# taz.de -- Siedlerterror im Westjordanland: Nachts, wenn die Milizen kommen
> Die Angriffe israelischer Siedler auf Palästinenser haben in den
> vergangenen Wochen eklatant zugenommen. Netanjahu profitiert davon
> doppelt.
(IMG) Bild: Israelische Siedler schmeißen bei Sinjil Steine auf Palästinenser, 17. Juli 2026
In den deutschen Medien erscheinen alle paar Tage wenig sagende Titel wie
„Gewalt im Westjordanland eskaliert“. Wir heften das unter „Da unten
schlagen sie sich wieder die Köpfe ein“ ab. Aber die Gewalt hat einen
Namen: [1][die israelischen Siedler, die jeden Tag palästinensische Dörfer
überfallen].
Seit Beginn dieses Jahres hat die UNO im Westjordanland bis zu sechs
Angriffe von Siedlern pro Tag gezählt. Zwischen Januar 2023 und dem 6. Juli
2026 erlebten 123 palästinensische Gemeinden dort eine vollständige oder
teilweise Vertreibung. Das sind die Zahlen des UN-[2][Büros für die
Koordinierung humanitärer Angelegenheiten Ocha.]
Es ist immer das gleiche Muster. Die Siedler kommen meist nachts in die
Dörfer. Es beginnt mit Schreien, dann fliegen die Steine, gefolgt von
Brandsätzen, bis Häuser und Autos in Flammen stehen. Wehren sich die
Bewohner des Dorfes, kommt die israelische Armee und verhaftet sie.
Schlimmstenfalls werden sie von den Siedlern oder der Armee erschossen, wie
dieses Jahr 77 Palästinenser.
Die Menschen in den Dörfern sind dem hilflos ausgeliefert. Es gibt keinen
Sicherheitsapparat, den sie um Schutz ansuchen können, der steht in Form
der israelischen Armee vor der Tür, schaut zu oder macht schlimmstenfalls
mit. Die Siedlermilizen, denn nichts anderes sind sie, und die Armee sind
zwei Seiten der gleichen Medaille.
## Siedlerstimmen für Bibi
Warum die Angriffe derzeit so zunehmen, hat auch mit den israelischen
Wahlen im Herbst zu tun. Netanjahu und seine Koalition wollen sich die
Stimmen der rechten Siedler sichern, indem sie sie von der Leine lassen und
nicht zur Rechenschaft ziehen. Nebenbei machen sie Land für weiteren
Siedlungsbau frei.
Der Handlungsspielraum der Palästinenser ist begrenzt. Die immer
wiederkehrende Provokation könnte durchaus auch zu einer dritten Intifada,
zu einem dritten palästinensischen Aufstand im Westjordanland führen. Der
würde dann erneut den Vorwand liefern für mehr Repressionen, mehr Tote und
mehr Vertreibungen.
Es ist an der internationalen Gemeinschaft, das zu stoppen. Dabei geht es
nicht um [3][Sanktionen gegen einzelne rechte Siedleraktivisten], wozu sich
die EU durchgerungen hat, vor allem weil Deutschland alle anderen Maßnahmen
blockiert hat. Es geht darum, diesen Vertreibungsmix aus staatlichen
Institutionen und Siedlern zu stoppen. Ansonsten sind die ganzen
EU-Lippenbekenntnisse zur Zweistaatenlösung nicht mehr als ein stilles
Eingeständnis, den Status quo der schleichenden ethnischen Säuberung des
Westjordanlandes nicht anzutasten.
Die internationale Gemeinschaft sitzt da und hofft, dass es irgendwann
einmal in Israel eine andere Regierung geben wird, obwohl sie weiß, dass
sich auch dann in Sachen Besatzung des Westjordanlandes nichts
Grundlegendes ändern wird. Währenddessen werden jeden Tag palästinensische
Dörfer angegriffen, Häuser eingerissen und Menschen vertrieben. Die
Palästinenser haben nicht den Luxus, auf bessere Zeiten zu warten.
30 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Karim El-Gawhary
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