# taz.de -- Linke streiten über Nahost: „Ich dachte, ich bin wieder in Moria“
       
       > In einem linken Hausprojekt in Hellersdorf kam es zu einer Eskalation
       > innerlinker Gewalt. Die taz rekonstruiert, was im La Casa passiert ist.
       
 (IMG) Bild: Bunt und politisch: Fassade des La Casa
       
       Das linke Jugendzentrum La Casa befindet sich am äußersten Stadtrand von
       Berlin im Bezirk Hellersdorf, so weit draußen, dass unmittelbar hinter dem
       Haus die Brandenburger Kornfelder beginnen. Der Bezirk ist ein
       Nazi-Hotspot. Der 3. Weg treibt hier sein Unwesen, die AfD holte bei den
       letzten Bundestagswahlen hier 30 Prozent. In den Plattenbaustraßen der
       Umgebung begegnet man schnell grimmigen Männern mit rechter Szenekleidung.
       Regelmäßig wird das Jugendzentrum von Nazis attackiert.
       
       Politische Gewalt kennen die Bewohner:innen des einzigen linken Haus-
       und Veranstaltungsprojekts im Bezirk also bereits. Doch [1][was sich am
       vergangenen Samstag im La Casa zugetragen hat], war kein Naziangriff,
       sondern eine Eskalation der innerlinken Gewalt um den Nahostkonflikt, wie
       es sie in Berlin wohl seit den 1990er- und 2000er Jahre nicht mehr gegeben
       hat. Damals griffen sich israelsolidarische Antideutsche und
       palästinasolidarische Antiimperialisten regelmäßig offen gewaltsam an.
       
       Zu rekonstruieren, was passiert ist, ist gar nicht so einfach. In einem
       Polizeibericht und mehreren Medienartikeln war zunächst von einer Attacke
       der palästinasolidarischen Fraktion des Hauses die Rede, die eine
       „Hausbesetzung gegen Antisemitismus“ mit Gewalt beendet habe. Nach
       Gesprächen, die die taz mit beiden Seiten geführt hat, scheint allerdings
       klar: Jedenfalls der Auslöser der Gewalt waren nicht die
       Palästina-Aktivist:innen, sondern eine Aktion der tendenziell
       israelsolidarischen Fraktion des Hausprojekts, die man als eine Art
       innerlinke Zwangsräumung bezeichnen muss.
       
       ## Antideutscher Räumtrupp
       
       Wie sich aus den Darstellungen beider Seiten ergibt, haben sich am
       Samstagvormittag zwischen zehn und fünfzehn Menschen einer Fraktion im Haus
       versammelt, die sich als antisemitismuskritisch definiert. Viele, wenn
       nicht alle von ihnen wohnen nicht selbst im Hausprojekt, sind dort aber in
       Projekten aktiv, weshalb sie das Haus betreten konnten. Ein der taz
       vorliegendes Video zeigt, wie sie sich mit schwarzen Skimasken vermummt und
       mit Schlagstöcken und Pfefferspray bewaffnet im Haus bewegen – wobei
       umstritten ist, ob sie diese mitgebracht oder im Haus aufgenommen haben, wo
       sie zum Schutz vor Naziangriffen gelagert werden.
       
       Sie wissen, dass ihr Plan einen Affront in der Szene darstellt: Sie wollen
       einen Hausbewohner, den sie als „zentralen Akteur“ der „antisemitischen
       Aktivitäten und Raumnahme“ im Haus ausgemacht haben, auf die Straße setzen.
       Anschließend planen sie, das AJZ zu besetzen und weitere
       Palästina-Aktivist:innen des Hauses verweisen.
       
       „Wir haben geschlafen, als sie in die Wohnung gekommen sind“, berichtet
       Laura* am Mittwoch im Vorgarten des La Casa der taz auf Englisch. Sie ist
       eine von mehrerer Freund:innen, die sich zu dem Zeitpunkt im Zimmer der zu
       räumenden Person befinden – diese selbst ist nicht da. „Wie die Cops“ hätte
       sich der Räumtrupp aufgeführt, findet sie. Niemand habe Fragen beantwortet,
       nur von einer „Antifa-Aktion“ sei die Rede gewesen – und davon, dass die
       Person keinen Mietvertrag besitze. „Als sie uns aufgefordert haben zu
       gehen, habe ich mich gewehrt. Ich hatte Angst, habe um Hilfe geschrien“,
       erzählt Laura. Da hätten vier bis fünf Männer sie in den Schwitzkasten
       genommen und die Treppe heruntergetragen.
       
