# taz.de -- Bedrohter Affe in Kolumbien: Ein Punk für den Urwald
       
       > Der Lisztaffe in Kolumbien ist vom Aussterben bedroht. Er braucht den
       > Wald als Lebensraum. Gibt es eine gemeinsame Zukunft mit dem Menschen?
       
 (IMG) Bild: Den Liszt-Affen erkennt man an seiner charakteristischen weißen Haartracht
       
       Piep. Piep. Wie eine elektronische Wünschelrute sieht das Ortungsgerät aus,
       das Sergio Canoles in den Händen hält. Piep. Piep. Piep. Das Geräusch
       klingt wie in einer Krankenhausserie, wenn der Monitor eines sterbenden
       Patienten Alarm schlägt. Irgendwo im Blätterdach hockt die Gruppe mit dem
       dominanten Männchen, das den Rucksack mit dem Sender trägt.
       
       Sergio Canoles, 21, ist schlank, trägt Vokuhila und hat einen sanften
       Blick. In Wanderschuhen stapft er den Pfad entlang, der sich durch den
       Waldboden zieht. Immer wieder sucht sein Blick die Baumkronen ab. Mild
       fällt die Karibiksonne durch das hellgrüne Blätterdach. Die Lücken darin
       wirken wie kleine Wolken im Himmelgrün. Die Baumstämme im privaten
       Waldschutzgebiet von San Juan Nepomuceno sind noch schmal. Aus allen
       Richtungen zwitschert, zirpt und raschelt es.
       
       Canoles schickt einen langgezogenen Pfiff gen Blätterdach. Noch einen. Die
       Äffchen erkennen längst die Männer von der Stiftung in ihren blauen
       Oberteilen, sagt er. Sie erkennen ihren Geruch, ihre Gesichter. „Sie sind
       unglaublich neugierig.“ Sergio kennt die Äffchen mittlerweile ebenso gut,
       wie sie ihn.
       
       In einem ausgetrockneten Flussbett bleiben wir stehen und warten.
       
       Etwas huscht. Etwas Weißes bewegt sich. Ein Äffchen. Dann noch eins. Aus
       allen Richtungen rennen sie dem ersten hinterher, direkt auf uns zu. Sie
       springen von Ast zu Ast, kreuz und quer, etwa 10 bis 15 Meter über dem
       Waldboden. Auf dem Rücken eines Affen hängt kein Peilsender, sondern ein
       Junges. Tayrona, das dominante Weibchen, hat vor knapp zwei Wochen
       Zwillinge geboren. Der Affe läuft quer über einen Ast – und hops! Das Baby
       wechselt von seinem Rücken auf den eines anderen Affen, der es weiterträgt.
       
       Das Äffchen, um das es hier geht, hat einen kaffeebraunen Rücken mit
       rötlichen Einsprengseln, einen ebensolchen Schwanz, weiße Beine und Bauch.
       Es wiegt maximal ein halbes Kilo. Sein Gesicht ist klein und schwarz, mit
       einer Art weißen Monobraue und schwarzen Öhrchen, die an Teufelshörner
       erinnern.
       
       Das alles umrahmt eine weiße Haarpracht, die weit durchs Blätterdach
       leuchtet.
       
       Ihr verdankt Saguinus oedipus seinen deutschen Namen: Lisztaffe, nach dem
       österreichisch-ungarischen Komponisten Franz Liszt. Der trug im hohen Alter
       einen ähnlichen schlohweißen Schopf – wenngleich nicht so exzentrisch
       toupiert. Wenn er wütend ist, stellt der Lisztaffe die Mähne auf. Extrem
       wütend wird er, wenn man ihm die Zunge entgegenstreckt. Auf Spanisch heißt
       das Äffchen Mono tití cabeciblanco. Weißkopfäffchen. Für die Einheimischen
       kurz: tití.
       
       Diese Gruppe dort oben besteht aus drei Erwachsenen, zwei Jungtieren, zwei
       Babies. Alle da, stellt Sergio Canoles zufrieden fest. Jedes Tier zählt,
       denn viele gibt es nicht mehr.
       
       Franz Liszt ist 140 Jahre tot. Auch sein Namensvetter könnte bald
       aussterben. Es gibt nach jüngster Zählung nur noch 7.000. Sie leben einzig
       an der kolumbianischen Karibikküste. Etwa 130 von ihnen sollen in dem
       privaten Schutzgebiet in San Juan Nepomuceno zu Hause sein.
       
