# taz.de -- Sicherheitsexperte über U-Boot-Deal: „Kanada gibt dem Druck nach, den Trump auf Alliierte ausübt“
       
       > Es ist ein historischer Deal: Kanada wird Teil eines deutsch-norwegischen
       > U-Boot-Verbundes. Das sei ein Zeichen für ein stärkeres Bündnis, sagt
       > Sicherheitsexperte Allers.
       
 (IMG) Bild: Männer, die auf U-Boote starren: Regierungschefs aus Kanada, Deutschland und Norwegen halten das U-Boot Modell 212 CD in der Hand
       
       taz: Es ist ein historischer Milliardendeal. [1][Die kanadische Regierung
       wird Teil einer deutsch-norwegischen U-Boot-Kooperation.] Der Kieler
       Hersteller TKMS soll zwölf U-Boote herstellen. Kam der Deal für Sie
       überraschend? 
       
       Robin Marc Allers: Nein, nicht wirklich. Das hat sich angedeutet. Obwohl
       die Konkurrenz aus Südkorea ein starkes Angebot hatte, hat vieles darauf
       hingedeutet, dass TKMS den Zuschlag bekommen wird.
       
       taz: Was waren die Anzeichen dafür? 
       
       Allers: Es hat sich politisch in den vergangenen Monaten viel getan.
       Kanzler Friedrich Merz war vor Kurzem erst in Norwegen, wo er sich auch mit
       dem kanadischen Premierminister getroffen hat. Das Ganze ist eingebettet in
       eine strategische Partnerschaft der drei Länder. Diese ist
       sicherheitspolitisch, strategisch und gleichzeitig industriell. Man hat
       sehr viel Wert darauf gelegt, Zusatz- und Einzelabkommen mit der
       kanadischen Wirtschaft abzuschließen, um ein industrielles Gesamtpaket
       anbieten zu können. Der Deal war für den koreanischen Konkurrenten schwer
       zu überbieten. Gleichzeitig spricht auch die gesamte sicherheitspolitische
       Lage dafür, dass sich Kanada für einen Nato-Partner entscheidet.
       
       taz: Was gibt es für konkrete Unterschiede zwischen dem Modell, das jetzt
       bei TKMS gebaut wird, und dem Konkurrenten aus Südkorea? 
       
       Allers: Beides sind sehr leistungsstarke Modelle. Es sind beides
       konventionelle U-Boote, das war Kanada auch wichtig. Letztendlich war wohl
       die deutsch-norwegische Kooperation, von der Kanada nun ein Teil werden
       kann, ausschlaggebend. Denn diese Kooperation wurde mit Blick auf den
       Nordatlantik entwickelt, was für Kanada von großem Interesse ist.
       
       taz: Sie haben gesagt, dass es wichtig war, dass konventionelle U-Boote
       gebaut werden. Könnte man sie theoretisch trotzdem atomar bestücken?
       
       Allers: Nein, in Norwegen sowieso nicht. Dort gibt es sogenannte selbst
       auferlegte Beschränkungen: Man will weder atomare Bewaffnung noch atomar
       betriebene Waffensysteme haben. Das passt auch nicht zu der Art von
       U-Booten, die Norwegen haben möchte, nämlich solchen, die auch küstennah
       eingesetzt werden sollen. Darin sind sich alle drei Länder einig.
       
       taz: Was sind ganz konkrete sicherheitspolitische Vorteile der
       deutsch-norwegischen Kooperation? 
       
       Allers: Kanada hat drei Ozeane, zu denen es sich verhalten muss: den
       Pazifik, den Nordatlantik und den Arktischen Ozean. Insofern ist es auch
       eine bewusste Entscheidung Kanadas, [2][sich den Nato-Alliierten
       zuzuwenden] und den Schwerpunkt auf die Sicherheit im Nordatlantik und auch
       in der Arktis zu legen. Am Mittwoch wurde zudem am Rande des Nato-Gipfels
       in Kanada eine gemeinsame Erklärung der drei Regierungschefs verabschiedet,
       die darauf hinweist, dass man diese Kooperation stärken will.
       
       taz: Aber wie sieht das genau aus? Warum ist es sicherheitspolitisch so
       wichtig für Kanada, aber auch für Norwegen und Deutschland, in der Arktis
       präsent zu sein? 
       
       Allers: Die Arktis ist ja nicht nur das, was wir gemeinhin als Arktis
       verstehen, sondern auch der Nordatlantik, also die Verbindungswege von der
       Barentssee hinüber in den Nordatlantik bis zur nordamerikanischen Küste,
       die sogenannte GIUK-Lücke. Das sind auch die Bereiche, in denen Trump den
       Alliierten mit Blick auf Grönland vorwirft, dass sie nicht genug machen.
       Für Norwegen ist es seit Jahrzehnten, schon seit dem Kalten Krieg, ein
       Anliegen, die Alliierten darauf zu verpflichten, mehr für die Sicherheit
       dieser Region zu tun. Denn es ist die Gegend, in der potenziell russische
       U-Boote ihre Häfen verlassen und in den Nordatlantik fahren können. Diese
       zu kontrollieren, ist eine Kernaufgabe der Allianz vor Ort: Abschreckung
       und Verteidigung sicherzustellen, Präsenz zu zeigen und zu verfolgen, was
       potenzielle Gegner machen. Diese Aufgaben kann man aber nur gemeinsam und
       mit einer ausreichenden Anzahl an U-Booten wahrnehmen. Wenn sich die USA
       nun etwas zurückziehen und sagen, dass die Europäer mehr Verantwortung
       übernehmen müssen, dann wird natürlich diese Form der Kooperation, wie wir
       sie jetzt sehen, wichtiger.
       
       taz: TKMS hat insgesamt den Auftrag, 24 U-Boote zu bauen: davon nun 12 für
       Kanada sowie jeweils 6 für Deutschland und Norwegen. Warum braucht Kanada
       so eine hohe Anzahl?
       
