# taz.de -- Linkspartei und Nahost: Die Kunst des Kompromisses
> Auf dem Parteitag der Linken kriegen die GenossInnen beim Thema Nahost am
> Ende doch die Kurve. Eine große Minderheit allerdings ist unzufrieden.
(IMG) Bild: Es reicht: Die Linke stimmt mehrheitlich für den Kompromiss zu Palästina
Um kurz vor 22 Uhr herrscht am Freitagabend in der Metropolis Halle in der
Filmstadt Babelsberg eine gewisse Nervosität. Mehrere Stunden lang rang der
Parteivorstand der Linken in Hinterzimmern um eine gemeinsame Haltung der
GenossInnen zum Nahost-Konflikt. Am Ende fand man einen Kompromisstext.
Prominente VertreterInnen der verschiedenen Strömungen werben nun dafür.
Die Parteilinke Özlem Demirel betont, dass der Antrag „die deutsche
Verantwortung für diesen Genozid“ benennt. Auch Cansin Köktürk, die schon
mal wegen eines Palestine-T-Shirts aus dem Bundestag flog, plädiert, wenn
auch etwas undeutlich, für den Kompromiss. Jan van Aken,
[1][Noch-Partei-Chef], sagt, dass man 126 Änderungsanträge in den
ursprünglichen Text des Parteivorstandes eingearbeitet hat.
Der Deal, den der aktivistische Pro-Gaza-Flügel und jene, die die deutsche
Verantwortung für Israel betonen, gefunden haben, lautet: Die Linkspartei
nennt die Kriegsverbrechen Israels offensiv Genozid, und bekennt sich zum
Existenzrecht Israels und dem eines palästinensischen Staats. Die
Verbrechen der Hamas werden ebenso deutlich verurteilt wie Netanjahus
Kriege.
Doch palästinasolidarische Gruppen, meistenteils jüngere Deutsche, zu deren
Dresscode eine schwarz-weiß karierte Kufija gehört, beharren auf ihrem
eigenen Antrag. Das ist ungewöhnlich. Denn wenn die Flügel nach hartem
Ringen Kompromisse schließen, werden Gegenanträge in der Regel fallen
gelassen. Das ist logisch. Hier allerdings herrschen andere Regeln.
Fast ein Drittel der 562 Delegierten stimmt für den Alternativ-Text der BAG
Palästinasolidarität. Hätte er eine Mehrheit erhalten – es wäre für die
Parteispitze, ja für die ganze Linkspartei ein Eklat gewesen. Und ein
Zeichen, dass die Partei, deren Mitgliederzahl sich in eineinhalb Jahren
verdoppelt hat, unberechenbar ist.
## Im Sturm ein Steinhaus
Am Nachmittag setzte Parteichefin Ines Schwerdtner in einer Grundsatzrede
den Ton. Linke-Büros würden beschmiert, Wahlkämpfer verprügelt,
Kommunalpolitiker gäben aus Angst auf. „Dieser Sturm wird nicht spurlos an
uns vorbeiziehen“, warnt sie. „Es geht um unsere Existenz, um unsere
Rechte.“ Doch [2][für diesen Sturm] sei die Partei noch nicht gewappnet.
„Die Linke als Steinhaus bauen“ lautet das Motto des Leitantrags der
Parteispitze. Das spielt auf die Fabel von den drei Schweinchen an, die
sich als Schutz vor dem Wolf ein Haus bauen – eines aus Stroh, eines aus
Holz und das dritte aus Stein. „Momentan haben wir ein solides Fundament
aus Holz gebaut“, heißt es im Leitantrag. Die älteren Parteimitglieder
hätten das Fundament gelegt, so Schwerdtner in ihrer Rede, die Newcomer
würden irgendwann das Dach decken. Doch das Haus müsse erst noch gebaut
werden. Man sei zurückgekommen und gewachsen, doch das reiche nicht.
Auch Schwerdtner kommt rasch auf das Thema Nahost, [3][das im Vorfeld mal
wieder für Verwerfungen] gesorgt hat. Ein Bericht über Aussagen von
Mitgliedern der Linken-Jugendorganisation Solid in Gruppenchats (unter
anderem „Israel verrecke“) sorgte für Wirbel. [4][Die Parteispitze
distanzierte sich deutlich].
Schwerdtner bekennt in Potsdam, dass sie das Grauen in Gaza Genozid genannt
hatte, obwohl es in ihrer Partei dazu unterschiedliche Auffassungen gibt.
