# taz.de -- Bedrohter Affe in Kolumbien: Ein Punk für den Urwald
> Der Lisztaffe in Kolumbien ist vom Aussterben bedroht. Er braucht den
> Wald als Lebensraum. Gibt es eine gemeinsame Zukunft mit dem Menschen?
(IMG) Bild: Den Liszt-Affen erkennt man an seiner charakteristischen weißen Haartracht
Piep. Piep. Wie eine elektronische Wünschelrute sieht das Ortungsgerät aus,
das Sergio Canoles in den Händen hält. Piep. Piep. Piep. Das Geräusch
klingt wie in einer Krankenhausserie, wenn der Monitor eines sterbenden
Patienten Alarm schlägt. Irgendwo im Blätterdach hockt die Gruppe mit dem
dominanten Männchen, das den Rucksack mit dem Sender trägt.
Sergio Canoles, 21, ist schlank, trägt Vokuhila und hat einen sanften
Blick. In Wanderschuhen stapft er den Pfad entlang, der sich durch den
Waldboden zieht. Immer wieder sucht sein Blick die Baumkronen ab. Mild
fällt die Karibiksonne durch das hellgrüne Blätterdach. Die Lücken darin
wirken wie kleine Wolken im Himmelgrün. Die Baumstämme im privaten
Waldschutzgebiet von San Juan Nepomuceno sind noch schmal. Aus allen
Richtungen zwitschert, zirpt und raschelt es.
Canoles schickt einen langgezogenen Pfiff gen Blätterdach. Noch einen. Die
Äffchen erkennen längst die Männer von der Stiftung in ihren blauen
Oberteilen, sagt er. Sie erkennen ihren Geruch, ihre Gesichter. „Sie sind
unglaublich neugierig.“ Sergio kennt die Äffchen mittlerweile ebenso gut,
wie sie ihn.
In einem ausgetrockneten Flussbett bleiben wir stehen und warten.
Etwas huscht. Etwas Weißes bewegt sich. Ein Äffchen. Dann noch eins. Aus
allen Richtungen rennen sie dem ersten hinterher, direkt auf uns zu. Sie
springen von Ast zu Ast, kreuz und quer, etwa 10 bis 15 Meter über dem
Waldboden. Auf dem Rücken eines Affen hängt kein Peilsender, sondern ein
Junges. Tayrona, das dominante Weibchen, hat vor knapp zwei Wochen
Zwillinge geboren. Der Affe läuft quer über einen Ast – und hops! Das Baby
wechselt von seinem Rücken auf den eines anderen Affen, der es weiterträgt.
Das Äffchen, um das es hier geht, hat einen kaffeebraunen Rücken mit
rötlichen Einsprengseln, einen ebensolchen Schwanz, weiße Beine und Bauch.
Es wiegt maximal ein halbes Kilo. Sein Gesicht ist klein und schwarz, mit
einer Art weißen Monobraue und schwarzen Öhrchen, die an Teufelshörner
erinnern.
Das alles umrahmt eine weiße Haarpracht, die weit durchs Blätterdach
leuchtet.
Ihr verdankt Saguinus oedipus seinen deutschen Namen: Lisztaffe, nach dem
österreichisch-ungarischen Komponisten Franz Liszt. Der trug im hohen Alter
einen ähnlichen schlohweißen Schopf – wenngleich nicht so exzentrisch
toupiert. Wenn er wütend ist, stellt der Lisztaffe die Mähne auf. Extrem
wütend wird er, wenn man ihm die Zunge entgegenstreckt. Auf Spanisch heißt
das Äffchen Mono tití cabeciblanco. Weißkopfäffchen. Für die Einheimischen
kurz: tití.
Diese Gruppe dort oben besteht aus drei Erwachsenen, zwei Jungtieren, zwei
Babies. Alle da, stellt Sergio Canoles zufrieden fest. Jedes Tier zählt,
denn viele gibt es nicht mehr.
Franz Liszt ist 140 Jahre tot. Auch sein Namensvetter könnte bald
aussterben. Es gibt nach jüngster Zählung nur noch 7.000. Sie leben einzig
an der kolumbianischen Karibikküste. Etwa 130 von ihnen sollen in dem
privaten Schutzgebiet in San Juan Nepomuceno zu Hause sein.
