# taz.de -- Trauermarsch nach CSD-Anschlag in Berlin: Schweigen für Vielfalt
> Mit einem Gottesdienst und Schweigemarsch hat Berlin der Betroffenen des
> CSD-Anschlags gedacht. Dass auch Kanzler Merz da war, gefällt nicht
> allen.
(IMG) Bild: Nach dem Trauermarsch legen Teilnehmer*innen Blumen am Brandenburger Tor nieder
Keine der verletzten Personen schwebt laut Polizei noch in Lebensgefahr.
Mit diesem Wissen im Kopf ist es für die hunderten Menschen vielleicht ein
wenig leichter, am Sonntagabend dem Trauergottesdienst in der Marienkirche
am Berliner Alexanderplatz zu folgen. In der Nacht zuvor war [1][beim
Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD)] eine Frau getötet und 29
weitere Menschen teils schwer verletzt worden.
An der Messe nehmen unter anderen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und
Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) teil. Das passt nicht allen aus der
Community. Als die Politiker sprachen, hätten sie die Kirche verlassen,
erzählen zwei Frauen hinterher der taz. Abgesehen davon habe ihnen der
Gottesdienst gut gefallen. „Ich fand es sehr schön gestaltet durch die
verschiedenen Vertreter der großen Religionen“, sagt eine der beiden.
Neben der evangelischen Kirche sind auch Vertreter der katholischen und
muslimischen Gemeinden vor Ort. Norbert Verse, Leiter der Psychosozialen
Notfallversorgung des Erzbistums Berlin, begrüßt den ökumenischen Gedanken
des Gottesdienstes und das gemeinsame Gebet des Vaterunsers. „Mit der
Akustik in der Kirche hat man gemerkt, da waren die Menschen mit dabei,
auch wenn sie der Kirche vielleicht fern stehen“, sagte Verse.
Die Notfallseelsorge war am Samstagabend mit 14 Personen am Tatort. Hinzu
kamen weitere Seelsorger*innen anderer Hilfsorganisationen. Die
psychische Verfassung der Augenzeugen und Betroffenen beschreibt Verse als
sehr unterschiedlich. „Ein großer Aspekt war natürlich die Unsicherheit,
weil der Täter noch nicht gefasst war“, berichtet er. Verse spricht von
einer großen Erschütterung insgesamt: „Es war ja ein sehr tiefer Fall von
einem freudigen Tag mit hervorragendem Wetter hin zum Anschlag.“
## Ein Meer aus Regenschirmen, viele in Regenbogenfarben
Die Einsatzkräfte arbeiten ehrenamtlich, am Gottesdienst und dem
darauffolgenden Schweigemarsch nehmen sie freiwillig teil. „Wir sind hier,
weil wir unsere Solidarität bekunden wollen, auch weil es uns im eigenen
Herzen trifft“, sagt Verse.
Vor der Kirche versammeln sich nach dem Gottesdienst all jene Trauernden,
die noch gemeinsam zum Brandenburger Tor laufen wollen – schweigend. Im
Wohnhaus auf der anderen Straßenseite stehen Menschen an ihren Balkonen und
sehen zu, wie sich die Trauernden langsam in Bewegung setzen. Leichter
Nieselregen fällt. Ein Meer aus Regenschirmen spannt sich auf, viele davon
in Regenbogenfarbe.
Die Glocken am Berliner Dom läuten, während der Trauerzug vorbeiläuft. Auf
der Werbetafel an einer Bushaltestelle leuchtet der Fahndungsaufruf für den
mutmaßlichen Täter. Zu dem Zeitpunkt ist noch nicht bekannt, dass die
Polizei den Tatverdächtigen gegen 18 Uhr in einer Kleingartenanlage in
Spandau [2][gestellt und erschossen hat].
Etwas später trifft der Trauerzug am Pariser Platz ein. Die
Teilnehmer*innen bilden einen Kreis, legen in ihrer Mitte Blumen nieder
und zünden Kerzen an. Manche wischen sich die Tränen von den Wangen.
Niemand sagt etwas. Unterbrochen wird die bedächtige Stimmung nur vom
Geräusch eines Baustellenfahrzeugs: Am Brandenburger Tor wird noch die
Bühne des CSD-Fests abgebaut.
Die queere Community, das zeigt sich hier deutlich, [3][steht zusammen –
wie eine Familie]: „Das hätte mein Sohn sein können. Das hätte meine
Tochter sein können. Das hätte jeder aus der Familie sein können“, sagt
eine Frau über die Betroffenen. Und: „Man kriegt uns wahrscheinlich leiser,
aber nicht ganz stumm“, eine andere.
Farbe bekennen sei wichtig, Stärke zeigen und sich nicht unterkriegen
lassen, so eine Teilnehmerin. „Wir sind noch da.“ Dabei sei sie nicht ohne
Angst hier: „Man fühlt sich ständig ein bisschen bedroht, obwohl das hier
natürlich alles sehr gut abgesichert ist. Aber die Angst, dass noch mal was
passiert, ist auf jeden Fall da“.
„Pass auf dich auf“, sagt eine Person, während sie eine Freundin
verabschiedet. Die Community ist es [4][offensichtlich gewohnt, sich
gegenseitig aufzufangen und Trost zu spenden].
Wer sich psychologische Hilfe wünscht, kann sich an die [5][zentrale
Anlaufstelle für Betroffene von Terroranschlägen und
Großschadensereignissen und deren Angehörige im Land Berlin] oder den
[6][Berliner Krisendienst] wenden.
27 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Anschlag-auf-den-Berliner-CSD/!6199275
(DIR) [2] /CSD-in-Berlin/!6199349
(DIR) [3] /CSD-in-Berlin/!6199213
(DIR) [4] /Anschlag-auf-CSD-in-Berlin/!6199252
(DIR) [5] https://www.berlin.de/zentrale-anlaufstelle/
(DIR) [6] https://www.berliner-krisendienst.de/
## AUTOREN
(DIR) Anna Simbürger
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