# taz.de -- Organisierter Mietenkampf: Allein machen sie dich ein
       
       > In meinem Haus leihen wir uns Mehl und planen Sommerfeste. Nur für unser
       > Mietrecht kämpfen alle für sich, doch unsere Probleme haben System. Muss
       > das?
       
 (IMG) Bild: Wirksamstes Mittel gegen böse Vermieter: Tut euch zusammen
       
       Das ist unser Haus. Das von Ariana und ihrem Mann, zwei Künstler*innen
       aus Südamerika, das von Emir und seiner Familie, die schon seit Jahrzehnten
       in einer Wohnung im Hinterhaus lebt, das von Lola und ihrer Schwester, das
       meiner Mitbewohnerin und ja, auch das von mir. Nur weiß das der Besitzer
       unseres Hauses nicht. Seit fast drei Jahren wohne ich inoffiziell zur
       Unteruntermiete. Um die Bewohnenden des Hauses zu schützen, tragen wir alle
       hier einen anderen Namen.
       
       Hätte ich einen Wunsch frei, dann wäre es der, mich hier, in unserem Haus
       in Berlin-Kreuzberg, melden zu können und einen unbefristeten Mietvertrag
       zu bekommen. Oder überhaupt mal irgendeinen Vertrag. Aber der ist bereits
       vergeben, das wurde mir schon vor meinem Einzug gesagt, und daran hat sich
       auch in den vergangenen Jahren nichts geändert. Hauptmieter*innen sind
       zwei Menschen, die schon seit vielen Jahren nicht mehr in Berlin wohnen.
       Meine Mitbewohnerin ist ihre Untermieterin. Und ich? Bin in den Augen des
       Besitzers ein Nichts, ein Niemand. Nicht existent in meinem eigenen
       Zuhause.
       
       Mit meiner Wohnsituation bin ich nicht alleine, vor allem nicht in Berlin.
       Die Berliner Fachstelle gegen Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt „Fair
       mieten – Fair wohnen“ hat [1][im Februar eine Studie] zu sogenannten
       informellen Vermietungspraktiken in Berlin vorgelegt. Sie zeigt, eine der
       häufigsten Ausprägungen des informellen Marktes ist die Untermiete ohne
       Anmeldung. Grundlage der Studie sind Interviews mit Betroffenen und
       Mitarbeitenden von Beratungsstellen. Zentral erhobene Zahlen gibt es nicht.
       
       ## Als wäre eine Meldebescheinigung eine Zusatzleistung
       
       Wohnungsportale wie ImmoScout oder WG-Gesucht spiegeln das Problem.
       Befristete und möblierte Wohnungen oder Zimmer scheinen dort mehr Regel als
       Ausnahme zu sein. „ANMELDUNG MÖGLICH!“, schreiben manche Anbieter
       inzwischen schon in den Betreff. Als wäre die Meldebescheinigung eine
       attraktive Zusatzleistung, so wie ein „Late Check-out“ oder „Frühstück
       inklusive“ in einem Hotel. Dabei will ich doch einfach nur wohnen. Ist das
       nicht eigentlich mein und unser aller Recht, um das wir demnach auch
       kämpfen sollten – nicht einzeln, sondern gemeinsam?
       
       Unsere Wohnung hat drei Zimmer, von denen eins ich, eins meine
       Mitbewohnerin und eins wir beide bewohnen. Morgens, wenn ich aufstehe und
       meinen ersten Kaffee trinke, bricht das Sonnenlicht auf die äußerste Kante
       unseres Sofas. In diesen Momenten mag ich unsere Wohnung ganz besonders,
       ihre Farben, ihre Wärme. Ich öffne das Kastendoppelfenster und schaue nach
       draußen.
       