Der Lebensraum des Tieres, der tropische Trockenwald, ist ebenfalls extrem
bedroht. Von Kolumbiens ursprünglichem tropischem Trockenwald sind gerade
einmal acht Prozent übrig – und nur die Hälfte davon ist noch unberührter
Primärwald. Der Rest wurde für Holz und Rinderzucht gerodet, fiel dem
wuchernden Wachstum der Karibiksiedlungen und dem Straßenbau zum Opfer. Und
der Mensch rückte den Äffchen persönlich zu Leibe. In den 60er und 70er
Jahren dienten sie in den USA für medizinische Laborexperimente. Bis heute
werden sie illegal gefangen und als Haustiere gehalten oder verkauft.
Doch ehemalige Holzfäller, Bauern, Umweltschützer:innen und
Biolog:innen arbeiten gemeinsam daran, den Tití zu retten. Seit mehr als
30 Jahren ist die [1][Stiftung Projekt Tití] in der Karibikregion aktiv.
Gegründet hat sie die US-amerikanische Biologin [2][Anne Savage], die heute
Co-Direktorin des binationalen Projekts ist.
An der Uni kam sie im Labor erstmals in Kontakt mit Saguinus oedipus – und
träumte von einem Schutzprogramm. [3][Es war Faszination auf den ersten
Blick, sagte sie mal in einem Interview:] „Sie waren so winzig wie ein
Eichhörnchen und äußerst lautstark. [4][Ihr Zwitschern und Pfeifen klang
wie das von Vögeln]. Und doch sind sie Primaten! Und die weiße Haarpracht
auf ihrem Kopf hat mich einfach begeistert.“ Beeindruckt habe sie auch das
Sozialverhalten: „Es war so interessant zu beobachten, wie die Tiere ihre
Paarbindung aufrechterhielten und wie alle Familienmitglieder an der
Aufzucht der in den Gruppen geborenen Jungtiere beteiligt waren.“
Mittlerweile hat das Projekt drei Standorte in der kolumbianischen Karibik,
die alle an staatliche Schutzgebiete angrenzen. Hier in San Juan Nepomuceno
hat das Projekt 2015 auf gekauftem Land ein privates Waldschutzgebiet
geschaffen. Es grenzt an den Nationalpark Los Colorados. Über die Jahre ist
das private Schutzgebiet auf 900 Hektar gewachsen und damit fast so groß
wie der Nationalpark. „Wir haben als Kern den Nationalpark, unser privates
Schutzgebiet als Puffer – und dann die Nachbarn und Bauern, die heute
unsere besten Verbündeten sind“, sagt Rosamira Guillén, Direktorin des
kolumbianischen Teils des Projekts.
Seit zwei Jahren arbeitet Sergio Canoles für die Stiftung. Seinen
Praxisteil der Ausbildung zum Verwalter von Agrarbetrieben absolvierte er
dort – und fing dabei Feuer. Statt wie viele andere in der Gegend danach
auf einer Rinderfarm zu arbeiten, widmet er sich nun dem Gegenteil. „Das
Praktikum hat meine Perspektive verändert und ich habe mich verliebt. Der
Wald ist etwas Wunderbares. Viele Menschen haben ihn zerstört. Viele Junge
wollen nicht mehr zurück zum Wald. Aber mir gefällt die Arbeit hier und ich
lerne wahnsinnig viel.“ Über Tití, andere Tiere, den Wald.
Er stammt aus dem Dorf El Carmen del Bolívar, ganz in der Nähe. Den Tití
sah er zum ersten Mal auf der Finca seines Großvaters, als er etwa zehn
Jahre alt war. Sein Großvater ließ am Rand des Bachlaufs Wald stehen, um
das Wasser zu schützen, erzählt er. Dort lebte auch der Affe.
Heute dokumentiert er den Tití im Zweierteam. Auf seinem Handy hat er eine
App. Mit ihr protokolliert er in Echtzeit, was die Affen tun: Wer hält
Wache? Was fressen sie? Wo schlafen sie? Wohin bewegen sie sich? Wer trägt
die Jungen? Einer beobachtet, der andere notiert. Alles dient der
Forschung.
„Die Familie ist für den Tití das Wichtigste“, hat er gelernt. Das
verbindet ihn mit dem Äffchen. „Das ist so eine edle und schöne Art! Wir
Menschen vernichten sie. Dabei sind sie für die Menschheit so wichtig.
Diese kleinen Affen verteilen Samen, sie bestäuben. So pflanzen sie den
Wald, den wir Menschen fürs Wasser so dringend brauchen.“
Doch dafür braucht es die richtige Vegetation. Der tropische Trockenwald
heißt so, weil es hier zwei Regenzeiten und lange Trockenperioden gibt.
Gerade ist Regenzeit, aber seit Tagen ist es staubtrocken und heiß.
