# taz.de -- EU-Sondersitzung nach Ceuta: Erst Brandbrief, dann Versöhnung
> Bei einer Krisensitzung zum Fall Ceuta folgt die EU altbekannten Mustern:
> vage Formulierungen, Beschwichtigung und verbaler Aktionismus.
(IMG) Bild: Hauptopfer von Desinformation und politischem Blamegame: Migranten in Ceuta, 3. 8. 2026
Es muss sich schon um eine veritable Krise handeln, wenn die
EU-Minister:innen im August zu einer Sondersitzung einladen. Normalerweise
läuft da der Brüsseler Betrieb auf Sparflamme. Doch nach den Vorkommnissen
in Ceuta, der spanischen Exklave [1][an der Grenze zu Marokko], herrscht in
der Europäischen Union ein Ton, der mehr als nur rau ist. Tausende
Migrant:innen hatten in der vergangenen Woche versucht aus Marokko nach
Ceuta zu gelangen. Mehr als 70 Menschen starben dabei, etliche sind nach
Marokko zurückgekehrt, andere sind offenbar noch vor Ort.
Die Migrationspolitik unter Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez wurde
daraufhin scharf kritisiert. 22 EU-Staaten machten sie in einem Brandbrief
verantwortlich für die Geschehnisse. [2][Allen voran Italien, aber auch
Deutschland.]
Um wohl der Kritik von Rechtspopulist:innen und
Rechtsextremist:innen zuvorzukommen, wurde lautstark nach einer
schärferen Migrationspolitik geschrien, nach härterer Abschottung und
überhaupt mehr Schutz an den EU-Außengrenzen. [3][Doch der rechte Rand]
nutzte die Bilder Tausender Migrant:innen, die durch die Straßen der
Exklave liefen, längst für seine menschenfeindlichen Äußerungen und freute
sich über den polternden Streit innerhalb der Europäischen Union.
Nun also eine Online-Sondersitzung der EU-Innenminister:innen in Zeiten
einer vermeintlichen Krise. Den Vorsitz der EU-Ratspräsidentschaft hat
derzeit Irland inne. Der Innenminister der rechten Partei Fianna Fáil, Jim
O’Callaghan, sprach von einer geeinten EU, die bereitstünde, Spanien zu
unterstützen und die EU-Außengrenzen vor illegaler Migration zu schützen.
Es gab einen Dank an Spanien für die schnelle Reaktion und immerhin ein
paar warme Worte für diejenigen, die auf tragische Art und Weise ihr Leben
verloren. Die genaue Zahl wird wohl erst viel später oder nie bekannt
werden.
## Probe bestanden, Schengen gerettet?
Auch EU-Innenkommissar Magnus Brunner findet, dass Europa „diese Probe
bestanden“ hat. Es sei den Migrant:innen nicht gelungen, „in den
Schengenraum einzudringen“. Schengen – ein Abkommen, das wie kaum eine
andere Vereinbarung für eine europäische Errungenschaft steht. Der Premier
eines kleinen, aber nicht ganz unwichtigen EU-Landes hatte bereits vorab
mit dramatischen Worten vor einer Änderung der Regeln gewarnt. „Hände weg
von Schengen“, sagte Luc Frieden, Premier von Luxemburg.
Schengen ist das namensgebende Dorf in Luxemburg für ein Abkommen von 1985,
das ermöglicht, dass rund 450 Millionen EU-Bürger:innen frei reisen. Vor
allem Italien hatte angesichts der Vorkommnisse in Ceuta gefordert, dass
Spanien aus dem Schengenraum ausgeschlossen wird. Premier Frieden, selbst
Teil der konservativen EVP, kritisierte den Brief der 22 Staats- und
Regierungschef:innen an Spanien. Luxemburg setzt stattdessen auf den
gemeinsamen Schutz der EU-Außengrenzen und die Zusammenarbeit mit
Drittstaaten. In diesem Fall mit Marokko.