       Wohnungslosigkeit und Drogen beherrschen unsere Straßen, manchmal finden
       wir morgens noch Überreste von Substanzen oder zerbrochenes Glas vor der
       Tür oder im Hausflur. Die meisten Menschen, die sich nachts vor unserem
       Haus aufhalten, suchen aber einfach einen Platz zum Sein. Dass ihnen der
       zusteht, so wie uns, darüber herrscht in unserer Hausgemeinschaft
       weitgehend Einigkeit. Auch das mag ich.
       
       [2][Das Recht auf angemessenen Wohnraum] wird überall auf der Welt
       unterschiedlich stark verletzt. Leidtragende sind, das ist bekannt, vor
       allem Betroffene von Gewalt, Diskriminierung, Vertreibung oder Armut –
       häufig bedingen sich all diese Faktoren gegenseitig und verstärken
       einander.
       
       Keinen offiziellen Vertrag zu haben, bedeutet enorm abhängig zu sein. Wenn
       Freund*innen oder Bekannte untervermieten, mag das in vielen Fällen
       unkompliziert laufen. Kann man sich auf das Wort und das Moralverständnis
       der vermietenden Instanz jedoch nicht verlassen, verändert sich die
       Situation.
       
       ## Das Risiko vom Verlust
       
       Auch das zeigt die Studie von „Fair mieten – Fair wohnen“: Betroffene
       erzählen von überteuerten Mieten, von gebrochenen Absprachen, kurzfristigen
       und unbegründeten Rauswürfen, verbalen Übergriffen und sexueller
       Belästigung. Wer das meldet, riskiert wegen fehlender Untermieterlaubnis
       den Verlust der Wohnung für sich und womöglich auch andere
       Mitbewohner*innen.
       
       Meine Mitbewohnerin ist früher als ich in unsere Wohnung gezogen, womit sie
       Glück hatte. Ihre Untermiete ließ der Vermieter, der auch andere Häuser in
       der Gegend besitzt, als vorerst letzte Vertragsänderung mit viel
       Widerwillen durchgehen. Jetzt aber wollen die Hauptmieter*innen ihren
       Vertrag aufgeben. Dass wir ihn übernehmen oder einen mit veränderten
       Konditionen aufsetzen, ist für den Vermieter ausgeschlossen.
       
       „Zahl mir einfach bisschen Schmerzensgeld“, zwinkert mir Emir zu, als ich
       an einem Samstagmorgen vor unseren Briefkästen erzähle, dass wir
       wahrscheinlich ausziehen müssen. Dann würde er das mit dem Vertrag schon
       für uns regeln. Dass das nicht so einfach ist, weiß er so gut wie alle
       anderen im Haus. Viele kennen sich seit Jahren, wir unterhalten uns im
       Flur, leihen uns Mehl, Putzmittel und Werkzeug, beschenken uns zum
       Nikolaustag und organisieren gemeinsam Sommerfeste.
       
       Auch sie haben oder hatten schon häufig Probleme mit unserem Vermieter.
       Viele haben sich gewehrt, allerdings nie gemeinsam. Einzelne haben ihn vor
       Gericht getroffen, wegen falsch bemessenen Quadratmeterzahlen, wegen
       unzulässigen Mieterhöhungen. Probleme, die entstehen, weil er möglichst
       wenig Geld ausgeben und möglichst viel Geld an den Bewohner*innen
       seiner Häuser verdienen will.
       
       Wie hemmungslos unser Vermieter vorgeht, erfahre ich beim Feierabendkaffee
       in Arianas Wohnung. Vier Jahre Berlin, vier Umzüge: „Das ist die Realität
       in dieser Stadt“, sagt Ariana, „besonders für Menschen, die kein Deutsch
       sprechen“. So wie sie. Tatsächlich wird Sprache in der Berliner Studie am
       häufigsten als Hürde im Zugang zu Wohnraum benannt.
       
       Umso glücklicher seien Ariana und ihr Mann gewesen, als sie nach mehreren
       möblierten Zwischenmieten endlich die Zusage für ihre Wohnung bekamen.
       Dabei zahlen sie knapp 1.500 Euro warm für 80 Quadratmeter. Umfragen im
       Haus ergeben, dass andere für dieselbe Fläche und Ausstattung über 500 Euro
       weniger zahlen.
       
