# taz.de -- Vorschläge für neue SPD-Spitze: Karrieresprungbrett in den Abgrund
       
       > Die SPD möchte vor den anstehenden Landtagswahlen keine Diskussion um die
       > Parteispitze – wir schon. Hier ein paar Vorschläge
       
 (IMG) Bild: Immerhin das Glas ist mehr als halb voll
       
       Es ist ein offenes Geheimnis, dass die beiden SPD-Vorsitzenden Bärbel Bas
       und Lars Klingbeil in der eigenen Partei kaum noch Fans haben. Die
       Personalunion aus Parteispitze und Ministerämtern gilt als gescheitert. Die
       Strategie, die Partei aus der Regierung heraus zu profilieren und zu
       erneuern, geht erkennbar nicht auf: Statt Deutschland sozialdemokratisch
       geprägt zu reformieren, winkt die SPD eine Sozialkürzung nach der anderen
       durch und gilt wahlweise als Bremserin oder als Verräterin. Es kursieren
       bereits Briefe und Appelle, in denen Bas und Klingbeil zum Rücktritt
       aufgefordert werden. Was noch schwerer wiegt, niemand eilt zur Verteidigung
       herbei. Die Mehrheit der Genoss:innen schweigt aktuell. Vor den
       Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern käme
       eine Diskussion, mit der man sich um sich selbst kreist, in den Augen
       vieler Sozialdemokrat*innen einer Selbstdemontage gleich. Doch nach
       dem 20. September wird der Unmut nicht mehr zu ignorieren sein.
       
       Aber wer steht bereit, die Revolte anzuführen und Bas und Klingbeil
       abzulösen? Der Posten als SPD-Chef:in gilt aktuell nicht gerade als
       Karrieresprungbrett, die Nachfolger:innen laufen eher Gefahr, als
       Abrisskommando zu enden. Auch mangels Alternativen sitzen die derzeitigen
       SPD-Chef:innen noch recht unangefochten in der Schaltzentrale. Aber traut
       sich wirklich niemand zu, künftig die SPD zu führen – allein oder in
       Doppelspitze? Die taz hätte da ein paar Ideen.
       
       Hubertus Heil – Die sozialdemokratische Jukebox
       
       Seit 1998 sitzt Hubertus Heil im Bundestag und zählt damit zu den
       dienstältesten und erfahrensten Genossen. Der langjährige Arbeits- und
       Sozialminister galt auch in der Ampel als Stabilitätsanker, der den Laden
       im Griff hatte, doch seitdem er das Haus 2025 widerwillig an SPD-Chefin
       Bärbel Bas übergeben musste, ist er nur noch Hinterbänkler. Auch der
       Versuch, Fraktionsvorsitzender zu werden, scheiterte. Derart kalt gestellt
       kümmert er sich um Kirchen und schreibt nebenbei an einem Buch. „Der
       Angriff der Autokraten“, erscheint im Oktober.
       
       Doch für das Dasein als Frührentner ist Heil mit 54 Jahren noch etwas jung.
       Er wollte zwar nie Kanzler werden, wie er zumindest mal der taz sagte, aber
       ganz unbeteiligt zuschauen, wie die SPD den Bach runtergeht, kann er auch
       nicht. Öffentlich positioniert er sich zwar nicht gegen Bas und Klingbeil
       und würde sich auch nicht selbst ins Spiel bringen, dazu ist er zu loyal
       und zu erfahren. Doch aus seinem Umfeld fällt sein Name häufiger.
       
       Und in der Tat spricht einiges für ihn. Er kennt die SPD durch und durch,
       war Generalsekretär und Vizevorsitzender. Zudem weiß er, wie man
       zuverlässig einen Saal zum Jubeln bringt und die Leute von den Bänken
       reißt: Parteiintern nennt man ihn auch „fleischgewordene
       sozialdemokratische Jukebox“, weil er auf Knopfdruck sozialdemokratische
       Hits raushauen kann. Klar, die alten Platten, aber immerhin welche, die bei
       den eigenen Wähler:innen gut ankommen. (Anna Lehmann)
       
       Manuela Schwesig – Die Hoffnungsträgerin
       
       Sie ist klug, pragmatisch und stahlhart. Die 52-jährige Ministerpräsidentin
       aus Mecklenburg-Vorpommern hat bislang alle Krisen ihrer Amtszeit
       überstanden – eine Klimastiftung mit der russische Gazprom-Gelder gewaschen
       wurden, eine Krebserkrankung – und nun schickt sie sich mit der Landes-SPD
       an, die Staatskanzlei zu verteidigen. Und zwar gegen den Bundestrend, den
       als Gegenwind zu bezeichnen verniedlichend wäre. Noch führt die AfD in
       Umfragen, aber Schwesigs SPD holt Punkt um Punkt auf. Wenn Schwesig diese
       Wahl gewinnt, dann holt sie hoffentlich auch die SPD aus der Krise.
       
