# taz.de -- Organisierter Mietenkampf: Allein machen sie dich ein
> In meinem Haus leihen wir uns Mehl und planen Sommerfeste. Nur für unser
> Mietrecht kämpfen alle für sich, doch unsere Probleme haben System. Muss
> das?
(IMG) Bild: Wirksamstes Mittel gegen böse Vermieter: Tut euch zusammen
Das ist unser Haus. Das von Ariana und ihrem Mann, zwei Künstler*innen
aus Südamerika, das von Emir und seiner Familie, die schon seit Jahrzehnten
in einer Wohnung im Hinterhaus lebt, das von Lola und ihrer Schwester, das
meiner Mitbewohnerin und ja, auch das von mir. Nur weiß das der Besitzer
unseres Hauses nicht. Seit fast drei Jahren wohne ich inoffiziell zur
Unteruntermiete. Um die Bewohnenden des Hauses zu schützen, tragen wir alle
hier einen anderen Namen.
Hätte ich einen Wunsch frei, dann wäre es der, mich hier, in unserem Haus
in Berlin-Kreuzberg, melden zu können und einen unbefristeten Mietvertrag
zu bekommen. Oder überhaupt mal irgendeinen Vertrag. Aber der ist bereits
vergeben, das wurde mir schon vor meinem Einzug gesagt, und daran hat sich
auch in den vergangenen Jahren nichts geändert. Hauptmieter*innen sind
zwei Menschen, die schon seit vielen Jahren nicht mehr in Berlin wohnen.
Meine Mitbewohnerin ist ihre Untermieterin. Und ich? Bin in den Augen des
Besitzers ein Nichts, ein Niemand. Nicht existent in meinem eigenen
Zuhause.
Mit meiner Wohnsituation bin ich nicht alleine, vor allem nicht in Berlin.
Die Berliner Fachstelle gegen Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt „Fair
mieten – Fair wohnen“ hat [1][im Februar eine Studie] zu sogenannten
informellen Vermietungspraktiken in Berlin vorgelegt. Sie zeigt, eine der
häufigsten Ausprägungen des informellen Marktes ist die Untermiete ohne
Anmeldung. Grundlage der Studie sind Interviews mit Betroffenen und
Mitarbeitenden von Beratungsstellen. Zentral erhobene Zahlen gibt es nicht.
## Als wäre eine Meldebescheinigung eine Zusatzleistung
Wohnungsportale wie ImmoScout oder WG-Gesucht spiegeln das Problem.
Befristete und möblierte Wohnungen oder Zimmer scheinen dort mehr Regel als
Ausnahme zu sein. „ANMELDUNG MÖGLICH!“, schreiben manche Anbieter
inzwischen schon in den Betreff. Als wäre die Meldebescheinigung eine
attraktive Zusatzleistung, so wie ein „Late Check-out“ oder „Frühstück
inklusive“ in einem Hotel. Dabei will ich doch einfach nur wohnen. Ist das
nicht eigentlich mein und unser aller Recht, um das wir demnach auch
kämpfen sollten – nicht einzeln, sondern gemeinsam?
Unsere Wohnung hat drei Zimmer, von denen eins ich, eins meine
Mitbewohnerin und eins wir beide bewohnen. Morgens, wenn ich aufstehe und
meinen ersten Kaffee trinke, bricht das Sonnenlicht auf die äußerste Kante
unseres Sofas. In diesen Momenten mag ich unsere Wohnung ganz besonders,
ihre Farben, ihre Wärme. Ich öffne das Kastendoppelfenster und schaue nach
draußen.
Wohnungslosigkeit und Drogen beherrschen unsere Straßen, manchmal finden
wir morgens noch Überreste von Substanzen oder zerbrochenes Glas vor der
Tür oder im Hausflur. Die meisten Menschen, die sich nachts vor unserem
Haus aufhalten, suchen aber einfach einen Platz zum Sein. Dass ihnen der
zusteht, so wie uns, darüber herrscht in unserer Hausgemeinschaft
weitgehend Einigkeit. Auch das mag ich.
[2][Das Recht auf angemessenen Wohnraum] wird überall auf der Welt
unterschiedlich stark verletzt. Leidtragende sind, das ist bekannt, vor
allem Betroffene von Gewalt, Diskriminierung, Vertreibung oder Armut –
häufig bedingen sich all diese Faktoren gegenseitig und verstärken
einander.
Keinen offiziellen Vertrag zu haben, bedeutet enorm abhängig zu sein. Wenn
Freund*innen oder Bekannte untervermieten, mag das in vielen Fällen
unkompliziert laufen. Kann man sich auf das Wort und das Moralverständnis
der vermietenden Instanz jedoch nicht verlassen, verändert sich die
Situation.
