# taz.de -- Verlegerin über den Wert von Biografien: „In Familiengeschichten steckt die Weltgeschichte“
       
       > Katrin Rohnstock ist Spezialistin für Erzählen: Sie hat einen Verlag für
       > Autobiografien. In ihren Erzählsalons kommen die unterschiedlichsten
       > Menschen zu Wort.
       
 (IMG) Bild: Biografien sind ihr Beruf: Katrin Rohnstock in ihrem Verlagsraum
       
       taz: Frau Rohnstock, Sie gelten als Wegbereiterin der Biografien für die
       sogenannten kleinen Leute, also nicht prominente Menschen. Wie viele
       „Bücher des Lebens“ hat Ihr Unternehmen Rohnstock Biografien bisher
       herausgegeben? 
       
       Katrin Rohnstock: Ungefähr 400. Die Auftraggeber kommen aus ganz
       Deutschland, Privatleute aller Couleur, darunter viele Unternehmer. Hier
       auf dem Tisch liegt gerade „Stiller Sand“ – die Geschichte eines Berliner
       Trainers, der in verschiedenen afrikanischen Ländern Fußballer trainiert
       hat.
       
       taz: Was sind die Beweggründe für so ein Buch des Lebens? 
       
       Rohnstock: Das Leben an seinem Ende Revue passieren zu lassen und
       Erfahrungen festzuhalten. Und das Bewusstsein über die Bedeutung der
       Familiengeschichte wächst. Immer öfter beauftragen 50-, 60-jährige „Kinder“
       uns, für ihre Eltern das Buch zu schreiben. Da will zum Beispiel ein Arzt
       von seiner Mutter alles wissen über die Familie. Für die eigene Identität
       werden familiäre Wurzeln immer wichtiger. Auch, weil die Berufsidentität
       und die regionale Identität mit zunehmender Mobilität fragiler werden.
       
       taz: Haben Sie noch Zeit für Bücher, die nicht aus Ihrem Unternehmen
       kommen? 
       
       Rohnstock: Nur im Urlaub, da schaffe ich höchstens zwei Bücher. Zuletzt im
       Albanienurlaub habe ich [1][Lea Ypi gelesen, eine albanisch-britische
       Politikwissenschaftlerin und Philosophin], die sich anhand ihrer
       Familiengeschichte mit der faschistischen, sozialistischen und
       postsozialistischen Geschichte Albaniens auseinandersetzt.
       
       taz: Familiengeschichte – da sind wir mitten im Thema. Das Erzählen liegt
       Ihnen am Herzen. Was war zuerst da? Die Erzählsalons oder die Bücher des
       Lebens? 
       
       Rohnstock: Das Buch des Lebens. Rohnstock Biografien habe ich 1998
       gegründet. Meine Idee war, die Geschichte der kleinen Leuten
       aufzuschreiben. Doch da gab es diesen Widerspruch: Eine Lebensgeschichte,
       die professionell geschrieben wird, schön gestaltet mit Fotos, kostet
       einiges. Das aber können sich viele Menschen nicht leisten.
       
       taz: Aber die kleinen Leute haben interessante Geschichten zu erzählen,
       oder? 
       
       Rohnstock: Unbedingt. Und sie sind lebensklug, du kannst viel von ihnen
       lernen. Deshalb habe ich mich gefragt: Wie kriegst du es hin, diesen
       Geschichten einen Raum zu bieten? Ab und an pro bono arbeiten geht, aber
       nicht regelmäßig.
       
       taz: Und so haben Sie sich vor 25 Jahren ein Veranstaltungsformat
       ausgedacht … 
       
       Rohnstock: … bei dem wir mehreren zuhören. So kamen wir auf das kollektive
       Erzählen. Ein Jahr lang habe ich experimentiert, weil wir nicht wussten,
       wie so eine Erzählrunde hierarchiefrei funktionieren kann. Denn unsere
       Philosophie ist, dass jede Geschichte gleich wertvoll ist. Die Geschichten
       werden nicht kommentiert, sondern es wird nur zugehört. So ein Format gab
       es damals nicht.
       
       taz: Ein niedrigschwelliges Angebot, wo es also nicht um Diskussion geht? 
       
       Rohnstock: Es diskutieren ja vor allem die Leute, die darin geschult sind
       und sich gut ausdrücken können. Alle Ungeübten haben das Nachsehen. Ich
       habe deshalb nach einem Gegenentwurf gesucht. Eines Tages hat ein Freund,
       der gerade von einer Reise aus Israel zurückkam, erzählt, wie Juden nach
       dem Gottesdienst gemeinsam essen und trinken und dabei reihum erzählen, was
       jeder in der Woche so erlebt hat.
       
       taz: Und alle anderen hören zu? 
       
