspitzenpolitiker, gerade im Wahlkampf, die danach auf der
       Bühne der Zivilgesellschaft ihre Unterstützung zusagen. Julian Barlen,
       Fraktionsvorsitzender der SPD in Mecklenburg-Vorpommern, gründete einst die
       Initiativen „Storch Heinar“ und „Endstation Rechts“ mit. Auf die Frage, ob
       das Land einspringe, wenn die Förderung von Demokratieprojekten durch den
       Bund ausfalle, verspricht er: Die SPD werde im Bund gegen die Kürzungen
       kämpfen – und, sollte dies scheitern, das im Land abfedern. „Das kann ich
       Ihnen zusagen.“
       
       Hennis Herbst von der Linken will noch mehr. „Wir werden nach der
       Landtagswahl dafür kämpfen, dass die zivilgesellschaftlichen Strukturen
       gestärkt werden.“ Die Linke möchte wie die Grünen die Demokratieförderung
       in der Landesverfassung verankern. Barlen und seine SPD haben dagegen
       Zweifel, dass die dafür nötigen Mehrheiten zusammenkommen. In der
       Vergangenheit stellte sich die CDU etwa gegen eine Verfassungsänderung zur
       Richterwahl in Mecklenburg-Vorpommern entgegen.
       
       ## Gute Chancen auf Rot-Rot-Grün
       
       Die Chancen stehen indes gut, dass SPD, Linke und Grüne nach der Wahl ein
       Regierungsbündnis bilden könnten. Barlens SPD ist mit Spitzenkandidatin und
       Ministerpräsidentin Manuela Schwesig in Umfragen gerade drauf und dran, die
       AfD noch einzuholen. Die Linken liegen bei 11 Prozent, die Grünen bei genau
       5 Prozent. Grünen-Spitzenkandidatin Claudia Müller wirbt deshalb auf der
       taz-Bühne für ein Kreuz bei ihrer Partei, hofft auf den Landtagseinzug: Nur
       so sei eine demokratische Mehrheit möglich.
       
       Inhaltlich sind sich die rot-rot-grünen Vertreter*innen auf der Bühne –
       die CDU musste ihre Teilnahme kurzfristig wieder absagen – in vielen
       Punkten einig. Im Detail indes nicht immer. Bei der Frage, weshalb die
       aktuelle Landesregierung von SPD und Linken das Ziel der Klimaneutralität
       bis 2045 verschoben habe, verwies Barlen auf andere: Es fehle schlicht der
       Rückhalt in der Gesellschaft für engagierte Klimaziele.
       
       Insgesamt sei Mecklenburg-Vorpommern aber doch vorbildlich in Sachen
       erneuerbare Energien. Auf den Hinweis von der Grünen Claudia Müller, warum
       das Land mit 46 Monaten die bundesweit längsten Genehmigungsverfahren für
       Windräder habe und damit überhaupt nicht vorbildlich sei, hatten Barlen und
       Herbst keine Erklärungen.
       
       Die CDU war auf dem Podium, trotz Abstinenz, auch Thema. Aus dem Publikum
       wurden Zweifel formuliert, ob sich eine geschrumpfte CDU-Fraktion nach der
       Wahl wirklich einer Zusammenarbeit mit der AfD verweigern würde. Auch
       Barlen, Müller und Herbst hatten hier unisono Zweifel am Kurs der
       Landes-CDU, die zuletzt immer wieder nach rechts steuerte. Umso wichtiger
       sei eine linke Mehrheit, betonte Herbst.
       
       ## Engagement über die Wahl hinaus
       
       Auf dem Podium zuvor hatten Leila Proft und Aman Anosh betont, wie wichtig
       es sei, dass die Unterstützung für die Zivilgesellschaft auch nach dem
       Wahltag nicht aufhört – ein Muster, das man nur allzu oft erlebt habe. Auch
       Michael Steiger blickt bange auf den Wahltag.
       
       Man sei in Mecklenburg-Vorpommern ja „leidgeprüft“, was rechtsextreme
       Wahlergebnisse angeht, sagt er. Und wahrscheinlich werde es auch diesmal
       wenig erfreulich. Aber was solle man tun? Die „ganzen tollen Sachen“
       aufgeben, die man in den vergangenen Jahren aufgebaut habe? Das, betont
       Steiger, komme nicht infrage. „Wenn wir abhauen, ist es noch döfer.“
       
       5 Sep 2026
       
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