# taz.de -- Forstwissenschaftler über Brände: „Der Mythos vom Brandstifter hält sich hartnäckig“
> Die Waldbrandsaison beginnt immer früher, die Feuer werden extremer.
> Feuerökologe Alexander Held erklärt, warum Deutschland jetzt umdenken
> muss.
(IMG) Bild: Wir müssen lernen, dass wir Hitze in Waldbrandgefahr übersetzen und uns achtsamer verhalten, Löscharbeiten im Taunus
taz: In Europa wüten unzählige Brände. Stimmt der Eindruck, dass diese
besonders früh im Jahr ausgebrochen sind und besonders heftig verlaufen?
Alexander Held: Absolut. Die Statistik der letzten 20 Jahre zeigt, dass wir
gar nicht häufiger Feuer haben. Aber [1][wir haben größere, intensivere,
katastrophalere Brände] mit vielen Todesopfern. Im Mittelmeerraum beginnt
die „Fire Season“ üblicherweise im August. Doch jetzt, am 5. August, ist
schon mehr Fläche verbrannt als im gesamten Vorjahr.
taz: In den Nachrichten heißt es oft, ein Feuer sei „außer Kontrolle“. Was
heißt das eigentlich? Wie wird „Kontrolle“ hier definiert?
Held: Kontrollschwellen werden über Energiemengen definiert. Wenn wir vor
einem Feuer stehen, das dreieinhalb bis vier Meter Flammenlänge hat, das
entspricht zwei VW-Bussen, dann kommen wir nicht mehr nah genug dran. Das
Wasser verdunstet, bevor es das Feuer erreicht. Dann ist ein Feuer außer
Kontrolle. Erst wenn sich Bedingungen wie Topografie, Brennmaterial oder
Wetter ändern und wir Flammen unter dreieinhalb Metern haben, können wir
Feuer direkt löschen.
taz: Wie lange dauert es, bis der Wald sich nach einem Feuer regeneriert?
Held: Manche Feuer sind wie ein Rasenmäher. Sie brennen nur oberflächliche
Vegetation ab. Dann dauert die Weiterentwicklung nicht lange. Wenn aber die
Bodenlebewesen, wie Pilze und andere Mikroorganismen, verbrannt sind, kann
die Regeneration fünf, sechs, sieben Jahre dauern.
taz: Der überwiegende Teil der Brände ist menschengemacht. Kommt das davon,
dass Leute Zigaretten wegschmeißen oder Lagerfeuer machen? Sind es Zündler?
Oder gibt es das Phänomen mit Glas, an dem sich das Licht bricht,
tatsächlich?
Held: Der Mythos vom Brandstifter hält sich hartnäckig. Es ist ein Gerücht
aus den Zeiten, als Brachland durch Entfernen der Vegetation zu Bauland
werden konnte. Das war aber eher in den 80er Jahren der Fall. Zum Glas: Nur
über eine Lupe – mit einem Brennglas – könnte man einen Brand auslösen.
Nicht mit normalem Glas.
taz: In Frankreich nahmen die Behörden 162 Menschen fest, die sie
verdächtigen, Brände gelegt zu haben. Wie erklären Sie sich das?
Held: Die Verhaftung von über 160 Menschen entspringt einem sehr
menschlichen Bedürfnis, Schuldige zu finden. Die Feuer werden immer noch
als externer Unfall betrachtet. Wenn wir endlich verstehen, dass das Feuer
eine so normale, regelmäßige Störung ist wie der Borkenkäfer, dann wird das
nachlassen. Ich kann nicht ausschließen, dass es den einen oder anderen
Brandstifter gibt. Aber in allen Fällen, die uns bekannt sind, war es eher
Unachtsamkeit, Fahrlässigkeit.
Wir haben deshalb einen Running Gag. Die drei Hauptursachen für Brände
sind: Männer, Frauen und Kinder. Trotzdem müssen wir natürlich Zündquellen
noch besser verstehen und reduzieren. In Australien und Amerika gibt es
eine Disziplin, um die Brände forensisch zu untersuchen. Da muss man Kurse
belegen und sich qualifizieren. Bei uns ist dieser Bereich noch
unterentwickelt.
taz: Apropos Deutschland: Auch hier hat es in den letzten Wochen bereits
gebrannt. Wie gefährlich ist die Lage?