EU-Innenkommissar Brunner propagierte wie sein Amtskollege O’Callaghan
Einheit, Solidarität und den Willen, „Schlüsse aus den Ereignissen“ zu
zielen. Insgesamt bemüht man sich also auf oberster Ebene um
Schadensbegrenzung. Seit Mitte Juni gilt das neue Gemeinsame Europäische
Asylsystem (Geas), und die Zahl der irregulären Grenzübertritte ist ohnehin
in den vergangenen rund zwei Jahren zurückgegangen. Trotzdem soll es jetzt
einen Fünf-Punkte-Plan geben für mehr Kooperationen mit Transitländern,
schärfere Maßnahmen gegen Schleuser, und auch die umstrittene Agentur
Frontex soll stärker zum Zug kommen an den Außengrenzen.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt wünscht sich jedenfalls schnell
schärfere Maßnahmen. „Die Situation in Ceuta verdeutlicht die volatile
Migrationslage“, hieß es in einer Mitteilung. „Wir analysieren genau im
Rahmen der EU-Innenminister, welche unterschiedlichen Mechanismen zu dieser
illegalen Massenmigration geführt haben.“ Konkret heißt das für ihn auch:
Die EU-Außengrenzen ausbauen – auch mit physischen Barrieren.
## Besprochen und verschoben
Hilflos scheinen die EU-Innenminister:innen beim Thema Desinformation und
Verbreitung von Falschmeldungen. Es gibt etliche Spekulationen, woher die
Aufrufe in den sozialen Medien kamen, denen dann die vielen
Migrant:innen nach Ceuta folgten. Die EU-Antwort darauf ist bisher eine
bessere Krisenkommunikation. Heißt wohl auch mehr Überwachung und Austausch
mit Geheimdiensten. Dass Migration als Waffe genutzt wird, vor allem auch
in Kriegszeiten, das hat selbst die italienische Regierungschefin Giorgia
Meloni erkannt – und trotzdem den Streit mit Spanien befeuert.
Die Krisensitzung der EU-Innenminister sollte am Dienstag die Wogen glätten
und endlich die Sommerpause einläuten. O’Callaghan nutzte dann noch ein
altbewährtes Mittel der EU: die Beschwichtigung, erst mal alles Weitere
verschieben. Und zwar auf den nächsten EU-Gipfel im Oktober.
4 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nach-dem-Ansturm-auf-Ceuta/!6201294
(DIR) [2] /Migrantinnen-in-Ceuta/!6201430
(DIR) [3] /EU-nach-Ceuta/!6201345
## AUTOREN
(DIR) Tanja Tricarico
## TAGS
(DIR) Ceuta
(DIR) Migration
(DIR) Europäische Union
(DIR) Spanien
(DIR) Pedro Sánchez
(DIR) GNS
(DIR) Schengen-Abkommen
(DIR) Friedrich Merz
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt Flucht
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Nach Ceuta-Krise: Spanien kündigt Grenzkontrollen zu Italien an
Die spanische Regierung dreht im Streit um Schengen-Kontrollen den Spieß
um: Wer aus Italien kommt, muss sich ab Samstag auf Checks an Häfen und
Flughäfen gefasst machen.
(DIR) EU-Innenministerkonferenz nach Ceuta: Formal gerade so bestanden
Hinter der Tragödie von Ceuta könnte ein hybrider Angriff auf die EU
stecken. Erstmal hat die EU ihn abgewehrt, auf Kosten der Menschlichkeit.
(DIR) EU nach Ceuta: Zur Freude der Antieuropäer
Die Europäische Union ist nach den Ereignissen in Ceuta auf dem besten Weg,
sich selbst zu schreddern. Europas rechter Rand reibt sich die Hände.
(DIR) Migrant*innen in Ceuta: Entsetzen über Merz' Solidarität mit Meloni
Im Migrationschaos von Ceuta sprang die Bundesregierung den rechten
Kritiker*innen der spanischen Regierung bei. Der Unmut darüber wächst.