# taz.de -- Nach Ausschreitungen im Westjordanland: Er schnappt die Waffe und schießt
       
       > Im Westjordanland starben zwei israelische Staatsbürger und vier
       > Palästinenser, mutmaßlich durch israelische Patronen. Seitdem eskaliert
       > die Gewalt.
       
 (IMG) Bild: Israelische Soldaten zielen auf Palästinenser:innen im Westjordanland in Hebron, 25. Juli
       
       Angefangen hat es mit einer sogenannten Trekkingtour. Jetzt brennt das
       Westjordanland. Eine Gruppe israelischer Siedler, unter ihnen auch Kinder,
       ist mit Rücksäcken, Wasserflaschen und Gewehren über den Schultern ins
       palästinensische Dorf Tell, südwestlich von Nablus, „spaziert“. Tell
       erstreckt sich über alle drei Gebiete des Westjordanlands – A, B und C.
       Israelis dürfen bis auf wenige Ausnahmen grundsätzlich nicht ins Gebiet A
       und brauchen für Gebiet B eine Sondererlaubnis. Diese hatte die Gruppe
       nicht.
       
       Neben der Moschee des Dorfs entzündete sich Tumult. Am Ende liegen zwei
       Israelis und vier Palästinenser auf dem Boden, alle tot. Ein weiterer
       israelischer und vier palästinensische Männer sind verletzt, mutmaßlich
       durch israelische Patronen. Was in der Zwischenzeit passiert ist, zeigen
       Videos teilweise.
       
       Offenbar schießen die Siedler mehrfach in die Luft, die Auseinandersetzung
       verlagert sich aus dem Dorf heraus, in die Nähe der Siedlung Havat Gilad,
       die israelische Armee rückt an. Eine israelische Sicherheitskraft hält ein
       Gewehr in den Händen, zielt auf einen Palästinenser, schubst ihn dann mit
       dem Gewehr und tritt ihn weg. Dieser schnappt sich die Waffe und schießt.
       
       Ein israelischer Kommandant wird ebenfalls getötet. Die israelischen
       Soldat:innen eröffnen laut Augenzeugen das Feuer auf die Palästinenser,
       sie töten den Schützen. Ein weiteres Video zeigt mehrere Männer mitten auf
       einem Feld am Boden. Einige wälzen sich hin und her, als ob sie verletzt
       wären. Zwei versuchen, aufzustehen.
       
       Ein bewaffneter Mann, einige Meter entfernt, nimmt sein Gewehr und scheint
       auf sie zu schießen, mehrere Male. Ein Mann fällt, der andere steht auf und
       geht in Richtung der Soldaten, die am Rande des Feldes stehen, fällt aber
       ebenfalls zu Boden, unklar, ob angeschossen. Weitere Schüsse sind im
       Hintergrund zu hören. Menschen schreien.
       
       Nach den Tumulten stürmen einige Dutzend [1][Siedler] offenbar die
       benachbarten Dörfer, auf Videos sind Gruppen von Männern und brennende
       Gebäude zu sehen, Rauchschwaden verschlingen die Häuser. In einem Fall
       versuchen sie, ein leerstehendes Haus im Aufbau zu übernehmen.
       
       ## Razzien in palästinensischen Dörfern
       
       Das israelische Militär behandelt den Vorfall wie einen Terrorangriff und
       führt Razzien sowie Festnahmen in palästinensischen Dörfern durch, unter
       anderem in einem Krankenhaus in Nablus, was Menschenrechtsorganisationen
       kritisieren. Die Streitkräfte bauen Checkpoints und Straßensperren in der
       Region auf. Laut der NGO Physicians for Human Rights Israel (PHRI) waren
       zwei Frauen gezwungen, in einem Krankenwagen zu gebären. Andere
       Patient:innen konnten die Kliniken nicht erreichen.
       
       „Ganze Gemeinschaften abzuriegeln und gleichzeitig zu verhindern, dass
       Krankenwagen Patienten erreichen oder Verwundete evakuiert werden, bringt
       das Leben von Zivilisten in unmittelbare Gefahr“, sagt PHRI-Forscher Imran
       Anati dazu. Nach Angaben der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa
       erlitt eine Frau am Checkpoint Awarta südlich von Nablus am Montag eine
       Fehlgeburt.
       
       Das israelische Militär hat die taz-Anfrage dazu bislang nicht beantwortet.
       Laut Medienberichten wollen Premierminister Benjamin Netanjahu und
       Verteidigungsminister Israel Katz nach dem Vorfall die Legalisierung von
       Außenposten vorantreiben und neue einrichten lassen. Auch soll das Haus des
       Schützen abgerissen werden.
       
       Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir soll sich gewünscht haben, dass
       palästinensische Dörfer im Westjordanland dasselbe Schicksal wie Beit
       Hanoun in Gaza erfahren, das größtenteils zerstört wurde. „Für jeden
       ermordeten Juden sollte der Feind Land und Häuser verlieren. Das ist die
       Sprache des Nahen Ostens“, so der rechte Politiker. Finanzminister Bezalel
       Smotrich plädiert dafür, die Dörfer in die [2][Flüchtlingslager von
       Tulkarem] zu verwandeln. Diese stehen seit anderthalb Jahren leer und sind
       größtenteils beschädigt, nach einer großangelegten militärischen Operation.
       
       Streitkräfte sind am Wochenende aus Gaza und Libanon abgezogen und ins
       Westjordanland entsandt worden. 24 Bataillone befinden sich derzeit dort.
       Trotzdem gingen die [3][Auseinandersetzungen] weiter. In Susiya im
       südlichen Westjordanland ist ein Israeli durch Steinwürfe verletzt worden,
       während Siedler ein palästinensisches Haus in der Nähe umzingelt und scharf
       geschossen haben. Verteidigungsminister Katz hat am Dienstag angekündigt,
       noch ein Flüchtlingslager stürmen zu wollen. Welches oder wann hat er nicht
       mitgeteilt.
       
       30 Jul 2026
       
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