Seit 4 Uhr morgens sind die Arbeiter in den Bergen von San Juan auf den
Beinen. Mittlerweile ist es 11 Uhr und die Sonne brennt heftig.
Mit Maultieren tragen sie die Körbe mit den Setzlingen von der Gärtnerei
den Berg hoch. 9.000 Pflänzchen stehen nun bereit, unter dem einzigen
passablen Schattenbaum weit und breit. Dann geht es einen fürs ungeübte
Auge unsichtbaren Pfad bergab.
Ein halbes Dutzend Arbeiter schuftet dort in der Hitze. Biologe Marcelo
Ortega leitet sie an. Sie arbeiten entlang einer Linie am Rand einiger
Bäume. Auf der angrenzenden, ehemaligen Viehweide wuchert Brachiaria-Gras,
eine invasive Futterpflanze aus Afrika. Einheimische Gräser haben gegen sie
keine Chance. Nur verbotenes Gift oder die Machete können sie stoppen. Oder
der Schatten von Bäumen, die hier noch fehlen.
Passives Aufforsten, also einfach abwarten und wachsen lassen, reicht
nicht, erklärt Marcelo Ortega, der Leiter des Projekts. Zum einen dauert es
zu lange für die Affen, denn in jeder Gruppe bekommt nur das dominante
Weibchen einmal im Jahr Zwillinge. Zum anderen würden sich die falschen
Arten ausbreiten, wie das afrikanische Futtergras. „Wir reichern
stattdessen den Wald mit einheimischen Arten an.“ Das Ziel für 2026: 50.000
neue Bäumchen pflanzen.
Machete raus, Unkraut wegschlagen, Loch ausstechen, Hydrogel rein, damit
das Bäumchen einen feuchten Start hat. Setzling mit Substrat aus der
Plastiktüte einsetzen, festdrücken. Edwin Enrique Castro, 27 Jahre alt,
macht das routiniert. Schweiß glänzt auf seinem Gesicht. Er gehört zu den
Erfahrenen im Team. Sein ganzes Leben hat er in San Juan verbracht, heute
mit Frau und zwei kleinen Kindern. Aufgewachsen ist er auf der elterlichen
Finca in den Bergen, jetzt studiert er Agroforstwirtschaft im Fernstudium.
„Ich will Landwirtschaft und Wald verbinden, ohne dem Wald zu schaden“,
sagt er leise. Er liebt die Ruhe und Schönheit des Bauernhofs.
Sein Vater ist Mitglied beim Schutzprogramm von Projekt Tití. Auf einem
Hektar seiner zehn Hektar großen Finca hat er wieder aufgeforstet – auch
mit Setzlingen des Projekts. Seit zwei Jahren kommen Lisztäffchen immer
wieder auf die neuen Bäume. Das freut den Vater. Auch die Dorfbewohner
haben sich verändert: Statt Steine zu werfen, zücken sie heute ihre Handys,
wenn sie die Äffchen sehen. Die pädagogische Arbeit und die Unterstützung
der Nachbarschaft durch Projekt Tití zeigen Wirkung. Frauen, die früher
Äffchen verkauften, nähen und verkaufen jetzt handgemachte Tití-Puppen aus
Stoff.
Im Dorf prangen Wandmalereien mit Tití-Motiven, dazu Schilder und T-Shirts
mit Aufschriften wie „Titís sind keine Haustiere“ oder „Ich bin Freund des
Lisztaffens“. Auf manchen trägt das Äffchen das lokalpatriotische
Qualitätssiegel: „100 Prozent kolumbianisch“. In den Schulen gibt es
Tití-Unterricht mit Theaterstücken, Basteln und Spielen. Die Einheimischen
fangen kaum noch Titís, berichten Mitarbeiter der taz.
Man kann es so zusammenfassen: Am Affen lässt sich ablesen, wie es um den
Wald steht. Und um die Menschen, die von ihm leben.
Hier in den Bergen wächst ein ausgeklügelter Pflanzenmix, der genau zum
Standort passt. Meistens überleben 80 Prozent der Setzlinge. Das verdanken
sie vor allem der Arbeit von Luis Carlos González und seinem Team in der
Gärtnerei. Die Setzlinge stammen aus eigener Zucht. Die Mitarbeiter, die im
Wald den Titís folgen, notieren genau, welche Pflanzen die Affen nutzen. So
wissen ihre Kollegen später, welche Samen sie sammeln müssen. Am Boden hält
sich das Äffchen selten auf – dort lauern zu viele Gefahren. Lieber
klettert es auf Bäume wie die Ceibas, deren Stacheln es vor Feinden
schützen, die nicht hinterherkommen: Schlangen, Sperber, Fuchs, Ozelot,
Langschwanzkatze und Puma. Auf anderen Bäumen nascht es Nektar und Harz,
auf dem es morgens herumkaut als wäre es Kaugummi. Wieder andere nutzt es,
um Spinnen, Grillen, Eidechseneier und kleine Schnecken zu finden.