## Das Risiko vom Verlust
Auch das zeigt die Studie von „Fair mieten – Fair wohnen“: Betroffene
erzählen von überteuerten Mieten, von gebrochenen Absprachen, kurzfristigen
und unbegründeten Rauswürfen, verbalen Übergriffen und sexueller
Belästigung. Wer das meldet, riskiert wegen fehlender Untermieterlaubnis
den Verlust der Wohnung für sich und womöglich auch andere
Mitbewohner*innen.
Meine Mitbewohnerin ist früher als ich in unsere Wohnung gezogen, womit sie
Glück hatte. Ihre Untermiete ließ der Vermieter, der auch andere Häuser in
der Gegend besitzt, als vorerst letzte Vertragsänderung mit viel
Widerwillen durchgehen. Jetzt aber wollen die Hauptmieter*innen ihren
Vertrag aufgeben. Dass wir ihn übernehmen oder einen mit veränderten
Konditionen aufsetzen, ist für den Vermieter ausgeschlossen.
„Zahl mir einfach bisschen Schmerzensgeld“, zwinkert mir Emir zu, als ich
an einem Samstagmorgen vor unseren Briefkästen erzähle, dass wir
wahrscheinlich ausziehen müssen. Dann würde er das mit dem Vertrag schon
für uns regeln. Dass das nicht so einfach ist, weiß er so gut wie alle
anderen im Haus. Viele kennen sich seit Jahren, wir unterhalten uns im
Flur, leihen uns Mehl, Putzmittel und Werkzeug, beschenken uns zum
Nikolaustag und organisieren gemeinsam Sommerfeste.
Auch sie haben oder hatten schon häufig Probleme mit unserem Vermieter.
Viele haben sich gewehrt, allerdings nie gemeinsam. Einzelne haben ihn vor
Gericht getroffen, wegen falsch bemessenen Quadratmeterzahlen, wegen
unzulässigen Mieterhöhungen. Probleme, die entstehen, weil er möglichst
wenig Geld ausgeben und möglichst viel Geld an den Bewohner*innen
seiner Häuser verdienen will.
Wie hemmungslos unser Vermieter vorgeht, erfahre ich beim Feierabendkaffee
in Arianas Wohnung. Vier Jahre Berlin, vier Umzüge: „Das ist die Realität
in dieser Stadt“, sagt Ariana, „besonders für Menschen, die kein Deutsch
sprechen“. So wie sie. Tatsächlich wird Sprache in der Berliner Studie am
häufigsten als Hürde im Zugang zu Wohnraum benannt.
Umso glücklicher seien Ariana und ihr Mann gewesen, als sie nach mehreren
möblierten Zwischenmieten endlich die Zusage für ihre Wohnung bekamen.
Dabei zahlen sie knapp 1.500 Euro warm für 80 Quadratmeter. Umfragen im
Haus ergeben, dass andere für dieselbe Fläche und Ausstattung über 500 Euro
weniger zahlen.
## Gegen zu hohe Mieten lässt sich vorgehen
Ariana und ihr Mann könnten gegen ihre hohe Miete rechtlich vorgehen. Emir
und andere Nachbar*innen waren dabei schon erfolgreich, erzählen sie in
unserer Hausgruppe auf Telegram, und geben den beiden Tipps. Über das
[3][Onlineportal der Berliner Senatsverwaltung] könnten sie ihre Wohnung
mit dem Berliner Mietspiegel vergleichen. Zahlen sie zu viel, könnten sie
ihre Miete mithilfe einer Mieterorganisation anfechten. Unsere
Hausgemeinschaft empfiehlt den Mieterschutzbund und den Berliner
Mieterverein. Auch [4][die Berliner Bezirksämter beraten kostenlos].
Das Problem bleibt allerdings: Ziehen Menschen, die sich erfolgreich gegen
Missstände gewehrt haben, aus, können Vermieter dieselben Praktiken bei den
Nachmieter*innen versuchen. Das begründet auch, warum so viele Menschen
in der Stadt ihre langjährigen Wohnungen behalten und untervermieten. Wer
eine Wohnung aufgibt, kann damit rechnen, dass der Vermieter Renovierungen
oder Modernisierungen veranlasst, [5][um sie deutlich teurer neu zu
vermieten] – eine der häufigsten Strategien, um die Mietpreisbremse zu
umgehen.
