# taz.de -- Das langsame Sterben der Indie-Szene: Weimer kloppt die Popkultur in den Eimer
> Links ist die Popszene schon lange nicht mehr, sondern Teil der „Creative
> Industries“. Die kleinen Clubs und alternativen Festivals sterben
> langsam.
(IMG) Bild: Bedrohte Kultur: Wilde Möhre Festival in Brandenburg
Geld und Musik – das ist mittlerweile auch eine ziemlich zerrüttete
Beziehung. Es sieht fast so aus, als wollte Musik sie gern weiter
aufrechterhalten, aber Geld lieber Schluss machen. Zumindest will Geld sich
aus den Niederungen zurückziehen, den Ghettos, dem Niedriglohnsektor, dem
Prekariat. Da, wo immer schon wenig war, wird in Zukunft noch mal deutlich
weniger sein.
Schlecht geht es: Musiker*innen aus den unteren und mittleren
Einkommenssegmenten, zuletzt auch denen, die einige Jahrzehnte einigermaßen
vom Musikmachen den Lebensunterhalt bestreiten konnten, aber es aufgrund
der Krise der Livemusik und dem Schrumpfen der Verkäufe physischer
Tonträger zunehmend schwerer haben.
Schlecht geht es: den Clubs mit einer Kapazität unter 500 Besuchern, ihren
Betreiber*innen und Mitarbeiter*innen in festen wie prekären
Arbeitsverhältnissen, bei inflationär steigenden Produktionskosten und
schwindendem Publikumsinteresse. Schlecht geht es: den Beschäftigten in der
Musikindustrie aufgrund von Konzentrationsbewegungen, Umstrukturierungen
und Entlassungswellen.
Gut geht es: der Musikindustrie. „Die Industrieeinnahmen, die in
Deutschland im ersten Halbjahr 2026 mit dem Verkauf von Musik auf CDs,
Vinyl-LPs und Downloads sowie im Streamingbereich erzielt wurden,
erreichten insgesamt 670 Millionen Euro (bei einem Handelsumsatz von 1.221
Millionen Euro). Gegenüber dem Vorjahreszeitraum ist das ein Plus von 5,4
Prozent“, meldete der Bundesverband Musikindustrie kürzlich stolz.
## Weltweiter Umsatz der Musikindustrie: 27 Milliarden Euro
Der weltweite Umsatz der Musikindustrie lag 2025 bei umgerechnet fast 27
Milliarden Euro, angetrieben durch ein globales Wachstum von 6,4 Prozent.
Über das Erblühen von Streaming-Ökonomie und KI-Produktion freut sich die
Musikindustrie nicht zuletzt deshalb, weil sich das Tagesgeschäft mit immer
weniger Personal stemmen lässt. Na ja, die CEOs und die Aktionäre freuen
sich.
Wenn man in diesem Licht auf die Entscheidung des bundesdeutschen
Beauftragten für Kultur und Medien blickt, die Förderung von Popmusik
runterzufahren, erscheint sie eigentlich ganz nachvollziehbar. Es wurde ja
viel gemunkelt über eine dahinter steckende Agenda. Kurzversion: Wolfram
Weimer und die CDU würden den Menschen die schönen Gemeinschaftserlebnisse
wegnehmen und die eher links angesiedelte Szene zerschlagen wollen.
Aber ich glaube, da wird [1][Weimer] überschätzt. Links ist die Popszene
per se schon lange nicht mehr, schon gar nicht in den Chefetagen. Dort
sieht man sich als ganz normalen, darüber hinaus momentan ziemlich
erfolgreichen Wirtschaftszweig, als Teil der „Creative Industries“. Man
bedient einen „Markt“, indem man „Produkte“ verkauft. Wo war da noch mal
gleich Kultur?
## Wagner in Bayreuth statt Reeperbahn-Festival
Weimer weiß, wo Kultur ist. In Bayreuth zum Beispiel. Da gibt er gern. Das
Hamburger Reeperbahn-Festival klingt da allein schon von der Location her
eher anrüchig und kulturfern. Also Förderung halbieren. Und wo man schon
mal dabei ist …
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Weimer einer darüber hinausgehenden
Agenda folgt. Mit anderen CDU-Vorgängern wie Bernd Neumann oder Monika
Grütters kam die Popszene eigentlich immer ganz gut und pragmatisch aus.
Aber der Gelnhausener ist ein klassischer Konservativer und damit natürlich
ein Verfechter der guten, alten Trennung von E und U. Wenn die Zeiten rauer
werden, gilt es E zu päppeln, da muss U eben sehen, wo es bleibt. Wenn man
damit dann auch noch ein paar linksversiffte Unruhestifter*innen
ärgern kann – umso besser.
Die drei verbliebenen Majorlabels der Musikindustrie (Warner, Sony und
Universal) werden die Schrumpfung der hiesigen Popförderung wahrscheinlich
gar nicht bemerken. Ihr Geschäft findet ohnehin in den Stadien und
Riesenarenen sowie in den sozialen Netzwerken statt und schon lange nicht
mehr in kleinen Clubs und auf alternativen Festivals. Deren langsames
Sterben hat auf die nächsten Quartalszahlen keine Auswirkung.
11 Aug 2026
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(DIR) Detlef Diederichsen
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