# taz.de -- Kolumbien fordert Skulpturen aus Berlin: Die Grabgeister warten darauf, dass etwas mit ihnen passiert
> Kolumbien verlangt von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Rückgabe
> 34 antiker Skulpturen. Es geht um illegales Eigentum, unantastbares
> Kulturgut und indigene Rechte.
(IMG) Bild: Die Grabfiguren aus der Nekropole von San Agustín lagern schon lange im Berliner Museumsdepot
Der archäologische Park San Agustín in den Anden ist eine Totenstadt mit
Hunderten Steinskulpturen, sie zählt zu den größten antiken Nekropolen der
Welt. Seit vielen Jahren schon bereitet das indigene Volk der Yanakuna, das
in dieser Region im Süden Kolumbiens lebt, den Ort rituell auf die Rückkehr
von über 20 solcher Grabfiguren vor.
Denn jene uralten Grabwächter aus Vulkangestein, halb Mensch, halb Tier,
erschaffen zwischen dem 1. und 10. Jahrhundert von einer schamanisch
geprägten Gesellschaft, die es schon nicht mehr gab, als die Spanier 1492
in Südamerika ankamen, liegen derzeit 9.450 Kilometer von San Agustín
entfernt: im Ethnologischen Museum Berlin. Dass diese Skulpturen fehlen,
könne zu einem Ungleichgewicht führen, befürchtet Jair Quinayas von den
Yanakuna während eines Gespräch mit der taz. „Die Geister in den Steinen
könnten eine Mutter, eine Großmutter oder ein Kind sein“, fügt der
Yanakuna-Älteste Segundo Burbano hinzu.
Um diese steinernen Grabwächter aus San Agustín hat sich in den letzten
Jahren ein Disput entwickelt zwischen der kolumbianischen Regierung und der
Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), deren Verbund das Ethnologische
Museum Berlin angehört. Denn der Verdacht besteht, dass der Ethnologe
Konrad Theodor Preuß (1869–1938) sie um 1920 herum illegal in den Besitz
der Berliner Museen brachte.
## „Pueblo Escultor“ fordert Skulpturen zurück
Schon seit Jahrzehnten fordern in Kolumbien zivilgesellschaftliche
Initiativen die Grabfiguren zurück, unter anderem die des „Pueblo
Escultor“, benannt nach jenem präkolumbianischen Volk, das die Skulpturen
von San Agustín hervorgebracht hat. Auch einige der Yanakuna organisieren
sich in der Initiative „Pueblo Escultor“. Für sie geht es um mehr als um
Besitzfragen. Es geht um ein nationales Kulturgut, mit dem sie sich
spirituell verbunden fühlen, und das vor gut 100 Jahren zu Unrecht
zertrennt wurde.
2021 stellte die kolumbianische Regierung einen Rückführungsantrag an die
SPK, seither wird der Fall verhandelt. Die taz gelangte an einen
Briefwechsel zwischen Hermann Parzinger, dem Präsidenten der [1][SPK von
2008 bis Mai 2025], und Alhena Caicedo, der Direktorin des kolumbianischen
Instituts für Anthropologie und Geschichte (ICANH).
Am 2. Januar 2025 erklärt Parzinger, dass eine Rückgabe der Objekte nach
deutschem Recht nur dann gerechtfertigt sei, wenn sie aus einem „kolonialen
Kontext“ stammten und wenn sie „auf eine Weise angeeignet worden wären, die
rechtlich und/oder ethisch nicht mehr akzeptabel ist“. Kolumbien war aber
zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits eine unabhängige Republik, mit der
Deutschland diplomatische Beziehungen unterhielt.
## Das Gesuch wurde 2025 abgelehnt
Parzinger nennt ein weiteres Kriterium: Wenn „es sich um archäologische
Objekte aus vorchristlicher Zeit handelt, die nicht von einer Gemeinschaft
stammen, deren Nachkommen heute noch leben“, auch dann könne das heutige
Kolumbien keinen Anspruch darauf erheben. Das Gesuch wurde vorerst
abgelehnt.
Auf kolumbianischer Seite akzeptiert man diese Argumente nicht, erst recht
nicht der „Pueblo Escultor“. Einer ihrer Aktivisten, der Forscher David
Dellenback, erhielt schon im Jahr 1992 Zugang zu den Depots des
Ethnologischen Museums in Berlin.
