# taz.de -- Nato-Gipfel in Ankara: Alles auf Eskalation
> Donald Trump spielt in Ankara den Poltergeist. Kanzler Merz sieht trotz
> allem Zeichen der Entspannung – hinter verschlossenen Türen.
(IMG) Bild: Gute Miene zum bösen Gipfel-Spiel: US-Präsident Trump mit mehr oder weniger befreundeten Regierungschefs auf dem Nato-Gipfel in Ankara
Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Nato-Generalsekretär Mark Rutte die
letzten 24 Stunden in einer Parallelwelt verbracht hat. „Wir haben es alle
gefühlt, die Allianz ist stärker als je zuvor“, sagte er am
Mittwochnachmittag zum Abschluss des Nato-Gipfels in Ankara. Die Botschaft,
die vom diesjährigen Treffen ausgehe, sei ganz simpel: „Die Nato liefert.“
Donald Trump ließ zwar keine Gelegenheit aus, seine Verachtung über das
Bündnis in jedes Mikrofon zu sprechen, das ihm hingehalten wurde – und es
gab für den US-Präsidenten viele Gelegenheiten zu sprechen. Doch Rutte
überschüttete ihn unbeirrt mit dem größten Lob.
„Dieser amerikanische Präsident hat es geschafft, ein Problem zu lösen, das
es schon zur Zeit von Eisenhower in der Nato gab“, sagte Rutte. Nur wegen
Trump hätten die europäischen Staaten ihre Verteidigungsausgaben so erhöht,
dass eine fairere Lastenteilung zwischen den Staaten möglich sei – dass der
Krieg in der Ukraine dabei auch eine Rolle gespielt habe, schiebt Rutte
dann noch in einem Nebensatz hinterher.
Vor vielen Fragen, die diese denkwürdige Nato-Konferenz bestimmten,
verschloss Rutte die Augen. Der [1][wieder ausgebrochene Krieg in Iran?]
[2][Trumps Gelüste gegenüber Grönland?] Die Ankündigung eines
US-Handelsembargos gegen Spanien? Der Generalsekretär wirkt, als habe das
alles nicht während dieses Treffens der 32 Staats- und Regierungschefs
stattgefunden. Andererseits: Was soll er auch sagen? Denn einen Plan
darüber, wie man den schwierigen aber machtvollen Teilnehmer aus den USA
irgendwie innerhalb der Nato einhegen kann, gibt es nicht. So rekurriert
Rutte stoisch auf die milliardenschweren Rüstungsausgaben, mit denen man
gegenüber den USA immerhin beweisen möchte, dass sie für all das immerhin
weniger zu zahlen hätten.
## Frederiksen: Grönland steht nicht zum Verkauf
Die dänische Ministerpräsidentin wirkt dagegen auch sichtlich angefasst,
als sie am Mittwochmorgen vor die Presse tritt. [3][Grönland stehe
selbstverständlich nicht zum Verkauf, sagt Mette Frederiksen] „Wir hoffen,
dass alle, einschließlich aller Verbündeten, das Selbstbestimmungsrecht der
Bevölkerung Grönlands respektieren.“ Doch mit Forderungen nach Respekt muss
man dem US-Präsidenten gar nicht kommen. Er verfolgt von Grönland bis zur
Straße von Hormus seine eigene Agenda – und möchte die Nato-Staaten mit
Häme und Gepolter auf Linie bringen. Mehrfach betont er auf dem Gipfel,
dass alleine die USA die Sicherheit der Arktisinsel gewährleisten können.
Auf die Frage einer Reporterin erklärt der US-Präsident dann auch
kurzerhand die Waffenruhe mit Iran für Geschichte. „Ich denke, es ist
vorbei.“ Er wolle nichts mehr mit der Führung in Teheran zu tun haben, die
er als „Abschaum“, „krank“ und „Lügner“ bezeichnet. Sich mit ihnen
abzugeben, sei Zeitverschwendung. Später kündigte er noch harte Angriffe
gegen den Iran für die Nacht zu Donnerstag an.
