# taz.de -- Buch über den Sturz Orbáns in Ungarn: Ein Meisterstück politischer Kommunikation
> In seinem Buch „Der Sturz Orbáns“ rekonstruiert der ungarische
> Politikberater Gergő Papp minutiös, wie es zu Péter Magyars Wahltriumph
> im April 2026 kam.
(IMG) Bild: Magyar, der große Kommunikator
Der Zeitpunkt, an dem Péter Magyar auf der politischen Landkarte Ungarns
auftaucht, lässt sich genau bestimmen: Am 10. Februar 2024 postete der
damals noch unbekannte Fidesz-Politiker einen Wutausbruch auf Facebook.
Keine Sekunde länger wolle er Teil des Orbán’schen Systems sein. Lange habe
er an „ein nationales, souveränes, bürgerliches Ungarn“ geglaubt, „in den
letzten Jahren“ aber habe er erkannt, dass das alles nur Fassade sei, „die
nur zwei Zwecke erfüllt: die Verschleierung des Funktionierens der
Machtmaschine und das Einstecken ungeheurer Vermögen.“
Ungarns Staatspräsidentin Katalin Novák hatte damals einen Mann begnadigt,
der wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch von Minderjährigen verurteilt
worden war. Proteste brachen los, Novák trat zurück, ebenso wie die
ungarische Justizministerin Judit Varga, die der Begnadigung zugestimmt
hatte. Interessant dabei: Varga war bis zum Frühjahr 2023 die Frau Péter
Magyars, ehe die beiden sich scheiden ließen. Der politische Machtkampf
zwischen Magyar und Orbán hatte so von Beginn an eine pikante Note.
Folgt man dem ungarischen Autor Gergő Papp, war dies der initiale Moment
für das Einsetzen der Orbán-Dämmerung in Ungarn. In seinem Buch „Der Sturz
Orbáns“ zählt er von dort an die Tage rückwärts bis zu Péter Magyars
Wahltriumph mit seiner Partei Tisza im April 2026.
Gergő Papp arbeitete selbst als politischer Berater, er war im Kampagnen-
und Kommunikationsteam der liberalen Momentum-Partei, die selbst einst
angetreten war, Orbán zu stürzen. Diese Sicht hilft insofern, als es quasi
nur um Wahlkampf-Strategien geht in seinem Buch und so gut wie gar nicht um
Inhalte. Allerdings, so schreibt Papp, waren die auch zu vernachlässigen:
„Wenn politische Parteien gegen populistische Anführer wie Viktor Orbán
antreten, geht es bei der Entwicklung des Wahlprogramms nicht in erster
Linie darum, die großen Ziele zu formulieren. Entscheidend ist vielmehr,
politische Fehler zu vermeiden. Die wichtigsten Akteure bei der
Formulierung des Wahlprogramms sind dann nicht die Arbeitsgruppen und
unterstützenden Experten, sondern das Team für politische Kommunikation.“
Was diesen Wahlkampf betrifft, stützt sein Buch diese These. Man verfolgt
als Leser gut 350 Seiten lang die politischen Schachzüge beider politischer
Lager, der Autor reicht sie in kleinen Häppchen. Jeder Moment könnte ein
Kipppunkt sein: Etwa als Magyars Ex-Frau Varga ihm öffentlich häusliche
Gewalt vorwirft oder auch, als er nach einem Streit in einem Budapester
Nachtclub von der Security rausgeworfen wird. Ein Sexvideo, von dem die
Orbán-Seite behauptete, es gegen ihn in der Hand zu haben, tauchte dagegen
nie auf. Doch all diese Manöver blieben ohnehin wirkungslos, weil
[1][Orbáns korruptes und nepotistisches Regime] schlicht schon im Sterben
lag.