       Als Moritz*, der Teil dieses Räumtrupps war, einige Stunden später in einem
       Park im benachbarten Marzahn von dieser Szene redet, spricht er von einem
       „humanistischen Ansatz“, den die Gruppe verfolgt habe. Man habe eine
       Räumung ohne Gewalt und Zerstörung angestrebt. „Es ist klar, dass so etwas
       nicht ganz gewaltfrei funktioniert“, sagt Moritz. Man habe aber „kein
       Pfefferspray oder anderes gegen die Personen eingesetzt, die wir geweckt
       und zum Gehen aufgefordert haben“. Er ist sich deshalb sicher: „Unsere
       Gewaltanwendung war verhältnismäßig“.
       
       ## Belagerte Besetzung
       
       Andere im Haus sehen das anders. Im Hinterhof des Hausprojekts trifft die
       taz Kwame*, einen Geflüchteten, der hier wohnt. „Was zur Hölle war das denn
       am Samstag?“, fragt er die taz. Er sei auf seiner Flucht in Libyen in einem
       Lager interniert gewesen, erzählt er, „du kannst dir nicht vorstellen, was
       in meinem Kopf los war, als ich die vermummten Männer gesehen habe.“ Auch
       ein anderer geflüchteter Bewohner des Hauses lässt sich wie folgt zitieren:
       „Ich dachte, das wäre ein Naziangriff, ich dachte, ich wäre wieder in
       Moria. Ich hatte wahnsinnige Angst vor den Männern im Flur.“
       
       Doch damit ist die Gewalt noch nicht vorbei. Zur Eskalation kommt es, als
       Hausbewohner:innen der palästinasolidarischen Fraktion den Räumtrupp
       am Hauseingang stellen. Wer zuerst das Pfefferspray gezogen hat, ist
       unklar. Offenbar kommt es zu einem Wortgefecht, dann zu
       Handgreiflichkeiten, schließlich besprühen sich beide Seiten. Die
       „antisemitismuskritische“ Fraktion verbarrikadiert sich in einer der beiden
       Haushälften und rufen dessen Besetzung aus, die palästinasolidarische
       Fraktion setzt einen Notruf bei befreundeten Gruppen ab.
       
       Was dann passiert, ist in den Videos festgehalten, die die
       Besetzer:innen im Netz veröffentlicht haben, und die der taz ungekürzt
       vorliegen. Eine größere Gruppe erscheint vor dem Haus, mit Motorradhelmen
       und Kufiyas vermummt. Sie haben Baseballschläger und Holzlatten dabei, in
       einem Fall mit Nägeln bestückt. Die Ausgänge werden verbarrikadiert.
       „Militante Antisemiten blockieren alle Eingänge“, schreiben die
       Besetzer:innen in den sozialen Medien. Ankommende
       Unterstützer:innen dieses Lagers werden mit Feuerlöschern und
       Steinwürfen verjagt.
       
       Schließlich ruft eine Nachbarin die Polizei – wohl aus Sorge, es könnte
       sich um einen Naziangriff handeln. Als mehrere Wannen eintreffen,
       verschwinden die Belager:innen zunächst und die Lage friert bis in die
       Abendstunden ein. Ob die Besetzer:innen in dieser Zeit hätten abrücken
       können, darüber widersprechen sich die Angaben. Einmal versucht eine Gruppe
       aus dem Umfeld der palästinasolidarischen Fraktion, sich über das Dach
       Zutritt zum Haus zu verschaffen, wobei offenbar beide Seiten aufeinander
       einprügeln. Am Ende bringt die Polizei die Besetzer:innen vom Gelände
       und nimmt 29 Personalien von beiden Seiten auf.
       
       ## Wie konnte es so weit kommen?
       
       Am Mittwoch wirken beide Seiten immer noch geschockt von der Gewalt. „Das
       war schlimmer als alles, was ich bisher von Bullen oder Nazis erlebt habe“,
       sagt Moritz. Und auch im La Casa ist man immer noch schockiert. In einem
       Statement von verschiedenen Antifagruppen heißt es, solche „Gewalt gegen
       Linke“ dürfe „nicht folgenlos bleiben“. Viele Berliner Antifa-Strukturen
       haben sich mit der Palästina-Fraktion, einige aber auch mit den
       Besetzer:innen solidarisiert.
       
       Wie konnte es so weit kommen, dass Linke, die sich tags zuvor noch im
       selben Hausprojekt engagiert haben, aufeinander einprügeln? Klar ist, dass
       sich der Konflikt schon lange angebahnt hat. Nach taz-Informationen ist das
       Hausplenum des La Casa seit längerem handlungsunfähig, weil sich die
       verschiedenen Lager blockieren. Das Brunchcafé für Nachbar:innen, der
       örtliche Jugendclub, das Übergangswohnen für junge Menschen mit Problemen –
       all diese Projekte sollen zuletzt unter dem Konflikt gelitten haben, von
       den Auswirkungen auf das Zusammenleben ganz zu schweigen.
       