       Der Lebensraum des Tieres, der tropische Trockenwald, ist ebenfalls extrem
       bedroht. Von Kolumbiens ursprünglichem tropischem Trockenwald sind gerade
       einmal acht Prozent übrig – und nur die Hälfte davon ist noch unberührter
       Primärwald. Der Rest wurde für Holz und Rinderzucht gerodet, fiel dem
       wuchernden Wachstum der Karibiksiedlungen und dem Straßenbau zum Opfer. Und
       der Mensch rückte den Äffchen persönlich zu Leibe. In den 60er und 70er
       Jahren dienten sie in den USA für medizinische Laborexperimente. Bis heute
       werden sie illegal gefangen und als Haustiere gehalten oder verkauft.
       
       Doch ehemalige Holzfäller, Bauern, Umweltschützer:innen und
       Biolog:innen arbeiten gemeinsam daran, den Tití zu retten. Seit mehr als
       30 Jahren ist die [1][Stiftung Projekt Tití] in der Karibikregion aktiv.
       Gegründet hat sie die US-amerikanische Biologin [2][Anne Savage], die heute
       Co-Direktorin des binationalen Projekts ist.
       
       An der Uni kam sie im Labor erstmals in Kontakt mit Saguinus oedipus – und
       träumte von einem Schutzprogramm. [3][Es war Faszination auf den ersten
       Blick, sagte sie mal in einem Interview:] „Sie waren so winzig wie ein
       Eichhörnchen und äußerst lautstark. [4][Ihr Zwitschern und Pfeifen klang
       wie das von Vögeln]. Und doch sind sie Primaten! Und die weiße Haarpracht
       auf ihrem Kopf hat mich einfach begeistert.“ Beeindruckt habe sie auch das
       Sozialverhalten: „Es war so interessant zu beobachten, wie die Tiere ihre
       Paarbindung aufrechterhielten und wie alle Familienmitglieder an der
       Aufzucht der in den Gruppen geborenen Jungtiere beteiligt waren.“
       
       Mittlerweile hat das Projekt drei Standorte in der kolumbianischen Karibik,
       die alle an staatliche Schutzgebiete angrenzen. Hier in San Juan Nepomuceno
       hat das Projekt 2015 auf gekauftem Land ein privates Waldschutzgebiet
       geschaffen. Es grenzt an den Nationalpark Los Colorados. Über die Jahre ist
       das private Schutzgebiet auf 900 Hektar gewachsen und damit fast so groß
       wie der Nationalpark. „Wir haben als Kern den Nationalpark, unser privates
       Schutzgebiet als Puffer – und dann die Nachbarn und Bauern, die heute
       unsere besten Verbündeten sind“, sagt Rosamira Guillén, Direktorin des
       kolumbianischen Teils des Projekts.
       
       Seit zwei Jahren arbeitet Sergio Canoles für die Stiftung. Seinen
       Praxisteil der Ausbildung zum Verwalter von Agrarbetrieben absolvierte er
       dort – und fing dabei Feuer. Statt wie viele andere in der Gegend danach
       auf einer Rinderfarm zu arbeiten, widmet er sich nun dem Gegenteil. „Das
       Praktikum hat meine Perspektive verändert und ich habe mich verliebt. Der
       Wald ist etwas Wunderbares. Viele Menschen haben ihn zerstört. Viele Junge
       wollen nicht mehr zurück zum Wald. Aber mir gefällt die Arbeit hier und ich
       lerne wahnsinnig viel.“ Über Tití, andere Tiere, den Wald.
       
       Er stammt aus dem Dorf El Carmen del Bolívar, ganz in der Nähe. Den Tití
       sah er zum ersten Mal auf der Finca seines Großvaters, als er etwa zehn
       Jahre alt war. Sein Großvater ließ am Rand des Bachlaufs Wald stehen, um
       das Wasser zu schützen, erzählt er. Dort lebte auch der Affe.
       
       Heute dokumentiert er den Tití im Zweierteam. Auf seinem Handy hat er eine
       App. Mit ihr protokolliert er in Echtzeit, was die Affen tun: Wer hält
       Wache? Was fressen sie? Wo schlafen sie? Wohin bewegen sie sich? Wer trägt
       die Jungen? Einer beobachtet, der andere notiert. Alles dient der
       Forschung.
       