In einem für die derzeitige Linksparteiführung typischen Doppelschritt
mahnt sie gleichzeitig, Antisemitismus ernst zu nehmen: Niemand dürfe Angst
haben müssen, sein Kind auf eine jüdische Schule zu schicken oder auf der
Straße oder eine Kippa zu tragen. „Wir schützen jüdisches Leben in diesem
Land.“
## Der Blick in den ganz nahen Osten
Und sie warnte davor, sich über Begriffe zu zerstreiten. Davon würde kein
Kind in Gaza satt und auch sonst nichts besser. Der eigentliche Gegner
stehe immer noch rechts und im Osten „an der Schwelle zur Macht.“ Man werde
alles tun, um die AfD von den Schalthebeln der Macht fernzuhalten.
Damit bereitete sie ihre Partei auf „schwere Entscheidungen“ vor – mit
anderen Worten: zur Not eine CDU-geführte Regierung zu tolerieren, wie die
Linke in Sachsen und Thüringen das bereits macht. Man werde „den Osten
nicht den Nazis überlassen!“, ruft sie den Delegierten zu.
Schwerdtner ist keine mitreißende Rednerin, aber ihr eher nachdenklicher,
parolenferner Ton verfängt. Offenbar gefällt es manchen, dass mehr
argumentiert als gebrüllt wird. Schwerdtner schlägt mitunter einen fast
Brechtschen Sound an und versucht, komplexe Themen in einfache, genaue
Worte zu fassen.
Nur am Ende wirkt sie etwas unsicher. Während aus den Lautsprechern harten
Gitarrenriffs dröhnen, lächelt sie verlegen. Viele Delegierte in der Halle
recken Plakate hoch, auf denen steht „Merz stoppen“.
## Gastrednerinnen aus Palästina und Israel
Schwerdtner kündigt zwei Gastrednerinnen an: Die palästinensische
Frauenrechtlerin Aida Touma-Sliman sitzt für die linke Liste Chadasch in
der Knesset, im israelischen Parlament. Sie ist die Grande Dame der
arabisch-israelischen Linken, prangert die Apartheid in Israel an und warnt
vor der Illusion, dass nach einem möglichen Abtritt von Netanjahu Frieden
und ein Ende der Besatzung näherrücken werden.
Es ist ein kluger Zug der Parteispitze, Touma-Sliman reden zu lassen – um
so die oft selbstreferenzielle deutsche Debatte in der Wirklichkeit zu
erden. Das gilt noch mehr für die zweite Gastrednerin, die Israelin Vered
Berman. Sie verlor mit 19 Jahren ihre Mutter bei einem Anschlag der Hamas
und engagiert sich heute im „Parents Circle“. Die Organisation bringt
Familien aus Israel und Palästina zusammen, die Angehörige verloren haben.
Berman lebt in Berlin und ist Antisemitismus-Beauftragte an der Alice
Salomon Hochschule. „Antisemitismus ist real und keine Nebensache“, sagt
sie. Er habe nach dem 7. Oktober 2023 zugenommen. „Der Kampf gegen
Antisemitismus ist linke Pflicht“, so Berman.
Sie erzählt, eher nüchtern, von dem Moment, als sie erfuhr, dass ihre
Mutter bei dem Anschlag starb. Und von palästinensischen Freunden, deren
Verwandte von israelischen Soldaten erschossen wurden. „Kein Schmerz hebt
den anderen auf“, sagt sie. Und: „Jüdische Sicherheit und palästinensische
Freiheit sind keine Gegensätze, sondern bedingen sich gegenseitig.“
Fast alle in der Metropolis Halle spüren, dass dies keine der üblichen
Reden ist. Sondern etwas Besonderes, Intensives, Verdichtetes. Berman
verbindet die authentische Erfahrung von Gewalt und Zerstörung mit einer
universalistischen Botschaft. Es ist eine aufrüttelnde Rede, getränkt von
Trauer und Mut, in deren Schatten viele angelesene Pro-Gaza- oder
Pro-Israel-Bekenntnisse recht dürr erscheinen.
„Parents Circle“ will zeigen, dass Rache nicht die Lösung ist, sondern man
eine Brücke über den Fluss von Blut bauen kann. Das verknüpft Berman mit
einem Appell, der ein Korrekturzeichen zu der Rechthaberei linker
Nahost-Debatten ist. „Wenn ihr diese Brücke nicht bauen wollt, dann lasst
die Finger von diesem Konflikt“, sagt sie. Der Applaus ist frenetisch.
Jan van Aken sagt später in der Debatte, am besten wäre es, die Reden von
Aida Touma-Sliman und Vered Berman zu übernehmen Das gehe leider nicht.
So kommt es zum Kompromiss-Showdown am Freitagabend um kurz vor 22 Uhr. Am
Ende heben fast alle die Hände für den Kompromiss. Die Partei bricht nicht
auseinander. Doch fast ein Drittel des Parteitages hatte demonstriert, dass
es beim Thema Nahost anders tickt.
20 Jun 2026
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