       ## Gegen zu hohe Mieten lässt sich vorgehen
       
       Ariana und ihr Mann könnten gegen ihre hohe Miete rechtlich vorgehen. Emir
       und andere Nachbar*innen waren dabei schon erfolgreich, erzählen sie in
       unserer Hausgruppe auf Telegram, und geben den beiden Tipps. Über das
       [3][Onlineportal der Berliner Senatsverwaltung] könnten sie ihre Wohnung
       mit dem Berliner Mietspiegel vergleichen. Zahlen sie zu viel, könnten sie
       ihre Miete mithilfe einer Mieterorganisation anfechten. Unsere
       Hausgemeinschaft empfiehlt den Mieterschutzbund und den Berliner
       Mieterverein. Auch [4][die Berliner Bezirksämter beraten kostenlos].
       
       Das Problem bleibt allerdings: Ziehen Menschen, die sich erfolgreich gegen
       Missstände gewehrt haben, aus, können Vermieter dieselben Praktiken bei den
       Nachmieter*innen versuchen. Das begründet auch, warum so viele Menschen
       in der Stadt ihre langjährigen Wohnungen behalten und untervermieten. Wer
       eine Wohnung aufgibt, kann damit rechnen, dass der Vermieter Renovierungen
       oder Modernisierungen veranlasst, [5][um sie deutlich teurer neu zu
       vermieten] – eine der häufigsten Strategien, um die Mietpreisbremse zu
       umgehen.
       
       Ein heißer Donnerstagmorgen im Juli, ich treffe mich mit Florian Schmidt zu
       einem Spaziergang durch den Kiez. Seit 2016 ist der grüne Kommunalpolitiker
       Bezirksstadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg, aktuell für Bauen, Planen und
       kooperative Stadtentwicklung. Früher setzte er sich als Aktivist für
       soziales Wohnen in Städten ein. „Wir müssen auf mehreren Baustellen den
       Stecker ziehen“, sagt er. Aktuell hätten Vermieter zu viele Möglichkeiten,
       ihre Wohnungen dem regulären Mietmarkt zu entziehen. Eine davon ist die
       gewerbliche Vermietung an Kurzzeitmietende.
       
       „Fully furnished, student-friendly apartments with a simple, transparent,
       stress-free move-in“, wirbt etwa [6][das Unternehmen Shree Living] auf
       seiner Website: vollmöblierte, studifreundliche Wohnungen, stressfreier
       Einzug. Zielgruppe sind internationale Studierende oder Berufstätige, die
       nur wenige Monate in Deutschland bleiben. Allein in meiner Nachbarschaft –
       Schmidt zeigt um sich – sind ihm mehr als zwölf solcher Wohnungen gemeldet
       worden. Er geht von einer sehr hohen Dunkelziffer aus.
       
       Seit einigen Monaten ist unser Haus auch das von Rohan, Sharma und allem
       Anschein nach vier oder fünf weiteren Kollegen. Sie arbeiten als
       [7][Essenslieferanten], nachts stehen ihre Fahrräder aufgereiht vor unserem
       Haus. Sie scheinen nicht genug Schlüssel zu haben, oft klingeln sie oder
       warten vor der Tür, bis jemand von uns aufschließt. Warum sie das machen
       müssen und wem sie monatlich wie viel Geld zahlen, all das weiß ich nicht.
       Für ein Gespräch hätten sie keine Zeit, eine Nachricht bleibt
       unbeantwortet.
       