Dort fand er, wie er der taz sagt, nicht nur 21 Steinfiguren aus San
Agustín, er entdeckte auch 14 weitere Kunstwerke aus Nariño, an der Grenze
zu Ecuador, die nicht offiziell verzeichnet waren. Anfang des 20.
Jahrhunderts hatte Konrad Theodor Preuß, damals Kustos des Königlichen
Museums für Völkerkunde, wie die Vorgängerinstitution des Ethnologischen
Museums hieß, sie nach Berlin bringen lassen. Heute noch besitzt man dort
440 Objekte aus der sogenannten Preuß-Sammlung.
## „Barbarischer Kunstgeschmack“
Preuß war ein Pionier für die Archäologie Kolumbiens: „Nirgends in ganz
Amerika steht die prähistorische Forschung so ratlos vor größeren
Kulturresten wie hier vor einer schier endlosen Reihe gewaltiger Statuen
eines barbarischen Kunstgeschmacks.
Gerade die geistige Spannkraft, die solche ungeheuerlichen Gebilde schuf,
ist für den Beschauer das Überwältigende und Erstaunliche“, schrieb er in
seinem Buch „Monumentale vorgeschichtliche Kunst“. Das war die erste
wissenschaftliche Dokumentation über die San-Agustín-Kultur, veröffentlicht
1929, als gerade die Altertümer Südamerikas für Museen und private Sammler
weltweit interessant wurden.
Dellenback vermutet, dass hunderte Statuen aus San Agustín in Sammlungen
auf dem ganzen Globus verteilt sind, „aber wir haben nur Hinweise auf die
in Berlin, weil Preuß ein ehrlicher Dieb war, der Aufzeichnungen darüber
hinterließ, was er gestohlen hatte“.
## Preuß war ein ehrlicher Dieb
Das kam [2][Alhena Caicedo, Direktorin des ICANH] gelegen, als sie am 15.
April 2025 auf Parzingers Schreiben mit Auszügen aus Preuß’ Korrespondenz
antwortete: „Seit dem Jahre 1906 besteht ein Ausfuhrverbot für
hervorragende Altertümer und naturwissenschaftliche Objekte“, schrieb Preuß
1915 an Wilhelm von Bode, den damaligen Direktor der Königlichen Museen zu
Berlin, und bezieht sich damit auf das kolumbianische Dekret Nr. 21. Das
verbot jegliche Entwendung von Kulturgütern im Land.
Aber „mit einer gewissen Vorsicht“, fuhr Preuß fort, „besteht jedoch keine
Gefahr, die Gegenstände herauszubringen“. Und mit welcher List er gedachte,
das zu tun, darüber geben weitere Briefe von Preuß Auskunft: „2 Figuren,
nämlich 117 vom Cerro de Pelota und 119 von Jabon, sind von mir absichtlich
in 2 Stücke gespalten (…), doch fügen sie sich tadellos zusammen. Sie
können sich meinen inneren Kampf vorstellen, bis ich zu diesem Entschluss
kam, aber ich hätte sie entweder zurücklassen müssen, oder von vornherein
auf die ganze Sierra-Nevada-Tour verzichten müssen“.
Preuß eigenen Worten zufolge muss er viele Statuen und andere antike
Objekte geteilt, zersägt oder zerlegt und sie „als ‚Mineralien‘
registriert“ haben, „um die Aufmerksamkeit der kolumbianischen Behörden
nicht auf sich zu ziehen“.
## Die Grabwächter liegen schon seit 40 Jahren im Museumsdepot
[3][Hat er bewusst gegen das Gesetz verstoßen?] Und dies, damit die
Skulpturen letztlich in Deutschland nur selten öffentlich gezeigt werden
sollten? Preuß hatte sie noch 1923 im damaligen Museum für Kunstgewerbe in
Berlin präsentieren können, eine letzte größere Ausstellung war 1986 in Bad
Godesberg. Seither warten die alten Grabwächter die meiste Zeit im
Museumsdepot darauf, dass irgendetwas mit ihnen passiert.
Preuß’ redliche Korrespondenz, die Alhena Caicedo in ihrem Schreiben an die
SPK vorgelegte hatte, konnte etwas bewegen. Man sei „offen für eine
Neubewertung der historischen Fakten“, bekundete Parzinger am 22. Mai 2025,
kurz bevor er sein Amt [4][an die Kunsthistorikerin Marion Ackermann]
übergab. Bei den zitierten Briefen handele es sich „tatsächlich um Quellen
und Beschreibungen von Fakten, die bisher noch nicht in unsere Überlegungen
eingeflossen waren“.