       Rohnstock: Ja. Über die Vermittlung von Herrn Finkelstein, der in der
       jüdischen Gemeinde aktiv war, konnte ich an einer solchen Runde teilnehmen.
       Man merkte, dass alle erzählen und zuhören können, weil sie es gewohnt
       sind. Das war die „Vorlage“. Im Prinzip ist der Erzählsalon ein Import aus
       der jüdischen Kultur.
       
       taz: Wer kann denn heute noch zuhören? 
       
       Rohnstock: Genau. Doch wenn keiner mehr zuhört, erzählt auch keiner. Ein
       Riesenproblem für den Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft, das in
       Einsamkeit mündet.
       
       taz: Sie haben eine Art Ventil für den Erzählstau geschaffen, die Idee
       wurde angenommen. Was waren das damals, vor 25 Jahren, für Themen? 
       
       Rohnstock: Sie haben über den ersten Schultag und ihre Lehrer erzählt, über
       die Kleidung, die sie zur Konfirmation oder Jugendweihe getragen haben.
       Doch die Kriegserlebnisse standen im Mittelpunkt.
       
       taz: Wer kam da zu Ihnen zu der Gesprächsrunde? 
       
       Rohnstock: Es kamen von 1920 bis 1940 Geborene. Eine Jüdin, deren Familie
       in Auschwitz ermordet wurde, unsere spätere Köchin. Eine Kommunistin, die
       Tochter von John Heartfield, eine Botschafterwitwe. Ein ehemaliger
       Wehrmachtoffizier aus Spandau. Eine Sudetendeutsche aus der Schorfheide.
       Ein früherer Kriegsfotograf aus Zehlendorf. Ein NVA-Offizier, der nach der
       Wende arbeitslos wurde. Sie kamen aus ganz Berlin, Ost und West.
       
       taz: Per Zufall? Nicht gecastet? 
       
       Rohnstock: Nein, sie kamen, weil wir ihren Erinnerungen einen Raum gaben.
       Und sie haben sich verstanden. Sie trafen sich 15 Jahre lang. Bis fast alle
       gestorben waren.
       
       taz: Sie haben viele Erzählsalons in der Lausitz durchgeführt. 
       
       Rohnstock. 2015 haben wir das erste große Erzählprojekt für die Lausitz
       gefördert bekommen – [2][von der damaligen Ostbeauftragten Iris Gleicke].
       Da haben wir vierzig Erzählsalons veranstaltet. In der Lausitz sind in der
       Wendezeit 90.000 Leute entlassen worden. Ständig wurden von den Leuten neue
       Themen vorgeschlagen: „Wir wollen auch mal unsere Geschichte erzählen“,
       sagten die Kleintierzüchter, Existenzgründer und Heimkehrer. Danach haben
       wir in Cottbus in Kooperation mit dem LausitzLab ein Projekt mit
       Unternehmern gemacht, denn die müssen ja die Transformation auch
       verkraften; danach mit dem Landkreis Oberspreewald-Lausitz und Elbe-Elster
       zehn Erzählsalons für Existenzgründer, und 2023 hat uns Heike Jakobsen von
       der Brandenburgisch Technischen Universität Cottbus eingeladen, für das
       Projekt „Altersinnovationen“ in Spremberg und Guben Erzählsalons zu
       veranstalten, um Ideen zu entwickeln, wie eine gealterte Stadtgesellschaft
       sich selbst helfen kann. Aus den Geschichten sind schöne Publikationen
       entstanden.
       
       taz: Wie viele Leute haben Sie in den 25 Jahren Erzählsalons wohl erreicht? 
       
       Rohnstock: Mehrere Tausend, wir haben sie nicht gezählt. Es gibt zwei
       Formen des Erzählsalons: Den geschlossenen, wie hier um den großen Tisch
       bei uns im Firmensitz in Berlin-Pankow, mit bis zu 20 Leuten. Und den
       offenen mit Publikum. Da sitzen vorne drei, vier Erzähler und es kommen 100
       oder 200 Leute, die auch die Möglichkeit bekommen, ihre Stimme zu erheben.
       
       taz: Die Themenpalette ist breit gefächert … 
       
       Rohnstock: … je nachdem, was man erreichen will. Man kann das Erzählen
       strategisch einsetzen, zum Beispiel um Brücken zu bauen. Im Dresdner
       Hygienemuseum zum Beispiel haben wir ein Erzählprojekt durchgeführt, dessen
       Anliegen es war, Wessis, Ossis und Migranten an einem Tisch
       zusammenzubringen.
       
       taz: Das ist nicht einfach. 
       
