# taz.de -- Trockenheit und die Folgen: Mit Meerwasser gegen die Dürre
       
       > Trockene Sommer werden häufiger. In Mittelmeerländern ist
       > Meerwasserentsalzung längst gängig – das könnte zum Vorbild auch für
       > Deutschland werden.
       
 (IMG) Bild: Wasser aus der Nordsee – hier Küste mit Seehunden – könnte entsalzt aus dem Wasserhahn kommen
       
       Wasser aus dem Meer ist salzhaltig, darum nicht trinkbar – eigentlich. Nur
       an einem Ort in Deutschland ist das seit Jahren anders: auf Helgoland. Dort
       kommt Nordseewasser aus dem Hahn, entsalzt und gereinigt. Ist das die
       Zukunft auch sonst in Deutschland, ist Helgoland der Zeit voraus?
       
       In Israel, Saudi-Arabien, [1][Spanien] oder den USA stehen längst große
       Entsalzungsanlagen, die Süßwasser produzieren, weltweit gibt es bereits
       23.000. Indes gewinnt Deutschland sein Wasser bisher aus Flüssen, Seen,
       zumeist dem Grundwasser. 126 Liter verbraucht hierzulande jede Person pro
       Tag zum Trinken, Kochen, Duschen und so fort. Dazu kommen die Landwirte,
       die ihre Kühe oder Tomaten mit Wasser versorgen müssen, und die Industrie.
       Doch mit der Erderhitzung nehmen in Deutschland Dürrephasen zu, schwinden
       Wasservorräte.
       
       Darum müsse sich nicht mehr nur Helgoland um Trinkwasser aus den Ozeanen
       kümmern, „sondern Deutschland insgesamt, selbst von der Küste weiter
       entfernte Regionen wie das Ruhrgebiet könnten profitieren“, sagt Claus
       Mertes vom DME, dem Institut für Meerwasserentsalzung in Duisburg. Die
       Ostsee habe gegenüber der Nordsee einen Vorteil: Ihr Salzgehalt sei
       geringer, damit auch der Aufwand, genauso der Preis, erklärt der
       Diplom-Ingenieur. „Die Ostsee hat rund 7,5 Gramm Salz je Liter, die Nordsee
       je nach Ort 34 bis über 36.“
       
       Neue Rohrleitungen brauche es nicht, sagt Mertes: „Das entstehende
       Süßwasser lässt sich in nahezu beliebiger Menge über die vorhandenen
       Schifffahrtskanäle transportieren. Etwa von Lübeck über den
       Elbe-Lübeck-Kanal und die Elbe in den Mittellandkanal, und von dort am
       Wasserstraßenkreuz Bergeshövede bei Hörstel in den Dortmund-Ems-Kanal nach
       Süden.“ Vor Ort werde das Wasser dann wie üblich aufbereitet. Meerwasser
       über Hunderte Kilometer in der Republik zu verteilen, klingt nach weit
       entferntem Plan. Die Gewinnung von Trinkwasser aus dem Ozean bringen aber
       auch andere ins Spiel.
       
       ## Auch Rostock ist schon dran
       
       Beispiel Rostock, Mecklenburg-Vorpommern, direkt an der Ostsee. Investoren
       hätten derzeit in Deutschland immer zwei Themen, sagt Rostocks
       Oberbürgermeisterin Eva-Maria Kröger (Linke) – „die Versorgung mit Energie
       und die mit Wasser.“ Die Hansestadt hatte abwinken müssen, als sich ein
       asiatischer E-Auto-Hersteller, der Computerchip-Giganten Intel und andere
       nach einem Standort dort erkundigten – wegen des Wasserverbrauchs. Rostock
       will aber zukunftsträchtige Branchen anziehen.
       
       So sollen dort große Elektrolyseure entstehen, also Fabriken, die
       Wasserstoff produzieren. Diese brauchen jede Menge reines Wasser, also frei
       auch von Salz. Das Wasser wird unter Strom gesetzt, sodass es in Sauerstoff
       und Wasserstoff aufgespalten wird. Grün wird der Wasserstoff genannt, wenn
       er mit Ökostrom, mit Erneuerbarer Energie etwa aus Wind und Sonne
       hergestellt wurde, er spielt vor für den klimaneutralen Umbau etwa der
       Stahlindustrie eine entscheidende Rolle. Mit ihm lässt sich auch
       überschüssiger Wind- und Solarstrom speichern. In den seltenen Fällen einer
       Dunkelflaute etwa, es ist dann wolkenverhangen und windstill, kann er
       wieder in Strom umgewandelt werden.
       
