# taz.de -- Experte über Klima und Niedrigwasser: „Die Elbe als Bundeswasserstraße – diese Zeiten sind vorbei“
> Der Fluss führt so wenig Wasser, dass kaum Schiffe fahren. Dennoch steckt
> der Bund Millionen in die Schifffahrt, beklagt Naturschützer Dörfler.
(IMG) Bild: Die Elbe bei Magdeburg – die Trockenheit hat zu Niedrigwasser geführt
taz: Herr Dörfler, die Elbe ist eine Bundeswasserstraße. Wie oft in diesem
Jahr wurden dort denn Güter per Flussschifffahrt transportiert?
Ernst Paul Dörfler: In fünf Wochen im Februar und März. Lediglich 24
Binnenschiffe waren im Einsatz. Das war's. Für Leerfahrten benötigen
Frachtschiffe eine Tiefe von rund einem Meter. An diesem Wochenende sank
der [1][Pegel in Magdeburg unter 50 Zentimeter]. Von der tschechischen
Grenze bis kurz vor Geesthacht: Die Elbe hat sich auf 550 Flusskilometern
als verlässlicher Transportweg verabschiedet.
taz: Vielleicht wird dieses Jahr ein besonders trockenes?
Dörfler: Ich kann keinen Unterschied zu 2025 erkennen. Im vergangenen Jahr
herrschte ab Ende Februar nahezu ununterbrochen Niedrigwasser. Die
amtlichen Fahrrinnentiefen lagen zeitweise sogar unter einem halben Meter.
taz: Der Heimatdichter Richard Flügge besang den Fluss einst als [2][„Elbe,
du mein Heimatstrom“]. Wieso strömt denn nichts mehr?
Dörfler: Die Elbe strömt durchaus, sie zählt zu den letzten freifließenden
Strömen Europas. Nur die Wassermenge schwindet mehr und mehr. Ein Grund ist
die steigende Klimaerwärmung: Mit ihr verdunsten überall die Bäume und
Pflanzen mehr Wasser, weshalb weniger für den Fluss bleibt. Nach der
Erhebung der internationalen Kommission zum Schutz der Elbe hat die
Wassermenge des Flusses in den letzten 10 Jahren um 28 Prozent abgenommen.
taz: Was heißt das für die Binnenschifffahrt?
Dörfler: Laut Prognose des Bundesverkehrswegeplanes aus dem Jahr 1992
sollten in der Zukunft 12 Millionen Tonnen Güter pro Jahr auf der Elbe
transportiert werden. Durch Strombaumaßnahmen wollte man bis 2010 eine
nahezu ganzjährige Mindestwassertiefe von 1,60 Meter erreichen. 2025 wurden
nur rund 0,03 Millionen Tonnen auf der Elbe transportiert.
taz: Trotzdem hatte der vorletzte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer
(CSU) mit dem deutsch-tschechischen Regierungsabkommen dem Nachbarn noch
zugesichert, auf der deutschen Elbe eine nahezu ganzjährige Fahrrinnentiefe
von 1,40 Meter zu gewährleisten.
Dörfler: In der Tat ist diese Zusage daran geknüpft, dass die Elbe eine
bestimmte Menge an Wasser führen muss, um die Tiefe von 1,40 Meter zu
erreichen. Diese [3][Wassermengen gibt es längst nicht mehr].
taz: Die Tschechische Republik ist ein Binnenland – und Binnenländer
träumen traditionell vom Meer. Sollte Deutschland mit solch einem Traum
nicht sorgsam umgehen?
Dörfler: Der Strukturwandel schickt überall die Binnenschifffahrt auf
Talfahrt. Selbst in Tschechien ist die Ära der Elbschifffahrt vorbei. Die
traditionsreiche Reederei ČSPL, deren Flotte 1989 noch über 1.000
Frachtschiffe betrieben hat, ging vor zwei Jahren in Konkurs.
taz: Jetzt schlagen Sie vor, die Elbe nicht länger als Bundeswasserstraße
einzustufen. Warum?
Dörfler: Weil der Steuerzahler Millionen Euro in den Erhalt einer
Wasserstraße investiert, die schon längst keine mehr ist. Allein zwischen
2013 und 2022 wurden 430 Millionen Euro in den Erhalt und die Verwaltung
dieser Wasserstraße investiert. Dieser Wahnsinn muss ein Ende haben:
Güterschifffahrt lohnt sich auf der Elbe nicht mehr und sie wird vor allem
unzuverlässig und deshalb in unserer „Just-in-time“-Welt nicht mehr
gebraucht.
taz: Der Ökologe Ernst Paul Dörfler argumentiert mit ökonomischen Zahlen?