       Allers: Kanada hatte nur noch 4 U-Boote, und die haben fast alle nicht mehr
       richtig funktioniert. Deutschland und Norwegen hatten ebenfalls sehr
       wenige. Dass man jetzt eine Flotte aufbaut, mit der tatsächlich jederzeit
       U-Boote im Nordatlantik eingesetzt werden können und nicht ständig riskiert
       werden muss, dass gerade 3 oder 4 in der Werft liegen, ist wichtig. Aber
       U-Boote sind nur ein Aspekt. Man braucht auch Flugzeuge, Fregatten und
       andere Fähigkeiten. Es wird sicher auch einen Unterschied machen, dass man
       nun einen Partner auf der anderen Seite des Nordatlantiks hat und es dort
       auch Instandhaltungswerften geben wird.
       
       taz: Das erste U-Boot soll erst 2033 geliefert werden. Außerdem sollen die
       Vertragsverhandlungen noch 6 bis 18 Monate dauern. Warum braucht es so
       lang? 
       
       Allers: Die deutsch-norwegische Zusammenarbeit wurde bereits 2017
       beschlossen. Erst 2021 wurde der Vertrag zur gemeinsamen Beschaffung von
       U-Booten unterschrieben, und diese werden gerade erst gebaut. Jetzt kommt
       Kanada hinzu und möchte doppelt so viele U-Boote haben. Nun muss man sich
       natürlich einigen und verhandeln: Wann bekommt Kanada sein erstes Boot?
       Müssen Deutschland und Norwegen möglicherweise auf ihr zweites oder drittes
       Boot warten? Allerdings hat man mit Kanada bereits sehr lange verhandelt,
       um überhaupt die Voraussetzungen für dieses Abkommen zu schaffen, damit
       daraus eine gemeinsame Flotte werden kann. Die Koreaner hatten zwar
       versprochen, schneller zu liefern, doch das Argument des Verbundes war
       offenbar ausschlaggebend.
       
       taz: Sie haben gerade schon gesagt, dass Norwegen seit Längerem versucht,
       mehr Kooperation bei der Sicherheit und Überwachung der Arktis anzustoßen.
       Wie wurde der Deal in Norwegen aufgenommen?
       
       Allers: Er wurde sehr positiv aufgenommen. Kanada schließt sich hier einer
       gewachsenen deutsch-norwegischen Kooperation an, die auf Jahrzehnte
       angelegt ist. Das ist nichts, was man einfach so spontan macht. Man
       verpflichtet sich, über mehrere Jahrzehnte in einem sicherheits- und
       verteidigungspolitisch sehr wichtigen Bereich sehr eng zusammenzuarbeiten.
       Dadurch kann tatsächlich eine echte Gemeinschaft entstehen. Gleichzeitig
       profitiert die norwegische Industrie davon. Sie ist zwar kleiner und eher
       eine Nischenindustrie, ist aber ebenfalls Teil dieses Abkommens – genauso
       wie künftig die kanadische Industrie davon profitieren wird. Das ist bei
       solchen Rüstungsdeals immer wichtig.
       
       taz: Wie genau kann das aussehen, wenn in Deutschland produziert wird,
       Norwegen und Kanada aber trotzdem davon profitieren? 
       
       Allers: Von norwegischer Seite wurde Kongsberg Defence & Aerospace von
       Anfang an eingebunden, damit das Unternehmen bestimmte Komponenten liefert.
       Kongsberg hat unter anderem besondere Kompetenzen im Raketenbereich. Die
       gesamte deutsch-norwegische Kooperation wurde von Anfang an so aufgebaut,
       dass man nicht einfach nur einer Firma den Auftrag erteilt, diese U-Boote
       zu bauen. Gleichzeitig hat man sich darauf geeinigt, gemeinsam neue
       Komponenten, Teile des U-Bootes und Raketensysteme weiterzuentwickeln.
       Außerdem werden künftig Ausbildung und Instandsetzung gemeinsam
       organisiert. Es gibt also viele Bereiche, in denen die Industrie des
       jeweils anderen Landes eingebunden werden kann.
       
       taz: Der Auftrag Kanadas soll wohl knapp 20 Milliarden Euro kosten. Noch
       ist nicht klar, wie viel am Ende tatsächlich für diese U-Boote ausgegeben
       wird. Warum sind U-Boote überhaupt so teuer? 
       
       Allers: Ich glaube, das hängt letztendlich mit dem Umfang der Bestellung
       zusammen. Dieser Auftrag ist so groß wie selten zuvor, weil so viele
       U-Boote gleichzeitig bestellt werden. Das macht diesen Deal so besonders,
       es ist der größte Auftrag in der Geschichte von TKMS. Gleichzeitig steigen
       aber auch die Kosten für jedes einzelne U-Boot, weil Ressourcen knapper
       werden und die Preise steigen. Die Investition war aber offenbar notwendig.
       Kanada sah sich genötigt, nachzuholen, was es jahrzehntelang versäumt hat,
       nämlich seine eigenen Fähigkeiten im U-Boot-Bereich wieder aufzubauen.
       Gleichzeitig gibt Kanada aber auch dem [3][Druck nach, den Trump auf die
       Alliierten ausübt.]
       
       9 Jul 2026
       
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