# taz.de -- Siedlergewalt im Westjordanland: Sie nennen sie Verräter
> Im Westjordanland eskaliert die Siedlergewalt. Die Menschen sind
> verzweifelt – manchmal bekommen sie aber auch Hilfe von unerwarteter
> Seite.
(IMG) Bild: Frieden säen: Palästinensische und israelische Aktivist*innen von „Combattants for Peace“ auf einer Farm im Westjordanland
Als Roi Kleitman vor zweieinhalb Jahren von maskierten Reservisten in
Hebron im Westjordanland angegriffen wurde, dachte er, er würde sterben.
Die Männer warfen ihn zu Boden und hielten ihm eine geladene Pistole an den
Kopf. Sie schlugen ihn und traten auf ihn ein. So erzählt er es. Daraufhin
verließ er für ein halbes Jahr das Land. Dann – kam er zurück, und ging
wieder ins Westjordanland, um Palästinenser*innen zu begleiten.
Damals habe er Angst gehabt, dann aber seinen Frieden damit geschlossen.
[1][Immer wieder landen Palästinenser*innen und ausländische
Friedensaktivist*innen in den Schlagzeilen.] Weniger mediale
Beachtung finden Israelis, die Palästinenser*innen begleiten und sich
im Westjordanland der Gewalt entgegenstellen, die von ihren eigenen
Landsleuten ausgeht. Und die sie mitunter genauso hart trifft wie die
Araber*innen. Einer dieser Israelis ist Kleitman.
Heute ist Kleitman aktiv bei der Organisation „Smol Emuni“ und Leiter einer
politisch-religiösen Schule. Die Aktiven bei Smol Emuni, auf Deutsch
„Gläubige Linke“, eskortieren Hirt*innen beim Weiden der Tiere,
übernachten bei bedrohten Familien [2][und helfen ihnen bei der Ernte],
etwa in Gebieten, die Siedler*innen für sich beanspruchen. Sie
organisieren einen Wanderzirkus für Kinder, Hebräisch-Unterricht für
Erwachsene, verbreiten Informationen über die Situation im Westjordanland.
Im besten Fall ist die Tätigkeit der Aktivist*innen unspektakulär, und
ihr Einsatzort idyllisch. Sie begleiten die Hirt*innen auf Schotterwegen
durch die karge Hügellandschaft, an Olivenbäumen vorbei, während die
Zikaden zirpen. Sie sitzen in Zelten und Wohnhäusern, trinken süßen
Schwarztee mit Minze, plaudern mit den Familien, spielen mit den Kindern.
Sie ernten Oliven in der Herbstsonne.
## Im Ernstfall gehen sie dazwischen
Doch wenn es hart auf hart kommt, wenn der Ernstfall eintritt und die
Siedler kommen, um die Palästinenser*innen zu vertreiben, wenn sie
mal drohen, mal zuschlagen, dann stellen die Aktivist*innen sich
zwischen die israelischen Siedler*innen und die
Palästinenser*innen oder dokumentieren mit Smartphones und Kameras
die Gewalt.
„Mittlerweile gehe ich einen Schritt zurück, wenn ich extreme Gewalt sehe“,
sagt Kleitman. Er sei traumatisiert, sagt er, wolle nicht noch einmal in
eine Situation wie vor zwei Jahren geraten. Der 32-Jährige spricht im
Videoanruf aus seiner Wohnung in Jerusalem mit der taz. Er trägt eine
Wollmütze auf den zerzausten Haaren und eine randlose Brille.
Als orthodoxer Aktivist hat Kleitman eigentlich einiges mit den Siedlern im
Westjordanland gemeinsam: die religiös-nationalistische Schule
beispielsweise, die er abgeschlossen hat. Sechs Jahre lang hat er in einer
Siedlung gelebt. Manche radikalen Siedler in den Außenposten kennt er noch
aus seiner Schule.
Jetzt stehen sich die ehemaligen Kommilitonen oft gegenüber – nur auf
unterschiedlichen Seiten der Barrikaden. Kleitman sagt, es verwirre die
Siedler, ihn dort zu sehen. Mit vielen von ihnen sei er groß geworden.