In der Gärtnerei mischen sie die Pflanzerde aus schwarzer Erde, Reishülsen,
Kompost, Kuhdung und Asche von Bauernfamilien in der Gegend, die noch mit
Holz kochen. Obendrauf ins Beet kommt Sand, damit sich die Pflänzchen
leicht herausziehen lassen, erklärt Luis Carlos González. Er ist 42, stammt
aus San Juan – und will dort auch niemals weg, sagt er. Dort lebt er mit
seiner Partnerin, die Kinder arbeiten und studieren in der Stadt. Seit acht
Jahren ist er beim Projekt, immer schon in der Gärtnerei.
Früher war er Bauer, wie sein Vater. „Ich bin in den Bergen aufgewachsen
und harte Arbeit gewohnt.“ Sie pflanzten Yamswuzeln, Maniok, Kochbanane,
Avocado und hielten ein paar Kühe – typisch für die Region. Dafür rodeten
sie ein Stück Land, etwa 50 Quadratmeter. „Bäume, die 15, 20 Jahre
gewachsen waren … für eine Maniokpflanze, die sieben Monate lang lebt“,
sagt er. „Aber damals sahen wir das anders. Wir mussten überleben.“ Heute
lebt er vom Gegenteil: Er zieht die Grundlage des künftigen Walds heran.
Der verschmitzte Schnauzbartträger ist eine kreative Allzweckwaffe in der
Gärtnerei. Als er anfing, war dort, wo heute die Gärtnerei im Schatten
junger Bäume liegt, nur karges Weideland. Mit Eisenstangen, Draht und
Schattennetzen legte er die ersten Beete an.
In seiner Freizeit schweißt er, erzählt er. Damit unterstützt er seinen
Vater, der ein Kleinunternehmen für Metallstühle besitzt. Er hat das Haus
für den Kompost gebaut. Er hat sich die Titípostes ausgedacht: die Pfosten
aus recycleten Pflanzpflastiktüten, aus denen die Zäune und Hochbeete
gebaut sind. Dort misst er mit Maßband und kräftigen Händen sorgfältig, wie
hoch die Pflänzchen mittlerweile sind.
Lagerräume und eine gekühlte Saatgutbank gibt es heute auch. Dort lagert
der Schatz: Etwa 100 Baumsamenarten, die sie hier in mühsamer Kleinarbeit
hochzüchten bis zum Setzling. Mehr als 120 Pflanzenarten kennt er dank
seiner Arbeit, sagt González. Sein Lieblingsbaum ist der Carreto
(Aspidosperma polyneuron): „Mit ihm identifiziere ich mich. Ein starker
Baum, den so gut wie nichts umwerfen kann.“
„Hier in der Gegend war es immer schon hart“, sagt Luis Carlos González.
„Es gibt wenig Arbeit, die meisten sind Tagelöhner und gehen in die Berge
für den Tag oder eine Woche.“ Da sind die festen Arbeitsplätze und
Saisonarbeiten des Projekts Tití gefragt, das sich vor allem mit
internationalen Spendengeldern und Förderungen, viel davon aus den USA,
finanziert. „Eines Tages werden meine Kinder und ihre Kinder sehen, woran
ich mitgearbeitet habe.“ Wenn der Wald gewachsen ist, nach etwa 15, 20
Jahren.
Das Lisztäffchen hat sich an die veränderten Bedingungen angepasst.
Mittlerweile ist es auch im hohen Sekundärwald zu finden. Mit dem
wachsenden Wald kehrt nicht nur das Äffchen zurück, sondern auch andere
Tiere und Pflanzen. Vor Kurzem ging ihnen weit oben in den Bergen ein Puma
in die Fotofalle. Auch der vom Aussterben bedrohte Blaulappenhokko (Crax
alberti) wird dort inzwischen wieder gesichtet. Das langfristige Ziel:
Korridore schaffen, über die sich Tiere und Pflanzen ausbreiten können.
Tatsächlich geht es um ein ganzes Ökosystem. Der kleine Affe mit der
Punk-Frisur steht dafür als Symbol.
