# taz.de -- Wohnungspolitik in Wien: Rot ist die Farbe der Wohnungshoffnung
> In der österreichischen Hauptstadt ist das Wohnproblem etwas kleiner als
> in anderen Hauptstädten. Der Grund dafür findet sich am Anfang des 20.
> Jahrhunderts.
(IMG) Bild: Ein marxistisches Traumschlösschen: Der 1.050 Meter lange Gebäudekomplex Karl-Marx-Hof bei seiner Eröffnung im Oktober 1930
Hellrote Fassaden. Torbögen. Kein Schnickschnack an Fenstern oder Balkonen.
Nur ein paar schlichte Keramikfiguren über den Rundbögen und im Hof die
Bronzestatue eines säenden Bauern. Die Gebäude des Karl-Marx-Hofs in Wien
erinnern an eine moderne Burg. Eine sehr lebensnahe, denn sie bietet
gemütliche und erschwingliche Wohnungen, kurze Wege, Apotheken,
Kindergärten, Wäschereien direkt auf dem Gelände. Der bis heute längste
zusammenhängende Wohnbau der Welt steht ikonisch für [1][den Wiener
Gemeindebau], auf den so manche europäische Hauptstadt [2][neidisch
blickt].
Entstanden ist das Wiener Modell zur Zeit des „Roten Wien“. Nach dem Ersten
Weltkrieg sind in der österreichischen Hauptstadt vor allem
Arbeiter:innen in großer Not, leiden unter Hunger, die Wohnungen sind
knapp. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) verspricht Besserung:
kommunale Hilfen und einen klaren Plan für den städtischen Wohnungsbau. Am
4. Mai 1919 ziehen sie mit einer absoluten Mehrheit ins Parlament ein. Wien
wird rot.
Erst versucht es die vom [3][Bürgermeister Karl Seitz] geführte Regierung
mit steuerlichen Anreizen für privaten Wohnungsbau – ohne Erfolg. Also
beschließt sie 1923 den Bau von 25.000 kommunalen Wohnungen. 1926 sind es
dann noch mehr, darunter auch die 1.382 Wohneinheiten im Karl-Marx-Hof, der
vier Jahre später feierlich eröffnet wird.
Die Wohnungen in den sogenannten „Superblocks“ bestehen aus einer
Wohnküche, einem Zimmer, manchmal einem zusätzlichen Kabinett, und haben
eine eigene Innentoilette. Alles auf 38 bis 48 Quadratmetern. Die
Architekt:innen legen viel Wert auf natürliches Licht in den Räumen und
auf große, begrünte Innenhöfe. Die sollen die Solidarität und das
Gemeinschaftsgefühl unter den Nachbar:innen stärken.
Die Gemeindewohnungen werden nach einem Punktesystem vergeben. Eine soziale
Bedürftigkeit wie Arbeitsplatzverlust, Kriegsinvalidität oder
Wohnungslosigkeit verschafft einen Vorteil bei der Vergabe. Die Mietkosten
sind streng begrenzt. 1926 betragen sie etwa 4 Prozent des
durchschnittlichen Monatseinkommens von Arbeiter:innen. Das kann sich die
Stadt Wien vor allem wegen ihres Steuersystems leisten. Luxussteuern auf
Autos, Pferderennen, Hauspersonal und eine Wohnbausteuer für private
Hausbesitzer:innen bringen genug Geld ein, lassen
Arbeiter:innenhaushalte aber weitgehend unberührt.
Mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 gerät das Rote Wien in
Schwierigkeiten. Die Einnahmen sinken und die österreichische Regierung
setzt die Stadt unter Spardruck. Die Wiener Stadtverwaltung versucht, ihre
Wohnungspolitik aufrechtzuerhalten, aber 1934 eskaliert der Konflikt
zwischen Stadt und Bundesregierung. Die Arbeiter:innenbewegung wird
vom österreichischen Militär niedergeschlagen, die SDAP verboten, der
Wiener Gemeinderat aufgelöst. Das arbeiter:innenfreundliche
Steuersystem und der kommunale Wohnungsbau werden zurückgebaut.
Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Wohnbaupolitik des Roten Wiens
weitergeführt. Schnell können die vom Krieg beschädigten
[4][Gemeindebauten] repariert und neue gebaut werden. Schon zehn Jahre nach
Kriegsende sind 50.000 neue Gemeindewohnungen fertig.
Und heute? Ist Wien vielleicht nicht mehr so feuerrot wie damals. Auch in
Österreichs Hauptstadt ist es für Studierende und Menschen, die aus dem
Ausland dorthin ziehen, schwer, bezahlbare Wohnungen zu finden. Denn wer
einmal in einer Gemeindewohnung lebt, zieht so schnell nicht mehr aus.
Der soziale Wohnungsbau der 1920er und 30er Jahre prägt das Wiener
Stadtbild bis heute. Sie hat die stadteigenen Mietwohnungen nie an private
Konzerne oder Eigentümer verkauft. Auch heute fließt ein recht hohes Budget
in den öffentlich subventionierten Wohnungsbau. Das Versprechen von Karl
Seitz bei der Eröffnung des Karl-Marx-Hofs 1930 scheint sich bewahrheitet
zu haben: „Wenn wir einst nicht mehr sind, werden diese Steine für uns
sprechen.“
17 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Hannah Marlene Göschel
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