       Der regionale Planungsverband Rostock hat unlängst untersuchen lassen, ob
       sich eine Meerwasserentsalzung machen ließe. Ergebnis: ja, technisch und
       wirtschaftlich. Die Idee: Zunächst soll nur die Region Rostock versorgt,
       später die Anlage erweitert und dann Wasser auch nach Brandenburg und
       Berlin gebracht werden. Am Ende würden dafür täglich 240.000 Kubikmeter
       Süßwasser produziert.
       
       ## Wohin mit dem Salz?
       
       Woher das Wasser für neue Technologien kommen soll, ist auch andernorts
       eine Frage. Zum Beispiel im Nordwesten Niedersachsens: In Emden, der
       größten Stadt Ostfrieslands, baut der regionale Energieversorger EWE den
       derzeit größten Elektrolyseur Deutschlands. An der Nordseeküste kann viel
       Windstrom produziert werden. Darum gibt es dort zahlreiche
       Wasserstoffprojekte.
       
       Kerstin Krömer leitet die Industriewasserversorgungsgesellschaft
       Nordwest-Niedersachsen, iwag, ein Tochterunternehmen des
       Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverbands, OOWV. Sie denkt die Zukunft
       vor, sucht nach neuen Wasserquellen. Darunter: die Nordsee. „Derzeit
       forschen wir mit der Universität Bremen zusammen an möglichst
       umweltschonenden Verfahren“, so die Diplom-Ingenieurin.
       
       Denn die Entsalzung birgt Probleme. Der Strombedarf ist groß. Das ist das
       eine. Das andere: Bei der Entsalzung entsteht hochkonzentrierte Salzlake.
       Bisher wird sie meist wieder ins Meer gekippt, schädigt die Tiere und
       Pflanzen in der Umgebung. „Das ist eine trübe Suppe. Da wächst nicht mehr
       viel“, sagt Volkan Filiz, der am Helmholtz-Zentrum Hereon im
       schleswig-holsteinischen Geesthacht forscht.
       
       Grundsätzlich gebe es zwei Technologien. Zum einen die thermische
       Entsalzung – mit Hitze. Wird Salzwasser gekocht, verdampft das Wasser, das
       Salz bleibt zurück. Zum anderen die Umkehrosmose: Das Salzwasser wird mit
       großen Pumpen durch eine Membran gepresst. Das Wasser kommt durch, das Salz
       nicht. Letztere Methode sei die derzeit üblichste, sagt Filiz, auch
       effizienter. Übrig bleibt aber auch dann noch die Sole.
       
       ## Die wertvolle Sole
       
       Darin steckten auch wertvolle Metalle wie Lithium, das für Batterien
       gebraucht wird, sagt der promovierte Chemiker. Er und seine Kollegen
       forschten daran, wie sich dies herausholen ließe. Andere Wissenschaftler
       untersuchten, ob aus der Sole etwa Baumaterialien hergestellt werden
       könnten.
       
       In Rostock wollen die Experten jetzt die genauen ökologischen Auswirkungen
       einer Einleitung von Salzlake in die Ostsee prüfen. Gibt es keine
       Alternative zur Entsalzung? Sowohl im Nordwesten Niedersachsen als auch in
       Rostock soll künftig auch Abwasser so aufbereitet werden, dass die
       Industrie es für die Produktion von Wasserstoff nutzen kann. Wasser wird
       dann recycelt, statt es wie bisher aus dem Klärwerk ins Meer zu leiten.
       
       Angesichts sich häufender Trockenphasen, neuer Industrien und zunehmendem
       Ökostrom sagt aber auch Jörg Rechenberg, im Umweltbundesamt zuständig für
       Wasserfragen: „Wir müssen alle Optionen prüfen.“ Heißt: auch die
       Wasserverwandlung von salzig zu süß.
       
       14 Sep 2026
       
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