# taz.de -- CDU und Personalplanung: Merkel brauchte 16 Jahre, Merz reichen 14 Monate
> Der Kanzler entkernt seine Partei, nur anders als einst die Kanzlerin.
> Den Kritikern hat er nichts anzubieten außer Durchhalteparolen.
(IMG) Bild: Kanzler Friedrich Merz und Ex-Kanzlerin Angela Merkel beim CDU-Parteitag im Februar 2026
Nachdem die CDU die Bundestagswahl 2021 verloren hatte und in eine
bemerkenswert harte Auseinandersetzung mit sich selbst trat, lautete der
zentrale Befund: Die Partei wurde nach Jahren der Verwaltung unter Angela
Merkel inhaltlich so entkernt, dass man niemandem mehr erklären kann, wofür
die CDU eigentlich steht. Der Abgrund, der sich dieser Tage zwischen der
Partei und ihrem Chef Friedrich Merz auftut, deutet auf eine Neuauflage
dieses Problems hin. Nur vordergründig ging es bei der Kritik, die sich aus
der CDU am Kanzler entladen hat, um den chaotischen Regierungsumbau.
Vielmehr schaffte Merz in 14 Monaten das, wofür Angela Merkel einst 16
Jahre brauchte: Er hat die CDU durch die Aufweichung der Schuldenbremse in
einer zentralen Frage entkernt, ohne dass er erklären kann, warum sich ein
Wirtschaftswachstum trotz Investitionen nicht abzeichnet.
Wer kann es den CDUlern in den Kreisverbänden verübeln, wenn da Gedanken
voller Selbstmitleid aufkommen: Erst hat sich die Merz-Mannschaft von einer
geschrumpften SPD bei der Regierungsbildung über den Tisch ziehen lassen,
und nun scheint das gemeinsame Regierungsprojekt nur darin zu bestehen, mit
den SPDlern den Negativrekorden in den Umfragen hinterherzuhecheln.
Nach dem chaotischen Umbau von Kabinett, Fraktion und Partei ergoss sich
über den Bundeskanzler [1][eine Kaskade der Kritik]: Mit jeder Nachricht
wurden die Anschuldigungen härter. Dem Kanzler wurden sogar die Leviten
gelesen; er könne die Bundesregierung nicht so führen wie eine Firma, soll
der Bremer Landesvorsitzende Heiko Strohmann in der CDU-Vorstandssitzung
gegiftet haben. Am Ende schien es so, als könnten die Anschuldigungen eine
solche Eigendynamik entfalten, dass der Kanzler noch darüber stürzt.
## Eine verstolperte Kabinettsumbildung
Die [2][massive Kritik an der Personalplanung von Merz lässt Zweifel daran
aufkommen], wie regierungsfähig die Union unter ihm ist. Schlimmer als die
interne Auseinandersetzung, die für die CDU ja auch fruchtbar sein könnte,
wiegt für den Kanzler, dass die Anschuldigungen so bereitwillig in die
Öffentlichkeit getragen wurden. Die verstolperte Kabinettsumbildung rief in
der CDU erstmals diejenigen auf den Plan, die Merz als Bundeskanzler mit
einem Schubser auch über die Böschung befördern würden.
Mit dem glimpflichen Ausgang der Sonderfraktionssitzung der Union am
Mittwoch konnte Merz seine Kritiker vorerst besänftigen. Das Wahlergebnis
von mehr als 90 Prozent für den Merz-Vertrauten und ehemaligen
Kanzleramtschef Thorsten Frei als Fraktionsvorsitzenden sicherte dem
Bundeskanzler zumindest den Sommerurlaub, den er nun antrat. Auch wenn er
damit den Kabinettsumbau nach seinen Vorstellungen und in seiner ruppigen
Art über die Bühne brachte: Merz zahlt einen hohen Preis dafür, denn er ist
fortan angezählt.
Gedankenspiele über eine Zukunft der CDU ohne Merz verheißen nichts Gutes,
denn sie bergen die Gefahr von Kurzschlussreaktionen und einer weiteren
Öffnung der Partei nach rechts außen – in der Hoffnung auf billige
Beliebtheit. Das Glaubwürdigkeitsproblem, in das Merz seine Partei
manövrierte, erfordert dagegen eine differenziertere Lösung. Denn der
Kanzler brachte eben nicht Wirtschaftswachstum und solide Staatsfinanzen
über das Land. Seine Regierung verantwortet im Gegenteil einen riesigen
Schuldenberg und Sozialkürzungen, die nicht Wachstum, sondern
Abstiegsängste in der Mittelschicht befeuern.
## Besonders prekär ist die Lage im Osten
Mit dieser Politik bringt der Kanzler derzeit die halbe Gesellschaft, das
gesamte Spektrum der CDU – vom Arbeitnehmer- bis zum Wirtschaftslager –
gegen sich auf. Den Kritikern hat das gerupfte Merz-Lager aber nichts
anzubieten außer Durchhalteparolen. Das reicht vor allem den
Landesverbänden im Osten nicht mehr aus, die sich auch von Merz’
Personalrochaden übergangen fühlen.
Ihrem Frust machten die CDU-Ministerpräsidenten von Sachsen, Sachsen-Anhalt
und Thüringen Luft, indem sie Merz’ Regierung zu den geplanten
Sozialreformen vorwarfen, die Situation im Osten nicht genug zu beachten.
Das Abschneiden der CDU bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt,
Mecklenburg-Vorpommern und Berlin wird damit auch Merz in Rechnung gestellt
werden. Es ist unklar, ob der Kanzler sie noch bezahlen kann.
1 Aug 2026
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