# taz.de -- UN-Direktor zum Westjordanland: „Das kann nur zu mehr Radikalisierung führen“
       
       > Israel geht seit Jahren gegen die Hilfsorganisation für palästinensische
       > Geflüchtete, UNRWA, vor. Woran das liegt, erklärt ihr Direktor Roland
       > Friedrich.
       
 (IMG) Bild: Diese Moschee bei Nablus sollen Siedler in der Nacht zum 26. Juli angezündet haben
       
       taz: Herr Friedrich, Israel verbietet UNRWA seit 2024, in Israel inklusive
       Ostjerusalem zu arbeiten. Gilt das auch für das Westjordanland und den
       Gazastreifen? 
       
       Friedrich: Es gibt zwei Gesetze: Eines beinhaltet ein Betätigungsverbot für
       Israel und Ostjerusalem. Das zweite Gesetz enthält ein Kontaktverbot für
       israelische Stellen mit UNRWA im besetzten Westjordanland und im
       Gazastreifen. Und hier bekommen auch unsere internationalen Mitarbeiter
       kein Visum mehr. Es gibt also nicht per se ein Betätigungsverbot für das
       Westjordanland oder Gaza, da diese nicht israelisches Staatsgebiet sind.
       Aber natürlich haben diese Gesetze Folgen.
       
       taz: Und die wären? 
       
       Friedrich: Unsere Arbeit in Ostjerusalem ist faktisch unmöglich geworden.
       Wir hatten dort sechs Schulen, die geschlossen wurden, wodurch 800 Kinder
       Zugang zu Bildung verloren haben, sowie zwei Gesundheitszentren. Im
       Westjordanland geht die Arbeit weiter, allerdings unter erschwerten
       Bedingungen. Wir haben seit 70 Jahren eine Berufsschule in Qalandia, auf
       der Ostseite der Sperranlage, aber in einem Gebiet, das von Israel als Teil
       Jerusalems betrachtet wird. Diese Schule soll nun geschlossen werden, den
       Strom hat man uns schon abgedreht. Die Schule ist speziell auf junge Männer
       zwischen 15 und 18 Jahren aus Flüchtlingslagern ausgerichtet. 340 junge
       Menschen, die lernen, als Schreiner zu arbeiten, als Automechaniker, als
       Mechatroniker.
       
       taz: Was passiert, wenn die Schule wirklich geschlossen wird? 
       
       Friedrich: Dann verlieren diese Jugendlichen den Zugang zur Bildung und
       Hoffnung für die Zukunft, das kann nur zu mehr Radikalisierung führen. Man
       muss auch klar dazu sagen, dass diese Gesetze im Widerspruch zum geltenden
       Völkerrecht stehen, das hat auch der Internationale Gerichtshof
       festgestellt. Israel ist in der Pflicht, die Arbeit von UNRWA als
       humanitäre UN-Organisation zu ermöglichen.
       
       taz: Israel wirft UNWRA-Mitarbeitern vor, [1][sich am Hamas-Massaker am 7.
       Oktober beteiligt zu haben]. 
       
       Friedrich: Diese Vorwürfe nehmen wir sehr, sehr ernst. Sie betrafen 19
       Mitarbeiter, die zunächst fristlos entlassen wurden. Es gab dann eine
       Untersuchung durch die Dienstaufsichtsbehörde in New York, durch die
       festgestellt wurde, dass die Vorwürfe in zehn Fällen nicht belegt werden
       konnten. In neun Fällen könnte es möglich sein, dass eine Teilnahme
       tatsächlich stattgefunden hat. Aber nachhaltige Belege dazu haben wir nicht
       erhalten.
       
       taz: Haben Sie seitdem etwas geändert? 
       
       Friedrich: Wir haben gleichzeitig einen Reformplan initiiert, nach der
       sogenannten Colonna-Kommission. Es gab einen Aktionsplan mit über 50
       Empfehlungen. Davon sind 41 jetzt umgesetzt. Und dazu gehören verschärfte
       Sicherheitsüberprüfungen sowie Überprüfungen der Liegenschaften. Wir
       überprüfen im Westjordanland jedes Jahr jede einzelne Schule, jedes
       einzelne Gesundheitszentrum, ob dort irgendwelche Anzeichen vorliegen, dass
       die Neutralität verletzt sein könnte. Im Gazastreifen ist die Hälfte
       unserer Liegenschaften zerstört oder wir haben keinen Zugang dazu. Wir
       haben aber natürlich keine Nachrichtendienste, keine Polizei bei UNRWA. Das
       heißt: Wir sind abhängig von den Informationen, die die Mitgliedsstaaten
       uns zur Verfügung stellen. Und das ist in Gaza und im Westjordanland jetzt
       leider nicht mehr möglich.
       
       taz: Bereits vor dem 7. Oktober waren aber Schulbücher ein Streitpunkt, die
       gewaltverherrlichende oder gegenüber Israel diskriminierende Inhalte an
       Kinder weitergeben würden. 
       
