# taz.de -- „Die Odyssee“ von Christopher Nolan: Ein Regisseur für Männer
> Christopher Nolan versucht sich am Epos und versagt an einer alten
> Schwäche: Überzeugende, vielseitige Frauenfiguren kommen in seinem Werk
> nicht vor.
(IMG) Bild: Alle Augen auf Odysseus – sogar Athenes
Wenn sich Männer als Fans von Christopher Nolan bezeichnen, dann geben sie,
ob sie wollen oder nicht, etwas über sich preis. Es ist zu einem
Schibboleth, einem unfreiwilligen Erkennungsmerkmal für eine Gruppe,
geworden, die sich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht sonderlich für
Frauen interessiert. Außer diese Frauen kommen eindimensional und einem
Mann untergeordnet daher.
Neben Martin Scorsese, [1][Quentin Tarantino] und Steven Spielberg ist
Nolan einer der wohl bekanntesten und von einer breiten Masse angesehensten
Regisseure dieser Zeit. Und das, obwohl er wieder und wieder beweist, dass
ihm wenig daran liegt, Frauen als etwas anderes darzustellen als reine
Projektionsflächen für seine männlichen Protagonisten. Das galt für die
weiblichen Figuren in „Oppenheimer“, „Inception“, „The Prestige“ und,
Überraschung, in der „Batman“-Trilogie – und das führt er konsequent in
seinem [2][neuen Film „Die Odyssee“] fort.
Simone de Beauvoir schreibt im dritten Kapitel von „Das andere Geschlecht“,
dass Mythen über das „Ewig-Weibliche“ Männer daran hindern, Frauen als
Menschen wahrzunehmen. Konkret heißt das, zu verstehen, dass Frauen – genau
wie sie selbst – einen eigenen Blick auf die Welt, Ziele, Verlangen und
Wünsche haben. Nolan ist vom Ewig-Weiblichen offensichtlich geblendet.
In seiner Odyssee sind die weiblichen Charaktere leicht einzuteilen in
verschiedene Kategorien männlicher Projektion: Hörige, Verräterinnen oder
verführerische Hexen, die Odysseus hindern, nach Ithaka zurückzukehren.
## Seine Frauen sind zweitrangig
Das liegt mit Sicherheit auch am nicht gerade feministischen
Originalmaterial. Doch in Nolans „Odyssee“ geht selbst ein Rest Ambiguität,
die die Figuren in sich tragen, verloren. Penelope wird zur treudoofen
Hausfrau, Calypso zu einer Art Krankenschwester, ja sogar Athene, die
Göttin der Weisheit und des Kampfes, rennt Odysseus hinterher, dient ihm,
bittet, bettelt, dass er doch endlich vernünftig werden solle.
Kirke ist weniger eintönig. Das liegt einerseits daran, sie durch den
gleichnamigen [3][Roman von Madeline Miller] eine feministische Rezeption
erfahren hat, sodass ihre Motivation im Film erklärt wird. Und das liegt
andererseits an der fantastischen Samantha Morton, die sie spielt. Und
dennoch: In Nolans Erzählung reichen ein paar halbüberzeugende Sätze
Odysseus’, um Kirke umzustimmen und seine Armee von ihren Schweinegestalten
zu erlösen. Bei Homer benötigt er dafür Hermes’ Hilfe und verbringt ein
Jahr als ihr Liebhaber, bevor sie ihn auf die Heimreise schickt.
Auch Nolans restliches Werk bestätigt, dass seine Frauen zweitrangig sind,
gerettet werden oder sterben müssen, damit der Protagonist etwas zu fühlen
in der Lage ist. Mit Murphy in „Interstellar“ schuf er eine weibliche
Hauptfigur, die erstmals nicht als männliche Projektionsfläche diente. Nur
um wenige Jahre später mit Florence Pughs Figur in [4][„Oppenheimer“] eine
der am wenigsten differenzierten Frauen seiner Filmografie zu schreiben.
Christopher Nolan ist unter anderem für seine holprigen, unglaubwürdigen
Dialoge bekannt. Womöglich lässt sich das dadurch erklären, dass ihm der
Zugang zum Weiblichen verschlossen bleibt. Denn wer unfähig ist, Frauen als
reale Personen zu verstehen, der versteht auch etwas Menschsein nicht.
21 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kultfilm-feiert-Jubilaeum/!6042979
(DIR) [2] /Die-Odyssee-von-Christopher-Nolan-Matt-Damon-auf-epischer-Irrfahrt/!6196047
(DIR) [3] https://www.nytimes.com/2018/05/28/books/review/circe-madeline-miller.html
(DIR) [4] /Christopher-Nolans-Film-Oppenheimer/!5945288
## AUTOREN
(DIR) Valérie Catil
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