       Konkret sollen in der letzten Zeit wohl zunehmend Leute ins Haus gezogen
       sein, die dezidiert palästinasolidarisch auftreten. Dabei wurden laut der
       „antisemitismuskritischen“ Fraktion Vetos von anderen
       Hausbewohner:innen übergangen. Die palästinasolidarische Seite
       wiederum konstatiert, der dem Gegenlager zuzurechnende Vereinsvorstand habe
       mit Vetos aus politischen Gründen den Einzug von Menschen blockiert, die
       sich bereits seit Jahren im Haus ehrenamtlich engagieren. Weil wegen der
       gegenseitigen Blockade Zimmer leerstanden, habe das Hausplenum die
       Entscheidung für die Zuzüge vorübergehend den WGs übertragen.
       
       Dieser Entwicklung wollte das tendenziell israelsolidarische Lager nun
       offenbar einen Riegel vorschieben. „Bei Antisemitismus kann es einfach
       keine Kompromisse geben“, sagt Moritz. Die Liste der Vorwürfe ist lang –
       sie reicht von einem Hakenkreuz, das in einen Davidstern geschmiert wurde,
       über das Abkratzen von Stickern von KZ-Gedenkstätten bis zum Sprühen roter
       Hamas-Dreiecke und der Teilnahme an israelfeindlichen Demonstrationen. Die
       Palästina-Fraktion wolle das La Casa in einen zionistenfreien Ort
       verwandeln, so der Vorwurf.
       
       ## Unüberbrückbare Gräben
       
       Was alles davon stimmt, ist nicht unabhängig zu verifizieren. Für einiges
       gibt es Gegendarstellungen: Das Hakenkreuz stamme von Nazis, heißt es etwa,
       eine Bewohnerin habe den Vorfall lediglich im Gruppenchat gemeldet. Die
       Sticker mit den KZ-Gedenkstätten hätten die Aufschrift „Solidarität mit
       Israel“ getragen, was angesichts des Genozids in Gaza untragbar sei. An der
       Fassade des Hausprojekts findet sich allerdings auch der Spruch „Glory to
       the resistance“, mit dem andere linke Gruppen schon zu einer
       israelfeindlichen Demonstration am Jahrestag des 7. Oktober mobilisiert
       haben. Laut Fotos, die die Besetzer:innen veröffentlicht haben, wurden
       im Haus auch rote Dreiecke und Intifada-Sprüche gesprüht.
       
       Und trotzdem – zumindest der Presse gegenüber reden beide Seiten auf eine
       Weise, von der man meinen könnte, so unüberbrückbar seien die Gräben gar
       nicht. „Selbstverständlich sind wir gegen jeden Antisemitismus“, sagt Mila*
       am Mittwoch im Vorgarten des La Casa. Antizionismus müsse in der Linken
       aber eine legitime Position sein. Moritz vom anderen Lager sagt, er könne
       „schon verstehen“, wenn junge Menschen „seit dem Gazakrieg Schwierigkeiten
       mit Israelsolidarität haben“. Wichtig sei aber, sich über die Kontinuität
       des linken Antisemitismus bewusst zu sein, und diesem entgegenzutreten.
       Eine Verbindung dieser Positionen – offenbar unmöglich.
       
       Im La Casa ist der Konflikt nun entschieden – zugunsten des
       propalästinensischen Lagers. Mehrere Personen aus dem tendenziell
       israelsolidarischen Spektrum, die selbst nicht an den Angriffen beteiligt
       gewesen sein sollen, wurden nun entweder herausgeworfen oder sind nicht
       zurückgekehrt – auch dazu gibt es verschiedene Versionen. „Wir sind uns mit
       dem Vorstand einig, dass sich diese Gewalt wie am Samstag nicht wiederholen
       darf“, sagt Mila. Dafür sehe es die Gruppe als notwendig an, dass es
       Neuwahlen des Vorstandes gebe und alle, die am „Angriff“ beteiligt waren,
       des Hauses verwiesen werden.
       
       Man wolle nach vorne blicken und wieder stärker auf die Nachbarschaft
       zugehen, sagt Mila. Viele im Bezirk seien von den Vorkommnissen
       verunsichert. Für das Wochenende hat die Gruppe bereits einen
       Nachbarschaftsbrunch organisiert, Konzerte seien ebenfalls in Planung. Die
       ersten Nachbarn sind schon auf einen Kaffee vorbeigekommen. Vielleicht kann
       das Antifa-Zentrum ja dann bald wieder die Arbeit aufnehmen.
       
       *Niemand der in diesem Artikel Genannten möchte mit Klarnamen in der Presse
       auftauchen. Alle Namen sind fiktiv.
       
       10 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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