## Immerhin: 70 Milliarden für die Ukraine
In der Abschlusserklärung können sich die Nato-Staaten immerhin darauf
einigen, die Ukraine in den Jahren 2026 und 2027 mit Militärhilfen in Höhe
von jeweils 70 Milliarden Euro zu unterstützen. Die Aussicht auf eine
Nato-Mitgliedschaft der Ukraine kommt darin aber nicht mehr vor.
Dabei hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf dem
Nato-Gipfel versucht, einen Beitritt seines Landes mit der militärischen
Stärke der Ukraine schmackhaft zu machen. „Glauben Sie wirklich, dass es
richtig wäre, ein Land mit unserer Verteidigungsfähigkeit außerhalb der
Nato zu belassen“, fragte er am Dienstagnachmittag. Innerhalb des
Bündnisses wird diese Frage schon seit langem mit einem klaren „Jein“
beantwortet, und auch heute scheint man in dieser Frage nicht weiter.
In einer Frage kann die Ukraine aber einen Erfolg verbuchen: Trump stellte
Selenskyj eine Lizenz für die Produktion von Patriot-Flugabwehrraketen in
Aussicht. Sollte es wirkich dazu kommen, wäre dies ein entscheidender
Faktor für eine nachhaltige Stärkung unter Druck stehenden ukrainischen
Luftabwehr.
Der US-Präsident machte gleich nach seiner Ankunft am Dienstag deutlich,
dass er gekommen war, um öffentlich den Poltergeist zu spielen. Dafür wurde
er direkt am eigens für ihn ausgebauten Militärflughafen von Recep Tayyip
Erdoğan untergehakt und in den Präsidentenpalast gezerrt. Die
Pressekonferenz, die beide sichtlich tattrigen Präsidenten daraufhin
abhielten, wirkte wie ein Ausschnitt aus der „Muppet Show“. Trump sprach in
den höchsten Tönen von seinen „Freund“ Erdoğan, der ein starker Mann sei
und über ein großes Militär verfüge. Hätte er ihn nicht eingeladen, wäre er
wohl nicht gekommen, so der US-Präsident.
## Unerwartetes Liebesgeständnis von Trump
Die türkische Staatspresse – aus dem Gastgeberland sind keine kritischen
Medien zu der Konferenz zugelassen – berichtet von dem Hohelied, das Trump
auf die neuen Straßen und die wirtschaftliche Stärke des Landes hielt.
Eigenmächtig erklärte der US-Präsident auch die militärischen Sanktionen
gegenüber Ankara für beendet, die der US-Kongress verhängt hatte, nachdem
die Türkei vor einigen Jahren ein russisches Flugabwehrsystem gekauft
hatte. Auch beim in der Türkei sehnlichst erwünschten Kauf von
F-35-Kampfjets und neuen Düsentriebwerken macht Trump entgegen aller
Einsprüche aus Griechenland und Israel dem türkischen Präsidenten Hoffnung.
Aus Teilnehmerkreisen allerdings wird ein anderes Bild vermittelt. Dort
wird betont, dass Trump bei internen Treffen deutlich friedlicher auftrete
als in der Öffentlichkeit. Auch Kanzler Friedrich Merz (CDU) vermittelt
diesen Eindruck. Trump habe die ganze Zeit an der Sitzung teilgenommen,
auch den kleineren Mitgliedsstaaten „mit großer Sympathie“ zugehört, sagt
er kurz vor seinem Rückflug. Es sei ein guter Tag gewesen: „Wir machen die
Nato europäischer, damit sie transatlantisch bleiben kann.“
Auch Merz lobt den US-Präsidenten dafür, die „Trittbrettfahrerei“ der
Europäer in der Nato beendet zu haben. Trump habe den Nato-Partnern sogar
ein Liebesgeständnis gemacht: „There is a feeling of love in the air“, soll
der US-Präsident am Ende der Sitzung gesagt haben. Auch Trump selbst
spricht später von einem „sehr erfolgreichen Nato-Gipfel“.
Für die Bundesregierung sind solche Zeichen ein dringend gesuchtes Signal,
auf das sich wohl auch Rutte in der Bewertung des Gipfels nur zu gerne
stützt.
8 Jul 2026
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