Ein heißer Donnerstagmorgen im Juli, ich treffe mich mit Florian Schmidt zu
einem Spaziergang durch den Kiez. Seit 2016 ist der grüne Kommunalpolitiker
Bezirksstadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg, aktuell für Bauen, Planen und
kooperative Stadtentwicklung. Früher setzte er sich als Aktivist für
soziales Wohnen in Städten ein. „Wir müssen auf mehreren Baustellen den
Stecker ziehen“, sagt er. Aktuell hätten Vermieter zu viele Möglichkeiten,
ihre Wohnungen dem regulären Mietmarkt zu entziehen. Eine davon ist die
gewerbliche Vermietung an Kurzzeitmietende.
„Fully furnished, student-friendly apartments with a simple, transparent,
stress-free move-in“, wirbt etwa [6][das Unternehmen Shree Living] auf
seiner Website: vollmöblierte, studifreundliche Wohnungen, stressfreier
Einzug. Zielgruppe sind internationale Studierende oder Berufstätige, die
nur wenige Monate in Deutschland bleiben. Allein in meiner Nachbarschaft –
Schmidt zeigt um sich – sind ihm mehr als zwölf solcher Wohnungen gemeldet
worden. Er geht von einer sehr hohen Dunkelziffer aus.
Seit einigen Monaten ist unser Haus auch das von Rohan, Sharma und allem
Anschein nach vier oder fünf weiteren Kollegen. Sie arbeiten als
[7][Essenslieferanten], nachts stehen ihre Fahrräder aufgereiht vor unserem
Haus. Sie scheinen nicht genug Schlüssel zu haben, oft klingeln sie oder
warten vor der Tür, bis jemand von uns aufschließt. Warum sie das machen
müssen und wem sie monatlich wie viel Geld zahlen, all das weiß ich nicht.
Für ein Gespräch hätten sie keine Zeit, eine Nachricht bleibt
unbeantwortet.
Sich entweder einem ausbeuterischen System ausliefern oder einzeln kämpfen,
sind das unsere Optionen? Müssen wir hinnehmen, dass Lolas Boiler
monatelang nicht repariert wird, dass unsere Tür nicht mehr richtig
schließt, dass viele in unserem Haus sich noch nie wirklich sicher fühlen
konnten in ihrem eigenen Zuhause? Lola erzählt mir, sie hätte ihre letzte
Mieterhöhung einfach akzeptiert, und ich verstehe sie gut. Ohnmacht
bedeutet Machtlosigkeit, und wer sich machtlos fühlt, wird kraftlos, wird
müde.
## Nicht länger nur Einzelkämpfer*innen
Aus Sicht der [8][Mieter*innengewerkschaft Berlin] (MGB) darf genau
das nicht passieren. Das bestehende System, sagen ihre Organisator*innen,
verlässt sich darauf, dass es bei vereinzelten Konflikten und Kämpfen
bleibt: Einzelne Mieter lassen sich beraten, einzelne legen Widerspruch ein
oder ziehen vor Gericht, einzelne feiern Erfolge. Die meisten aber bleiben
aus Angst vor Konsequenzen still.
Um dieses Muster zu durchbrechen, setzt die Mieter*innengewerkschaft
sich zum Ziel, Mieter*innen dauerhaft zu organisieren – ähnlich wie es
Verdi etwa bei Hebammen oder Pfleger*innen tut. Dafür haben sie Methoden
aus Arbeitskämpfen übernommen und auf das Verhältnis zwischen
Mieter*innen und Vermieter*innen übertragen – ganz so wie
Gewerkschaften eben.
„Immer weniger Menschen können sich auf stabilen Mietverhältnissen
ausruhen“, sagt Camille. „Deshalb müssen wir uns zusammentun.“ Gemeinsam
mit einem weiteren Mitglied der Ortsgruppe Neukölln der MGB, der hier Phil
heißen soll, sitzt sie an einem lauen Abend im Juli in der Roten Lilly,
seit 2022 Nachbarschaftstreffpunkt mit Kiez-Kantine und Beratungsangeboten.
Jeden Monat kommen sie hier zusammen, um sich und interessierte
Mieter*innen in einem offenen Treffen zu beraten.
Camille, Phil und ich sind Verbündete. Wir alle wohnen seit Jahren
gezwungenermaßen inoffiziell zur Untermiete. Scheint so, als würden auch
Menschen, die aktiv gegen die Missstände auf dem Mietmarkt vorgehen, nicht
wirklich gegen ihn ankommen? „Wenn es primär darum geht, sein Zuhause als
Untermieter nicht zu verlieren, ist es eigentlich immer die bessere Idee,
den alten Vertrag zu halten“, sagt Camille. Das Dilemma: Zwar gibt es
[9][rechtliche Schutzmechanismen für Untermieter*innen], nur greifen
sie in der Praxis kaum. Wer auf sich und seine Situation aufmerksam macht,
riskiert ein Ende des Hauptmietvertrags.
