# taz.de -- Festivals in der Krise: Endlich wieder Bauzäune schleppen
> Kleine Festivals sind vielleicht das bizarrste Kulturgut, das urbane und
> ländliche Lebenswelt miteinander verbindet. Deshalb müssen wir sie
> erhalten.
(IMG) Bild: Alternativfestivals funktionieren nur, weil Leute nach Feierabend Bauzäune schleppen, Schichtpläne schreiben und Förderanträge ausfüllen
Es ist Samstag, halb eins in der Nacht, und ich stehe auf einer Bühne, die
es eigentlich nicht geben dürfte. Hier in Piesport an der Mosel, ein Dorf
bei Trier mit rund 2.000 Einwohnenden, ringsherum Weinberge, spiele ich auf
dem Pferdefestival. Pferde sind keine in Sicht, der Name ist ein Witz. Die
Bühnen sind selbst gebaut, Zelten kostet nichts und Getränke gibt es für
2,50 Euro.
Getragen wird all das von einem Verein für Kunst, Kultur und Inklusion:
Menschen mit und ohne Behinderung, vor und auf der Bühne, und niemand
bekommt dafür Geld. Es ist nicht das erste [1][Festival dieser Art], auf
dem ich spiele. Was sie alle gemein hatten: Sie funktionieren nur, weil
Leute nach Feierabend Bauzäune schleppen, Schichtpläne schreiben und
Förderanträge ausfüllen.
Während die großen Festivals steigende Besucher:innenzahlen
verbuchen, verschwinden die klassischen mittelgroßen und kleineren
Festivals. 2025 machten Maifeld Derby und Rocco del Schlacko zum letzten
Mal auf, dieses Jahr fiel das Heroes in Freiburg aus. Sie mussten Insolvenz
anmelden oder ihnen fehlten die Fördermittel. [2][Festivalsterben] heißt es
dann in den Medien. Fast wie ein Naturphänomen. So, als wäre niemand
verantwortlich.
Wie etwa die [3][Streamingindustrie]: Musikpromotion ist heute primär
Onlinemarketing. Nur wer große Budgets in Werbung stecken kann, wird
gesehen. So profitieren vor allem die großen Plattenfirmen. Viele Festivals
spielen das gleiche Spiel mit und buchen die bereits etablierten
Künstler:innen, um genug Gäste anzuziehen. Dass am Ende alle damit das Grab
eines breiten Live-Musik-Marktes schaufeln, wissen viele vermutlich sogar –
sie können sich dieser Marktlogik nur kaum entziehen.
## Es geht um mehr als Musikkonsum
Man könnte jetzt sagen: Soll der Markt das regeln. Wenn der Hörer der
Zukunft einmal im Jahr auf ein durchkommerzialisiertes Megaevent fährt,
dann soll er doch. Was fällt mir ein, zu denken, irgendwelche
offensichtlich nicht wirtschaftlich tragfähigen Kleinkunstklitschen auf den
Äckern dieses Landes seien unbedingt zu erhalten?
Doch es geht um mehr als Musikkonsum. Festivals bringen Menschen zusammen,
die sich sonst nicht begegnen würden. Auf dem Pferdefestival war das
Publikum eine Mischung aus Großstadt-Student*innen mit Matcha-Obsession und
dem Malerbetrieb aus dem Nachbardorf. Wo lassen sich Vorurteile besser
ablegen als gemeinsam im Matsch?
Wo lässt sich besser zeigen, wie Inklusion funktioniert, als da, wo sie
zwischen Zeltplatz, Bierbank und Gedränge einfach vorgelebt wird, von einem
Verein, der genau dafür existiert? Festivals sind vielleicht das bizarrste
Kulturgut, das urbane und ländliche Lebenswelt miteinander verbindet.
Die Basis, auf der das steht, wird dünner. Der Freiwilligensurvey des
Bundes zeigt, dass die Engagementquote zwischen 2019 und 2024 von 39,7 auf
36,7 Prozent gefallen ist – ausgerechnet im Bereich Kultur und Musik
besonders deutlich, von 8,6 auf 6,3 Prozent. Weniger Leute machen mehr
Arbeit.
Ich sehe in Festivals Infrastruktur wie Schwimmbäder und Dorffeste, und sie
sollten diesen Stellenwert etwa durch angemessene Förderung bekommen. Bis
das jemand in ein Haushaltsjahr schreibt, hilft nur das Naheliegende. Kauft
die Tickets eurer Dorffestivals, auch wenn ihr keinen einzigen Act im
Line-up kennt. Werdet Mitglied in den Vereinen, schleppt Bauzäune, gebt
Bändchen aus. Sucht euch das kleinste Festival, das ihr finden könnt, und
macht es zum lautesten.
Ich bin dann da. Nachts um halb eins, auf einem Acker an der Mosel.
17 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Festivalkultur-im-Krisenmodus/!6015946
(DIR) [2] https://www.tagesschau.de/kultur/festivals-2026-ausverkauf-oder-auslaufmodell-100.html
(DIR) [3] /Kontroverse-um-Streamingdienste/!vn6151069/
## AUTOREN
(DIR) Elya Maurice Conrad
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