       „Die Familie ist für den Tití das Wichtigste“, hat er gelernt. Das
       verbindet ihn mit dem Äffchen. „Das ist so eine edle und schöne Art! Wir
       Menschen vernichten sie. Dabei sind sie für die Menschheit so wichtig.
       Diese kleinen Affen verteilen Samen, sie bestäuben. So pflanzen sie den
       Wald, den wir Menschen fürs Wasser so dringend brauchen.“
       
       Doch dafür braucht es die richtige Vegetation. Der tropische Trockenwald
       heißt so, weil es hier zwei Regenzeiten und lange Trockenperioden gibt.
       Gerade ist Regenzeit, aber seit Tagen ist es staubtrocken und heiß.
       
       Seit 4 Uhr morgens sind die Arbeiter in den Bergen von San Juan auf den
       Beinen. Mittlerweile ist es 11 Uhr und die Sonne brennt heftig.
       
       Mit Maultieren tragen sie die Körbe mit den Setzlingen von der Gärtnerei
       den Berg hoch. 9.000 Pflänzchen stehen nun bereit, unter dem einzigen
       passablen Schattenbaum weit und breit. Dann geht es einen fürs ungeübte
       Auge unsichtbaren Pfad bergab.
       
       Ein halbes Dutzend Arbeiter schuftet dort in der Hitze. Biologe Marcelo
       Ortega leitet sie an. Sie arbeiten entlang einer Linie am Rand einiger
       Bäume. Auf der angrenzenden, ehemaligen Viehweide wuchert Brachiaria-Gras,
       eine invasive Futterpflanze aus Afrika. Einheimische Gräser haben gegen sie
       keine Chance. Nur verbotenes Gift oder die Machete können sie stoppen. Oder
       der Schatten von Bäumen, die hier noch fehlen.
       
       Passives Aufforsten, also einfach abwarten und wachsen lassen, reicht
       nicht, erklärt Marcelo Ortega, der Leiter des Projekts. Zum einen dauert es
       zu lange für die Affen, denn in jeder Gruppe bekommt nur das dominante
       Weibchen einmal im Jahr Zwillinge. Zum anderen würden sich die falschen
       Arten ausbreiten, wie das afrikanische Futtergras. „Wir reichern
       stattdessen den Wald mit einheimischen Arten an.“ Das Ziel für 2026: 50.000
       neue Bäumchen pflanzen.
       
       Machete raus, Unkraut wegschlagen, Loch ausstechen, Hydrogel rein, damit
       das Bäumchen einen feuchten Start hat. Setzling mit Substrat aus der
       Plastiktüte einsetzen, festdrücken. Edwin Enrique Castro, 27 Jahre alt,
       macht das routiniert. Schweiß glänzt auf seinem Gesicht. Er gehört zu den
       Erfahrenen im Team. Sein ganzes Leben hat er in San Juan verbracht, heute
       mit Frau und zwei kleinen Kindern. Aufgewachsen ist er auf der elterlichen
       Finca in den Bergen, jetzt studiert er Agroforstwirtschaft im Fernstudium.
       „Ich will Landwirtschaft und Wald verbinden, ohne dem Wald zu schaden“,
       sagt er leise. Er liebt die Ruhe und Schönheit des Bauernhofs.
       
       Sein Vater ist Mitglied beim Schutzprogramm von Projekt Tití. Auf einem
       Hektar seiner zehn Hektar großen Finca hat er wieder aufgeforstet – auch
       mit Setzlingen des Projekts. Seit zwei Jahren kommen Lisztäffchen immer
       wieder auf die neuen Bäume. Das freut den Vater. Auch die Dorfbewohner
       haben sich verändert: Statt Steine zu werfen, zücken sie heute ihre Handys,
       wenn sie die Äffchen sehen. Die pädagogische Arbeit und die Unterstützung
       der Nachbarschaft durch Projekt Tití zeigen Wirkung. Frauen, die früher
       Äffchen verkauften, nähen und verkaufen jetzt handgemachte Tití-Puppen aus
       Stoff.
       