Manche blickten auf ihn als „Verräter“, einige hassten ihn, sagt er. Andere
könnten ihn nicht hassen, dafür würden sie sich zu gut kennen. Einige
hätten Außenposten gegründet, illegal selbst unter israelischem Recht.
## „Geh doch nach Gaza“
Er, so sagt er, hasse sie nicht. Obwohl sich ihre Missionen so
unterscheiden. Die radikal ideologischen Siedler*innen wollen das
Westjordanland endgültig erobern und die Palästinenser*innen
verdrängen. Er und andere Aktivist*innen wollen, dass die
Palästinenser*innen auf ihrem Land in Ruhe leben können. Religiöser
Aktivist wie er zu sein, sei wie ein zweischneidiges Schwert, sagt
Kleitman: Einerseits hörten die Siedler*innen ihm eher zu, andererseits
hassten sie ihn noch mehr, weil er ihnen näher stehe.
Ähnliche Erfahrungen macht Abigail Szor, 26 Jahre alt, Soziologie-Studentin
aus Tel Aviv. Szor gehört nicht wie Kleitman der religiösen Linken an,
[3][sondern dem Verein „Combatants for Peace“,] gegründet von israelischen
Veteranen und palästinensischen Ex-Kämpfern. Sie trägt einen roten Sweater
und hat die lockigen Haare zu einem Zopf zusammengebunden. „Wenn sie
merken, dass wir Israelis sind, sagen sie: ‚Du bist eine Verräterin‘ oder
‚Geh doch nach Gaza‘“, erzählt sie.
Als Frau sei sie besonders vulgären, sexuell übergriffigen Beschimpfungen
ausgesetzt. Vergewaltigungsdrohungen sogar. „Gewalt wird zu sexueller
Gewalt.“
Szor ist vor allem [4][in der südlichen Region Masafer Yatta aktiv.] Sie
sagt, die Gewalt der Siedler nehme von Tag zu Tag zu. Vor einem halben Jahr
seien zwei Aktivisten attackiert worden, einer wurde am Kopf verletzt, dem
anderen wurde die Hand gebrochen.
## „Das geschah angeblich in meinem Namen“
Menschen wie Kleitman und Szor sind gerade eine Minderheit in der
israelischen Gesellschaft. Weniger als ein Drittel der israelischen
Bevölkerung unterstützt laut jüngsten Umfragen eine Zweistaatenlösung. Wie
kommen Menschen, die teils in sehr konservativen Umfeldern aufgewachsen
sind, dazu, sich für die Palästinenser*innen einzusetzen?
Szor begann zu grübeln, als sie mit 18 Jahren den obligatorischen
Militärdienst begann. Später arbeitete sie für den sozialen Dienst in einer
bilingualen Schule in Jerusalem. Dort begann sie, Risse in ihrem eigenen
Narrativ zu erkennen, begann, die Anderen zu sehen. Sie ging zu
Demonstrationen, sie fuhr ins Westjordanland. Sah mit ihren eigenen Augen
eingeebnete Häuser, sah die Verzweiflung in den Augen der Familien, die
einst dort lebten. „Das geschah angeblich in meinem Namen, für meine
Sicherheit, aber so ist es nicht.“
Kleitman wiederum interessierte sich zunächst für Sozialismus,
gesellschaftliche Ungleichheit, lernte die Lehre eines Rabbiners kennen,
der sich für Frieden zwischen Siedler*innen und
Palästinenser*innen einsetzte, dann lernte er selbst
Palästinenser*innen kennen. Ende 2022 kam die rechteste Regierung an
die Macht, die Israel je hatte. Alles wurde politischer – er auch. Und doch
sagt er: „Ich will nicht den Anschluss zur israelischen Kultur verlieren.
