# taz.de -- Siedlergewalt im Westjordanland: Ex-Botschafter Seibert kritisiert Vertreibungen
> Die Kritik am Terror israelischer Extremisten wächst, auch der ehemalige
> deutsche Botschafter schlägt schärfere Töne an. Die Gewalt ist auf
> Rekordniveau.
(IMG) Bild: Ex-Botschafter Steffen Seibert
dpa / AP/ KNA | Einen Monat nach seinem [1][Abschied als deutscher
Botschafter in Israel] geht Steffen Seibert mit der israelischen
Siedlungspolitik hart ins Gericht. „Das ist Vertreibung mit Mitteln der
psychologischen und der realen Gewalt“, kritisierte er in einem Interview
mit dem Zeit-Magazin. Der ehemalige Regierungssprecher von CDU-Kanzlerin
Angela Merkel war zuletzt vier Jahre lang als Botschafter in Tel Aviv, ehe
er in den Ruhestand ging und nach Berlin zurückkehrte.
[2][Merkels Satz, die Sicherheit Israels sei deutsche Staatsräson],
unterstütze er weiterhin, betonte Seibert. „Aber das bedeutet nicht, dass
unsere Unterstützung jegliches staatliches Verhalten Israels einschließt,
zum Beispiel nicht die Besatzung, die nun ins 60. Jahr geht.“ Die deutsche
Selbstverpflichtung gelte nur für ein Israel in den international
anerkannten Grenzen von 1967. „Aber das gilt nicht gegenüber den Siedlern
im Jordantal.“ Nach internationalem Recht handele es sich um „illegale
Siedlungen“.
Er sei [3][„Botschafter für Israel in den international anerkannten Grenzen
von 1967“] gewesen, sagt Seibert. „Gaza und das Westjordanland sind für uns
besetzte Gebiete. Ostjerusalem ist Teil einer Stadt, deren Endstatus noch
nicht definiert ist.“ Deutschland betrachte Israel als „einzige Demokratie
in der Region“. Aber das bedeute nicht, „dass unsere Unterstützung
jegliches staatliches Verhalten Israels einschließt, zum Beispiel nicht die
Besatzung, die nun ins 60. Jahr geht“, erklärte Seibert. „Wir müssen Teil
einer vernünftigen, aber auch klaren europäischen Position sein und
gemeinsam mit Frankreich dafür werben.“
## Die Kritik in Europa wird lauter
Die [4][Kritik am Terror israelischer Extremisten wächst, auch in Europa].
Fünf europäische Mitglieder des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen
haben angesichts der zunehmenden Gewalt im Westjordanland eine Sitzung des
mächtigsten UN-Gremiums einberufen. Großbritanniens neue UN-Botschafterin
Sarah MacIntosh bezeichnete Angriffe israelischer Siedler auf
palästinensische Dörfer als entsetzlich. Einige dieser Angriffe seien von
israelischen Soldaten begleitet worden.
Der palästinensische UN-Botschafter Riad Mansur erklärte, [5][die Annexion
palästinensischer Gebiete durch Israel] sei bereits „brutal und
unerbittlich“ im Gange. Er forderte die internationale Gemeinschaft auf,
einen Weg zur Selbstbestimmung und Freiheit der Palästinenser aufzuzeigen.
Israels UN-Botschafter Danny Danon wies die Kritik zurück. Israel
verurteile jede Gewalt und dulde keinen Extremismus, sagte er. Gegen
extremistische Gewalt werde vorgegangen. Danon erklärte, extremistische
Angriffe von Israelis gingen zurück. Den Mitgliedern des Sicherheitsrats
warf er vor, eine aus seiner Sicht steigende Zahl von Angriffen durch
Palästinenser zu ignorieren.
## Israelische Menschenrechtler werfen Armee Untätigkeit vor
Israelische Menschenrechtler werfen der Armee vor, extremistische Siedler
im Westjordanland bei der Gewalt gegen Palästinenser zu unterstützen.
„Siedlermilizen, unterstützt vom israelischen Militär, weiten ihre
[6][Angriffe auf palästinensische Dörfer und Städte] aus“, erklärte die
Geschäftsführerin der Organisation B'Tselem, Yuli Novak. Sie verwies auf
den jüngsten [7][Fall einer Belagerung von palästinensischen Häusern in
Qusra, bei der die Armee nicht eingegriffen habe.]