       Einziger Wermutstropfen: Schwesig selbst hat erst letzte Woche bei einer
       Wahlkampfveranstaltung erklärt, sie wolle in Mecklenburg-Vorpommern
       bleiben, und zwar die nächsten fünf Jahre als Ministerpräsidentin. Aber
       selbstverständlich könnte sie auch von Schwerin aus die Bundespartei
       führen. Immerhin ist sie qua Amt bereits Mitglied des SPD-Präsidiums und
       als solches regelmäßig in Berlin.
       
       Doch will Schwesig überhaupt Parteivorsitzende werden? Gelegenheit hätte
       sie schon mehrfach gehabt. 2019 – da war sie sogar schon einmal
       Interimsvorsitzende – aber auch nach der verlorenen Wahl in
       Rheinland-Pfalz. Auch damals wurden verzweifelt Retter:innen gesucht,
       Schwesig aber winkte jeweils dankend ab. Vielleicht wartet sie aber auch
       nur auf die richtige Gelegenheit. Zu Schwesigs Stärken zählt, dass sie fast
       keinen Schritt unüberlegt tut. (Anna Lehmann)
       
       Anke Rehlinger – die goldene Lösung?
       
       Ihr Name ist für den Parteivorsitz längst im Gespräch, doch sie hat immer
       wieder abgelehnt: Anke Rehlinger erzielte 2022 bei den Landtagswahlen im
       Saarland eine absolute Mehrheit für die SPD. Seitdem gilt sie als eine der
       absoluten Hoffnungsträgerinnen. Rehlinger beteuert derzeit zumindest, dass
       sie ihren Platz weiterhin im Saarland sieht. „Ich bin sehr gerne
       Ministerpräsidentin und möchte es gerne bleiben“, [1][sagte sie zuletzt im
       Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.]
       
       Als Erfolgsrezept der 50-jährigen Juristin und amtierenden
       Saarland-Rekordhalterin im Kugelstoßen gilt, dass sie einerseits in ihrem
       kleinen Bundesland so fest verankert ist wie eine Kommunalpolitikerin,
       andererseits sich aber auch in Berlin jederzeit Gehör verschaffen kann. In
       Zusammenhang mit den geplanten Sozialreformen gibt sie ihrer Partei einen
       einfachen, wenn auch längst nicht mehr selbstverständlich Ratschlag:
       „Meiner SPD rate ich, über Probleme nicht hinwegzusehen, wenn Bürgerinnen
       und Bürger sie doch sehen.“
       
       Hat Rehlinger etwa die goldene Lösung dafür, wie die SPD einerseits bittere
       Kompromisse in der Regierung schließen und gleichzeitig das eigene Profil
       schärfen kann? Nun, als Chefin einer Alleinregierung hat sie wohl gut
       reden. Rehlinger steht zudem eine andere Auseinandersetzung bevor. Im April
       sind im Saarland wieder Landtagswahlen. Damit die miesen Werte der
       Bundespartei nicht dort auch durchschlagen, wäre es für sie im Herbst wohl
       nicht die schlechteste Idee, etwas Abstand nach Berlin zu suchen. (Cem-Odos
       Güler)
       
       Boris Pistorius – Der Umfragenkönig
       
       Man mag es kaum glauben, aber ein Mann aus der SPD ist seit Jahren der
       beliebteste Politiker im Land: Verteidigungsminister Boris Pistorius steht
       in den Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen seit Februar 2023 ohne
       Unterbrechung auf dem ersten Platz, der nach Sympathie und Leistung
       bewerteten Politiker*innen. Die Dauerkrise des Ampel-Projekts ist ebenso an
       ihm abgeperlt wie die Unbeliebtheit der Regierung von Friedrich Merz.Die
       Hoffnung wäre groß, dass er als Umfragekönig auch die Sozialdemokratie von
       ihrem Siechtum befreien könnte. Doch als SPD-Vorsitzender stünde Pistorius
       vor einem ähnlichen Dilemma wie Lars Klingbeil und Bärbel Bas: Er müsste
       als Minister eine Regierungspolitik verteidigen, die weite Teile der Partei
       befremdlich finden.
       