Held: Die Wetterbedingungen deuten auf eine hohe bis sehr hohe Gefahr hin.
Die hydrologische Situation – also die Wasserverfügbarkeit in den Böden –
ist katastrophal. Dementsprechend gibt es viel Brennmaterial. Übrigens auch
mehr als in Spanien. Wir müssen sehr, sehr vorsichtig sein die nächsten
Tage. [2][In Deutschland reichen kleinere Brände], um großen Schaden
anzurichten. Ein kleiner Brand in Beelitz bei Berlin hatte die A9 und die
A10 stundenlang lahmgelegt. Brände auch in Gasleitungen, Stromleitungen
bedeuten schnell einen – auch volkswirtschaftlichen – Schaden. Zumindest
kommt die freiwillige Feuerwehr im europäischen Vergleich über gute
Waldwege relativ schnell an die Feuer.
taz: Wie gut sind wir hier gewappnet?
Held: Wir haben drei Systeme der Frühwarnung: den Deutschen Wetterdienst
mit seinem wetterbasierten [3][Waldbrandgefahrenindex] und den
Grasland-Feuerindex. Damit können wir die nächsten fünf Tage vorhersagen.
Der zweite Level ist die [4][satellitengestützte Überwachung in Echtzeit].
Das dritte System ist die Bevölkerung, die sich viel im Freien aufhält und
mit Handys ausgerüstet ist. Feuer werden bei uns relativ zügig erkannt.
taz: Welche Regionen sind besonders gefährdet?
Held: Brandenburg ist das Waldbrand-Bundesland schlechthin.
taz: Brände entstehen in heißen Gebieten. Wie halten es die Feuerwehrleute
aus, in kompletter Montur in die noch viel größere Hitze eines Brandes zu
gehen?
Held: Das geht gar nicht. Die volle Schutzmontur, Atemschutz und Sauerstoff
auf dem Rücken führt eigentlich zu Hitzschlägen oder Herzinfarkten, noch
bevor man überhaupt am Feuer angekommen ist. Wir können nicht
verantwortungsvoll sagen, dass wir Menschen bei 40 Grad plus Feuer
körperlich arbeiten lassen. In Deutschland hat man das erkannt und steuert
mit leichterer Einsatzkleidung und technischen Mitteln nach. Doch egal, ob
schwere oder leichte Schutzkleidung, das System stößt definitiv an seine
Grenzen.
taz: Was sollten Bürgerinnen und Bürger bei hoher Waldbrandgefahr beachten?
Held: Wir müssen lernen, dass wir Hitze in Waldbrandgefahr übersetzen und
uns achtsamer verhalten. Vermeiden sollten wir: Gedankenloses Rauchen,
gedankenloses Grillen, gedankenloses Lagerfeuermachen. Auch das geparkte
Auto am Baggersee kann gefährlich werden. Der heiße Katalysator kann
trockenes Gras entzünden. Wir haben noch einigen Aufklärungsbedarf, bis das
Thema allen in Fleisch und Blut übergeht.
taz: Was kann die Forstwirtschaft tun, um Wälder langfristig
widerstandsfähiger gegen Brände zu machen?
Held: Zunächst täuscht der Begriff „Waldbrand“ ein bisschen. Viele
sogenannte Waldbrände sind eigentlich Landschaftsfeuer oder Buschbrände.
Das heißt, nicht nur die Forst-, sondern die gesamte Landwirtschaft ist
betroffen. Ziel müsste sein, Landwirtschaft, Tourismus, Forstwirtschaft,
Naturschutz etc. so zu betreiben, dass Feuer innerhalb der Kontrollschwelle
bleiben und so weniger Schaden anrichten können. Großflächige, fast
industrielle Landwirtschaft aber vergewaltigt Wasserkreisläufe und das
Bodenleben. Eine kleiner strukturierte Landwirtschaft stünde Flächenbränden
per se entgegen.
5 Aug 2026
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