       Im Dorf prangen Wandmalereien mit Tití-Motiven, dazu Schilder und T-Shirts
       mit Aufschriften wie „Titís sind keine Haustiere“ oder „Ich bin Freund des
       Lisztaffens“. Auf manchen trägt das Äffchen das lokalpatriotische
       Qualitätssiegel: „100 Prozent kolumbianisch“. In den Schulen gibt es
       Tití-Unterricht mit Theaterstücken, Basteln und Spielen. Die Einheimischen
       fangen kaum noch Titís, berichten Mitarbeiter der taz.
       
       Man kann es so zusammenfassen: Am Affen lässt sich ablesen, wie es um den
       Wald steht. Und um die Menschen, die von ihm leben.
       
       Hier in den Bergen wächst ein ausgeklügelter Pflanzenmix, der genau zum
       Standort passt. Meistens überleben 80 Prozent der Setzlinge. Das verdanken
       sie vor allem der Arbeit von Luis Carlos González und seinem Team in der
       Gärtnerei. Die Setzlinge stammen aus eigener Zucht. Die Mitarbeiter, die im
       Wald den Titís folgen, notieren genau, welche Pflanzen die Affen nutzen. So
       wissen ihre Kollegen später, welche Samen sie sammeln müssen. Am Boden hält
       sich das Äffchen selten auf – dort lauern zu viele Gefahren. Lieber
       klettert es auf Bäume wie die Ceibas, deren Stacheln es vor Feinden
       schützen, die nicht hinterherkommen: Schlangen, Sperber, Fuchs, Ozelot,
       Langschwanzkatze und Puma. Auf anderen Bäumen nascht es Nektar und Harz,
       auf dem es morgens herumkaut als wäre es Kaugummi. Wieder andere nutzt es,
       um Spinnen, Grillen, Eidechseneier und kleine Schnecken zu finden.
       
       In der Gärtnerei mischen sie die Pflanzerde aus schwarzer Erde, Reishülsen,
       Kompost, Kuhdung und Asche von Bauernfamilien in der Gegend, die noch mit
       Holz kochen. Obendrauf ins Beet kommt Sand, damit sich die Pflänzchen
       leicht herausziehen lassen, erklärt Luis Carlos González. Er ist 42, stammt
       aus San Juan – und will dort auch niemals weg, sagt er. Dort lebt er mit
       seiner Partnerin, die Kinder arbeiten und studieren in der Stadt. Seit acht
       Jahren ist er beim Projekt, immer schon in der Gärtnerei.
       
       Früher war er Bauer, wie sein Vater. „Ich bin in den Bergen aufgewachsen
       und harte Arbeit gewohnt.“ Sie pflanzten Yamswuzeln, Maniok, Kochbanane,
       Avocado und hielten ein paar Kühe – typisch für die Region. Dafür rodeten
       sie ein Stück Land, etwa 50 Quadratmeter. „Bäume, die 15, 20 Jahre
       gewachsen waren … für eine Maniokpflanze, die sieben Monate lang lebt“,
       sagt er. „Aber damals sahen wir das anders. Wir mussten überleben.“ Heute
       lebt er vom Gegenteil: Er zieht die Grundlage des künftigen Walds heran.
       
       Der verschmitzte Schnauzbartträger ist eine kreative Allzweckwaffe in der
       Gärtnerei. Als er anfing, war dort, wo heute die Gärtnerei im Schatten
       junger Bäume liegt, nur karges Weideland. Mit Eisenstangen, Draht und
       Schattennetzen legte er die ersten Beete an.
       
       In seiner Freizeit schweißt er, erzählt er. Damit unterstützt er seinen
       Vater, der ein Kleinunternehmen für Metallstühle besitzt. Er hat das Haus
       für den Kompost gebaut. Er hat sich die Titípostes ausgedacht: die Pfosten
       aus recycleten Pflanzpflastiktüten, aus denen die Zäune und Hochbeete
       gebaut sind. Dort misst er mit Maßband und kräftigen Händen sorgfältig, wie
       hoch die Pflänzchen mittlerweile sind.
       
