# taz.de -- Deutsche Reaktionen auf Ben-Gvir: Die taktische Empörung der chronisch Unterempörten
       
       > Über die Aussagen des israelischen Ministers sind deutsche Politiker
       > plötzlich entrüstet. Israels permanente Gewalt interessiert sie dagegen
       > kaum. Dahinter steckt eine Logik.
       
 (IMG) Bild: Netanjahu und Ben-Gvir in der israelischen Knesset, März 2025
       
       Von der einst so hitzig geführten [1][Nahostdebatte in Deutschland] sind –
       fast drei Jahre nach dem Hamas-Massaker und dem Genozid, der folgte – bloß
       noch ihre Umrisse übrig. Wer Israels Politik schon vorher ablehnte, tut das
       weiter – heute nur verbitterter als damals. Dem Lager der Israelkritiker
       haben sich zwar im Laufe der täglich offengelegten Gewaltabgründe etliche
       Menschen angeschlossen – sie haben sich inzwischen aber größtenteils wieder
       zurückgezogen. Die, die viel zu spät gemerkt haben, dass sie etwas hätten
       sagen müssen, können wieder ungestört weiterschweigen. Und die
       Hardcore-Fans der israelischen Regierung bleiben ihrer menschenverachtenden
       Haltung treu.
       
       Der öffentliche Kampf um die deutsche Israel-Politik ist quasi ausgekämpft,
       wer ihn vorerst gewonnen hat, ist klar: Die geopolitischen Interessen der
       Bundesregierung wogen stärker als die Meinung der Mehrheit. Deshalb hat
       sich an der deutschen Politik absolut nichts verändert. Und obwohl die
       israelische Gewalt nie aufgehört hat, redet kaum noch jemand darüber.
       
       Doch ungefähr alle sechs Wochen löst dann noch mal irgendeine Aussage eines
       israelischen Politikers eine kurze Empörungswelle aus. Diesmal ist es der
       rechtsextreme Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir, der forderte, [2][dass
       pro Nacht 30 bis 40 Palästinenser in Gaza sterben sollten]. Dann tun selbst
       die treuesten Freunde der israelischen Regierung auf einmal ihre Entrüstung
       kund. Wie etwa der CDU-Außenpolitiker Jürgen Hardt, der die Aussage
       menschenverachtend nennt und EU-Sanktionen gegen den Minister fordert.
       
       Auf den ersten Blick ist es schleierhaft, warum es genau diese Aussagen
       sind, die plötzlich für so viel Furore sorgen. Denn erstens tötet die
       israelische Armee jeden Tag Menschen in Gaza, im Westjordanland oder [3][im
       Libanon]. Zweitens war Ben-Gvir schon immer so offen rechtsextrem. Und
       drittens ist der Minister mit seiner Haltung bei Weitem keine Ausnahme –
       sie ist schon lange Teil des israelischen Mainstreams. Die deutsche Politik
       sollte sich also eigentlich in einem permanenten Zustand der Empörung
       befinden.
       
       Doch diese [4][selektive Empörung] hat einen ganz konkreten Zweck. Zum
       einen lenkt sie von der permanenten und durch die gesamte israelischen
       Regierung mitgetragenen Gewalt ab. Und so eben auch davon, dass CDU, CSU
       und SPD diese Gewalt die ganze Zeit über weiter mit Waffenexporten und
       einer Blockade von EU-Handelssanktionen unterstützen.
       
       Außerdem ermöglicht die Sanktionsforderung gegen Ben-Gvir, so zu tun, als
       würde man etwas tun, ohne etwas zu tun. Damit würde sich weder an Israels
       Vorgehen in Gaza, im Westjordanland und in Südlibanon maßgeblich etwas
       ändern – noch gefährdet sie die deutsch-israelischen Beziehungen. Es sind
       sogenannte Low-Hanging Fruits.
       
       Natürlich sollte Israel für seine Verbrechen sanktioniert werden – und zwar
       großflächig. Dafür wird sich die deutsche Bundesregierung aber erst dann
       einsetzen, wenn sie entweder aufhört, ihre geopolitischen Interessen über
       das Leben und die Würde Abertausender Menschen zu stellen – oder andere
       Interessen verfolgt.
       
       18 Aug 2026
       
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