# taz.de -- Entschuldigung des ÖRR in Ungarn: Sendeschluss für die Propaganda
> Der ungarische Staatssender M1 wurde am Dienstagabend vorübergehend
> abgeschaltet. Der neue Regierungschef Péter Magyar will Orbáns ÖRR neu
> aufsetzen.
(IMG) Bild: Die Meldung beginnt mit: „Medien dürfen nicht lügen. Wir entschuldigen uns dafür, dass wir das so viele Jahre lang gemacht haben“
Wer Dienstagabend M1 aufdrehte, den wichtigsten öffentlich-rechtlichen
Fernsehsender Ungarns, sah bloß ein dunkles Standbild. Im Vordergrund
prangte der Text: „Medien dürfen nicht lügen. Wir entschuldigen uns dafür,
dass wir das so viele Jahre lang gemacht haben.“ Und weiter: „Der
öffentlich-rechtliche Rundfunk wird derzeit reformiert und wird künftig
unabhängig und vertrauenswürdig sein. Wartet ab!“
Zeitgleich zur Sendepause kündigte Ministerpräsident Péter Magyar einen
Umbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks an, der jahrelang unter der
Kontrolle seines Vorgängers Viktor Orbán gestanden hat. Bereits am Dienstag
wurde die Führung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ausgetauscht, auch
mehrere Mitarbeiter mussten gehen. Auch die Webseiten des ÖRR waren
kurzzeitig offline, der öffentlich-rechtliche Kossuth-Radiosender spielte
klassische Musik statt Nachrichten.
Die Suspendierung des Fernsehprogramms dauerte knapp vier Stunden lang und
endete um 19.56 Uhr – eine symbolische Uhrzeit in Anlehnung an den
ungarischen Aufstand im Oktober 1956. Nachrichten werden bis auf Weiteres
keine gesendet. Erst wenn unabhängiger Journalismus wieder gewährleistet
werden kann, soll es wieder Nachrichtensendungen geben, heißt es.
Als erste Sendung nach der Unterbrechung lief der ungarische Film „A tanú“
(Der Zeuge), eine Parodie auf den Kommunismus, die zehn Jahre lang verboten
war und erst 1979 ins Kino kam. „Es ist ein historischer Tag. Sie haben Tag
und Nacht gelogen, auf jeder Wellenlänge. Das ist jetzt vorbei“, schrieb
Magyar in den sozialen Medien.
## Pfeiler des Machtapparats
Die Reform des ÖRR war schon im Wahlkampf [1][eines von Magyars
Kernversprechen]. Der [2][Kontrolle über fast alle ungarischen Medien] war
einer der wesentlichsten Pfeiler Orbáns Machtapparats. Rasch nach seinem
Wahlsieg 2010 wurden neben dem ÖRR auch die staatliche Presseagentur sowie
der Medienrat auf Linie gebracht. Das Aufkaufen etlicher Medien durch
Parteifreunde sowie Regierungsinserate in Milliardenhöhe verhalfen Orbán zu
einem Propagandasystem, das fast alle Bereiche des Lebens durchdrang – 16
Jahre lang.
Wie wichtig die staatliche Unterstützung war, zeigen die aktuellen
Schwierigkeiten zahlreicher Zeitungen. Magyar Nemzet, ein
Verlautbarungsorgan Orbáns, und Népszava, erscheinen seit dieser Woche
gedruckt nur mehr wöchentlich statt täglich. Népszava ist zwar
sozialdemokratisch, ließ sich zuletzt aber auch von der Regierung Orbán
finanzieren. Nun wurden beiden Zeitungen die Werbegelder gestrichen.
Auch die Firma ESMA Reklám Zrt, die Werbeflächen vermarktet und jahrelang
Ungarn mit Orbáns Wahlplakaten überzog, kämpft mit dem Regierungswechsel.
Magyar entzog Aufträge und ließ Werbung im öffentlichen Raum durch ein
neues Gesetz deutlich einschränken.
Vor dem ÖRR-Hauptsitz in Budapest protestierten Dienstagabend laut der
Wochenzeitung HVG rund 20 Menschen gegen die Reformen. Für Donnerstagabend
kündigte Orbán zudem die Demo „Stoppt die Willkürherrschaft“ in Budapest
an. Sie richtet sich vor allem gegen die geplante [3][Entmachtung von
Staatspräsident Tamás Sulyok], den Orbáns Parlamentsmehrheit 2024 als
willfährigen Vertrauten ins Amt gehoben hat.
Magyars zahlreiche Rücktrittsaufforderungen blockte Sulyok bisher ab. Orbán
zufolge bedroht sein Nachfolger Magyar die Rechtsstaatlichkeit und
demokratische Werte. Orbán weiß, wovon er spricht.
8 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Florian Bayer
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