       Sich entweder einem ausbeuterischen System ausliefern oder einzeln kämpfen,
       sind das unsere Optionen? Müssen wir hinnehmen, dass Lolas Boiler
       monatelang nicht repariert wird, dass unsere Tür nicht mehr richtig
       schließt, dass viele in unserem Haus sich noch nie wirklich sicher fühlen
       konnten in ihrem eigenen Zuhause? Lola erzählt mir, sie hätte ihre letzte
       Mieterhöhung einfach akzeptiert, und ich verstehe sie gut. Ohnmacht
       bedeutet Machtlosigkeit, und wer sich machtlos fühlt, wird kraftlos, wird
       müde.
       
       ## Nicht länger nur Einzelkämpfer*innen
       
       Aus Sicht der [8][Mieter*innengewerkschaft Berlin] (MGB) darf genau
       das nicht passieren. Das bestehende System, sagen ihre Organisator*innen,
       verlässt sich darauf, dass es bei vereinzelten Konflikten und Kämpfen
       bleibt: Einzelne Mieter lassen sich beraten, einzelne legen Widerspruch ein
       oder ziehen vor Gericht, einzelne feiern Erfolge. Die meisten aber bleiben
       aus Angst vor Konsequenzen still.
       
       Um dieses Muster zu durchbrechen, setzt die Mieter*innengewerkschaft
       sich zum Ziel, Mieter*innen dauerhaft zu organisieren – ähnlich wie es
       Verdi etwa bei Hebammen oder Pfleger*innen tut. Dafür haben sie Methoden
       aus Arbeitskämpfen übernommen und auf das Verhältnis zwischen
       Mieter*innen und Vermieter*innen übertragen – ganz so wie
       Gewerkschaften eben.
       
       „Immer weniger Menschen können sich auf stabilen Mietverhältnissen
       ausruhen“, sagt Camille. „Deshalb müssen wir uns zusammentun.“ Gemeinsam
       mit einem weiteren Mitglied der Ortsgruppe Neukölln der MGB, der hier Phil
       heißen soll, sitzt sie an einem lauen Abend im Juli in der Roten Lilly,
       seit 2022 Nachbarschaftstreffpunkt mit Kiez-Kantine und Beratungsangeboten.
       Jeden Monat kommen sie hier zusammen, um sich und interessierte
       Mieter*innen in einem offenen Treffen zu beraten.
       
       Camille, Phil und ich sind Verbündete. Wir alle wohnen seit Jahren
       gezwungenermaßen inoffiziell zur Untermiete. Scheint so, als würden auch
       Menschen, die aktiv gegen die Missstände auf dem Mietmarkt vorgehen, nicht
       wirklich gegen ihn ankommen? „Wenn es primär darum geht, sein Zuhause als
       Untermieter nicht zu verlieren, ist es eigentlich immer die bessere Idee,
       den alten Vertrag zu halten“, sagt Camille. Das Dilemma: Zwar gibt es
       [9][rechtliche Schutzmechanismen für Untermieter*innen], nur greifen
       sie in der Praxis kaum. Wer auf sich und seine Situation aufmerksam macht,
       riskiert ein Ende des Hauptmietvertrags.
       
       ## Der Fall Blaczko macht Mut
       
       Wenn sich aber, wie in unserem Haus, Forderungen und Mängel häufen, lohne
       es sich in vielen Fällen, Druck auf den Vermieter auszuüben. Im Kampf gegen
       die Hausverwaltung Blaczko aus Berlin hat das schon gut funktioniert.
       
       Kurz nachdem das Verfassungsgericht 2021 den Berliner Mietendeckel gekippt
       hat, forderte Blaczko die Bewohner*innen ihrer Häuser auf, die zuvor
       abgesenkten Mieten unverzüglich nachzuzahlen, und legte ihnen nahe, sich
       schon mal auf ihren Auszug vorzubereiten. Unterzeichnet war das Schreiben
       mit „FY“, also dem englischen Akronym für „Fuck You“. Stattdessen gingen
       Mieter*innen aus mehr als 20 Berliner Häusern auf die Barrikaden und
       gründeten gemeinsam mit der Mieter*innengewerkschaft die „Initiative
       Blaczko Mieter:innen“.
       