## Der Fall Blaczko macht Mut
Wenn sich aber, wie in unserem Haus, Forderungen und Mängel häufen, lohne
es sich in vielen Fällen, Druck auf den Vermieter auszuüben. Im Kampf gegen
die Hausverwaltung Blaczko aus Berlin hat das schon gut funktioniert.
Kurz nachdem das Verfassungsgericht 2021 den Berliner Mietendeckel gekippt
hat, forderte Blaczko die Bewohner*innen ihrer Häuser auf, die zuvor
abgesenkten Mieten unverzüglich nachzuzahlen, und legte ihnen nahe, sich
schon mal auf ihren Auszug vorzubereiten. Unterzeichnet war das Schreiben
mit „FY“, also dem englischen Akronym für „Fuck You“. Stattdessen gingen
Mieter*innen aus mehr als 20 Berliner Häusern auf die Barrikaden und
gründeten gemeinsam mit der Mieter*innengewerkschaft die „Initiative
Blaczko Mieter:innen“.
Zunächst mussten sie herausfinden, wer von den Drohungen überhaupt
betroffen war. Die Mieter*innengewerkschaft hilft in dieser
[10][ersten Phase des Kampfes], verschiedenste Häuser miteinander zu
vernetzen. Dabei sei es von Vorteil, wenn sich eine kleine
Arbeitsgemeinschaft bildet und mindestens drei Menschen der MGB beitreten.
Monatliche Beiträge beginnen in der Regel ab fünf Euro, wer nicht zahlen
kann, zahlt nicht.
Wie so oft waren das bei Blaczko keine Einzelfälle, sondern Teile eines
Systems: Mieten, die teils deutlich über dem Mietspiegel liegen, Wohnungen,
die auf fragwürdige Weise teilgewerblich und befristet vermietet wurden,
und Reparaturen, die über Monate ohne Begründung ausblieben. In einer
Mieter*innenversammlung wurden individuelle Probleme zu gemeinsamen.
Am 10. Mai 2021 übergaben die Mieter*innen ihren kollektiven
Forderungsbrief an die Hausverwaltung. Eine Woche warteten sie auf eine
Antwort. Sie kam nicht.
Sollte der Vermieter nicht fristgerecht antworten, sieht die
Mieter*innengewerkschaft eine schrittweise Eskalation vor. Je nach
Fall sucht sie zunächst das persönliche Gespräch. Falls das nicht hilft,
wird Druck durch öffentliche Aktionen aufgebaut. Als Blaczko-Mieter*innen
begannen, Flyer zu verteilen und Nachbar*innen über ihre Rechte zu
informieren, [11][standen plötzlich Sicherheitsleute vor den Häusern]. In
mehreren Gebäuden seien die Klingelanlagen abgestellt worden,
Aktivist*innen erhielten Hausverbot.
Die Mieter*innengewerkschaft wertete all das als Zeichen dafür, dass
ihr Handeln Wirkung zeigte, schreibt sie auf ihrer Website. Sie
veranstaltete Demonstrationen und hielt an ihren Forderungen fest.
Gleichzeitig begannen Mieter*innen, rechtlich gegen Blaczko vorzugehen,
etwa im Falle von teilgewerblichen Verträgen. 2022 bestätigte das
Landgericht Berlin die Entscheidung zugunsten einer Mieterin: Die Miete
müsse sich am Mietspiegel orientieren, weil die Wohnnutzung überwiege. Für
die Klägerin bedeutete das eine Rückzahlung von rund 5.700 Euro.
Auch hatte die Mieter*innengewerkschaft bei mehreren
Blaczko-Wohnungen den Verdacht, dass Mitarbeiter*innen diese anmieten,
um sie an die tatsächlichen Bewohner*innen unterzuvermieten. So konnten
Mieter*innen leichter unter Druck gesetzt werden. Auch hier entschied
das Gericht weitgehend zugunsten der Klagenden. Entscheidend waren dabei
auch die zuvor zusammengetragenen Informationen und Belege der Gruppe.
