# taz.de -- Fast vergessene Musiker: Bring me the Head of Ernst Litfaß
       
       > Ist Mireille Mathieu schon tot? Zwischen Messen für Nischen-Interessen
       > und Tribute-Band-Plakaten lassen sich irritierende Beobachtung machen.
       
 (IMG) Bild: Mireille Mathieu lebt! (Archivfoto aus dem Jahr 1987)
       
       Neulich dachte ich entsetzt: Oje, [1][wann ist denn Mireille Mathieu
       gestorben]? Das habe ich ja gar nicht mitbekommen! Und das kam so: Wenn ich
       mich über das aktuelle Konzert-, Club- und Festivalgeschehen informieren
       will, steuere ich eine bestimmte Bahnunterführung in Hamburg an. Wenn ich
       an der Plakatepracht unter den zwölf Gleisen entlangflaniert bin, habe ich
       das Gefühl, umfassend unterrichtet zu sein. Doch dieses Gefühl täuscht.
       
       Nicht nur, dass die großen Stadionproduktionen und andere
       Zehntausend-plus-Events hier fehlen – es gibt noch einen Mittelbau, der in
       eine ganz eigene Welt des Musikgenusses führt und hier auch nicht vertreten
       ist: Oft sehr gut besuchte Veranstaltungen, bei denen man sich dennoch
       fragt, ob sie nicht vielleicht in einer Parallelwelt stattfinden, ob sie
       nicht vielleicht von und für Echsenmenschen durchgeführt werden.
       Kommuniziert werden sie für gewöhnlich über Litfaßsäulen.
       
       Seit 1855 zieren die von dem Berliner Drucker Ernst Litfaß ersonnenen
       Säulen den öffentlichen Raum in Deutschland. Lange gaben sie einen
       einigermaßen ausgewogenen Querschnitt über alle Arten von Verkaufs- und
       Propagandaaktivitäten: Zigaretten, Süßwaren, Veranstaltungen, Parteien. In
       den letzten Jahren haben sie sich jedoch zunehmend auf Unternehmungen
       fokussiert, die für eigene Welten und Kulte stehen, die abseits von den
       populären Diskursen existieren. Hochzeitsmessen etwa, Sexmessen,
       Edelsteinmessen. Auch sehr viel Musik, aber hier sind es vor allem
       Veranstaltungen aus dem Revivalsegment: eine
       Tom-Petty-&-The-Heartbreakers-Revival-Band etwa oder „Jan Plewka singt
       Simon & Garfunkel“.
       
       ## Sind die nicht alle tot?
       
       Mittendrin Plakate, die stutzig machen: [2][Leonard Cohen – ist der nicht
       tot?] Die Bee Gees – sind die nicht zu zwei Dritteln tot? Falco meets
       Amadeus – häh? Der Hinweis, dass es sich hierbei um
       „Tribute“-Veranstaltungen handelt, ist oft winzig klein und womöglich
       absichtlich schwer zu finden, analog dem Hinweis auf Risiken und
       Nebenwirkungen in der Kijimea-Reizdarm-Reklame.
       
       Da könnte ein flüchtiger Passant schon mal denken: „Leonard Cohen kommt?
       Den hat doch meine Schwägerin immer so gerne gehört! Da will ich ihr doch
       mal zum Namenstag zwei Tickets schenken …“ Dass in dieser Gesellschaft für
       die Abschiedstournee der quicklebendigen Mireille Mathieu geworben wird,
       hat da schon fast etwas Makaberes.
       
       In Darmstadt steht eine Litfaß-Säule, in der sich ein geheimer Zugang zum
       Jenseits befindet, so berichtete es Arno Schmidt hundert Jahre nach
       Erfindung der Litfaß-Säule in seinem Text „Tina/ oder über die
       Unsterblichkeit“. Es handelt sich um ein spezielles Jenseits, reserviert
       für Autor*innen. Sie müssen dort so lange ausharren, bis sich niemand mehr
       an sie erinnert, also keins ihrer Werke mehr zugänglich ist, nichts mehr
       zitiert wird, niemand mehr ihren Namen nennt. Erst dann geht’s endlich in
       die ewigen Jagdgründe.
       
       Die Betroffenen empfinden diesen Zustand keineswegs als angenehm, sondern
       als große Pein und verfluchen dementsprechend
       Literaturwissenschaftler*innen, Archivar*innen und schlaubergerische
       Autor*innen à la Arno Schmidt, die Spaß darin finden, fast vergessene
       Texte von Anno Dunnemals ans Licht zu ziehen. Den größten Hass empfinden
       sie aber für Gutenberg, und in der Folge versteckt sich der arme Mann „in
       öden Wäldern, erlesen einsamen Klüften; ständig auf der Flucht, schläft
       jede Nacht woanders“. Wenn man davon ausgeht, dass ein vergleichbarer
       Wartesaal auch für verstorbene Musikschaffende existiert, stellt sich die
       Frage, wem dort aktuell wohl der größte Hass gilt? [3][Thomas Alva Edison]?
       [4][Daniel Ek]?
       
       29 May 2026
       
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