Und dann schoss Orbán wohl selbst in den Augen seiner potenziellen
Wähler:innen übers Ziel hinaus, als er im Frühjahr 2025 ihm nicht
zugewandte Richter:innen, Journalist:innen, Aktivist:innen und
Tisza-Politiker:innen als „Wanzen“ bezeichnete und drohte, „die gesamte
Schattenarmee“ zu „liquidieren“. Drei Monate vor der Wahl machte Orbáns
Vertrauter János Lázár, damals Bau- und Verkehrsminister, dann ungarische
Roma als „interne Reserve“ fürs Putzen von (Zug-)Toiletten verächtlich.
Diese und andere Faktoren – die Iran-Annäherung des Außenministers Péter
Szijjártó, die EU-Gelder, die die ganze Zeit nicht nach Ungarn flossen –
machten es Péter Magyar vergleichsweise einfach, sich als bürgerlichen,
anständigen, konservativen Proeuropäer zu inszenieren. Nachdem er die
bereits existierende Partei Tisza (Tisztelet és Szabadság Párt, Respekt-
und Freiheitspartei) 2024 „übernommen“ hatte, konnte er schon bei der
Europawahl im selben Jahr antreten – und kam aus dem Stand auf fast 30
Prozent. O[2][b Magyar wirklich zu trauen ist] und wohin er das Land
steuern wird, war und ist relativ unklar – doch es gelang ihm, sich als
ehrlichen, seriösen Gegenentwurf zu Orbán zu verkaufen.
## Man lernt viel über Wahlkämpfe in der Tiktok-Ära
Papps Buch ist so aufgebaut, dass man die Sequel immer lesen will. Man
lernt dabei viel über Wahlkämpfe in der Tiktok-Ära; mit all seinen
Skandalen, Affären und Schmutzkampagnen bietet sich dieser jüngste
ungarische Wahlkampf auch gut dazu an, die Reiz- und Reflexschemata der
heutigen Öffentlichkeit aufzuzeigen. Wie inhaltsleer dieser politische
Wettstreit war, wenn man all das abzieht, ist allerdings auch erschreckend.
Ein weiterer Punkt, warum Magyar den Sieg so leicht nach Hause bringen
konnte, war laut Gergő Papp, dass er deutlich Distanz hielt zur „alten“
Opposition. Er war eben kein typischer linksliberaler,
migrationsfreundlicher, prowestlicher Kandidat – das hätte es für Orbán
leicht gemacht, ihn zu attackieren. [3][Magyar] konnte sich als wahrer Mann
der Mitte verkaufen. Was diese Strategie betrifft – einen neuen,
unabhängigen politischen Kurs einzuschlagen, um sich anschlussfähig zu
machen –, so können auch die in Westeuropa um die Demokratie ringenden
Kräfte aus diesem Buch etwas lernen.
14 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Wirtschaftskrise-in-der-Tuerkei/!6198945
(DIR) [2] /Entschuldigung-des-OeRR-in-Ungarn/!6194383
(DIR) [3] /Befreiung-von-der-Mafia/!6189965
## AUTOREN
(DIR) Jens Uthoff
## TAGS
(DIR) Politisches Buch
(DIR) Ungarn
(DIR) Viktor Orbán
(DIR) Peter Magyar
(DIR) Wahlkampf
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Ungarn
(DIR) Schwerpunkt Türkei unter Erdoğan
(DIR) Ungarn
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Ungarn auf Reformkurs: Next step in der Post-Orbán-Ära
András Baka war Viktor Orbán einst zu kritisch und wurde abgesetzt. Das
zahlt sich nun aus: Baka soll am Dienstag neuer Staatspräsident werden
(DIR) Wirtschaftskrise in der Türkei: Orbáns Niederlage ist Erdoğans Zukunft
Der Machtwechsel in Ungarn beruhte auf dem Scheitern des nationalen
Wirtschaftsmodells. Ähnliches steht auch der Türkei ins Haus.
(DIR) Entschuldigung des ÖRR in Ungarn: Sendeschluss für die Propaganda
Der ungarische Staatssender M1 wurde am Dienstagabend vorübergehend
abgeschaltet. Der neue Regierungschef Péter Magyar will Orbáns ÖRR neu
aufsetzen.