Schon einmal wurden Objekte aus der Berliner Preuß-Sammlung an Kolumbien
zurückgegeben. Die damalige Bundesbeauftragte für Kultur und Medien von den
Grünen, Claudia Roth, hatte 2023 gemeinsam mit Bundespräsident Frank-Walter
Steinmeier zwei Masken des indigenen Volkes der Kogui an den
kolumbianischen Präsident Gustavo Petro – ein progressiver Linker –
übergeben. Die Masken haben noch heute eine rituelle Bedeutung für die
Kogui. Das gilt für die Figuren aus San Agustín seitens der SPK angeblich
nicht. Die Yanakuna sind da jedoch anderer Meinung.
## 34 Steinskulpturen sollen aus Berlin zurück nach Kolumbien
Die kolumbianische Botschaft fordert nun 34 Steinskulpturen aus Berlin
zurück. Darauf angesprochen, erklärte Roth der taz: „Sollte sich
herausstellen, dass Preuß die Statuen tatsächlich zerlegt und als
Mineralien deklariert hat, um sie an der Grenzkontrolle vorbei und aus dem
Land zu schmuggeln, dann handelt es sich um eine illegale Aneignung. Es
wäre schlichtweg Diebstahl. (…) In einem solchen Fall müssen die Statuen
zurückgegeben werden.“
Doch im Gespräch ist Alhena Caicedo skeptisch, ob sich die jetzige
schwarz-rote Bundesregierung dafür einsetzt. Sie glaubt sogar, dass man in
Berlin lieber den Regierungswechsel in Kolumbien abwartet. Am 7. August
wird dort der rechtsgerichtete Abelardo de la Espriella als Präsident
vereidigt. Der steht in radikaler Opposition zur Petro-Regierung. Noch hat
de la Espriella keine Aussage zu der Sache von San Agustín gemacht.
Man könnte die Vorgehensweise in Berlin tatsächlich als Verzögerungstaktik
ansehen. Gemäß eines Berichts des kolumbianischen Außenministeriums soll
das Ethnologische Museum Berlin vor wenigen Monaten um umfassende neue
Provenienzrecherchen von kolumbianischer Seite aus gebeten haben,
insbesondere um detaillierte Transportunterlagen über den Weg der Statuen
von San Agustín zu ihrem Exporthafen in Barranquilla.
## Ist es Verzögerungstaktik?
Um in der Sache weiter zu entscheiden, gilt es die Ergebnisse dieser neuen
Recherchen erst einmal abzuwarten, bekundet das Haus des Beauftragten der
Bundesregierung für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, auf taz-Anfrage.
Dabei müsse die Klärung des Sachverhalts gar nicht lange dauern, meint der
deutsche Jurist und Experte für Kunstrecht, Hannes Hartung, im Gespräch.
„Es handelte sich schlichtweg um Plünderung“ und es sei problematisch, dass
Deutschland „die Verantwortung für die Rückgabe nicht übernehmen will“.
In der Vergangenheit, so erinnerte Parzinger in einem Brief von 2013, habe
die kolumbianische Regierung es sogar begrüßt, dass die Statuen von San
Agustín als „Kulturbotschafter“ im Ausland fungierten. Das hat sich jedoch
spätestens 2017 geändert.
## Urteil: Die Rückführung muss gefordert werden
Da verpflichtete nämlich das Verwaltungsgericht Cundinamarca in einem
rechtskräftigen Urteil die Regierungen Kolumbiens dazu, sich für die
Rückführung der in Berlin befindlichen Skulpturen aus San Agustín
einzusetzen, unabhängig von deren parteipolitischer Agenda. Das Urteil ist
nach öffentlichem Druck des „Pueblo Escultor“ und der Yakanuna ergangen.
Heute arbeitet die kolumbianische Botschafterin in Berlin daran, die Frage
nach dem legitimen Eigentum der 34 Figuren zu klären. Es bleibt aber offen,
ob auch der rechte Hardliner de la Espriella den Kurs beibehält.
Der Beitrag entstand im Rahmen des Internationalen Journalistenprogramms
(IJP). Aus dem Englischen übersetzt und bearbeitet von Sophie Jung
27 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) José David Escobar Franco
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