       Zunächst mussten sie herausfinden, wer von den Drohungen überhaupt
       betroffen war. Die Mieter*innengewerkschaft hilft in dieser
       [10][ersten Phase des Kampfes], verschiedenste Häuser miteinander zu
       vernetzen. Dabei sei es von Vorteil, wenn sich eine kleine
       Arbeitsgemeinschaft bildet und mindestens drei Menschen der MGB beitreten.
       Monatliche Beiträge beginnen in der Regel ab fünf Euro, wer nicht zahlen
       kann, zahlt nicht.
       
       Wie so oft waren das bei Blaczko keine Einzelfälle, sondern Teile eines
       Systems: Mieten, die teils deutlich über dem Mietspiegel liegen, Wohnungen,
       die auf fragwürdige Weise teilgewerblich und befristet vermietet wurden,
       und Reparaturen, die über Monate ohne Begründung ausblieben. In einer
       Mieter*innenversammlung wurden individuelle Probleme zu gemeinsamen.
       Am 10. Mai 2021 übergaben die Mieter*innen ihren kollektiven
       Forderungsbrief an die Hausverwaltung. Eine Woche warteten sie auf eine
       Antwort. Sie kam nicht.
       
       Sollte der Vermieter nicht fristgerecht antworten, sieht die
       Mieter*innengewerkschaft eine schrittweise Eskalation vor. Je nach
       Fall sucht sie zunächst das persönliche Gespräch. Falls das nicht hilft,
       wird Druck durch öffentliche Aktionen aufgebaut. Als Blaczko-Mieter*innen
       begannen, Flyer zu verteilen und Nachbar*innen über ihre Rechte zu
       informieren, [11][standen plötzlich Sicherheitsleute vor den Häusern]. In
       mehreren Gebäuden seien die Klingelanlagen abgestellt worden,
       Aktivist*innen erhielten Hausverbot.
       
       Die Mieter*innengewerkschaft wertete all das als Zeichen dafür, dass
       ihr Handeln Wirkung zeigte, schreibt sie auf ihrer Website. Sie
       veranstaltete Demonstrationen und hielt an ihren Forderungen fest.
       Gleichzeitig begannen Mieter*innen, rechtlich gegen Blaczko vorzugehen,
       etwa im Falle von teilgewerblichen Verträgen. 2022 bestätigte das
       Landgericht Berlin die Entscheidung zugunsten einer Mieterin: Die Miete
       müsse sich am Mietspiegel orientieren, weil die Wohnnutzung überwiege. Für
       die Klägerin bedeutete das eine Rückzahlung von rund 5.700 Euro.
       
       Auch hatte die Mieter*innengewerkschaft bei mehreren
       Blaczko-Wohnungen den Verdacht, dass Mitarbeiter*innen diese anmieten,
       um sie an die tatsächlichen Bewohner*innen unterzuvermieten. So konnten
       Mieter*innen leichter unter Druck gesetzt werden. Auch hier entschied
       das Gericht weitgehend zugunsten der Klagenden. Entscheidend waren dabei
       auch die zuvor zusammengetragenen Informationen und Belege der Gruppe.
       
       ## Überall in Europa kämpfen Mieter*innen
       
       Mieter*innengewerkschaften gibt es überall in Europa. Als Vorreiter
       gilt die schwedische Mieter*innengewerkschaft
       [12][Hyresgästföreningen], die schon seit über 100 Jahren mit
       Eigentümer*innen und Politik tarifliche Mieten verhandelt. Auch in
       Spanien organisieren sich seit Jahren Tausende Mieter*innen unter
       anderem in [13][Barcelona] und Madrid. Man erkennt sie an lauten Megafonen,
       orangefarbenen T-Shirts und Warnwesten mit der Aufschrift „Gewerkschaft der
       Mieterinnen und Mieter“.
       