## Überall in Europa kämpfen Mieter*innen
Mieter*innengewerkschaften gibt es überall in Europa. Als Vorreiter
gilt die schwedische Mieter*innengewerkschaft
[12][Hyresgästföreningen], die schon seit über 100 Jahren mit
Eigentümer*innen und Politik tarifliche Mieten verhandelt. Auch in
Spanien organisieren sich seit Jahren Tausende Mieter*innen unter
anderem in [13][Barcelona] und Madrid. Man erkennt sie an lauten Megafonen,
orangefarbenen T-Shirts und Warnwesten mit der Aufschrift „Gewerkschaft der
Mieterinnen und Mieter“.
Den Anfang in Deutschland machte 2019 Frankfurt am Main. Die Berliner
Gewerkschaft wurde im September 2020 von einem Dutzend Aktivist*innen
aus dem [14][Bündnis gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn] gegründet,
inzwischen gibt es Ortsgruppen in Neukölln, Moabit, Pankow und seit Kurzem
auch in Kreuzberg.
Doch angesichts der vielen Missstände in der Stadt bleibt die Berliner
Gewerkschaft bis heute vergleichsweise klein. Auf inzwischen rund 300
Mitglieder innerhalb von fünf Jahren zu wachsen, sei ein großer Erfolg,
erwidert Camille. Andere berichten, dass es der Berliner Initiative gerade
nicht so gut gehe. Zwar funktionierten einzelne Kämpfe, die Gesamtstruktur
laufe jedoch „im Minimalbereich“. Mitgliederversammlungen würden nur wenige
besuchen. Es fehle an Austausch und gemeinsamer Strategie.
Gerade Menschen in prekären Wohnsituationen dürften aus Sorge vor
Konsequenzen häufig zurückschrecken, sich zu organisieren. Oder überhaupt
gegen ihre Vermieter vorzugehen. So geht es auch Ariana. „Ich habe einfach
sehr viel Angst“, sagt sie, als ich ihr beim Kaffee von meinem Besuch bei
der Mieter*innengewerkschaft erzähle. Ich denke an Rohan und Sharma
und andere Nachbar*innen, die nicht mal mit mir sprechen wollten. Ariana
ermutige ich, sich erst mal unverbindlich wegen ihrer hohen Miete beraten
zu lassen: „Da kann dir nichts passieren.“ Sie nickt und guckt so, als
wolle sie mir das glauben.
So ist das in unserem Haus. So viel wir uns auch informieren und
unterstützen, so selten führt all das zum nächsten Schritt. Ich bin meinen
Nachbar*innen um ihren mentalen Beistand der vergangenen Wochen sehr
dankbar. Aber um unseren Vermieter gemeinsam unter Druck zu setzen, ist
unser Zusammenhalt wohl einfach nicht stark genug. Wir sind alle viel
beschäftigt, mit Kindern, mit politischer Arbeit, mit dem eigenen Kopf.
Viele im Haus sind da froh, halbwegs bezahlbaren und sicheren Wohnraum zu
haben. Auch ich wäre das.
Florian Schmidt reicht das nicht aus, er wolle den Markt „zusammenbrechen
lassen“, sagt er. Im Juni führte die Berliner Senatsverwaltung erstmals
einen [15][Mietenscan] durch, ein automatisiertes Verfahren, das
Wohnungsinserate systematisch auf überhöhte Mieten sowie Verstöße gegen die
Mietpreisbremse kontrolliert und entsprechende Vermieter kontaktiert.
Einen Schritt weiter würde der „Vermieterpass“ gehen, für den sich Schmidt
einsetzt. Darin müssten Vermieterinnen angeben, welche Wohnungen sie zu
welchen Konditionen vermieten. Vor drei Jahren gründete Schmidt zudem die
„Arbeitsgemeinschaft Problemimmobilien“. Sie soll Fälle bündeln, in denen
Häuser systematisch vernachlässigt, in denen Mieter*innen mit
verschiedenen Tricks unter Druck gesetzt werden.
Ob solche Strategien ausreichen, um den Berliner Mietmarkt langfristig
gerechter zu machen? Um zu verhindern, dass auch meine Nachmieter*innen
bald 1.500 Euro Miete zahlen? Um mir zu ermöglichen, endlich einen
Mietvertrag zu bekommen? Ich werde wohl eine andere Wohnung finden, aber um
sie zu meinem Zuhause zu machen, will ich mit meinen neuen Nachbar*innen
in Kontakt kommen. Ich will wissen, unter welchen Umständen sie leben, wie
es ihnen geht. Und wenn wir das müssen, will ich gemeinsam mit ihnen
kämpfen.
Florian Schmidt und ich bleiben stehen. „Das ist unser Haus“, sage ich,
während zwei Lieferfahrer sich auf ihre Fahrräder schwingen, und er sagt:
„Ein schönes Haus.“
16 Aug 2026
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