       Dabei wurde im Herbst 2024 deutlich, dass der Verteidigungsminister neuen
       Rollen gegenüber nicht generell abgeneigt ist: Über Wochen stellte er sich
       einer Debatte, ob er anstelle von Olaf Scholz nicht der bessere
       Kanzlerkandidat wäre, nicht aktiv entgegen. Die Personaldiskussion galt als
       einer der Faktoren für das miese Abschneiden der SPD bei den Wahlen.
       
       Dabei ist auch die Liste der Vorhaben in seinem eigenen Haus, die nicht
       rund laufen, lang: Trotz des Rekordbudgets für das Verteidigungsministerium
       geht es etwa bei der Digitalisierung des Funkwesens der Bundeswehr kaum
       voran. Eine Befürchtung lautet deshalb, dass Pistorius dank der vielen
       Milliarden und seiner charismatischen Art zwar wirkt wie ein Macher – dass
       er aber schnell entzaubert wäre, wenn es hart auf hart käme. (Cem-Odos
       Güler)
       
       Alexander Schweitzer – Der Überragende
       
       Eigentlich hätte er die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz im März gewinnen
       müssen, war er doch deutlich beliebter als sein Herausforderer von der CDU.
       So sah es die SPD und Alexander Schweitzer am Wahlabend. Als die CDU schon
       nach der ersten Prognose als Wahlsiegierin feststand, schmollte Schweitzer
       erst mal eineinhalb Stunden und ließ sich nicht blicken, bevor er seine
       Niederlage öffentlich einräumte.
       
       Souverän sieht anders aus. Allerdings war der Verlust der Mainzer
       Staatskanzlei auch ein wirklicher Nackenschlag, nicht nur für Schweitzer,
       der dort nur knappe zwei Jahre residiert hatte, sondern vor allem für die
       SPD, die 35 Jahre die Haushoheit hatte. Und sich bis heute nicht von dem
       Verlust erholt hatte.
       
       Anders als Schweitzer, der sich trotz Wahlniederlage flugs zum
       Fraktionsvorsitzenden im Landtag wählen ließ und somit signalisierte, dass
       er weiter im Spiel ist. Ein wichtiger Posten, der sich gleichwohl schnell
       übergeben ließe, falls die Partei ihn ruft. Schweitzer, der schon wegen
       seiner Körpergröße von über zwei Metern eine überragende Persönlichkeit
       ist, kann, wenn er nicht gerade grollt, aufmunternd, mitreißend und witzig
       sein. Er ist bereits stellvertretender Parteivorsitzender, kennt also den
       Berliner Betrieb. Und könnte überhaupt tätige Buße zum Wohle der Partei
       tun, immerhin hat er ihr die jetzige Misere auch zu einem kleinen Teil mit
       eingebrockt. (Anna Lehmann)
       
       Rasha Nasr – Die Erneuerin
       
       Sie ist jung, ostdeutsch und eine mehr oder weniger neue Stimme im
       Parlament: Die 34-jährige [2][Rasha Nasr] könnte an der Spitze der SPD der
       Partei für ihre personelle und inhaltliche Erneuerung ein Gesicht geben.
       Bei Debatten um eine Neubesetzung des Parteivorsitz kursiert ihr Name
       zumindest in Juso-Kreisen.
       
       Die Dresdnerin zog 2021 erstmals über die sächsische Landesliste in den
       Bundestag ein. Dort ist Nasr, deren Eltern 1986 aus Syrien in die DDR
       gekommen waren, migrationspolitische Sprecherin. In ihrer Zeit im Parlament
       wurde sie bereits öfters mit den Wassern der Realpolitik gewaschen: Obwohl
       es ihren eigenen Prinzipien widersprach, stimmte sie mit der Regierung für
       eine Aussetzung des Familiennachzugs bei Geflüchteten mit subsidiärem
       Schutzstatus. „Ich weine, wenn ich meine Tochter ein paar Tage nicht sehe,
       und stimme dann dafür, dass andere Familien getrennt bleiben“, [3][sagte
       sie im Nachhinein dem Spiegel.]
       
       Sie habe sich vor der Abstimmung unter Druck setzen lassen. „Mir wurde
       gesagt: Du willst nicht dafür verantwortlich sein, dass wir nur mit den
       Stimmen der AfD eine Mehrheit bekommen. Also habe ich mitgemacht.“ Heute
       würde sie bei einer solchen Abstimmung nicht mehr mitmachen, sagte sie.
       