Kolumbien ist das vogelartenreichste Land der Welt, allein 240 Vogelarten
sind im tropischen Trockenwald beheimatet. Auch mindestens 50
Säugetierarten leben hier. Die Gegend war lange Opfer des bewaffneten
Konflikts zwischen Farc-Guerilla, Paramilitärs und staatlichen
Sicherheitskräften, der auch an der Karibikküste wütete. Forscher:innen
konnten nicht hinein. Deswegen werden hier noch viele unentdeckte Arten
vermutet.
Die Mehrheit des Projektteams sind wie der Tití Vertriebene. Sie flohen vor
dem Krieg in den Montes de María nach San Juan. Einigen blieb nichts
anderes übrig, als Holz zu schlagen und zu verkaufen, um zu überleben. So
ist die Geschichte des Waldes auch eine Geschichte der Menschen hier: Wer
keine andere Möglichkeit hat, muss von dem leben, was der Wald hergibt. Wer
eine andere Perspektive bekommt, kann anfangen, ihn zu schützen.
Auch der Affe bekam den Krieg zu spüren. [5][Das Sondergericht für den
Frieden (JEP)] führt ihn in einer gemeinsam mit der Universität von Essex
verfassten Studie als eine von 44 Arten, die wegen des bewaffneten
Konflikts vom Aussterben bedroht sind. Als Hauptschuldigen nennt der
Bericht die Farc-Guerilla. Aber es gab auch Jäger, die Affen fingen,
Muttertiere töteten, um die Jungen zu verkaufen, erzählt Luis Carlos
González. Er habe das vor rund 25 Jahre selbst mitansehen müssen. Auch die
Stiftung musste vor Jahren ihren ersten Sitz in den Montes de María
aufgeben. Heute ist er wieder in Betrieb.
Aber die Situation an der Karibikküste kann kippen. „Der bewaffnete
Konflikt ist nie von hier weg. Es gibt Zeiten, da ist es ruhig. Und dann
kocht es wieder hoch“, sagt Luis Carlos González.
Am Freitag hat der neue ultrarechte Präsident Abelardo de la Espriella sein
Amt angetreten. Sicherheitspolitik mit harter Hand ist sein Hauptthema. Der
„totale Frieden“ mit den verbliebenen bewaffneten Gruppen, den sich der
linke Präsident Gustavo Petro auf die Fahne geschrieben hatte, ist
gescheitert. Umweltschutz spielte im Wahlkampf keine Rolle. De la Espriella
will Fracking erlauben und die artenreiche Orinoco-Region zum
„kolumbianischen Mato Grosso“ ausbauen.
Die Direktorin des Tití-Projekts will abwarten. [6][Der neue Umweltminister
Fabio Arjona] komme aus der Karibik und habe jahrzehntelange Erfahrung im
Umweltschutz. Wenn de la Espriella die bewaffneten Gruppen bekämpfe, könnte
das gut für den Umweltschutz und den Lisztaffen sein, meint Rosamira
Guillén. Denn [7][bewaffnete Gruppen nutzen auch Nationalparks für ihre
Geschäfte]. Sie schaffen dort Drogenkorridore, bedrohen Ranger und treiben
Abholzung, Rinderzucht, Kokaanbau und illegalen Bergbau voran. Damit wird
der Kampf gegen die bewaffneten Gruppen auch zum Kampf um den Wald.
Die Gärtnerei hat sich für den Verkauf von Pflanzen und Bäumen
zertifizieren lassen. Bauern, die beim Kooperationsprogramm mitmachen,
sollen künftig im Gegenzug auch Obstbäume für ihre Fincas bekommen. Geld
gibt es bewusst keines. Stattdessen unterstützt das Projekt die Bauern ganz
konkret: mit Solarpaneelen für Strom, Regentonnen und Pumpen für die
Wasserversorgung, Zäunen zum Schutz der Hühner vor der zurückgekehrten
Fauna und Bienenstöcken für die Imkerei. Auch Maultiere und Arbeitskraft
mietet das Projekt von den Bauern.
Mittlerweile melden sich manche Bauern von alleine, weil sie Teil des
Kooperationsprogramm werden wollen – sie haben dann gesehen, dass die Kühe
des Nachbarn dicker sind dank der Zusammenarbeit mit dem Projekt. Und sie
schlagen Alarm, wenn Unbekannte in den Wald kommen und womöglich jagen
wollen.
„In unserem Land entstehen Umweltschäden, weil die Grundbedürfnisse der
Menschen nicht befriedigt sind“, sagt Direktorin Rosamira Guillén. „Wenn du
aber die Gemeinschaften unterstützt, ihre sozioökonomischen Probleme zu
lösen, sind die Menschen deine besten Verbündeten.“
14 Aug 2026
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