       Rohnstock: Wir haben lange überlegt, was für die drei Gruppen verbindende
       Themen sein könnten, und haben uns auf Biografisches beschränkt. Das war
       spannend. Ein sogenannter Kontingentflüchtling hat mit gebrochenem Deutsch
       seine Familiengeschichte bis zurück zur Oktoberrevolution erzählt, und eine
       Westdeutsche, dass ihre Großeltern zur Leibstandarte Adolf Hitler gehörten
       und bis zu ihrem Tod ein Porträt von Hitler in der Wohnstube hing. In
       Familiengeschichten steckt die Weltgeschichte wie der Ozean in einem
       Wassertropfen.
       
       taz: Wie laufen die Berliner Erzählsalons ab? 
       
       Rohnstock: In unserem Büro gibt es jeden letzten Montag im Monat den
       Montagssalon. Da kann jeder kommen. Im Juni war das Thema: „Wie ich den
       Osten beziehungsweise den Westen kennenlernte“. Da haben wir viel gelacht.
       
       taz: Wer kommt da zum Erzählen? 
       
       Rohnstock: Einige regelmäßig, zum Beispiel ein berenteter Polizist, ein
       Lehrer, ein früherer Abteilungsleiter vom VEB Kombinat Autotrans Berlin,
       eine Mathematikerin, die die Kraftwerke berechnet hat, die der
       DDR-Kraftwerksanlagenbau in alle Herren Länder exportierte, und die
       Erfinderin des Studienganges für künstlerisches Erzählen, Professorin
       Kristin Wardetzky von der Universität der Künste.
       
       taz: Es ist gut, wenn sich verschiedene Menschen zum Erzählen treffen? 
       
       Rohnstock: Unbedingt, es erweitert den eigenen Horizont. Nur Jüngere kommen
       leider selten. Die erreichen wir noch nicht. Nur im Erzählsalon in der
       Gemeinschaftsunterkunft in Berlin-Marzahn, wo Nachbarn und Geflüchtete
       zusammenkommen, sitzen junge Männer dabei. Wenn man denen zuhört, wird
       einem mit Erschrecken bewusst, wie weit die Kindheiten in unserer
       Wohlstandsgesellschaft gegenüber denen der Flüchtlinge auseinanderklaffen.
       Afghanen, Syrier, Iraner mussten sich manchmal jahrelang durchkämpfen, ohne
       ein richtiges Zuhause.
       
       taz: Ein Projekt, bei denen Leuten zugehört wird, die sonst keine Stimme
       haben. Geht das auf Deutsch oder wird übersetzt? 
       
       Rohnstock: Es wird zweimal übersetzt, einmal aus der jeweiligen
       Landessprache ins Englische, das machen die Flüchtlinge untereinander.
       Danach übersetzt der Chef des Wohnheimes, ein Südafrikaner, aus dem
       Englischen ins Deutsche, weil die meisten Nachbarn nicht gut Englisch
       können, ich ja auch nicht.
       
       taz: Die Erzählsalons wollen Sie nun in andere Hände geben? 
       
       Rohnstock: Ich bin vergangenes Jahr 65 geworden und denke darüber nach, wie
       es mit der Firma und dem gesammelten Know-how weitergeht. Als nächstes
       möchte ich die Erzählsalons und die Ausbildung für das Salonieren dem
       gemeinnützigen [3][Verein zur Förderung lebensgeschichtlichen Erinnerns und
       biografischen Erzählens] übertragen. Der Vereinsvorsitzende Professor Otto
       Kruse ist der wichtigste Erzähldidaktiker im deutschsprachigen Raum und
       kann unser Tun wissenschaftlich einordnen. Gerade erarbeiten wir einen
       Essayband über die „Kraft des Erzählens“.
       
       taz: Das klingt nach Wachstum. 
       
       Rohnstock: Ja, wir wollen Kampagnen machen für den gesellschaftlichen
       Zusammenhalt. Es gibt viele weiße Flecken, die nach einer Aufarbeitung
       drängen. Selbst die Kriegs- und Nachkriegsgeschichte ist nicht abgehandelt.
       Jetzt stellen die Kriegsenkel Fragen, das zeigt gerade [4][der Run auf die
       NSDAP-Datenbanken]. Sie nehmen die familiäre Tabuisierung nicht mehr hin,
       weil sie wissen, welche psychischen und physischen Folgen diese haben
       können.
       
       taz: In den Familiengeschichten wird sicher nicht nur Schönes erzählt? 
       