       Für eine solche Haltung hätte Nasr zumindest die Jusos auf ihrer Seite. Mit
       einem offenen Nein zu dem ein oder anderen sozialpolitischen Kürzungsplan
       der Regierung könnte sie auch an anderen Stellen in der Partei für ein
       Aufatmen sorgen. (Cem-Odos Güler)
       
       Till Backhaus – Der Walflüsterer
       
       Wer mit einer gestrandeten Walkuh kommunizieren kann, versteht auch die
       gestrandete SPD. Die Walkuh Timmy machte Mecklenburg-Vorpommerns
       Umweltminister Till Backhaus im Frühjahr [4][zum Liebling der Medien]. Ein
       Parteivorsitzender, der in Erinnerung bleiben könnte mit Sätzen wie: „Ich
       habe der SPD mehrfach in die Augen geschaut. Ich habe ihren Lebenswillen
       und ihren Lebensmut erkannt.“
       
       Seit 1994 holt der 67-jährige Backhaus bei jeder Wahl das Direktmandat in
       seinem Landtagswahlkreis in Ludwigslust, seit fast drei Jahrzehnten ist er
       Umweltminister. Ein echter Gewinnertyp. Mit Jagdschein. Und großem
       Unterhaltungswert.
       
       So lieferte er sich 2014 mit seiner Ex-Partnerin einen öffentlichen
       Rosenkrieg um unter anderem einen alten Traktor. Zuvor zelebrierte er
       ebenso öffentlich sein neues Eheglück mit einer ehemaligen
       Landesrapsblütenkönigin. 2012 saß die SuperIllu mit am Frühstückstisch und
       fabrizierte zeitlos schöne Einblicke. Etwa: „Er nimmt sein rosafarbenes
       Messer, Rosa ist Ivonnes Lieblingsfarbe, dann schmiert er sich ein Brötchen
       vom Bäcker um die Ecke.“
       
       Auseinandersetzungen geht der ostdeutsche Sozi mit dem rosa Messer nicht
       aus dem Weg. Erinnert sei an einen Vorfall von 2013. Der Minister und seine
       Ex-Königin radeln heiter durch die Gegend. Doch dann fegt sie ein
       Cabrio-Fahrer fast von den Rädern. Fehlender Mindestabstand. Da setzte es
       was. Es gab zwar ein Verfahren, weil er dem Autofahrer (einem Wessi!) eine
       in die Fresse gegeben haben soll. Aber das wurde eingestellt. Ein
       Koalitionsausschuss mit Friedrich Merz und Markus Söder könnte jedenfalls
       konfrontativ werden.
       
       Und schließlich ist da ja noch Timmy, die Walkuh. Sicher, zunächst zeigte
       sich Backhaus mit Blick auf eine Rettung des Tiers abweisend. Doch dann
       schloss er Timmy ins Herz. Und weil alle Timmy liebten, liebten auch alle
       Tilly. Verzagte [5][Einwände seiner Mitarbeiter:innen] gegen die
       missglückte Kuh-Rettung soll Backhaus einfach ignoriert haben. So geht
       Führung. (Rainer Rutz)
       
       Keir Starmer – Das Putzmittel der Sozialdemokratie
       
       „Starmerismus gibt es nicht und wird es nie geben“ – so lautet einer der
       wenigen Sätze, die von Keir Starmer, dem britischen Labour-Premierminister
       von Juli 2024 bis Juli 2026, in Erinnerung bleiben. Wer könnte besser
       geeignet sein als dieser englische Mann ohne Eigenschaften, um diese
       deutsche Partei ohne Eigenschaften zu neuer Blüte zu führen?
       
       Als Starmer die Labour-Partei 2020 übernahm, dümpelte sie in den
       Meinungsumfragen bei unter 30 Prozent. Nach zweieinhalb Jahren Starmer, im
       Herbst 2022, war sie bei über 50 Prozent angekommen und bei den
       Parlamentswahlen 2024 holte Starmer für Labour im Parlament eine
       Zweidrittelmehrheit. Das beruhte zwar auf nur einem Drittel der Stimmen,
       ein Ergebnis des britischen Mehrheitswahlrechts, aber Labour war trotzdem
       plötzlich die erfolgreichste sozialdemokratische Kraft Europas. Nicht dass
       man Starmer dies angesehen hätte, die Last seines Amtes als Premierminister
       wog von Anfang an viel zu schwer. Und nach seinem Wahlsieg führte Starmer
       Labour genauso zielstrebig nach unten wie vorher nach oben. Sein
       Parteiapparat hat sich nun nach zwei Jahren erbarmt und ihn durch den
       zugkräftigeren Andy Burnham ersetzt, dem das Regieren wenigstens Spaß
       macht.
       