Extremistische Siedler hatten in dem Ort südöstlich von Nablus am Sonntag
einen Außenposten auf dem Gelände zweier palästinensischer Häuser errichtet
und palästinensische Familien am Betreten oder Verlassen der Häuser
gehindert. Die israelische Armee verurteilte das Vorgehen der Siedler und
löste nach eigenen Angaben am Mittwochmorgen den Außenposten. Israelische
Medien berichten jedoch, dass sich weiterhin Siedler in dem zum
militärischen Sperrgebiet erklärten Ort aufhielten.
Das Ziel der Siedler sei, palästinensische Familien zu vertreiben und ihre
Häuser zu übernehmen, so B'Tselem. Die Armee habe „die Siedler weder
vertrieben noch Maßnahmen zum Schutz der Familien ergriffen“. In ähnlicher
Weise hätten die Streitkräfte im vergangenen Monat Siedlern ermöglicht,
Häuser in zahlreichen Dörfern im gesamten Westjordanland zu übernehmen.
Seit Oktober 2023 hat Israel nach Angaben von B'Tselem 64 palästinensische
Gemeinden vollständig und 15 weitere Gemeinden teilweise gewaltsam
vertrieben. Betroffen seien rund 4.800 Palästinenser, darunter 2.300
Minderjährige.
## Rekordzahl abgerissener Häuser
Auch israelische Behörden registrieren einen Anstieg der Gewalt
israelischer Siedler und eine Rekordzahl von abgerissenen palästinensischen
Häusern: Das geht aus einer Bilanz des ersten Halbjahres 2026 der Lage im
von Israel besetzten Westjordanland hervor, über die israelische Medien am
Montag berichteten. Die Zahl der Angriffe von Siedlern stieg demnach
zwischen Januar und Juni um 63 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum
im Vorjahr, die Zahl abgerissener Häuser auf 536 im Vergleich zu 443.
In den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres begingen israelische
Siedler nach Angaben der israelischen Sicherheitsbehörden 660 als
„nationalistische Straftaten“ bewertete Angriffe. Im ersten Halbjahr 2025
lag diese Zahl bei 405. Ebenfalls gestiegen ist die Zahl der
palästinensischen Opfer: In der ersten Hälfte des Jahres 2026 gab es sechs
Tote und 140 Verletzte. Im selben Zeitraum 2025 waren es 82 Verletzte
gewesen, und es gab keine Toten.
Auch beim Abriss palästinensischer Häuser und anderer Bauten im
Westjordanland gab es einen Anstieg. Das geht aus einem Bericht der
„israelischen Koordinationsstelle für Regierungsaktivitäten in den
besetzten Gebieten“ (Cogat) hervor, die auch als Zivilverwaltung bezeichnet
wird. Dabei habe es in den ersten sechs Monaten 2026 einen neuen Rekord
gegeben, berichtete der Sender Arutz Scheva mit Blick auf die vergangenen
Jahre.
## Minister droht mit weiterer Zerstörung
Der [8][israelische Finanzminister und Minister im
Verteidigungsministerium, der Rechtsradikale Bezalel Smotrich], erklärte
dem Sender Arutz Scheva, die Zahlen spiegelten einen bewussten
Politikwechsel wider. Smotrich, der seit Amtsantritt der Regierung im
Dezember 2022 beim Siedlungsausbau von einer Revolution sprach, kündigte
an, dass die gegenwärtigen Abrissmaßnahmen „erst der Anfang“ seien. Jedes
in seinen Augen „illegale Bauwerk“ werde beseitigt.
Israel betrachtet weite Teile der palästinensischen Gebäude in den
sogenannten C-Gebieten im Westjordanland als illegal, weil sie gegen
Auflagen verstoßen oder keine Baugenehmigung zugrunde liegt. In dem Gebiet,
das rund 60 Prozent des Westjordanlandes ausmacht, beansprucht Israel die
alleinige Planungs- und Verwaltungsgewalt. Für Palästinenser ist es dort
„praktisch unmöglich, Baugenehmigungen zu erhalten“, sagt das UN-Büro für
die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA).
13 Aug 2026
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