# taz.de -- Neues Kabinett in Ungarn: Wissen ist Macht
       
       > Ungarns designierter Regierungschef setzt auf Fachleute im Kabinett.
       > Einen möglichen politischen Erfolg zur Druschba-Pipeline muss er wohl mit
       > Orbán teilen.
       
 (IMG) Bild: Das Verhältnis zu Europa neu justieren: Flaggenarbeit nach der Parlamentswahl in Ungarn in einem Kongresszentrum in Budapest
       
       In Budapest geht es nun schnell: Wahlgewinner Péter Magyar wird
       voraussichtlich am 9. oder 10. Mai als neuer Ministerpräsident Ungarns
       vereidigt. Fast täglich konkretisiert sich, wie die neue Regierung seiner
       Partei Tisza aussehen wird und welche Schwerpunkte sie setzen könnte.
       
       Noch vor seiner Vereidigung könnte es im Bereich Energie eine
       Erfolgsmeldung geben, denn die für Ungarn essenzielle Druschba-Pipeline
       könnte laut EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos noch diese Woche wieder in
       Betrieb gehen. Die Pipeline transportiert russisches Öl durch die Ukraine,
       nach Ungarn und in die Slowakei. Seit einem russischen Angriff vom Januar
       ist sie jedoch außer Betrieb.
       
       Die Pipeline war [1][zum Wahlkampfthema] geworden: Ungarns scheidender
       Premier Viktor Orbán hatte ein 90-Milliarden-Euro-Darlehenspaket der EU für
       die Ukraine blockiert und dies mit dem Ausbleiben der Öllieferungen
       begründet. Kyjiw verwies auf notwendige Reparaturen, die sich in die Länge
       ziehen würden. Am Dienstag sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj, die Ukraine
       habe die Reparaturarbeiten an der durch russischen Beschuss beschädigten
       Pipeline nun abgeschlossen.
       
       Schon am Sonntag, eine Woche nach seiner Abwahl, signalisierte Orbán
       Bewegung. Sobald das Öl fließe, stehe Ungarn dem EU-Darlehen nicht mehr im
       Wege. Bereits am Mittwoch könnten die EU-Botschafter in Brüssel den Weg für
       den Kredit freimachen, der für die Ukraine von existenzieller Bedeutung
       ist. Die formelle Annahme durch den Ministerrat wäre dann wohl nur noch
       eine Frage weniger Tage.
       
       ## Magyar will die grundsätzliche Blockade beenden
       
       Finanziert werden soll der Kredit über gemeinsame EU-Anleihen, wobei Orbán
       bereits eine Ausnahme für Ungarn verhandelt hat. Magyar will zwar ebenso
       keine Beteiligung Ungarns an der Finanzierung, aber er will die
       grundsätzliche Blockade seines Vorgängers beenden. Nun könnte das Paket
       bereits vor Magyars Amtsübernahme beschlossen werden. Die Lorbeeren dafür
       müsste er sich mit Orbán teilen.
       
       Auch personell [2][nimmt die künftige Regierung Form an]. Neben der bereits
       bekannten [3][Anita Orbán im Außenministerium] – nicht mit dem scheidenden
       Ministerpräsidenten verwandt – und István Kapitány im
       Wirtschaftsministerium stellte Magyar fünf weitere Namen vor.
       Überraschungen sind darunter keine, der Kontrast zur Ära Orbán ist dennoch
       auffällig: Während der scheidende Premier vor allem auf Loyalität setzte,
       geht es Magyar bei seiner Personalauswahl erkennbar um Fachwissen.
       
       Der Ökonom András Kármán übernimmt künftig das Finanzministerium. Er war
       bereits 2010 und 2011 Staatssekretär unter Orbán und arbeitete zuvor bei
       der Nationalbank. Nun soll Kármán Magyars zentrale Wirtschaftsversprechen
       umsetzen, allen voran eine große Steuerreform und die Sanierung des
       Staatshaushalts. Auch die Einführung des Euro bis 2030 ist geplant. Die
       Aufgabe ist heikel, denn der wahre Zustand der Staatsfinanzen wird sich
       erst nach der Amtsübergabe in vollem Umfang zeigen.
       