       Doch um tief zu fallen, muss man erstmal oben gewesen sein. Als
       Regierungschef war Starmer eine Fehlbesetzung, aber er war der ideale
       Oppositionsführer, der einen zerstrittenen Haufen neu ausrichtet und
       ausmistet. Sein Machtinstinkt, seine Brutalität im Umgang mit seinem
       Vorgänger Jeremy Corbyn und sein eisener Griff auf seinen Apparat – all
       dies hat Maßstäbe gesetzt. Starmer war das Putzmittel der britischen
       Sozialdemokratie, gegen Scheiße unverzichtbar, und nach dem Einsatz muss
       man es wegwischen. Genau das, was die SPD heute braucht. (Dominic Johnson)
       
       Jürgen Klopp – Der Machtmensch
       
       Hat Jürgen Klopp jemals einen Abstiegskandidaten übernommen? Nein, hat er
       nicht. Aber er war mal in Mainz, als der dortige Fußballverein noch
       zweitklassig war, und auch in Dortmund beim BVB war die Lage alles andere
       als rosig, als Jürgen Klopp, lizenzierter Fußballtrainer, dort eine
       Stellung als genau solcher antrat.
       
       Also, natürlich ist ein Bundesligatrainer alles andere als ein Politiker,
       obwohl er genauso mit Menschen, Themen, Strukturen, Plänen und Programmen
       umgehen muss und selbstredend mit Geld, und zwar nicht zu knapp, als wäre
       er genau das: ein Machtmensch. Und man kann schon sagen, dass Jürgen Klopp,
       inzwischen mit der mächtigste Mensch im deutschen Fußball, genau das ist:
       ein Machtmensch.
       
       Warum sollte der Retter des deutschen Fußballs, als der er nach dem
       WM-Debakel im Sommer vom DFB geholt worden ist, nicht auch der Retter der
       Sozialdemokratie sein?
       
       Da stellen sich natürlich ein paar Fragen. Hat er das richtige Parteibuch?
       Äh, erstmal nein. Er hat sich zwar schon mehrfach zu gesellschaftlichen
       Themen geäußert und dabei unter anderem gesagt, [6][eine linke Grundhaltung
       zu haben], jedoch betonte er stets, parteipolitisch unabhängig und kein
       Politiker zu sein. Doch die wahre Antwort wird sein: Wenn die Ablöse
       stimmt, lässt sich über alles reden!
       
       Dabei versprüht der Heavy-Metal-Fan und Macher Klopp vielleicht eher etwas,
       das besser zur FDP passen würde, wäre die nicht so verschnarcht und
       grundsätzlich hinterher: Selbstbewusstsein bis zum Anschlag,
       Streberhaftigkeit, Geldgier, ein ewiges, überdrehtes
       Aufmerksamkeitsdefizit, wie es sich allein an der Vielzahl von Werbeclips
       mit ihm als Werbefigur ablesen lässt.
       
       Für die SPD wäre er aber so oder so ein Gewinn. Umgekehrt sieht die Sache
       anders aus: Was will Jürgen Klopp bei, sagen wir, Hannover 96, das denkt,
       es sei nah am FC Bayern, aber tatsächlich eher den VfL Osnabrück im Nacken
       hat, wenn er doch gleich ganz Deutschland trainieren kann? Die SPD wird
       weitersuchen müssen. Es heißt, Julian Nagelsmann ist gerade frei. (René
       Hamann)
       
       Serpil Midyatlı – Die Verfügbare
       
       Sollte sich die SPD eine neue Parteispitze geben, wäre die
       Schleswig-Holsteinerin Serpil Midyatlı die logischste Kandidatin.
       Schließlich ist die 51-Jährige bereits stellvertretende Bundesvorsitzende.
       
       Genügend politische Erfahrung für ein Spitzenamt bringt Midyatlı mit: Seit
       2009 sitzt sie im Kieler Landtag, zwischen 2019 und 2025 führte sie die
       Landespartei in der Opposition an. Dass die Sozialdemokrat:innen
       unter ihr keine Wahl gewinnen konnten, liegt vermutlich weniger an ihr als
       an dem bis vor Kurzem dauerbeliebten CDU-Ministerpräsidenten Daniel
       Günther.
       