Es ist mein Zuhause, meine Familie. Es ist ein Teil von mir.“
Seit dem 7. Oktober hat sich die Lage noch weiter zugespitzt. Nicht nur mit
den Siedlern, sondern auch im Umgang mit israelischen Streitkräften. Laut
Kleitman nehmen inzwischen mehr Soldat*innen eine aktive Rolle bei
Siedlerangriffen ein – auf der Seite der Siedler. Und viele Siedler seien
inzwischen Soldaten. Mit dem Krieg sind Reservisten aus den Siedlungen
einberufen worden.
## Viele Soldat*innen kommen direkt aus den Siedlungen
Das israelische Militär schreibt auf Nachfrage, seine Soldat*innen im
Westjordanland arbeiteten für den Schutz der gesamten Bevölkerung und seien
gehalten, auch Gewalt durch Israelis, etwa gegen Palästinenser*innen
und deren Besitz, zu unterbinden. In solchen Fällen sei jedoch die
israelische Polizei die erste Anlaufstelle. Sollten sich die Streitkräfte
nicht wie vom Militär erwartet verhalten, untersuche dieses die Vorfälle
und verhänge gegebenenfalls Strafen.
Doron Meinert, ehemaliger Oberst beim israelischen Militär, nickt, wenn man
mit ihm über Gewalt durch israelische Streitkräfte im Westjordanland
spricht. „Die meisten Streitkräfte sind auf der Seite der Siedler. Meistens
nehmen sie nicht an der Gewalt teil, aber sie stoppen sie auch nicht“, sagt
er. Meinert spricht per Videoanruf von seiner Wohnung in Petah Tikva aus
mit der taz. Er bestätigt, in den sogenannten Hagmar-Bataillonen kämen
viele Soldat*innen direkt aus den Siedlungen.
„Die Armee hat sich verändert“, sagt der 65-jährige Veteran. Früher habe er
gegen gewalttätige Palästinenser genauso wie gegen „Itamar Ben-Gvir und
seine Freunde“ gekämpft. Ben-Gvir, jetzt Sicherheitsminister und
Polizeichef, ist in seinem Leben Dutzende Male für seine Tätigkeiten im
rechtsextremen Milieu angeklagt und mehrmals verurteilt worden.
Meistens sei Meinert in den Golanhöhen in Dienst gewesen, immer mal wieder
aber auch im Westjordanland. Seit fünf Jahren ist er zurück, um
Palästinenser*innen zu beschützen. Wieso? Er wollte gegen diese
Schieflage kämpfen, weil die meisten Probleme des Landes aus der Beziehung
zwischen Israel und Palästina stammen, weil „dies nicht die Armee ist, die
unser Land haben sollte“.
## Verrat, sagen die einen, Frieden, die anderen
Parteiische Soldat*innen, radikale Siedler und in seltenen Fällen sogar
Palästinenser*innen sind für israelische Aktivist*innen die
größten Risiken, sagt Kleitman. Einmal sei er in Bethlehem von
Palästinensern angegriffen worden, weil man ihn für einen Siedler hielt –
bis weitere Palästinenser einschritten und sich die Lage beruhigte.
Das, was die Friedensaktivist*innen tun, ist nicht per se verboten,
solange sie sich von den sogenannten A-Gebieten fernhalten, das sind meist
die palästinensischen Großstädte. Israelis brauchen eine Sondererlaubnis
für die A-Gebiete, das bestätigt Anwältin Reut Shaer vom Verein The
Association for Civil Rights in Israel. Pflicht sei indes, den Befehlen von
Streitkräften nachzukommen – etwa, wenn sie ein Gebiet als „geschlossenes
militärisches Gebiet“ deklarieren. Dafür brauchen die Soldat*innen
allerdings einen triftigen Sicherheitsgrund. „Und das wird in der Praxis
mitunter missbraucht“, so Shaer.
Kleitman, Szor und Meinert sind nur drei von Tausenden Aktivist*innen, die
jeden Tag vor Ort Risiken eingehen für das, woran sie glauben. Verrat,
nennen das ihre Kritiker*innen. Sie nennen es: Frieden.
18 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Serena Bilanceri
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