       Rohnstock: Nein, auch das Scham- und Schmerzhafte. Dafür Worte und
       Narrative zu finden, ist manchmal schwer. Da hilft es, von anderen zu
       hören, wie sie ähnliche Erfahrungen formulieren. In einem Erzählsalon hat
       der Polizist zum Thema „Mein Vater“ von seinem erzählt, der im Krieg
       verletzt wurde und Alkoholiker wurde und ihn windelweich geschlagen hat.
       Doch er hat seinem Vater verziehen. Die Geschichte hat sehr berührt.
       
       taz: Was braucht es, um die Erzählsalons zu erhalten und auszubauen? 
       
       Rohnstock: Wir brauchen Menschen, die uns unterstützen. Eine öffentliche
       Förderung zu erhoffen, ist illusorisch. Stichwort: Kürzungen in allen
       Bereichen. Wir haben mit dem Erzählsalon ein leises, feines Instrument.
       
       taz: Und neue Ideen? 
       
       Rohnstock: Mir macht es Spaß, Konzepte für Erzählprojekte zu entwickeln.
       Denn durch einen guten Austausch ließe sich so manches Problem lösen.
       
       taz: Probleme lösen durch Erzählen! 
       
       Rohnstock: Ja, sowohl gesellschaftlich als auch individuell. Wenn du ein
       Problem hast und davon erzählst, findest du meist jemanden, der erzählt,
       wie er das Problem bewältigt hat. Bewältigungsstrategien, auf die du allein
       niemals kommen würdest. Regelmäßige Erzählsalons zum Beispiel in Häusern,
       Kiezen oder Dörfern können Menschen zusammenbringen und Gemeinschaft
       stiften. Zum Austausch, aber auch, um sich gegenseitig zu unterstützen im
       Alltag. Kollektives Erzählen als Selbsthilfe.
       
       taz: Und das ist demokratiefördernd. 
       
       Rohnstock: Absolut. Weil Erzählen integriert und nicht entzweit. Erzählen
       ermöglicht Verständigung.
       
       taz: Wurde bei Ihnen zu Hause viel erzählt oder woher kommt Ihr Faible fürs
       Erzählen? Ihre Eltern haben beide im VEB Carl Zeiss Jena gearbeitet … 
       
       Rohnstock: Ja, wir haben in der Familie erzählt – jeden Abend beim Essen,
       bei Familienfesten. Doch weil meine Eltern voll berufstätig waren, habe ich
       nach der Schule die Nachmittage bei meiner Großmutter verbracht, die unten
       im Haus wohnte. Sie hat mir ständig aus ihrer Kindheit erzählt, aus ihrer
       Konditorei, für die sie morgens die Brötchen austragen musste.
       
       taz: Zum Schluss vielleicht noch ein Lesetipp aus Ihrem Verlagsprogramm? 
       
       Rohnstock: „Der große Schock – Ostdeutsche erzählen von den Folgen der
       Treuhandpolitik“, unser neues Buch, das im Bebra Verlag erschienen ist.
       Darin sind die Geschichten von 30 ehemaligen Mitarbeitern von fünf
       volkseigenen Betrieben versammelt – Kaliwerk Bischofferode,
       ESDA-Strumpffabrik Diedorf, Henneberger Porzellan Ilmenau, Möbelwerk
       Eisenberg und Relaiswerk Großbreitenbach. Die Leute erzählten über den
       Niedergang ihrer Betriebe infolge von Fehlentscheidungen der
       Treuhandanstalt und warum das für sie so schmerzlich war. Weil sie nicht
       nur ihre Arbeit, sondern auch ihre Gemeinschaft verloren haben.
       
       taz: Da erzählen also Industriearbeiter:innen … 
       
       Rohnstock: … zu denen wir Intellektuelle meist keinen Zugang haben. Die
       haben sich auf die Wiedervereinigung gefreut, glaubten an Investoren, die
       ihre Betriebe modernisieren würden. Doch dann kamen die Westberater, die
       oft keine Ahnung hatten. Millionen Ostdeutsche wurden nach der Wende
       arbeitslos. Da begreift man, woher der heutige Frust kommt, warum so viele
       nicht mehr an die Demokratie glauben, weder an Parteien, noch an staatliche
       Institutionen. Wenn du das liest, treibt es dir Tränen in die Augen.
       
       24 Aug 2026
       
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