       Zur Wahrheit gehört: Ende 2025 entzog die SPD-Basis Midyatlı das Vertrauen.
       Nun soll der bis dato Kieler Oberbürgermeister [7][Ulf Kämpfer die Partei
       in die Landtagswahl im Frühjahr 2027] führen. Heißt umgekehrt aber:
       Midyatlı wäre für eine neue Aufgabe frei.
       
       Was für sie spricht: Als Unternehmerin mit türkischen Wurzeln steht
       Midyatlı wie keine andere SPDlerin im Bundesvorstand für Vielfalt und
       Integration. Würde Midyatlı SPD-Vorsitzende, wäre sie übrigens die erste
       Muslima in diesem Amt – die SPD könnte unter Beweis stellen, dass sie doch
       noch progressiv denken und handeln kann.
       
       Ob Midyatlı den Abwärtstrend der SPD stoppen kann? Fraglich. Aber immerhin
       steht ihre Landes-SPD in Umfragen mit rund 15 Prozent noch fast so gut da
       wie bei den Landtagswahlen 2022. Das können wahrlich nicht alle
       Landesverbände behaupten. (Ralf Pauli)
       
       Saskia Esken – Die ewig Unterschätzte
       
       Als die SPD 2019 schon einmal in ähnlich toxischer Beziehung mit der Union
       ähnlich unglücklich und zerrupft aussah – die damalige Vorsitzende Andrea
       Nahles trat dann auch nach verlorener Landtagswahl zurück – kam ihre
       Nachfolgerin wie aus dem Nichts. In einer Urwahl setzte sich die
       Baden-Württembergerin Saskia Esken gemeinsam mit Norbert Walter-Borjans
       gegen alle anderen Kandidat:innenduos durch. Und das Duo schaffte,
       was ihnen keiner zugetraut hatte: die SPD zwei Jahre später zum Wahlsieg zu
       führen.
       
       Das Gemecker über Saskia Esken riss zwar nie ab – zu hölzern, zu
       uncharismatisch – aber die Frau vom linken Flügel schaffte es, die
       zerstrittene Partei zusammenzuhalten und warf nebenbei ein paar Ideen in
       die Debatte, die ihr ehemaliger Co-Vorsitzender Lars Klingbeil heute als
       SPD-Knaller schlechthin verkauft: Wie etwa das Sondervermögen für
       Infrastruktur. Schon 2023 schlug Esken ein Milliarden-Sondervermögen
       Bildung vor. Die gelernte Informatikerin ist außerdem in Zukunftsthemen
       drin und erreicht mit ihren Beiträgen auf Insta zum völkischen Charakter
       der AfD fast eine halbe Million Menschen – also deutlich mehr, als die SPD
       Mitglieder hat
       
       Eine Frau also, die vorausdenkt, hart arbeitet und gnadenlos unterschätzt
       wird, eher Bergarbeiterin als Heilsbringerin, aber vielleicht hilft der SPD
       aktuell eine solche ohnehin mehr. (Anna Lehmann)
       
       Transparenzhinweis: In einer früheren Version hieß es Midyatli habe zudem
       das zweitbeste Wahlergebnis für den Posten der Vizevorsitzenden erreicht.
       Das stimmt nicht. Sie erhielt 77,6 Prozent, das zweitbeste Ergebnis
       erzielte nach Anke Rehlinger Alexander Schweitzer mit 95,3 Prozent.
       
       23 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.sueddeutsche.de/politik/anke-rehlinger-spd-rentenreform-pflege-saarland-li.3522162?reduced=true
 (DIR) [2] /Neue-SPD-Generation-im-Bundestag/!5802755
 (DIR) [3] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-abgeordnete-rasha-nasr-diese-entscheidung-verfolgt-sie-bis-heute-a-2fe7b933-b257-43cb-b74b-07c5ff294742
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       Regierungsparteien wackeln. Nur noch ein Wunder könnte die Koalition
       retten.
       
 (DIR) Soziale Ungleichheit: Klingbeil plant keine Klima-Reichensteuer
       
       Das SPD-geführte Finanzministerium prüft nicht, ob man Superreiche für ihre
       Klimabilanz gesondert zur Kasse bitten sollte. Gefragt hatten die Grünen.