       Neuer Gesundheitsminister wird der Orthopäde Zsolt Hegedűs. Er tritt ein
       schwieriges Erbe an: Das ungarische Gesundheitssystem gilt als chronisch
       unterfinanziert. Hegedűs hat bereits konkrete Schritte angekündigt, unter
       anderem eine bessere Finanzierung des Sektors und ein Ende informeller
       Patientenzahlungen an Ärztinnen und Ärzte.
       
       ## Verteidigungsausgaben sollen steigen
       
       Romulusz Ruszin-Szendi wird der neue Verteidigungsminister. Der frühere
       Generalstabschef war 2023 aus seinem Amt gedrängt worden und wechselte
       Anfang 2025 zu Tisza, woraufhin Fidesz ihn mit Vorwürfen überzog.
       Ruszin-Szendi will die Verteidigungsausgaben bis 2035 auf 5 Prozent des BIP
       steigern und die Moral in der Armee stärken. Eine Wiedereinführung der
       Wehrpflicht lehnt er hingegen ab.
       
       Das nun wiedereingeführte Umweltministerium übernimmt der Quereinsteiger
       László Gajdos. Das Agrarministerium wird Szabolcs Bóna leiten, selbst
       aktiver Landwirt. Die übrigen 9 der insgesamt 16 Ministerinnen und Minister
       sollen in den kommenden Tagen bekanntgegeben werden. Schon fest steht die
       neue Parlamentspräsidentin Ágnes Forsthoffer. Sollte sie gewählt werden,
       wäre sie nach Katalin Szili erst die zweite Frau seit der demokratischen
       Wende 1989, die das Amt der Parlamentspräsidentin bekleidet. Die Leitung
       der parlamentarischen Tisza-Fraktion übernimmt Andrea Bujdosó, die bereits
       die Fraktion in der Budapester Stadtversammlung geleitet hatte. Die
       Unternehmensberaterin bringt Hintergrunderfahrung in Wirtschaft und
       Mathematik mit.
       
       ## EU-Urteil gegen das „Kinderschutzgesetz“
       
       Neben der Rückabwicklung von Orbáns illiberalem Umbau von Staat, Medien und
       Justiz muss sich die neue Regierung auch mit Gesellschaftspolitik
       beschäftigen. In den letzten Jahren wurden sexuelle Minderheiten gesetzlich
       gezielt benachteiligt und politisch zum Feindbild stilisiert. Ein
       Kernpfeiler dieser Politik wurde nun vom Europäischen Gerichtshof zu Fall
       gebracht. [4][Die Luxemburger Richter urteilten am Dienstag], dass das
       umstrittene „Kinderschutzgesetz“ in mehreren Punkten gegen europäisches
       Recht verstößt, denn es stigmatisiere Betroffene in unzulässiger Weise.
       
       Magyar hatte das Thema LGBTIQA+ in seinem Wahlkampf bewusst gemieden, um
       konservative Wähler nicht zu verprellen. Nun zwingt ihn das EuGH-Urteil zum
       Handeln, wobei er den Druck auch als politische Deckung nutzen kann. Denn
       die Umsetzung von EU-Recht ist Voraussetzung dafür, Ungarns eingefrorene
       Milliarden aus europäischen Fördertöpfen wieder freizuschalten.
       EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat in dieser Angelegenheit
       bereits eine Beamtendelegation nach Budapest entsandt.
       
       Magyar kann mit dem Verweis auf EU-Recht und die daran geknüpften Gelder
       Reformen auch gegenüber seiner konservativen Wählerbasis leichter
       rechtfertigen. Wie auch die Druschba-Öffnung dürfte Magyar das europäische
       Urteil den Start erleichtern. An Herausforderungen wird es ihm ohnehin
       nicht mangeln.
       
       21 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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