Dörfler: Nicht nur! Zugunsten der Schifffahrt wurde die Elbe in ein Korsett
aus Wasserbausteinen gepresst und zunehmend enger geschnürt. Das Ziel: mehr
Tiefe für die Schiffe. Die unerwünschte Nebenwirkung: Durch das verengte
Flussbett steigt die Fließgeschwindigkeit des Wassers. Das löst eine
problematische Tiefenerosion im sandigen Flussbett aus. Der Wasserspiegel
der Elbe sinkt durch die fortschreitende Tiefenerosion um zwei bis drei
Zentimeter pro Jahr. Der Schifffahrt hilft das nicht, denn mehr Wasser
unterm Kiel kommt dadurch nicht zustande. Aber der Fluss wird so zu einem
riesigen Entwässerungskanal. Als Folge fallen die Grundwasserstände, die
[4][Dürreproblematik in Ostdeutschland verschärft sich].
taz: Abgesehen vom gesparten Geld: Was gewinnt die Elbe, wenn nicht weiter
auf die Funktion als Wasserstraße gesetzt wird?
Dörfler: Intakte Flusslandschaften sind [5][unersetzliche Wasserspeicher,
Klimaregulatoren und CO₂-Speicher]. Durch Aufweitung und Entschleunigung
des Flusses können wieder mehr Flachwasserzonen und Inseln, also mehr
Strukturvielfalt und Artenvielfalt entstehen. Die Elbe bietet einen
einzigartigen Lebensraum für Wanderfische, Lachse und Störe. Vogelarten,
die auf den Roten Listen stehen, würden wieder zurückkehren, die
biologische Vielfalt könnte wieder wachsen.
29 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.elwis.de/DE/dynamisch/Ft/Start
(DIR) [2] https://dobiener.de/die-elbe-gedicht/
(DIR) [3] /Folgen-der-Klimakrise/!6196185
(DIR) [4] /Klimakrise-in-Brandenburg/!6195883
(DIR) [5] /Braende-in-Argentinien/!5901151
## AUTOREN
(DIR) Nick Reimer
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Dürre
(DIR) Schifffahrt
(DIR) Wassermangel
(DIR) Elbe
(DIR) Hitze
(DIR) Niedrigwasser
(DIR) Freizeit
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Wassermangel
(DIR) Dürre
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Kolumne Hitzschlag
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Surfwelle in Hamburg: Irgendwie vergnügen können muss sich der Mensch
Eine Wasserwelle für Surfer hat in Hamburg noch gefehlt. Sie belebt einen
bisher eher öden Abschnitt des Elbufers und schafft Lebensfreude.
(DIR) Niedrigwasser in Mittel- und Osteuropa: Stromkrise mit Ansage
Die Trockenheit zeigt Europa die neue Realität in Zeiten des Klimawandels.
Es muss dringend gehandelt werden, nicht nur bei der Energiepolitik.
(DIR) Dürre in Deutschland: Niedrigwasser, was ist das überhaupt?
Rhein, Donau und Elbe führen so wenig Wasser wie selten zuvor. Das trifft
die Schifffahrt und die Natur. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
(DIR) AKW-Aus wegen Niedrigwasser: Atomkraft ist nicht mehr cool
In Frankreich erzeugen AKW deutlich weniger Strom, weil das Kühlwasser der
Flüsse zu warm ist. Auch in anderen Ländern wurden Anlagen gedrosselt.
(DIR) Stromversorgung unter Druck: Ungarn stoppt Atomkraftwerk
Die Donau führt so wenig Wasser wie nie: Ungarn schaltet erstmals sein
Atomkraftwerk komplett ab. Was das für Stromverbraucher jetzt bedeutet.
(DIR) Wassermangel in der Donau: Ungarn schaltet AKW Paks komplett ab
Da die Kühlung des Kraftwerks nicht mehr gesichert ist, gibt es Probleme
bei der Stromversorgung in Ungarn. Auch andere Donauanrainer kämpfen mit
den Folgen.
(DIR) Wasserknappheit in den Niederlanden: Wenn jeder Tropfen zählt
Nie war es in der Provinz Limburg so früh im Sommer so trocken. Der
Wasserzugang wird nun regional beschränkt, doch eine Verbesserung ist nicht
in Sicht.
(DIR) Das Wasser wird knapp: Nur die Vorboten
Der Klimawandel sorgt nicht nur für Stürme und Dürre, sondern auch für
Wasserknappheit. Das spüren seit einigen Jahren auch die Kommunen in
Deutschland.
(DIR) Kapitän über sein Fahrgastboot: „Der Fluss hat so viel gesehen“
Dirk Triebler betreibt auf der Oder ein Fahrgastboot, als Einziger auf der
deutschen Seite. Musik hat er nicht an Bord, die Gäste sollen den Fluss
genießen.