       Friedrich: Unsere Schülerinnen und Schüler sollen nach ihrem Abschluss auf
       einheimische Schulen oder Universitäten gehen und die Abschlüsse müssen
       anerkannt werden. Darum nutzen wir die Lehrpläne und Bücher unserer
       Gastländer, etwa der Palästinensischen Autonomiebehörde. Es gibt aber jetzt
       Anstrengungen der Behörde, neue Lehrbücher herauszugeben. Die werden wir
       natürlich sofort übernehmen.
       
       taz: Trotzdem haben manche Länder ihre Hilfe an UNRWA zunächst eingefroren,
       Ihr größter Geldgeber, die USA, bis heute. Wie viel Budget haben Sie
       momentan? 
       
       Friedrich: Die Lage ist sehr, sehr schwierig. Die gesamte Organisation hat
       ein Defizit von 100 Millionen US-Dollar. Das zwingt uns zu Sparmaßnahmen.
       Beispielsweise haben wir seit Februar eine Viertagewoche. Wir mussten
       Gehaltskürzungen um etwa 20 Prozent vornehmen. Unser Personal ist nach wie
       vor motiviert und arbeitet. Aber es ist schwierig, langfristig qualitativ
       hochwertige Dienstleistungen zu erbringen, wenn das Geld weniger wird.
       
       taz: Wie verhält sich Deutschland dazu? 
       
       Friedrich: Deutschland ist nach wie vor ein enorm wichtiger Partner für
       UNRWA. Wir erhalten derzeit von der Bundesrepublik mehr bilaterale Mittel
       als von jedem anderen Geber. Wir schätzen diese Unterstützung sehr. Aber es
       braucht eine langfristige Lösung des Konfliktes und klare Maßnahmen, um die
       schreckliche Lage der Menschen in Gaza zu verbessern.
       
       taz: Sie haben sicherlich [2][die jüngste Studie der
       Rosa-Luxemburg-Stiftung] gelesen. Demnach versuchen israelische
       Organisationen, diskret Einfluss auf deutsche Politiker:innen zu
       nehmen, um UNRWA zu delegitimieren – teils mit Erfolg. 
       
       Friedrich: Ja, wir haben diese Studie natürlich zur Kenntnis genommen.
       
       taz: Haben Sie auch Erfahrung damit? 
       
       Friedrich: Es gibt eine gezielte Desinformationskampagne gegen UNRWA seit
       circa zwei Jahren, international. Dadurch gerät unser Personal vor Ort
       unter Druck und ist Anfeindungen ausgesetzt. Wir rufen alle Seiten auf, die
       Neutralität und Immunität der Vereinten Nationen zu respektieren. Was es
       braucht, ist eine faire Diskussion. Wir hoffen, dass alle Menschen, die
       sich mit UNRWA beschäftigen, die Fakten zur Kenntnis nehmen und das
       tatsächliche Bild der Organisation sehen wollen.
       
       taz: Ihre Arbeit im Westjordanland geht trotzdem weiter – ausschließlich
       mit palästinensischen Mitarbeitenden. 
       
       Friedrich: Ja, mit 4.600 Mitarbeitenden sind wir dort zweitgrößter
       Arbeitgeber nach der Autonomiebehörde. [3][Im] Westjordanland haben wir 90
       Schulen mit etwa 48.000 Schülerinnen und Schülern. Momentan sehen wir eine
       vermehrte Nachfrage wegen der schlechten Wirtschaftslage und der
       Schwierigkeiten der Autonomiebehörde. Diese ist gezwungen, Leistungen
       herunterzufahren, weil Israel seit zwei Jahren Steuer- und Zolleinnahmen
       zurückhält. Wir betreiben auch 50 Gesundheitszentren für
       Palästina-Flüchtlinge, und auch dort sehen wir mehr Patienten und
       Patientinnen. Letztes Jahr hatten wir 1,1 Millionen Termine, ein Rekord.
       
       taz: Wie ist die Lage im Westjordanland? 
       
       Friedrich: Wir sehen eine Eskalation auf allen Ebenen. Gezielte
       Vertreibungen in den Gebieten C, fast 34.000 Binnenvertriebene im Norden,
       wo drei Flüchtlingslager infolge einer israelischen Operation derzeit leer
       stehen und geschätzt 50 Prozent zerstört sind. Die Arbeitslosigkeit liegt
       bei 30 Prozent, in einigen Flüchtlingslagern bis zu 50 Prozent. Das heißt,
       mehr Menschen kommen zu uns und fragen letztendlich nach Unterstützung. Wir
       haben 270.000 Hilfsempfänger und versorgen 1,1 Millionen Menschen, das ist
       etwa ein Drittel der Bevölkerung.
       
       taz: Was wünschen Sie sich? 
       
       Friedrich: Einen Prozess, der eine Zweistaatenlösung wieder in Aussicht
       stellt, sodass wir unsere Arbeit letztlich an den palästinensischen Staat
       übertragen können. Unser Mandat ist auf drei Jahre begrenzt, wird aber
       deswegen verlängert, weil es keine Lösung des israelisch-palästinensischen
       Konflikts und keinen Fortschritt bei der Flüchtlingsfrage gibt. Wir würden
       diesen Job gerne nicht mehr machen müssen, wenn es eine gerechte Lösung des
       Konflikts und der Flüchtlingsfrage gäbe.
       
       31 Jul 2026
       
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