       Lagerräume und eine gekühlte Saatgutbank gibt es heute auch. Dort lagert
       der Schatz: Etwa 100 Baumsamenarten, die sie hier in mühsamer Kleinarbeit
       hochzüchten bis zum Setzling. Mehr als 120 Pflanzenarten kennt er dank
       seiner Arbeit, sagt González. Sein Lieblingsbaum ist der Carreto
       (Aspidosperma polyneuron): „Mit ihm identifiziere ich mich. Ein starker
       Baum, den so gut wie nichts umwerfen kann.“
       
       „Hier in der Gegend war es immer schon hart“, sagt Luis Carlos González.
       „Es gibt wenig Arbeit, die meisten sind Tagelöhner und gehen in die Berge
       für den Tag oder eine Woche.“ Da sind die festen Arbeitsplätze und
       Saisonarbeiten des Projekts Tití gefragt, das sich vor allem mit
       internationalen Spendengeldern und Förderungen, viel davon aus den USA,
       finanziert. „Eines Tages werden meine Kinder und ihre Kinder sehen, woran
       ich mitgearbeitet habe.“ Wenn der Wald gewachsen ist, nach etwa 15, 20
       Jahren.
       
       Das Lisztäffchen hat sich an die veränderten Bedingungen angepasst.
       Mittlerweile ist es auch im hohen Sekundärwald zu finden. Mit dem
       wachsenden Wald kehrt nicht nur das Äffchen zurück, sondern auch andere
       Tiere und Pflanzen. Vor Kurzem ging ihnen weit oben in den Bergen ein Puma
       in die Fotofalle. Auch der vom Aussterben bedrohte Blaulappenhokko (Crax
       alberti) wird dort inzwischen wieder gesichtet. Das langfristige Ziel:
       Korridore schaffen, über die sich Tiere und Pflanzen ausbreiten können.
       
       Tatsächlich geht es um ein ganzes Ökosystem. Der kleine Affe mit der
       Punk-Frisur steht dafür als Symbol.
       
       Kolumbien ist das vogelartenreichste Land der Welt, allein 240 Vogelarten
       sind im tropischen Trockenwald beheimatet. Auch mindestens 50
       Säugetierarten leben hier. Die Gegend war lange Opfer des bewaffneten
       Konflikts zwischen Farc-Guerilla, Paramilitärs und staatlichen
       Sicherheitskräften, der auch an der Karibikküste wütete. Forscher:innen
       konnten nicht hinein. Deswegen werden hier noch viele unentdeckte Arten
       vermutet.
       
       Die Mehrheit des Projektteams sind wie der Tití Vertriebene. Sie flohen vor
       dem Krieg in den Montes de María nach San Juan. Einigen blieb nichts
       anderes übrig, als Holz zu schlagen und zu verkaufen, um zu überleben. So
       ist die Geschichte des Waldes auch eine Geschichte der Menschen hier: Wer
       keine andere Möglichkeit hat, muss von dem leben, was der Wald hergibt. Wer
       eine andere Perspektive bekommt, kann anfangen, ihn zu schützen.
       
       Auch der Affe bekam den Krieg zu spüren. [5][Das Sondergericht für den
       Frieden (JEP)] führt ihn in einer gemeinsam mit der Universität von Essex
       verfassten Studie als eine von 44 Arten, die wegen des bewaffneten
       Konflikts vom Aussterben bedroht sind. Als Hauptschuldigen nennt der
       Bericht die Farc-Guerilla. Aber es gab auch Jäger, die Affen fingen,
       Muttertiere töteten, um die Jungen zu verkaufen, erzählt Luis Carlos
       González. Er habe das vor rund 25 Jahre selbst mitansehen müssen. Auch die
       Stiftung musste vor Jahren ihren ersten Sitz in den Montes de María
       aufgeben. Heute ist er wieder in Betrieb.
       
       Aber die Situation an der Karibikküste kann kippen. „Der bewaffnete
       Konflikt ist nie von hier weg. Es gibt Zeiten, da ist es ruhig. Und dann
       kocht es wieder hoch“, sagt Luis Carlos González.
       
       Am Freitag hat der neue ultrarechte Präsident Abelardo de la Espriella sein
       Amt angetreten. Sicherheitspolitik mit harter Hand ist sein Hauptthema. Der
       „totale Frieden“ mit den verbliebenen bewaffneten Gruppen, den sich der
       linke Präsident Gustavo Petro auf die Fahne geschrieben hatte, ist
       gescheitert. Umweltschutz spielte im Wahlkampf keine Rolle. De la Espriella
       will Fracking erlauben und die artenreiche Orinoco-Region zum
       „kolumbianischen Mato Grosso“ ausbauen.
       