       Den Anfang in Deutschland machte 2019 Frankfurt am Main. Die Berliner
       Gewerkschaft wurde im September 2020 von einem Dutzend Aktivist*innen
       aus dem [14][Bündnis gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn] gegründet,
       inzwischen gibt es Ortsgruppen in Neukölln, Moabit, Pankow und seit Kurzem
       auch in Kreuzberg.
       
       Doch angesichts der vielen Missstände in der Stadt bleibt die Berliner
       Gewerkschaft bis heute vergleichsweise klein. Auf inzwischen rund 300
       Mitglieder innerhalb von fünf Jahren zu wachsen, sei ein großer Erfolg,
       erwidert Camille. Andere berichten, dass es der Berliner Initiative gerade
       nicht so gut gehe. Zwar funktionierten einzelne Kämpfe, die Gesamtstruktur
       laufe jedoch „im Minimalbereich“. Mitgliederversammlungen würden nur wenige
       besuchen. Es fehle an Austausch und gemeinsamer Strategie.
       
       Gerade Menschen in prekären Wohnsituationen dürften aus Sorge vor
       Konsequenzen häufig zurückschrecken, sich zu organisieren. Oder überhaupt
       gegen ihre Vermieter vorzugehen. So geht es auch Ariana. „Ich habe einfach
       sehr viel Angst“, sagt sie, als ich ihr beim Kaffee von meinem Besuch bei
       der Mieter*innengewerkschaft erzähle. Ich denke an Rohan und Sharma
       und andere Nachbar*innen, die nicht mal mit mir sprechen wollten. Ariana
       ermutige ich, sich erst mal unverbindlich wegen ihrer hohen Miete beraten
       zu lassen: „Da kann dir nichts passieren.“ Sie nickt und guckt so, als
       wolle sie mir das glauben.
       
       So ist das in unserem Haus. So viel wir uns auch informieren und
       unterstützen, so selten führt all das zum nächsten Schritt. Ich bin meinen
       Nachbar*innen um ihren mentalen Beistand der vergangenen Wochen sehr
       dankbar. Aber um unseren Vermieter gemeinsam unter Druck zu setzen, ist
       unser Zusammenhalt wohl einfach nicht stark genug. Wir sind alle viel
       beschäftigt, mit Kindern, mit politischer Arbeit, mit dem eigenen Kopf.
       Viele im Haus sind da froh, halbwegs bezahlbaren und sicheren Wohnraum zu
       haben. Auch ich wäre das.
       
       Florian Schmidt reicht das nicht aus, er wolle den Markt „zusammenbrechen
       lassen“, sagt er. Im Juni führte die Berliner Senatsverwaltung erstmals
       einen [15][Mietenscan] durch, ein automatisiertes Verfahren, das
       Wohnungsinserate systematisch auf überhöhte Mieten sowie Verstöße gegen die
       Mietpreisbremse kontrolliert und entsprechende Vermieter kontaktiert.
       
       Einen Schritt weiter würde der „Vermieterpass“ gehen, für den sich Schmidt
       einsetzt. Darin müssten Vermieterinnen angeben, welche Wohnungen sie zu
       welchen Konditionen vermieten. Vor drei Jahren gründete Schmidt zudem die
       „Arbeitsgemeinschaft Problemimmobilien“. Sie soll Fälle bündeln, in denen
       Häuser systematisch vernachlässigt, in denen Mieter*innen mit
       verschiedenen Tricks unter Druck gesetzt werden.
       
       Ob solche Strategien ausreichen, um den Berliner Mietmarkt langfristig
       gerechter zu machen? Um zu verhindern, dass auch meine Nachmieter*innen
       bald 1.500 Euro Miete zahlen? Um mir zu ermöglichen, endlich einen
       Mietvertrag zu bekommen? Ich werde wohl eine andere Wohnung finden, aber um
       sie zu meinem Zuhause zu machen, will ich mit meinen neuen Nachbar*innen
       in Kontakt kommen. Ich will wissen, unter welchen Umständen sie leben, wie
       es ihnen geht. Und wenn wir das müssen, will ich gemeinsam mit ihnen
       kämpfen.
       