       Die Direktorin des Tití-Projekts will abwarten. [6][Der neue Umweltminister
       Fabio Arjona] komme aus der Karibik und habe jahrzehntelange Erfahrung im
       Umweltschutz. Wenn de la Espriella die bewaffneten Gruppen bekämpfe, könnte
       das gut für den Umweltschutz und den Lisztaffen sein, meint Rosamira
       Guillén. Denn [7][bewaffnete Gruppen nutzen auch Nationalparks für ihre
       Geschäfte]. Sie schaffen dort Drogenkorridore, bedrohen Ranger und treiben
       Abholzung, Rinderzucht, Kokaanbau und illegalen Bergbau voran. Damit wird
       der Kampf gegen die bewaffneten Gruppen auch zum Kampf um den Wald.
       
       Die Gärtnerei hat sich für den Verkauf von Pflanzen und Bäumen
       zertifizieren lassen. Bauern, die beim Kooperationsprogramm mitmachen,
       sollen künftig im Gegenzug auch Obstbäume für ihre Fincas bekommen. Geld
       gibt es bewusst keines. Stattdessen unterstützt das Projekt die Bauern ganz
       konkret: mit Solarpaneelen für Strom, Regentonnen und Pumpen für die
       Wasserversorgung, Zäunen zum Schutz der Hühner vor der zurückgekehrten
       Fauna und Bienenstöcken für die Imkerei. Auch Maultiere und Arbeitskraft
       mietet das Projekt von den Bauern.
       
       Mittlerweile melden sich manche Bauern von alleine, weil sie Teil des
       Kooperationsprogramm werden wollen – sie haben dann gesehen, dass die Kühe
       des Nachbarn dicker sind dank der Zusammenarbeit mit dem Projekt. Und sie
       schlagen Alarm, wenn Unbekannte in den Wald kommen und womöglich jagen
       wollen.
       
       „In unserem Land entstehen Umweltschäden, weil die Grundbedürfnisse der
       Menschen nicht befriedigt sind“, sagt Direktorin Rosamira Guillén. „Wenn du
       aber die Gemeinschaften unterstützt, ihre sozioökonomischen Probleme zu
       lösen, sind die Menschen deine besten Verbündeten.“
       
       14 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://proyectotiti.com/About-Us/Our-Story
 (DIR) [2] https://www.worldatlas.com/news/the-story-of-dr-anne-savage-and-the-nearly-extinct-monkey-she-is-saving.html
 (DIR) [3] https://www.worldatlas.com/news/the-story-of-dr-anne-savage-and-the-nearly-extinct-monkey-she-is-saving.html
 (DIR) [4] https://www.facebook.com/instituto.humboldt/videos/3410083039231070/
 (DIR) [5] https://www.jep.gov.co/JEP/documents1/Da%C3%B1os%20invisibles.%20La%20violencia%20contra%20animales%20en%20el%20conflicto%20armado%20en%20Colombia.pdf
 (DIR) [6] https://elpais.com/america-colombia/2026-07-02/fabio-arjona-sera-el-ministro-de-ambiente-y-desarrollo-sostenible-en-la-era-del-tigre.html
 (DIR) [7] /Biodiversitaet-in-Kolumbien/!6043083
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Wojczenko
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumbien
 (DIR) Wald
 (DIR) Ökologie
 (DIR) Aussterben
 (DIR) Lesestück Recherche und Reportage
 (DIR) GNS
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Recherchefonds Ausland
 (DIR) Kolumbien
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Machtwechsel in Kolumbien: Harte Hand und Bibelsprüche
       
       Kolumbiens ultrarechter Wahlsieger Abelardo de la Espriella legt an diesem
       Freitag seinen Amtseid ab – vor sehr ungewöhnlicher Kulisse in Cali.
       
 (DIR) Kolumbien fordert Skulpturen aus Berlin: Die Grabgeister warten darauf, dass etwas mit ihnen passiert
       
       Kolumbien verlangt von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Rückgabe
       34 antiker Skulpturen. Es geht um illegales Eigentum, unantastbares
       Kulturgut und indigene Rechte.
       
 (DIR) Folgen der Klimakrise: Feuerpause im Regenwald
       
       Die Waldbrände im Amazonasgebiet Brasiliens sind 2025 signifikant
       zurückgegangen. Doch für eine Entwarnung besteht kein Grund.