       Florian Schmidt und ich bleiben stehen. „Das ist unser Haus“, sage ich,
       während zwei Lieferfahrer sich auf ihre Fahrräder schwingen, und er sagt:
       „Ein schönes Haus.“
       
       16 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://fairmieten-fairwohnen.de/wp-content/uploads/2026/02/FMFW_Informelle-Praxen_Abschlussbericht.pdf
 (DIR) [2] https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/themen/wirtschaftliche-soziale-und-kulturelle-rechte/recht-auf-wohnen
 (DIR) [3] https://mietspiegel.berlin.de/berliner-mietspiegel/mietspiegelabfrage/
 (DIR) [4] https://www.asum-berlin.de/mieterberatung/
 (DIR) [5] /Mietenscan-des-Berliner-Senats/!6198572
 (DIR) [6] https://shreeliving.de/
 (DIR) [7] /Junge-Inder-in-Deutschland/!6094350
 (DIR) [8] https://mg-berlin.org/
 (DIR) [9] https://www.berliner-mieterverein.de/recht/infoblaetter/info-8-untermiete-und-untervermietung-hauptmieter-und-untermieter.htm
 (DIR) [10] https://mg-berlin.org/wp-content/uploads/2024/06/Organizing-Handbuch_de.pdf
 (DIR) [11] https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/themen/wirtschaftliche-soziale-und-kulturelle-rechte/recht-auf-wohnen
 (DIR) [12] https://www.hyresgastforeningen.se/
 (DIR) [13] /Wohnungskrise-in-Barcelona/!6201571
 (DIR) [14] https://www.mietenwahnsinn.info/2026/
 (DIR) [15] /Mietenscan-des-Berliner-Senats/!6198572
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lia Feiser
       
       ## TAGS
       
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Zukunft
 (DIR) Wohnen
 (DIR) Gewerkschaft
 (DIR) Nachbarschaftshilfe
 (DIR) Mieten
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Mieten
 (DIR) Mieten
 (DIR) Rotes Wien
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Mieten
 (DIR) Deutsche Wohnen & Co enteignen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Legal-Tech-Unternehmen in der Kritik: Conny und der Mietenkampf
       
       Das Unternehmen Conny verspricht Kund*innen, die Mietpreisbremse
       rechtlich durchzusetzen. Aber lohnt sich das für Mieter*innen? Es gibt
       Zweifel.
       
 (DIR) Reality-TV-Serie „Albtraum(ver)mieter“: Wer ist hier das Problem?
       
       Die Show will den Spieß einmal umdrehen und die Mieter als die Bösen
       darstellen. Das klappt nur bedingt.
       
 (DIR) Wohnungspolitik in Wien: Rot ist die Farbe der Wohnungshoffnung
       
       In der österreichischen Hauptstadt ist das Wohnproblem etwas kleiner als in
       anderen Hauptstädten. Der Grund dafür findet sich am Anfang des 20.
       Jahrhunderts.
       
 (DIR) Mieterrechte: Rechte kennen und dafür kämpfen
       
       Horrende Preise und ewige Befristungen. Da braucht es selbstbewusste
       Mieter:innen, die ihre Rechte kennen. Eine Anleitung zum widerständigen
       Mieten.
       
 (DIR) Wer wird hier enteignet?: Eigentum ernst nehmen
       
       Mit ihrem Geld finanzieren Mietende üppige Aktionärs-Dividenden. Dabei sind
       es die Bewohner*innen, die der Stadt erst ihren Wert verleihen
       
 (DIR) Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen: Bundesregierung enteignen!
       
       Die Bundesregierung will die Vergesellschaftung untersagen. Dürfen die das?
       Und was bedeutet das für die nächste Berliner Regierung? Alle Antworten auf
       die drängenden Fragen.